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Aktuelles Heft

Aktuelles Heft

März 2017 | Heft 1/2017 | Jahrgang 47

Scalable Reading

 

Inhalt

 

Thomas Weitin

Einleitung: Scalable Reading ­­­– Zur Einführung

 

Fotis Jannidis

Perspektiven quantitativer Untersuchungen des Novellenschatzes Abstract

Perspectives of quantitative studies of the collection of novellas Novellenschatz

 

Thomas Weitin / Katharina Herget

Falkentopics Abstract

Falcon topics

 

Katja Mellmann

Zeit- und Ortsangaben im Deutschen Novellenschatz Abstract

Descriptions of time and place in Deutscher Novellenschatz


Bent Gebert

Versunken in den Stürmen der Zeit? Abstract

Lost in the tempest of time?


Friedrich Michael Dimpel

Novellenschätze narratologisch auszeichnen und analysieren am Beispiel Victor von Scheffels Hugideo und der sozialen Netzwerkanalyse Abstract

Annotating and analysing novellas: Victor von Scheffels Hugideo and Social Network Analysis

 

Nicolas Pethes

Thesaurus casuum? Abstract

Thesaurus casuum?

 

Christin Schätzle

Genitiv als Stilmittel in der Novelle Abstract

Genitive as stylistic device in German novellas

 

 

Einleitung: Alltagspraktiken des Publikums

Stephan Habscheid / Christine Hrncal / Raphaela Knipp / Erika Linz


Anfang Juni 2015 fand in der Seeburg am Schweizer Bodenseeufer eine Arbeitstagung statt unter dem Titel: »Scalable Reading. Paul Heyses Deutscher Novellenschatz zwischen Einzeltext und Makroanalyse«. Dazu waren den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Vorfeld nicht nur alle 86 Novellen der historischen Sammlung übersandt worden, die Heyse gemeinsam mit Hermann Kurz zwischen 1871 und 1876 herausgegeben hat. Bereitgestellt wurde die Sammlung auch als ein nach dem Standard der Text Encoding Initiative (TEI) annotiertes xml-Korpus sowie im einfachen txt-Format. Die doppelte Vorbereitung sollte es ermöglichen, hermeneutisch und quantitativ arbeitende Kolleginnen und Kollegen über den gemeinsamen historischen Gegenstand miteinander ins Gespräch zu bringen. Die äußerst lebhaften Debatten auf der Tagung1 haben gezeigt, wie notwendig und lohnenswert derart fundierte Fachgespräche für die Literatur- und Sprachwissenschaft sind, weil sie es erlauben, die aktuellen methodischen Kernprobleme unserer Fächer genau in den Blick zu nehmen.

