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Aktuelles Heft

Aktuelles Heft

Dezember 2018 | Heft 4/2018 | Jahrgang 48

Humboldt und »Humboldt«

 

Inhalt

 

Stephan Habscheid, Michael Bongardt, Christine Hrncal, Jin Zhao

Editorial: Humboldt und »Humboldt«

 

Bernhard Hurch

Humboldts Gegenwart im 19. Jahrhundert

 

Clemens Knobloch

Wilhelm von Humboldt in der linguistischen Historiographie und in der Wirkungsgeschichte der Linguistik – ein Missverhältnis

 

Ludwig Jäger

Humboldts ›Verschwinden‹

 

Christian Lehmann

Wilhelm von Humboldts Theorie der Sprachevolution

 

Armin Burkhardt

Der Dialog-Begriff bei Wilhelm von Humboldt und seine Folgen

 

Michael Bongardt

Ergon und Energeia

 

Jin Zhao

Wilhelm von Humboldt in China: Rezeptionen, Forschungen und Probleme

 

Sofie Decock, Uta Schaffers

Labor: Die Darstellung der ›anderen Frau‹ in Reisetexten

 

Reinhold Schmitt, Anna Petrova

Labor: Implikationen der Analyse kommunikativer Minimalformen

 

Editorial: Humboldt und »Humboldt«

Stephan Habscheid, Michael Bongardt, Christine Hrncal, Jin Zhao

 

Als die Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums 2013 in einer Rundfrage um aktuelle Standortbestimmungen für Germanistik, Sprach- und Literaturwissenschaft bat (vgl. Bleumer/Franceschini/Habscheid/Werber 2013 ), fielen – im Zusammenhang mit teils sehr unterschiedlichen Positionierungen in der Gegenwart – auch die Darstellungen der (frühen) Fachgeschichte durchaus kontrovers aus.

So bezogen sich manche Vertreterinnen und Vertreter der Sprachwissenschaft affirmativ auf »die Argumentationen von J. Grimm und W. von Humboldt« in ihrer »Begründung der Germanistik« (Redder 2013 , S. 158), auf das »Paradigma der Philologie am Beginn des 19. Jahrhunderts als ein Theorieparadigma« (Jäger 2013 , S. 53, Hervorh. im Text) oder auf den »literarischen Diskurs« über ›Sprache‹ im Kontext der »Epochenkonstellation von Aufklärung und Romantik« (Linke/Müller Nielaba 2013 , S. 41). Gemeinsam war diesen Beiträgen der Versuch, die um die Wende zum 19. Jahrhundert vertretenen sprachtheoretischen Positionen für eine medien- und kulturanalytische bzw. ›transnationale‹ (germanistische) Linguistik (vgl. Ehlich 2013 , S. 14) der Gegenwart (wieder) fruchtbar zu machen. Eine Reihe von Fachvertreterinnen und Fachvertretern stimmten dabei mit der Auffassung Jürgen Trabants (2003 ) überein (bzw. trugen dazu bei), wonach mit Wilhelm von Humboldt »ein Aufbruch in eine moderne Sprachwissenschaft« verbunden war, »aber auch in eine Sprachreflexion, deren Modernität sich nicht zuletzt durch ihre anhaltende, ja wachsende Präsenz in der aktuellen Sprachdiskussion zeigt« (Trabant 2003 , S. 261).

Dagegen vertraten in dem erwähnten LiLi-Heft andere Beiträger(innen) die rhetorisch pointierte Auffassung, dass die moderne Sprachwissenschaft sich erst seit der »Mitte des 19. Jahrhunderts« auf der Basis eines wesentlich positivistischen Gegenstands- und Methodenverständnisses langsam konsolidiert habe (Auer 2013 , S. 18–25, mit exemplarischem Bezug auf die Institutionengeschichte in Freiburg, Heidelberg und Tübingen). Dagegen habe – so Clemens Knobloch in demselben Heft – »die Zwangsehe mit Literatur, Kultur und Volkskunde den sprachtheoretischen Fortschritt im 19. Jahrhundert erheblich behindert« (Knobloch 2013 , S. 32). Mit solchen Interpretationen korrespondiert eine Version der Wissenschaftsgeschichte, wonach Humboldt bereits in der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts sukzessive marginalisiert wurde (vgl. etwa Arens 1969 ), auch die »traurige Geschichte der Scheidung von Philologie und Linguistik« (Trabant 2003 , S. 269) fügt sich in dieses Bild ein. In der (germanistischen) Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts seien dann, so Auer (2013 , S. 20), die Bezugnahmen auf Humboldt teils randständig gewesen, namentlich in der Idealistischen Neuphilologie Karl Vosslers und Leo Spitzers, teils in Form des (hiermit teilweise amalgamierten) Neo-Humboldtianismus ein Bestandteil »der finsteren Zeit der deutschen Sprachwissenschaft zwischen 1930 und 1970« (Auer 2013 , S. 21). Seriöse, internationale empirische Untersuchungen zum Problem von Sprache und Denken bzw. zu ›Stil‹ als einem Begriff der Soziolinguistik stehen dementsprechend auf einem anderen Blatt (vgl. ebd., S. 27). Kann sich dann, die Frage drängt sich auf, die Sprachwissenschaft der Gegenwart überhaupt – noch? wieder? erstmals wirklich? … – substanziell auf Humboldt beziehen?

