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Aktuelles Heft

Aktuelles Heft

Juni 2017 | Heft 2/2017 | Jahrgang 47

Archäologie der Anfänge ­­

 

Inhalt

 

Hartmut Bleumer, Mathias Herweg, Klaus Kipf

Vorwort: Archäologie der Anfänge ­­

 

Mathias Herweg, Klaus Kipf

Einleitung: Erzählen in statu nascendi ­­­– Zur Einführung

 

Stephan Müller

ik mideo dreuuet Abstract

ik mideo dreuuet

 

Heike Sahm

»Die ich rief, die Geister …« – Kurzes Plädoyer für eine interdisziplinär integrierte Frühmittelaltergermanistik Abstract

»The spirits that I called …« – Short Statement for Interdisciplinary Embedded Early German Studies

 

Winfried Rudolf

Uuaregat selfiu uuaregot – A Personal Note on Anglo-German Philological Relations Past and Present Abstract

Uuaregat selfiu uuaregot – A Personal Note on Anglo-German Philological Relations Past and Present


Roland Scheel

Anfänge ohne Archäologie: Zu Narrativierungsstrategien von Anfängen und Übergängen im hochmittelalterlichen Norden Abstract

Beginnings without Archaeology: Strategies of Narrating Beginnings and Transitions in the North During the High Middle Ages


Hartmut Bleumer

Archäologie der Anfänge Abstract

Archaeology of the Beginnings


Klaus Kipf

Erzähler und Autorinstanz im Heliand und in Otfrids von Weißenburg Liber evangeliorum Abstract

Narrator and Author in the Heliand and in Otfrid von Weissenburg’s Liber evangeliorum

 

Graeme Dunphy

Telling, Showing und Reminding: Darbietungsformen im Annolied Abstract

Telling, Showing, and Reminding: Narrative Pace in the Annolied

 

Henrike Manuwald

Intertextualität als Programm Abstract

Programmatic Intertextuality

 

Mathias Herweg

Kohärenzstiftung auf vielen Ebenen: Narratologie und Genrefragen in der Kaiserchronik Abstract

Coherence on Different Levels: Narratology and Genre in the Kaiserchronik

 

 

Vorwort: Archäologie der Anfänge

Hartmut Bleumer / Mathias Herweg / Klaus Kipf

 

Das frühe Mittelalter ist ein symptomatischer wissenschaftsgeschichtlicher Problemfall. In seiner Erforschung zeichnen sich disziplinäre Selbstverständnisse und deren Krisen ebenso ab wie die Möglichkeiten und Grenzen des interdisziplinären Austausches. Für die Germanistik scheinen die Schwierigkeiten im Umgang mit den frühen Phasen der deutschen Sprache und Literatur besonders ausgeprägt zu sein. Nicht nur, dass die Germanistik insgesamt, aktuell prominent im Feuilleton, wieder verstärkt mit den Abgesängen auf ihr Fach zu kämpfen hat, sie hat sich auch von den eigenen Versuchen, eine Geschichte der deutschen Sprache und Literatur von ihren Anfängen her zu entwerfen, merklich distanziert und so eines ihrer elementaren Begründungsnarrative zurückgewiesen. Inzwischen zeichnet sich damit das, was man allgemein als Krise der Germanistik bezeichnen oder bestreiten mag, auch speziell im Umgang mit der frühen deutschen Sprache und Literatur erneut ab. Wenn man also den zunehmenden Bedeutungsverlust der Germanistik diagnostizieren möchte, dann muss man diese Relevanzeinbußen innerhalb der Germanistik für die Forschungen zur frühen deutschen Literatur noch einmal ansetzen.

Im interdisziplinären Vergleich zeigt sich die schleichende Marginalisierung der frühen deutschen Sprach- und Literaturgeschichte ebenfalls. Denn insbesondere die Geschichtswissenschaft, die der Germanistik ohnehin schon als produktives Gegenbeispiel einer öffentlichkeitswirksamen Wissenschaft vorgehalten wird, scheint selbst für das reichlich ferne Frühmittelalter keine vergleichbare disziplinäre Deflation zu kennen wie die Deutsche Philologie. Dies mag damit zusammenhängen, dass die kulturwissenschaftlichen Erweiterungen, die in den geisteswissenschaftlichen Einzeldisziplinen allenthalben zu verzeichnen sind, die Geschichtswissenschaft zu einem großen kulturwissenschaftlichen Spielfeld erweitert haben, während sie das Feld der Literaturwissenschaften auflösen. Geschichte wird gerade in ihrer je neuen Auflösung kulturell interessant, die Literatur dagegen wird flüchtig. Für die Sicht auf die Geschichte der Literatur, die in der Entwicklung der Sprache und ihrer frühen Medien beginnt, müsste das aber zweierlei bedeuten: Einerseits wäre die Betrachtung der Sprach- und Literaturzeugnisse noch stärker historisch-interdisziplinär auszurichten, andererseits wäre innerdisziplinär stärker an aktuelle methodische Entwicklungen anschließen.