Die Frage, wie sich die Einzeltextlektüre mit der Analyse größerer und großer Textmengen gewinnbringend kombinieren lässt, wird in den kommenden zehn Jahren nicht nur in den Geisteswissenschaften zentral sein. Sie lässt sich nicht theoretisch klären, verlangt aber viel konzeptionelle Arbeit in der praktischen Forschung. Der von dem Altphilologen Martin Mueller geprägte Begriff des »Scalable Reading«2 stellt einen solchen konzeptionellen Versuch dar. Er ist forschungspolitisch attraktiv, weil er Ansätze denkbar werden lässt, die die polemische Frontstellung von close und distant reading überwinden.3 Er birgt dabei zugleich die Gefahr, sich die mixed methods-Ansätze, nach denen so viele suchen, zu einfach vorzustellen. Die Methodenmetapher vom skalierbaren Lesen impliziert die Vorstellung eines stufenlosen Hin-und-her-Schaltens oder Zoomens zwischen der durch Lektüre erschließbaren Ebene und abstrakten Repräsentationen von Text, die die Grundlage quantitativer Analysen bilden. So irreführend diese Vorstellung ist, so deutlich zeigen gerade diejenigen Arbeiten, die bestimmten quantitativen Verfahren zur literaturwissenschaftlichen Korpusanalyse zum Durchbruch verholfen haben, dass die AutorInnen ihr Korpus jeweils sehr gut kannten.4 Unser Ansatz bei der Arbeitstagung zum Scalable Reading des Deutschen Novellenschatzes setzte darauf, dass die Verbindlichkeit des gemeinsamen Gegenstandes uns helfen würde, genauer zu erkennen, worin die methodischen Schwierigkeiten bestehen, die alle Versuche, Mikro- und Makroanalyse zusammenzuführen, unweigerlich begleiten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt die Novelle als Inbegriff von Massenliteratur, und es ist dieses Verständnis, das Heyse und Kurz bei ihrer Sammlung immer wieder beschäftigt. Das Titelblatt (s. Abb. 1 ) ziert einerseits eine mit gepflegter Lektüre beschäftigte Dame, andererseits fallen aus einem Füllhorn ungeordnet Büchermassen auf einen größer werdenden Haufen. Das Bild ist ein guter Ausdruck für die zwiespältige Haltung, die die Herausgeber gegenüber dem literarischen Massenmarkt ihrer Zeit einnehmen. Sie verstehen ihre Sammlung als den Versuch, aus der »wachsende[n] Menge der Tages- und Wochenblätter« dasjenige auszuwählen, was des »Aufhebens werth« ist, und sind sich doch im Klaren darüber, dass sich dem »Zeitgeschmack« gegenüber »ein doctrinärer Eigensinn« verbietet.5 Dem normativen Bemühen um Kanonisierung tritt die Einsicht an die Seite, dass sich Autoren wie Herausgeber mit der Masse werden arrangieren müssen. Die populäre Gattung der Novelle war nicht nur der Inbegriff von Massenproduktion (Heyse allein schrieb insgesamt 177), sondern auch des immer Gleichen oder jedenfalls massenhaft Ähnlichen, das daraus entstand. Mit seiner oft belächelten Falkentheorie gab Heyse in der Einleitung zum Novellenschatz konkrete Hinweise, wie unter diesen Produktionsbedingungen überhaupt noch eine Distinktion möglich war. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sollten ihren Stoff auf das Vorhandensein eines zentralen Grundmotivs prüfen, anhand dessen sich der »Inhalt in wenige Zeilen«6 zusammenfassen lässt. Heyse verlangt von diesem Grundmotiv eine »starke Silhouette«, was auch auf die mentale Repräsentation beim Leser hindeutet, die hier offensichtlich mitgedacht wird. Schließlich soll die »einfache Form« auf »das Spezifische« getestet werden, »das diese Geschichte von tausend anderen unterscheidet«.7 Dabei entwickelt sich im Bewusstsein der notwendigen Distinktion auf dem literarischen Massenmarkt eine zeitgemäße Vorstellung von Originalität, die sich differentiell als Distanzmaß des einzelnen Textes zum Gesamtkorpus der Gattung bestimmt.

Die handreichungsartige Novellentheorie steht in systematischem Zusammenhang mit den Prinzipien der Textauswahl für den Novellenschatz. So, wie die Schriftstellerinnen und Schriftsteller angehalten werden, ihren jeweiligen Text schon in dem Bewusstsein sehr vieler ähnlicher Texte zu verfassen, sehen sich die Herausgeber auf der Suche nach geeigneten Novellen mit Textmassen konfrontiert. Die ursprüngliche Absicht einer chronologischen Literaturgeschichte der deutschsprachigen Novellistik, mit der sie an ihre auf 24 Bände angelegte Sammlung herangehen, wird der »Unabsehbarkeit des Stoffes«8 wegen aufgegeben. Stattdessen versuchen die Herausgeber, innerhalb einzelner Bände Formreihen nach dem Kriterium des ›Tons‹ zu bilden, um dadurch etwa den Unterschied zwischen romantischem und realistischem Stil deutlich werden zu lassen. Wenn es am Ende der Einleitung heißt, der Novellenschatz solle eine »Mustersammlung« darstellen »für eine künftige Geschichte der Novelle«,9 erinnern wir uns, wie diese Literaturgeschichte im Übergang zur Moderne geschrieben worden ist und heute auf der Basis digitaler Methoden erneut geschrieben wird: als Geschichte der Form.10

Die Herausgeber des Novellenschatzes verfügen über ein ausgeprägtes realistisches Epochenbewusstsein, das ihre Vorstellung von der Gattung und ihre Textauswahl bestimmt. 49 der 86 Novellen stammen aus der Zeit nach 1848, die beiden ältesten von 1811, die jüngste von 1875. Versammelt sind fast ausschließlich Einzeltexte, nur vier Autoren sind mit zwei Texten vertreten. 12 weiblichen stehen 70 männliche Autoren gegenüber.