Die Debatte über die Stellung Humboldts und seiner Rezeption in der Sprachwissenschaft, die – wie auch das vorliegende Heft zeigt – bereits im 19. Jahrhundert begann, ist offenbar nicht stillzustellen, wofür es gerade in der Fachentwicklung der Gegenwart mit ihrem verstärkten Interesse an sozialen und kulturellen Aspekten von Sprechen und Sprache – Dialogizität, Medialität, Sprachwissen / Weltwissen, grammatische und lexikalische Sedimentierung etc. – gute Gründe gibt (vgl. z. B. Trabant 2003 , S. 264, zu Humboldts Konzeptualisierung eines ›Miteinander-Sprechen-Denkens‹). Wie Angelika Linke und Daniel Müller Nielaba (2013 ) in dem genannten LiLi-Heft konstatieren, gehen mit veränderten Positionierungen in der Gegenwart typischerweise auch modifizierte Sichtweisen auf die Historie der Disziplin einher:

»Fachgeschichte wird im Normalfall nicht von vorn nach hinten, sondern von hinten nach vorn geschrieben und leidet deshalb oft an einem teleologischen Sog sowie an disziplinärer Engführung: Als wesentlich werden in erster Linie solche Texte, Personen, Ereignisse und Entwicklungen wahrgenommen, die aus dem gegenwärtigen Fachverständnis heraus als disziplinär relevant und in der Fachentwicklung als auf den gegenwärtigen disziplinären Standpunkt zuführend verstanden werden können.« (Linke/Müller Nielaba 2013 , S. 41)

Andere Positionen »verschwinden«, werden (zumindest vorläufig) »vergessen« (vgl. auch Jäger, in diesem Heft). Debatten über das Erinnern – mit komplementärem Vergessen – sind daher in der Regel zumindest implizit auch Debatten über ein tragfähiges Verständnis der Disziplin für die Gegenwart (und vice versa), sie können und müssen daher in regelmäßigen Abständen, unter sich verändernden Diskursverhältnissen immer wieder aufgerufen und aufs Neue geführt werden. Dies geschieht mit dem vorliegenden Heft, im Blick auf die Bedeutung Wilhelm von Humboldts für die Geschichte der Sprachwissenschaft und, im Sinne eines Ausblicks auf eine Nachbardisziplin, für die sprachbezogene Kulturphilosophie und Sozialontologie.

Eine solche Fortführung der Debatte ist grundsätzlich auch insofern erforderlich, als – wie Ludwig Jäger (im vorliegenden Heft) ausführt – durch die mitunter strategische, in jedem Fall aber unvermeidliche Standortgebundenheit und perspektivische Selektivität fachhistorischer Darstellungen die Pflicht zur Wahrheit nicht suspendiert wird: Wenn auch, besonders nach wissenschaftlichen »Revolutionen«, ein Teil der Geschichte des Faches regelmäßig »aussortiert« wird, bleibt es das Recht und die Aufgabe theoretischer Opponenten, die bloß noch verwahrten, aber für die Gegenwart weithin irrelevant gewordenen Diskurse immer wieder ins Blickfeld zu rücken (vgl. Jäger, in diesem Heft, unter Bezug auf den Begriff des »Verwahrensvergessens« nach Aleida Assmann 1999 ).

Im Fall Humboldts entspricht dies auch dem Verhältnis zwischen dem Mythos »Humboldt« – als Meta-Zeichen und Urheber berühmter Topoi – einerseits (vgl. zum hier einschlägigen Mythos-Konzept Barthes 1957/2012 , S. 253–261; zum Mythos »Humboldt« in der Bildungspolitik Alidusti 2013 , Kapitel 4) und den aus den Quellen rekonstruierbaren Vokabeln, Begriffen und Theoremen des historischen Humboldt andererseits.

Für die historische Quellenarbeit gerade zur Sprachwissenschaft Humboldts haben sich die Bedingungen durch die Nachlasserschließung der Krakauer Bestände und das hiermit verbundene Editionsprojekt der »Schriften zur Sprachwissenschaft« (vgl. Müller-Vollmer 1993 ) zudem deutlich verbessert. Auf diese Weise rückt (wieder?) verstärkt die Möglichkeit ins Blickfeld, »den harten Methodiker und Grammatiker Humboldt kennen und schätzen zu lernen« (Knobloch, in diesem Heft) und den engen erkenntnistheoretischen Zusammenhang zwischen dieser und der sprachphilosophischen Arbeit Humboldts zu entdecken (vgl. Jäger, in diesem Heft, unter Bezug auf Müller-Vollmer 1993 , S. 11). So mag neben den theoretischen Entwicklungen in der gegenwärtigen (germanistischen) Sprachwissenschaft, von denen oben die Rede war, auch die veränderte Editionslage dazu beitragen, Humboldts Integration von Sprachphilosophie und Linguistik (wieder?) zu würdigen. Auch hierzu kann das vorliegende Heft einen aktuellen Beitrag leisten.