Wir eröffnen dieses Heft mit dem Beitrag von Fotis Jannidis, der der marktstrategisch kalkulierten Novellentheorie unserer Sammlung mit verschiedenen quantitativen Verfahren nachgegangen ist, um zu untersuchen, ob und inwieweit sich die Vorstellungen, die die Herausgeber von ihrer Auswahl propagieren, korpusanalytisch erhärten lassen. Je nach Operationalisierung fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. Eine stilometrische Analyse der Distanzmaße zwischen allen 86 Novellen zeigt Eichendorffs Die Glücksritter als einen derjenigen Vor-48er-Texte, der besonders stark als stilistisches Vorbild zu erkennen ist. Die Herausgeber versuchen dagegen, diese Ähnlichkeit zu relativieren, und betonen die klare Absetzung der Realisten von Eichendorff.11 Als »Stilmuster«12 hatten sie vor allem Goethe im Sinn. Heyses Forderung nach einer klaren Silhouette der Novelle lässt sich im Sinne eines stark reduzierten Personals mit wenigen zentralen Figuren verstehen und entsprechend quantitativ erfassen. Allerdings erbringt diese Operationalisierung im Vergleich mit einem Romankorpus keinen sichtbaren Unterschied, was sich interessanterweise ändert, sobald man nach der Interaktionsstruktur der Figuren fragt. Ein weiterer Vergleich zeigt, dass die spezielle Auswahl von Heyse und Kurz die versammelten Texte von Frauen stärker in eine Position des Unterschiedenseins bringt als das Vergleichskorpus aus Romanen.

Der Beitrag von Thomas Weitin und Katharina Herget diskutiert am Topic Modeling des Novellenschatzes, welche Schwierigkeiten die quantitative Analyse semantischer Strukturen in literarischen Texten mit sich bringt. Über das Topic Modeling werden Wörter herausgefiltert, deren gemeinsames Auftreten wahrscheinlich ist. Die ermittelten semantischen Muster lassen sich Themen zuordnen, die unseren Lektürebefunden und dem Wissen über Gattung und Epoche entsprechen. Wer sein Korpus gut kennt, kann darüber hinaus weitere Beobachtungen machen. Weitin/Herget gehen dem Befund nach, dass in einer nicht geringen Zahl von Fällen alle Topic-Wörter aus ein und demselben Text stammen, dessen Inhalt sich darüber gut zusammenfassen lässt. Das muss irritieren, weil die Texte im Preprocessing in kleine Einheiten zerlegt worden waren. Die in Anlehnung an Heyse so genannten ›Falkentopics‹ werden beim Topic Modeling ihrer geringeren semantischen Kohärenz wegen meist nur als Verzerrung des Ergebnisses wahrgenommen. Hier wird dagegen ihr ›topischer‹ Charakter diskutiert: Namen, Eigennamen und Hinweise auf Orte geben Anhaltspunkte für das Setting der betreffenden Novellen.

Katja Mellmann untersucht am Novellenschatz, wie sich anhand von Zeit- und Ortsangaben sprachliche Signale für den ›epischen Modus‹ der Novellen isolieren und messen lassen. Darunter wird in Anlehnung an Käte Hamburger ein spezifischer Wechsel in einen konjunktivischen Modus verstanden, der sich von der indikativischen Wirklichkeitsaussage absetzt. Evolutionsbiologisch betrachtet dient der Epitiv dazu, die wachsende Menge von Informationen durch eine eigene Bereichssyntax für ›entpflichtete Rede‹ zu verwalten. Dieser angeborene kognitive Modus bedarf der sprachlichen Aktivierung, wobei sich Mellmann im vorliegenden Beitrag auf zeitliche und räumliche Signale der Unbestimmtheit konzentriert, die in einer Analyse aller 86 Erzähleingänge ermittelt werden. Wie erwartet kristallisiert sich dabei das heterodiegetische Erzählen als der bevorzugte Träger für den epischen Modus heraus, wobei ein Erzählen mit historischer Ortsmarkierung, aber unbestimmter Zeitangabe dominant ist. Epizität erscheint damit nicht unbedingt als gattungsdefinierendes Merkmal, wohl aber als eine Eigenschaft, die für die Novelle im Zeichen des Realismus als typisch gelten kann.

Bent Geberts Beitrag betrachtet den Novellenschatz von Heyse und Kurz vor dem Hintergrund konkurrierender Sammlungsprojekte im 19. Jahrhundert, die die Herausgeber weitgehend ausblenden oder gar aktiv verdrängen. Das gilt vor allem für die novellistischen Kurzerzählungen des Mittelalters, die in zeitgenössischen Editionen, Sammlungen und Kommentaren überaus präsent waren. Vor allem Hermann Kurz dürfte sie als Tübinger Bibliothekar gut gekannt haben, Heyse behauptet dagegen in der Einleitung zum Novellenschatz in einer bemerkenswert kontrafaktischen Vorgeschichte ihren Untergang, um seine eigene Sammlung als ein Archiv der Gattung zu profilieren, das dann mit Goethe beginnen kann. Den Heyseschen Falkentest, so argumentiert Gebert dagegen in seinem Beitrag, würden viele der mittelalterlichen Mären bestehen.

Eine Basis, um die Heysesche Literaturpolitik korpusanalytisch zu hinterfragen, stellt die langjährige Arbeit von Friedrich Michael Dimpel dar, der ein großes Korpus von Mären und Novellen aufbaut, zu dem seit unserer Tagung auch eine Auswahl aus dem Novellenschatz gehört. Im vorliegenden Beitrag erläutert Dimpel am Beispiel von Victor von Scheffels Hugideo das narratologisch orientierte Annotationssystem, das er mit seinem Korpus entwickelt. Anhand seiner Tagsets und der Annotationsrichtlinien führt Dimpel vor, wie die hermeneutisch geprägten Modelle zur Textauszeichnung immer wieder durch die Ambiguität ihres Gegenstandes herausgefordert werden. Wir erhalten damit einen wichtigen Einblick in den Maschinenraum des Scalable Reading.

Auch Nicolas Pethes interessiert sich in seinem Beitrag für das Verhältnis des Deutschen Novellenschatzes zu anderen zeitgenössischen Sammlungen und zum Dispositiv des Sammelns von Texten unter den Bedingungen von Massenproduktion. Dabei steht die Verbindung zum Fall (Kasus) und zur Fallgeschichte im Mittelpunkt, die der Novelle als einfacher Form gattungspoetisch eigen ist. Pethes untersucht in Stichproben die Fallsemantik und zeigt, wie einzelne Texte der Sammlung den Umgang mit großen Textmengen thematisieren.

In ihrem sprachwissenschaftlichen Beitrag untersucht Christin Schätzle am Novellenschatz-Korpus den Einsatz des Genitivs als Stilmittel. Im Vergleich mit Texten aus dem 20. und 21. Jahrhundert zeigt sich das Korpus einerseits innerhalb der bekannten Tendenz zum Genitivschwund. Andererseits sind nicht alle Genitivkonstruktionen von diesem Schwund betroffen. Wo er verbleibt, wird der Genitiv vor allem als Stilmittel verwendet. Vergleiche zwischen einzelnen Bänden innerhalb des Novellenschatzes zeigen große Unterschiede und lassen z.B. erkennbar werden, dass die stärker dialektal und an der Volkssprache orientierten Dorfgeschichten eine besonders niedrige Genitivfrequenz aufweisen.

Die Arbeitstagung »Scalable Reading« war ein methodisches Experiment, von dem keine fertigen Ergebnisse erwartet werden durften. Was die Beiträge des vorliegenden Heftes eint, ist nicht zuletzt ihr Charakter als work in progress. Das methodische Fachgespräch wird fortzusetzen sein, auch als Teil eines größeren korpusanalytischen Projekts zum Thema Mixed Methods, das vom Deutschen Novellenschatz seinen Ausgang nimmt.13

 
Fußnoten

1 Vgl. den Konferenzbericht von Eggert, Cornelius: »Scalable Reading. Paul Heyses Deutscher Novellenschatz zwischen Einzeltext und Makroanalyse«. In: Zeitschrift für Germanistik 1 (2016).