Inwieweit ein solches »integratives« Bild Humboldts bereits im 19. Jahrhundert präsent war (vgl. Hurch, in diesem Heft) oder aber die »Rezeption Humboldts in der dominanten Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts […] im Wesentlichen eine Archaisierung des ›Klassikers‹ Humboldt, eine Stillstellung seines großartigen Entwurfs einer ›allgemeinen philosophischen Linguistik‹ darstellte« (Jäger, in diesem Heft), gehört zu den kontroversen Fragen, die im vorliegenden Heft erörtert werden. So vertritt Hurch, auch in Anbetracht der substanziellen editorischen Zuwächse, die Auffassung

»[e]s wäre […] mit Sicherheit falsch anzunehmen, man hätte das Wichtige über Humboldt nicht gewußt. Viele seiner bedeutenden Schriften waren verfügbar, die seine über die üblichen sprachphilosophischen Topoi hinausgehenden Ideen enthielten und jenen über sie Aufschluß geben konnten, die sich für sie interessierten. Grundsätzlich war die Breite seiner Studien gut belegt, man konnte das humboldtsche Forschungsprogramm aus den von ihm selbst veröffentlichten Schriften herauslesen, wobei die Veröffentlichungslage vor der Einbringung des Krakauer Nachlasses je nach Arbeitsgebiet unterschiedlich war.« (Hurch, in diesem Heft)

Gleichwohl konnte noch Hans Arens (1969 , S. 204) Humboldt in empirischer Hinsicht (irrtümlich) als den »Mann der Einleitungen« charakterisieren – ein Bild, das sich wohl in Teilen der (jüngeren) Rezeptionsgeschichte verfestigte und das spätestens mit der Edition der »Schriften zur Sprachwissenschaft« nun endlich nachdrücklich korrigiert werden muss.

Das vorliegende Heft geht zurück auf eine kleine Tagung an der Universität Siegen, die vom 19. bis 21. September 2017 stattfand und dem Verhältnis des historischen Humboldt zum Mythos »Humboldt« (vgl. dazu oben) gewidmet war. Dokumentiert werden hier die wissenschaftshistorischen Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft bzw. Sprachtheorie (als Bestandteil der Kulturphilosophie und Sozialtheorie). Da drei der Vortragenden, Bernhard Hurch, Ludwig Jäger und Clemens Knobloch, im Blick auf die Stellung Humboldts in der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts, pointiert unterschiedliche Auffassungen vertraten, die sich zwischen den Begriffen des Verschwindens (Jäger), einer auch affirmativen Rezeption (Hurch) und einer kritischen Entmythologisierung Humboldts (Knobloch) aufspannten, schlugen die Herausgeber einen kooperativen Modus der Textproduktion vor, bei dem vorläufige Fassungen der Texte zum Zweck der wechselseitigen Bezugnahme ausgetauscht werden konnten. Die Herausgeber sind den drei genannten Kollegen sehr dankbar dafür, dass sie sich auf dieses aufwendige und argumentativ komplexe Procedere eingelassen haben, und freuen sich, das facettenreiche Ergebnis hiermit der Öffentlichkeit vorlegen zu können.

Während die Beiträge von Michael Bongardt und Jin Zhao ebenfalls zum Programm der Tagung gehörten, konnten für das vorliegende Heft zusätzlich zwei weitere Beiträge, von Christian Lehmann und Armin Burkhardt, eingeworben werden. Sie ergänzen das Themenspektrum des Heftes insofern sinnvoll, als sie nach der Relevanz Wilhelm von Humboldts für noch heute aktuelle Fragestellungen der Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie fragen, und zwar in so unterschiedlichen Forschungsbereichen wie der Theorie der Sprachevolution (Lehmann) und der (den Sprachgebrauch einbettenden) Dialogizität als eines sozialtheoretischen Grundbegriffs (Burkhardt). Der Beitrag Christian Lehmanns, der uns durch Clemens Knobloch vermittelt wurde, geht auf einen zuvor noch nicht publizierten Vortrag in der Geisteswissenschaftlichen Klasse der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Düsseldorf, aus dem Jahr 1989 zurück, der für das vorliegende Heft, soweit erforderlich, aktualisiert wurde.

In seinem Beitrag »Humboldts Gegenwart im 19. Jahrhundert« setzt sich Bernhard Hurch mit der oben bereits erwähnten Standard-These der Wissenschaftsgeschichtsschreibung auseinander, »Wilhelm von Humboldt sei im 19. Jahrhundert zwar als Geistesgröße verehrt, aber letztlich nicht gelesen und rezipiert worden« (Hurch, in diesem Heft). Zur Stützung seiner Gegenthese, wonach Humboldts Werk »wesentlich zur Entwicklung des Fachs beigetragen hat«, zieht Hurch ein beeindruckendes Repertoire an Methoden der empirischen Rezeptionsforschung heran, von Buchmarktanalysen über Provenienz- und Benutzungsstudien zu heutigen antiquarischen Beständen bis zum Nachweis teilweise nur impliziter Bezugnahmen entsprechend der zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurspraxis. Auch bezieht Hurch die internationale linguistische Humboldt-Rezeption, besonders im Baskenland, und Forschungsparadigmen jenseits des indogermanistischen Mainstreams, wie die Baskologie und die »Allgemeine Sprachenkunde«, systematisch in seine Bewertung mit ein.