 

2 Vgl. https://scalablereading.northwestern.edu/ .

 

3 Vgl. Weitin, Thomas: »Digitale Literaturwissenschaft«. In: DVJs 89.4 (2015), S. 651–656.

 

4 Vgl. dazu den Beitrag von Katharina Herget und Thomas Weitin in diesem Heft.

 

5 Heyse, Paul/ Kurz, Hermann: »Einleitung«. In: Dies. (Hg.): Deutscher Novellenschatz. München 1871, S. 10 (erstes Zitat), 22 (zweites Zitat), 14 (drittes und viertes Zitat).

 

6 Ebd., S. 19.

 

7 Ebd., S. 20.

 

8 Ebd., S. 22.

 

9 Ebd., S. 24.

 

10 Vgl. dazu ausführlich: Weitin, Thomas: »Selektion und Distinktion. Pauls Heyses und Hermann Kurz’ Deutscher Novellenschatz als Archiv, Literaturgeschichte und Korpus«. In: Daniela Gretz/Nicolas Pethes (Hg.): Archiv/Fiktionen. Verfahren des Archivierens in Literatur und Kultur des langen 19. Jahrhunderts. Freiburg 2016, S. 385–408.

 

11 Auf Eichendorff, den die Herausgeber »den letzten Romantiker« nennen, folgt im dritten Band Adolf Widmanns Die katholische Mühle, die die klare Absetzung des Realismus exemplarisch vorführen soll. Diese Novelle zeige zwar »in Stoff und Tonart« eine Verwandtschaft mit dem »Grundton der Eichendorff’schen Dichtung«. »Und doch bedarf es nur eines Blickes in unsere Novelle, um nicht nur jeden Gedanken der Nachahmung zu verscheuchen, sondern auch inne zu werden, daß hier das Stoff- und Stimmungsgebiet der Romantik mit vollster Klarheit für den modernen Realismus erobert worden ist.« (Heyse/Kurz: Deutscher Novellenschatz. Bd. 3. Einleitung zu Adolf Widmann, S. 163f.).

 

12 Paul Heyse an Hermann Kurz am 6. Juni 1870, zitiert nach Walkhoff, Monika: Der Briefwechsel zwischen Paul Heyse und Hermann Kurz in den Jahren 1869–1873 aus Anlass der Herausgabe des »Deutschen Novellenschatzes«. Dissertationstyposkript. München 1967, S. 37.

 

13 Die VolkswagenStiftung fördert das Projekt »Reading at Scale. Mixing Methods in Literary Corpus Analysis« ab 2017 im Programm »Mixed Methods in the Humanities«.

 

 

Abstracts LiLi 1/2017

 

Fotis Jannidis

Das Populäre und das Publikum

Der Beitrag untersucht den Novellenschatz von Heyse und Kurz mit Verfahren der quantitativen Textanalyse, um Aspekte des Novellenbegriffs der Herausgeber zu rekonstruieren. Ausgangspunkt ist die Diskussion der Frage, ob der Novellenschatz als eine repräsentative Sammlung von Novellen des 19. Jahrhunderts angesehen werden kann, ob also Aussagen über den Novellenschatz zugleich auch belastbare Aussagen über die Novelle im 19. Jahrhundert sind. Im Anschluss werden die Ergebnisse dreier Untersuchungen vorgestellt. Zuerst wird ein Verfahren vorgestellt, mit dem man unter bestimmten Bedingungen stilistische Vorbilder in einer Textsammlung ermitteln kann. Die Anwendung auf den Novellenschatz ergibt überraschenderweise Eichendorff als das wichtigste ›Modell‹ der Texte. Außerdem wird über eine vergleichende Analyse der Figurenkonstellation in den Novellen und in Romanen aus dem 19. Jahrhundert plausibel gemacht, dass Heyses Metapher von der starken Silhouette tatsächlich ein Differenzkriterium bezeichnet. Die dritte Untersuchung kann plausibel machen, dass die Herausgeber des Novellenschatzes überwiegend solche Novellen von Frauen ausgewählt haben, die eine weibliche Hauptfigur haben, während sie im Fall von männlichen Autoren Hauptfiguren beiderlei Geschlechts zugelassen haben.

Schlüsselwörter

Digital Humanities, Quantitative Textanalyse, PCA, Figurenkonstellation, Graphentheorie, Zentralitätsmaße, Distant Reading, Paul Heyse, Novellenschatz, Novellen, Literatur des 19 Jahrhunderts

Perspectives of quantitative studies of the collection of novellas Novellenschatz

When the writers Paul Heyse and Hermann Kurz edited the collection of narrative texts published under the name Novellenschatz (treasure of novellas), in selecting the texts and writing the quite instructive introductions to the texts and the collection they were led by a notion of what a novella is. This essay analyses some aspects of this concept of novella. Starting with the discussion, whether the collection is representative for the German novellas of the 19th Century, three approaches are presented. First a method is presented which allows to determine models for authors in a collection spanning some time. Applying this method to the Novellenschatz yields the rather surprising result, that the romantic writer Eichendorff is the most influential writer of the corpus. Secondly, a definition of the novellas as having a clear-cut silhouette in comparison to the novel is tested using the character interactions modeled as a graph as proxy. The result shows that there really is a difference between the genres, at least the novellas in the collection and a collection of contemporary novels. Thirdly, using PCA on the hundred most frequent words it can be shown that one of the components is clearly different for the text by female authors in the collection, a closer analysis reveals that the texts by female authors have been selected based on the gender of the protagonist, while the selection of texts by male authors wasn’t restricted by gender politics.

Keywords

Digital Humanities, Quantitative text analysis, PCA, Graph theory, Centrality measures, Distant reading, Character constellation, Paul Heyse, Novellenschatz, Novellas, 19th Century literature
 
 

Thomas Weitin / Katharina Herget

Falkentopics

Topic Modeling gehört zu den vielversprechenden Verfahren für die quantitative Exploration semantischer Strukturen. Die Schöpfer der entsprechenden Algorithmen beschreiben die Anwendung im Hinblick auf große Textmengen, in denen versteckte thematische Zusammenhänge ermittelt werden, die das bloße Auge nicht wahrnehmen kann. Wir haben Topic Modeling dagegen an einem mittelgroßen Korpus von Novellen erprobt, das sich wohl durch individuelle Lektüre als auch durch statistische Verfahren erschließen lässt. Angetrieben hat uns dabei eine bislang wenig beachtete Beobachtung: Diejenigen Wissenschaftler, denen es gelungen ist, statistische Verfahren bei der literarischen Korpusanalyse so angemessen einzusetzen, dass sie einschlägig werden konnten, kannten die verwendeten Korpora jeweils ausgezeichnet. Weil wir über unser Novellenkorpus ebenfalls eine Menge wussten, war es uns möglich, die ermittelten Topics textrelevanten Themen zuzuordnen. Unter dem Stichwort ›Falkentopics‹ beschreiben wir darüber hinaus eine andere Art von Topics, die den speziellen Plot einzelner Texte wiederzugeben scheinen.

Schlüsselwörter

Topic Modeling, Semantik, Novellen, Realismus, Distant Reading, Paul Heyse, Falkentheorie

 

Falcon topics

Topic modeling is one of the more promising quantitative procedures for exploring semantic structures. The creators of the corresponding algorithms use large text sets to investigate hidden thematic connections which cannot be perceived by the eye alone. We have, by contrast, tested a medium-sized corpus of novellas that can be explored using both individual readings and statistical procedures. We were motivated by a previously little considered observation: The scholars who have been able to implement statistical procedures for literary corpus analysis in a pertinent way were all extraordinarily familiar with their respective corpora. Because we were also very familiar with our set, it was possible for us to order the topics being studied according to text-relevant themes. Using the keyword ›falcon topics‹, we describe another type of Topics, ones which seem to reflect the special character of individual texts.

Keywords

Topic modeling, Semantics, Novellas, Realism, Distant reading, Paul Heyse, Falcon theory
 

Katja Mellmann

Zeit- und Ortsangaben im Deutschen Novellenschatz

Die eigentümliche Atmosphäre des Geschichtenerzählens, die Thomas Mann einst als ›raunendes Beschwören‹ metaphorisch zu fassen versucht hat, wurde von Käte Hamburger als eine distinkte logische Struktur epischen Erzählens bestimmt, die sich in der narrativen Sprachverwendung niederschlägt. Der vorliegende Beitrag präsentiert die Ergebnisse einer Analyse der Anthologie Deutscher Novellenschatz nach Kriterien, die sich als Epizitätsindikatoren aus Hamburgers Theorie ableiten lassen.