Clemens Knobloch knüpft dagegen in seinem Beitrag »Wilhelm von Humboldt in der linguistischen Historiographie und in der Wirkungsgeschichte der Linguistik – ein Missverhältnis« an die bereits im 19. Jahrhundert prominent vertretene Auffassung an, die Sprachphilosophie Humboldts sei »von den Indogermanisten des 19. Jahrhunderts sakralisiert worden, sein deskriptiv-sprachwissenschaftliches Werk nicht einmal zur Kenntnis genommen« (Knobloch, in diesem Heft). Allerdings behandelt auch Knobloch in seinem Beitrag zu diesem Heft mit dem dänischen Linguisten Johann Nikolai Madvig eine Ausnahme. Diese ist insofern besonders gelagert, als Madvig sich im Rahmen seiner wegweisenden Analysen zur sprachlichen Verständigung und zum Spracherwerb kritisch-relativierend mit Humboldts Weltbild-Auffassung auseinandersetzt und ihn gerade so zu einem wissenschaftlichen Gesprächspartner »auf Augenhöhe« macht. Die Pointe von Knoblochs Beitrag besteht mithin darin, dass Humboldt aufwertete, wer seiner Überhöhung entgegentrat, ihn gleichsam »erdete«. Zur Entmythisierung Humboldts trugen nach Knobloch später auch der dänische Sprachwissenschaftler Otto Jespersen und der dänische Wissenschaftshistoriker Hans Aarsleff bei, der den Einfluss der französischen Intellektuellen-Gesellschaft der »Ideologen« auf den vermeintlich »ur-deutschen« Denker Humboldt nachwies. Dagegen ging die Überhöhung Humboldts im national(istisch)en Kontext der »Sprachinhaltforschung« mit einer sachlich unangemessenen und ideologisch unheilvollen Verzerrung der Weltbild-These einher (s. o.).

Ludwig Jäger verteidigt in seinem Beitrag »Humboldts ›Verschwinden‹. Humboldt-Wahrnehmungen in der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts« gegen Hurch die These, wonach bereits in weiten Teilen der sprachwissenschaftlichen Tradition des 19. Jahrhunderts, von Pott und Bopp über Steinthal bis zu den Junggrammatikern – Humboldts Ansatz einer ›allgemeinen philosophischen Linguistik‹ – »dieses gesamte theoretisch-begriffliche Netz, einschließlich seiner epistemologischen, semiologischen und methodologischen Implikationen« (Jäger, in diesem Heft) – im Kern nicht verstanden wurde, so dass sein Erkenntnispotenzial und die hiermit für den wissenschaftlichen Mainstream verbundenen Herausforderungen buchstäblich ›verschwunden‹ seien. Jäger arbeitet in seinem Beitrag die wesentlichen Eckpunkte von Humboldts Ansatz konzise heraus, erklärt die Rezeptionshindernisse und zeigt, wie Humboldt – aus ähnlichen Gründen und mit ähnlichen Folgen weithin im Verborgenen – auf de Saussure gewirkt hat.

Dass Humboldt bis in die Gegenwart hinein ein linguistischer Gesprächspartner »auf Augenhöhe« sein kann, zeigt auch Christian Lehmann in seinem Beitrag über »Wilhelm von Humboldts Theorie der Sprachevolution«. Auch hier kommt der von Hurch bzw. Jäger herausgestrichene, in der Geschichte wie in der Gegenwart der Sprachwissenschaft notorisch unterschätzte Vorzug Humboldts zum Tragen, dass »seine theoretischen Konzeptionen an intensive empirische Untersuchungen, sowohl deskriptiver als auch sprachvergleichender Art, zurückgebunden sind« (Lehmann, in diesem Heft).

Wird durch Lehmanns Beitrag Humboldts Bedeutung für die Linguistik herausgestrichen, steht im Mittelpunkt der Beiträge von Armin Burkhardt und Michael Bongardt seine Relevanz für die Sozialontologie bzw. Kulturphilosophie, die freilich ihrerseits in interdisziplinären Beziehungen zu heute relevanten Arbeitsgebieten der Linguistik stehen. Im Fall des ›dialogischen Prinzips‹, mit dessen Herleitung bei Humboldt und Ludwig Feuerbach und seiner späteren Entwicklung in der Dialogphilosophie Edmund Husserls, Martin Bubers und Karl Löwiths sich Burkhardt befasst, betrifft dies Grundannahmen der linguistischen Gesprächsforschung, deren empirisches Programm dann wiederum in die Kernlinguistik hineinreicht. Die von Humboldt beeinflusste Sprachphilosophie Ernst Cassirers, wie sie Bongardt in seinem Beitrag in Eckpunkten vorstellt und auf ihre Relevanz für erkenntnistheoretische und sozialphilosophische Fragestellungen der Gegenwart – einschließlich einer philosophischen Sprachkritik – hin exemplarisch erörtert, weist deutliche Anschlussstellen zur eingangs erwähnten linguistischen Kulturanalyse auf, wo sie dementsprechend zu den kanonischen Theoriebeständen gehört.

Das Heft schließt mit einem Beitrag der chinesischen Germanistin Jin Zhao, der exemplarisch für die weltweite Wirkung Wilhelm von Humboldts steht. In ihrem Beitrag »Wilhelm von Humboldt in China: Rezeptionen, Forschungen und Probleme« diskutiert sie im Blick auf den relevanten Zeitraum der letzten 40 Jahre neben der Rezeption von Humboldts ›Bildungsgedanken‹ die Beschäftigung mit seiner ›Sprachphilosophie‹. Für die Sprachphilosophie wurden ca. 80 Zeitschriftenartikel gesichtet, deren größerer Teil nicht nur eine Darstellung von Humboldts Ideen, sondern auch einen eigenen Forschungsbeitrag hierzu leistet. Der Beitrag resümiert den Forschungsertrag, zeigt einzelne Irrtümer, Fehler und Missverständnisse auf und regt für die Zukunft an, die Sprachphilosophie in den Gesamtzusammenhang des Humboldtschen Denkens zu stellen. So dürfe

»die sprachphilosophische Forschung nicht für sich isoliert bleiben, sondern sollte verstärkt den Hintergrund von Humboldts ästhetischen, historischen, politischen, religiösen und anthropologischen Gedanken berücksichtigen. So könnten zugleich seine Beschäftigung mit Geschichtsphilosophie, Naturphilosophie, Philologie und Ästhetik in gewissem Sinne als Vorbereitungen auf seine sprachphilosophischen Überlegungen verstanden werden, die im Begriff der durch Worte gebildeten ›geistigen Individualität‹ gipfeln (vgl. Borsche 1990 , S. 18).« (Zhao, in diesem Heft)

Dass bei alledem auch Humboldts Beitrag zur empirischen Linguistik ernst genommen werden muss, zieht sich – ungeachtet der in mancherlei Hinsicht kontroversen Standpunkte – als ein Konsens durch das vorliegende Heft.

 

 

Abstracts LiLi 4/2018

 

Bernhard Hurch

Humboldts Gegenwart im 19. Jahrhundert

Es gibt in der Literatur die weit verbreitete Auffassung, Wilhelm von Humboldt sei im 19. Jahrhundert zwar als Geistesgröße verehrt, aber letztlich nicht gelesen und rezipiert worden. Als Grund hierfür wird die zunehmend naturwissenschaftliche Orientierung der sich institutionalisierenden Sprachwissenschaft angenommen. Der vorliegende Artikel versammelt eine Reihe von Argumenten und Evidenzen, die diese Interpretation widerlegen und nachweisen, daß Humboldts Oeuvre wesentlich zur Entwicklung des Fachs beigetragen hat. Es liegt die Vermutung nahe, daß es sich bei der Annahme seiner Nicht-Rezeption um die Rückprojektion eines verkürzten Humboldt-Verständnisses handelt, das den linguistischen Humboldt auf eine Sammlung von stehenden Phrasen reduziert. Denn sowohl in richtungsweisenden Entwicklungen der Sprachwissenschaft (z.B. der Sprachtypologie oder der Kategorienforschung) als auch in den Schriften zahlreicher namhafter Fachvertreter (von Pott bis Schuchardt, Gabelentz oder Baudouin de Courtenay) und auch in von Humboldt intensiv betriebenen Einzelphilologien (z.B. der Baskologie), ja sogar bei einzelnen Vertretern des historischen Paradigmas, ist Humboldt kontinuierlich und wirkmächtig rezipiert worden.

Schlüsselwörter

Wilhelm von Humboldt, Rezeptionsgeschichte, Typologie, Kategorienforschung, Wissenschaftsgeschichte und Fachgeschichte, Gesellschaftlicher Kontext des 19. Jahrhunderts, Baskische Studien, Wissenschaftsbetrieb

 

Humboldt’s Presence in the 19th Century

There is the prevailing opinion in specialist literature that Wilhelm von Humboldt was revered as an important representative of Germany’s 19th century intellectual world, but that his oeuvre has in fact not been read or received. It is believed that this supposed ignorance stems from the increasingly scientific orientation of linguistics and philology in the process of institutionalization of the discipline. This article assembles a number of arguments and evidences refuting this interpretation and providing evidence for the fact that Humboldt’s oeuvre has indeed contributed significantly to the development of the subject. There is reason to believe that the assumption of his non-reception is the backward projection of a limited understanding of Humboldt that reduces even the linguistic Humboldt to a collection of standing phrases. For example, in trend-setting developments in late 19th century linguistics (as in language typology or research on linguistic categories), as well as in the writings of numerous well-established representatives of the discipline (from Pott to Schuchardt, Gabelentz or Baudouin de Courtenay) and in the specific philologies which were intensively pursued by Humboldt (eg. Basque studies), and even in individual scholars of the historical paradigm, Humboldt has been unabatedly and effectively received throughout the decades.

Keywords

Wilhelm von Humboldt, History of Reception, Typology, Research on Linguistics Categories, History of Science, History of the Discipline, Societal Background in the 19th Century, Basque Studies, Organization of Science
 

Clemens Knobloch

Wilhelm von Humboldt in der linguistischen Historiographie und in der Wirkungsgeschichte der Linguistik – ein Missverhältnis

Humboldts Sprachphilosophie ist von den Indogermanisten des 19. Jahrhunderts sakralisiert worden, sein deskriptiv-sprachwissenschaftliches Werk nicht einmal zur Kenntnis genommen. Geblieben ist der Mythos, mit Herder und Humboldt beginne eine ganz neue, deutsche Sprachauffassung. Thematisiert werden einige Ausnahmen zu diesem Deutungsmuster: die Rezeption Humboldts in Dänemark (Madvig, Jespersen) und die historiographische Rezeption daselbst (Aarsleff) sowie der Versuch der Sprachinhaltsforschung (Weisgerber), aus Humboldt einen Kronzeugen ethnozentrischer Sprachrelativität zu machen.