Schlüsselwörter

Käte Hamburger, Erzähltheorie, Zeitstruktur, Deixis, Episches Präteritum, Tempus, Modus, Novelle, Realismus, Korpusanalyse

 

Descriptions of time and place in Deutscher Novellenschatz

The peculiar atmosphere of storytelling, which Thomas Mann once tried to capture with the metaphor of ›murmuring conjuring‹, has been defined as a distinct logical structure of epic narrative that becomes manifest in the narrative use of language by Käte Hamburger. In this article, I present results of an analysis of the anthology Deutscher Novellenschatz (German Novellas Treasury) deploying criteria that can be derived from Hamburger’s theory as indicators of epicity.

Keywords

Käte Hamburger, Narrative theory, Time, Deixis, Epic preterite, Tense, Mood, Novella, Realism, Corpus analysis

 

 

Bent Gebert

Versunken in den Stürmen der Zeit?

Ausgehend von der Einleitung zum Deutschen Novellenschatz untersucht der Beitrag, mit welchen poetologischen Metaphern, Argumenten und Topoi die Herausgeber ihre Sammlung profilieren. Während sie den Verlust und Verfall älterer Gattungstradition behaupten, waren novellistische Kurzerzählungen des Mittelalters jedoch in zeitgenössischen Editionen, Sammlungen und Kommentaren durchaus präsent. Diese Diskrepanz verweist zum einen auf Verdrängungs- und Umwertungsstrategien, welche die Novellensammlung als ›Schatz‹ konstituieren. Zum anderen fragt der Beitrag, welche methodischen Konsequenzen daraus für die Erforschung von Textsammlungen zu ziehen sind, die ihr Gattungsfeld qualitativ und quantitativ zu regulieren versuchen.

Schlüsselwörter

Novelle, Deutscher Novellenschatz, Paul Heyse, Mittelalter, Märe, Editionsgeschichte

 

Lost in the tempest of time?

Based on the introduction to the Deutscher Novellenschatz, the essay explores some of the poetological metaphors, arguments and topoi by which the editors Heyse and Kurz shape their collection. While they bemoan the loss and decay of older traditions, short novellistic narratives of the German Middle Ages were quite present in contemporary editions, collections and commentaries. This discrepancy may result from strategies of displacement and revaluation, which are constitutive for the collection as ›treasure‹ (Novellenschatz). It also raises methodological questions for the analysis of collections that seek to regulate their generic field in qualitative and quantitative terms.

Keywords

Novella, Deutscher Novellenschatz, Paul Heyse, Middle Ages, Maere, Publishing history

 

 

Friedrich Michael Dimpel

Novellenschätze narratologisch auszeichnen und analysieren am Beispiel Victor von Scheffels Hugideo und der sozialen Netzwerkanalyse

Konzipiert wird ein Annotationssystem für narratologische Phänomene wie Raum, Zeit, Fokalisierung, Redewiedergabe, Erzählerrede, Figurenbezug der Figuren-/Erzählerrede, Wertungen, Negation, Uneigentliche Rede, Ambiguität. Annotationsrichtlinien werden entwickelt, damit verschiedene Personen beim gleichen Text zu homogenen Ergebnissen kommen (Inter-Annotator-Agreement). Dabei werden narratologische Modelle überprüft und präzisiert. Annotiert werden etwa 100 deutsche Kurzerzählungen. Das Korpus ermöglicht eine Nachnutzbarkeit in vielfältiger Weise. Es erlaubt systematische Zugriffe auf gleichartig annotierte Korpussegmente und damit quantifizierende Beiträge zur historischen Narratologie, zur Kulturwissenschaft und zur Gattungsgeschichte. Anhand von Victor von Scheffel wird die Komplexität von narratologischen Annotationen diskutiert. Exemplarisch wird eine quantitative Analyse von Victor von Scheffels Hugideo vorgestellt, bei der etwa MTLD und Soziale Netzwerkanalyse eingesetzt werden.