Schlüsselwörter

Fachgeschichte, Wirkungsgeschichte, Rezeption, Madvig, Weisgerber, Jespersen

 

Wilhelm von Humboldt in Linguistic Historiography, Compared with His Impact on Linguistic Practice – Some Discrepancies

Humboldt’s anthropological philosophy of language has been glorified by 19th century comparativism in linguistics, but no one bothered to read or elaborate it. His descriptive works were ignored completely. Still, in Germany the historiographic myth persists that Herder and Humboldt started a completely new and unprecedented way of thinking about language. This paper focusses on some exceptions to this overall picture, mainly on Humboldt’s reception in Danish historiography (Aarsleff) and Danish theory of language (Madvig, Jespersen) as well as on the German tradition of making Humboldt the founding father of an ethnocentric version of linguistic relativity (Weisgerber).

Keywords

Historiography, Impact, Reception, Madvig, Jespersen, Weisgerber

 

Ludwig Jäger

Humboldts ›Verschwinden‹

Der Beitrag versucht die These zu begründen – und verteidigt sie gegen alternative Positionen –, dass die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts Humboldts ›vielumfassenden Plan einer allgemeinen philosophischen Linguistik‹ (A. von Humboldt) in einer grundsätzlichen Weise unangemessen wahrnimmt und sein linguistisch-philosophisches Programm durch diese Fehlwahrnehmung de facto zum Verschwinden bringt. Humboldts Idee eines ›neuen Sprachstudiums‹ intendierte die systematische Verschränkung der empirisch-vergleichenden Strukturanalyse einer ›Mannigfaltigkeit von Sprachen‹ mit einer philosophisch-anthropologischen Reflexion der ›Verfahrensart des Menschen, die Sprache zu erfinden und fortzubilden‹. Es ist dieses theoretische Programm eines ›Zugleich‹ von ›Vernunft und Erfahrung‹, das aus dem Rezeptionshorizont sowohl der ›Vergleichenden Indogermanistik‹, als auch der positivistischen ›junggrammatischen‹ Linguistik – mit Folgen für die Humboldt-Wahrnehmung im 20. Jahrhundert – verschwindet. Die Humboldtlektüren werden geprägt von Editionen seines Werkes, in denen einerseits das grandiose Unternehmen seiner empirischen Sprachuntersuchungen weithin getilgt ist, während der ›Rest-Humboldt‹ auf der anderen Seite als ein ›linguistisch dilettierender Sprachphilosoph‹ (Borsche) erscheint, der sich auf das Verfassen von Einleitungen zu nicht geschriebenen Grammatiken (Arens) beschränkte. Es bleibt auf diese Weise – so die These des Beitrags – dem seinerseits in seiner Rezeption zum Verschwinden gebrachten Ferdinand de Saussure vorbehalten, Humboldts Idee ›philosophischer Induktionen über die Strukturen der Sprachen des Globus‹ (Saussure) in seinem eigenen Denken fruchtbar zu machen.

Schlüsselwörter

Verschwinden, empirisch, Erfahrung, Linguistik, Individualität, Verschiedenheit, Weltansicht, Dualis, Archaisierung, Organismus, philosophische Induktion

 

Humboldt’s ›Disappearance‹

This article attempts to substantiate the thesis – and defends it against alternative positions – that 19th-century linguistics perceives Humboldt’s ›comprehensive plan of a general philosophical linguistics‹ (A. von Humboldt) in a fundamentally inappropriate way and de facto makes his linguistic-philosophical program disappear through this misperception. Humboldt’s idea of a ›new language study‹ aimed at the systematic entanglement of the empirical-comparative structural analysis of a ›variety of languages‹ with a philosophical-anthropological reflection of the ›method of man to invent and develop language‹. It is this theoretical program of a ›simultaneousness‹ of ›reason and experience‹ that disappears from the reception horizon of both ›comparative Indo-European studies‹ and positivist ›junggrammatic‹ linguistics – with consequences for the perception of Humboldt in the 20th century. The Humboldt readings are characterized by editions of his work in which, on the one hand, the grandiose undertaking of his empirical language studies was extensively redeemed, while, on the other hand, the ›Rest-Humboldt‹ appears as a ›linguistically dilettantising linguistic philosopher‹ (Borsche) who limited himself to writing introductions to unwritten grammars (Arens). In this way – according to the thesis of the paper – Ferdinand de Saussure, who in his turn was made to disappear in his reception, reserves the right to make Humboldt’s idea of ›philosophical inductions about the structures of the languages of the globe‹ (Saussure) fruitful in his own thinking.

Keywords

Disappearance, Empirical, Experience, Linguistics, Individuality, Diversity, Weltansicht, Dual, Archaization, Organism, Philosophical Induction

 

Christian Lehmann

Wilhelm von Humboldts Theorie der Sprachevolution

W. v. Humboldt hat eine Stufenfolge der Entwicklung der Sprachen nach dem Grad der Vervollkommnung der grammatischen Form aufgestellt und diese mit einer Sprachtypologie gekoppelt. Er unterscheidet nicht zwischen Evolution und geschichtlichem Wandel der Sprachen, sondern zwischen Phasen der Herausbildung und der Verfeinerung. Danach charakterisiert der herausgebildete Typ eine Sprache ein für allemal. Humboldt ist in solchen Fragen durchaus ein moderner Gesprächspartner, insofern seine theoretischen Konzeptionen an intensive empirische Untersuchungen, sowohl deskriptiver als auch sprachvergleichender Art, zurückgebunden sind.

Schlüsselwörter

Wilhelm von Humboldt, Sprachevolution, Sprachursprung, evolutive Typologie, flektierender Typ, primitive Sprache, grammatischer Begriff, vollkommene Form, Grammatikalisierung

 

Wilhelm von Humboldt’s Theory of Linguistic Evolution

W. v. Humboldt posited a gradation in the evolution of languages by the degree of perfection of their grammatical form and coupled this with a language typology. He does not distinguish between evolution and history of languages, but between phases of development and sophistication. The type thus developed characterizes a language definitely. On such topics, Humboldt is by all means a contemporary interlocutor, because his theoretical conceptions are bound up with intensive empirical research, both of the descriptive and the comparative variety.

Keywords

Wilhelm von Humboldt, Linguistic Evolution, Origin of Language, Evolutionary Typology, Flexive Type, Primitive Language, Grammatical Concept, Perfect Form, Grammaticalization

 

Armin Burkhardt

Der Dialog-Begriff bei Wilhelm von Humboldt und seine Folgen

Wilhelm von Humboldts sprachtheoretische Schriften hatten nicht nur großen Einfluss auf Theoriebildung und geschichtliche Entwicklungen innerhalb der Linguistik, sondern auch auf eine wichtige Denkbewegung in der Philosophie. Seine Herleitung des dialogischen Prinzips von »Anrede« und »Erwiederung« aus der Dualität von Ich und Du im Gespräch bildete den Ausgangspunkt für die Entstehung einer dialogischen Sozialontologie aus der Phänomenologie. Nach ausführlicher Darlegung des Dialog-Begriffs bei Humboldt, der sich klar vom transzendentalphilosophischen Subjektivismus Fichtescher und Hegelscher Prägung absetzt, und dem Aufzeigen von Parallelen im Denken von Ludwig Feuerbach werden mit den Positionen Edmund Husserls, Martin Bubers und Karl Löwiths drei Meilensteine innerhalb der Entwicklung der Dialogphilosophie dargestellt und in ihren Grundzügen erläutert. Den Abschluss bilden kurze Ausführungen zum Einfluss Humboldts auf die Gesprächsanalyse.

Schlüsselwörter

Andere(r), Anrede, Dialog, Dialogik, Du, Dualis, Erwiederung, Gesprächsanalyse, Ich, Miteinander-über-etwas-Sprechen, Zweideutigkeit

 

Wilhelm von Humboldt’s Concept of Dialogue and Its Consequences

Wilhelm von Humboldt’s language-theoretical writings did not only have considerable influence on theory formation and historical developments in linguistics, but also on an important approach in philosophy. His derivation of the dialogic principle of »Anrede« (summons) and »Erwiederung« (answer) from the duality of »I« and »you« in conversation gave the impetus and was the starting point for the emergence from phenomenology of a dialogical social ontology. After a detailed discussion of the concept of dialogue in Humboldt, which clearly contrasts with the transcendental-philosophical subjectivism of Fichte and Hegel, and its parallels in Ludwig Feuerbach’s thought, three milestones within the development of dialogue philosophy, namely the positions of Edmund Husserl, Martin Buber and Karl Löwith, are outlined. The chapter is concluded by some short remarks on the impact of Humboldt on conversation analysis.

Keywords

Other, Summons, Dialogue, Dialogical Philosophy, You, Dual, Answer, Conversational Analysis, I, Talk to One Another About Something, Ambiguity

 

Michael Bongardt

Ergon und Energeia

Ernst Cassirer (1874–1945) hat in einer Vielzahl von Büchern eine Kulturphilosophie entwickelt, mit der er der formalen und inhaltlichen Vielfalt menschlichen Weltverstehens gerecht werden wollte. Eine zentrale Rolle in der Entwicklung der menschlichen Kultur spielt für Cassirer die Sprache. Deshalb widmet er der Sprache auch den ersten Band seines Hauptwerks, der »Philosophie der symbolischen Formen«. Dort wird deutlich, wie stark Cassirers Verständnis der Sprache durch die Gedanken Wilhelm von Humboldts geprägt ist. Die systematische Grundentscheidung, die Sprache nicht nur als Werk (ergon), sondern als formende Kraft (energeia) des Denkens zu verstehen, übernimmt Cassirer von Humboldt. Mein Beitrag zeigt Cassirers enge Verbundenheit zu Humboldt und mit ihm zu Kant auf. Vor allem aber geht es darum, die aktuelle Bedeutung der Einsicht in die Verbindung von Sprache und Denken aufzuzeigen.

Schlüsselwörter

Kulturphilosophie Sprachphilosophie, Symbol, Erfahrung, Pluralität, Regelsysteme, Verbindlichkeit

 

Ergon und Energeia

Ernst Cassirer (1874–1945) has developed a philosophy of culture in a large number of books with which he wanted to do justice to the formal and content-related diversity of human understanding of the world. Language plays a central role in the development of human culture for Cassirer. That is why he dedicated the first volume of his main work, »Philosophy of symbolic forms«, to language. There it becomes clear how strongly Cassirer’s understanding of language is shaped by the thoughts of Wilhelm von Humboldt. Cassirer takes over from Humboldt his basic systematic decision to understand language not only as a work (ergon), but as a formative force (energeia) of thought. My contribution shows Cassirer’s close attachment to Humboldt and, with him, to Kant. Above all, it is a matter of showing the current significance of insight into the connection between language and thinking.