Schlüsselwörter

Digital Humanities, Digitale Literaturwissenschaft, Computerphilologie, Computational Narratology, Narratologie, Novelle, Kurzerzählung, Annotation (XML)

 

Annotating and analysing novellas: Victor von Scheffels Hugideo and Social Network Analysis

In this paper, I present a system of narratological annotation. Levels of annotating are: space, time, focalisation, reported speech, narrator’s speech, relation of the speech of a character/of the narrator to a certain character, evaluative remarks, negation, figurative speech, ambiguity. Alongside with the tagset, guidelines for annotation will be developed in order to enable different persons to achieve consistent results (inter-annotator-agreement). In doing so, narratological models will be systematically reassessed and refined. The aim of this project is therefore to annotate about 100 short narratives. The corpus will render possible a great variety of follow-up aims and objectives. It permits systematic access to corpus segments annotated in the same way. Using Victor von Scheffel’s Hugideo I demonstrate how complex a narratological annotation is. Finally, I present some examples of quantitative analysis using among others MTLD and Social Network Analysis.

Keywords

Digital Humanities, Digital Text Studies, Computational Narratology, Narratology, Novella, Annotation (XML)

 

 

Nicolas Pethes

Thesaurus casuum?

Der Deutsche Novellenschatz ist nicht nur eine Sammlung von Einzeltexten, deren Analyse dazu einlädt, quantitative Methoden zu erproben. Vielmehr reflektiert Heyses Projekt bereits selbst das Problem des Umgangs mit großen Textsammlungen und kann daher als Bestandteil einer Diskurs- und Vorgeschichte makroskopischer Lektüremodelle betrachtet werden. Der Beitrag verfolgt hierzu die Verwandtschaft zwischen einer Zusammenstellung von Novellen und juristischen bzw. medizinischen Fallsammlungen, in denen mit der methodologischen Frage nach dem Verhältnis zwischen Einzelfall und Serie das zentrale Problem thematisiert wird, das auch den Bezug zwischen ›unerhörter Begebenheit‹ und Anlage eines Zyklus prägt – desgleichen aber auch heutige Debatten über die Relation von close und distant reading.

Schlüsselwörter

Novelle, Sammlung, Fall, Serie, Reflexivität, Bilder, Kulturelles Erbe

 

Thesaurus casuum?

Paul Heyse’s Deutscher Novellenschatz is not only a collection of texts that calls for quantitative analysis due to its extension. The project itself reflects the problem of dealing with vast quantities of texts and can therefore be considered as a precursor and part of the discursive prehistory of macro-analytical approaches today. As such a quantitative element, the article introduces the interrelation between Heyse’s project and contemporary collections of legal or medical cases. Insofar these collections address the relation between each single case and the series it is part of, they prelude the position that individual novellas take within novella cycles in the 19th century – as well as debates on close vs. distant reading today.

Keywords

Novella, Collection, Case, Series, Reflexivity, Pictures, Cultural Heritage

 

 

Christin Schätzle

Genitiv als Stilmittel in der Novelle

In diesem Artikel wird anhand mehrerer korpuslinguistischer Studien verdeutlicht, dass der Genitivschwund im Deutschen in Novellen aus den letzten beiden Jahrhunderten weiter voranschreitet, aber nicht alle Genitivkonstruktionen betroffen sind. Vor allem der adnominale Genitiv bleibt bis heute erhalten. Des Weiteren wird gezeigt, dass einige Autoren in Paul Heyses Deutscher Novellenschatz Genitivkonstruktionen als literarisches Stilmittel verwenden, um ihre Novelle in ein bestimmtes Register oder eine erhöhte Stilebene einzuordnen.

Schlüsselwörter

Korpuslinguistik, Kasus diachron, Genitivschwund, Computerlinguistik, Digitale Geisteswissenschaften

 

Genitive as stylistic device in German novellas

In this paper, I present several corpus linguistic studies that show the continuity of the diachronic loss of the German genitive within novellas from the past two centuries. Moreover, I found that not all genitive constructions are diachronically receding and that e.g. the adnominal genitive is particularly stable along the analyzed time frame. Furthermore, some authors in Paul Heyse’s Deutscher Novellenschatz use genitives as stylistic device in order to relate their novellas to a specific register or an exalted stylistic level.

Keywords

Corpus Linguistics, Diachrony of Case, German Genitive Loss, Computational Linguistics, Digital Humanities