Keywords

Philosophy of Culture, Philosophy of Language, Symbol, Experience, Diversity, Systems of Rules, Obligation

 

Jin Zhao

Wilhelm von Humboldt in China: Rezeptionen, Forschungen und Probleme

Rezeption und Forschungen zu Wilhelm von Humboldt in der Volksrepublik China gibt es erst seit etwa 40 Jahren, fokussiert werden v.a. seine Bildungsgedanken sowie seine Sprachphilosophie. Im Beitrag wird versucht, einen Überblick über die Humboldt-Forschung in China zu geben und mögliche Problemfelder zu nennen, indem die bis Ende 2016 auffindbaren 149 Zeitschriftenartikel über Humboldt vor dem Hintergrund der vereinzelten chinesischen Übersetzungen seiner Werke analysiert werden.

Schlüsselwörter

Bildungsgedanken, Sprachphilosophie, Rezeption, Forschungsstand, Probleme

 

Wilhelm von Humboldt in China: Receptions, Researches and Problems

The reception and research on Wilhelm von Humboldt in the People’s Republic of China has only been going on for about 40 years, focusing above all on his educational thoughts as well as his philosophy of language. The article attempts to give an overview of the research on Humboldt in China and identify possible problem fields by analyzing the 149 journal articles on Humboldt that can be found until the end of 2016 in the light of the sporadic Chinese translations of his works.

Keywords

Educational Thoughts, Philosophy of Language, Reception, State of Research, Problems
 
 

Sofie Decock, Uta Schaffers

Labor: Die Darstellung der ›anderen Frau‹ in Reisetexten

Im vorliegenden Beitrag werden Darstellungen und Inszenierungen der ›anderen Frau‹ in Reisetexten der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts mit diskurslinguistischen Methoden analysiert. Dabei soll exemplarisch geprüft werden, inwieweit und unter welchen Voraussetzungen eine Zusammenführung disziplinärer Perspektiven aus Literaturwissenschaft und Linguistik gewinnbringend sein kann sowie welcher diskurslinguistische Zugriff sich besonders eignet, um der Frage nach den Beziehungen zwischen Diskurs, Macht und Wissen bei der Darstellung, resp. Inszenierung der ›anderen‹ Kultur nachzugehen. Ausgewählt für eine diskursanalytische Untersuchung wurden Reisetexte der Engländerin Freya Stark (1892–1993) sowie der beiden Schweizerinnen Annemarie Schwarzenbach (1908–1942) und Ella Maillart (1903–1997), die vor dem Hintergrund von Reisen in den Nahen und Mittleren Osten entstanden.

Schlüsselwörter

Diskurslinguistik, Reiseliteratur, Annemarie Schwarzenbach, Ella Maillart, Freya Stark

 

The Depiction of the ›Other Woman‹ in Travel Texts

In this paper we will use discourse-linguistic methods to analyse how the ›other woman‹ is represented and staged in selected travel texts by the British writer Freya Stark (1892–1993) and by the Swiss writers Ella Maillart (1903–1997) and Annemarie Schwarzenbach (1908–1942). We will merge disciplinary perspectives from linguistics and literary studies in order to explore to what extent and under which conditions such merged perspectives can prove productive, and which discourse-linguistic approach is particularly appropriate when investigating the relation between discourse, power and knowledge in representations and enactments of ›other‹ cultures.

Keywords

Linguistic Discourse Analysis, Travel Literature, Annemarie Schwarzenbach, Ella Maillart, Freya Stark
 

Reinhold Schmitt, Anna Petrova

Labor: Implikationen der Analyse kommunikativer Minimalformen

Wir diskutieren in diesem Beitrag Implikationen, mit denen man zu tun bekommt, wenn man kleinste Formen situativer Vergesellschaftung – wir sprechen von kommunikativen Minimalformen – untersucht. Kommunikative Minimalformen sind kurzzeitige, nur wenige Sekunden dauernde, gemeinsam konstituierte Interaktionsereignisse. Ungeachtet ihrer Kürze weisen sie zum einen eine komplexe Interaktionsstruktur auf. Zum anderen besitzen sie auch eine klare soziale Implikation und eigene Wertigkeit. In dem hier untersuchten Fall, bei dem Passanten durch ein offenes Fenster in einen Privatraum blicken und dabei ertappt werden, zeigt sich diese soziale Implikativität als moralische Kommunikation im Sinne der interaktiven Bearbeitung eigenen Fehlverhaltens.

Schlüsselwörter

Multimodalität, multimodale Interaktionsanalyse, kommunikative Minimalform, ephemere Kommunikation, Interaktionsarchitektur, Sozialtopografie, moralische Kommunikation

 

The Analysis of Minimal Communicative Events and Its Implications

In this article, we discuss the implications that need to be dealt with, when examining the smallest forms of situational socialization, which we call minimal communicative forms. Minimal communicative forms are jointly constituted interaction events that are short-term and last only a few seconds. Regardless of their shortness, they have a complex interaction structure with a clear sequential order. They also have a social implication and a value of their own. In the case examined here, in which pedestrians look through an open window into a private space and get caught while doing so, this social implication manifests itself as a moral communication in the sense of the interactive treatment of one’s own wrongdoing.

Keywords

Multimodality, Multimodal Interaction Analysis, Minimal Interaction Format, Ephemeral Communication, Architecture-for-Interaction, Social Topography, Moral Communication