Beide Forderungen wirken ziemlich wohlfeil, sind in ihren Folgen aber nicht trivial. Zum einen: So wie sich vor dem Konzept der Nation und der Nationalsprache Sprache und Literatur nicht über nationalsprachliche Einzelphilologien vermessen lassen, so erscheint auch die Geschichte insbesondere vor dem sogenannten hohen Mittelalter als ein diskontinuierlicher Pluralismus. In historischer Sicht erscheint so die Rede von der ›Frühzeit‹ als Verlegenheitslösung gegenüber traditionellen Paradigmen, die eine historische Zukunft für eine Zeit postulieren, welche diese Zukunft noch gar nicht kennt. Darum ist im interdisziplinären Verbund der sprachliche und zeitliche Rahmen grundsätzlich offen anzusetzen, um in diesem weiten historischen Rahmen die interdisziplinären Verbindungsmöglichkeiten der Erforschung von vermeintlichen Frühphänomen auszuloten.

Zum anderen: Der erweiterte historische Rahmen erlaubt es nicht nur, spätere kulturelle oder literarische Phänomene auf ihre vermeintlichen Archaismen zu befragen. Er lässt es auch zu, Methoden- und Theorieangebote zu erproben, deren Validität für historisch spätere Phänomene schon erwiesen ist, die aber etwa für die älteste deutsche Literatur noch einer genaueren Überprüfung bedürfen. Ein solches Angebot macht für die germanistische Mediävistik aktuell insbesondere die Narratologie.

Die Beiträge des folgenden LiLi-Heftes versuchen demnach Erkundungsgänge in diese beiden Richtungen. Sie illustrieren einerseits in einem ersten Teil aus verschiedenen philologischen Perspektiven, denen der Anglistik, der Skandinavistik und der Germanistik, Möglichkeiten einer interdisziplinären Frühmittelalterforschung und ihrer möglichen Synergieeffekte. Sie unternehmen dann aber andererseits – und jenseits des engeren historischen Frühmittelalterbegriffs – diachron-narratologische Vorstöße in das weitere Feld der früheren deutschen Literatur. Dabei waren die Beiträge, die narratologische Verfahren aufgreifen, Vorträge eines Panels des Bayreuther Germanistentages 2016, das unter dem Titel ›Erzählen im früheren Mittelalter. Diachron-narratologische Analysen zur deutschen Literatur vor 1170‹ von Klaus Kipf und Mathias Herweg konzipiert wurde. Die daraus resultierenden Aufsätze bilden daher im vorliegenden Heft einen eigenen, zweiten Abschnitt, dem die Einleitung der betreffenden Sektion zur Orientierung vorangestellt ist.

Erwähnenswert ist der 25. Germanistentag in Bayreuth als Ursprungsort dieser Vorträge schließlich auch deshalb, weil er in der Diskussion um die Krise der Germanistik als Beispiel dafür herhalten musste, im Unterschied zum wie üblich größeren und öffentlichkeitswirksameren Historikertag in Hamburg noch einmal den angeblichen Bedeutungsverlust der Germanistik zu dokumentieren. Insofern schließt sich hier ein Kreis, der dazu geeignet sein mag, ein populäres Missverständnis zu widerlegen, nämlich, dass die Relevanz einer Kulturwissenschaft von einem unmittelbar evidenten Aktualitätsbezug abhängt. In Wahrheit setzt eine solche Evidenz einen historisch weiten Weg voraus – ob in der Geschichtswissenschaft oder in den historischen Philologien. Dieses Heft der LiLi fragt in gewisser Weise auch nach den Anfängen dieses Wegs.

 

 

Einleitung: Erzählen in statu nascendi

Mathias Herweg / Klaus Kipf

 

Es bleibt ein Hauptdesiderat aktueller narratologischer Konzeptbildung, das zeitlich wie sachlich zuerst an moderner Literatur entwickelte und für diese operabel gemachte Begriffs- und Theoriewerkzeug zu historisieren, und das heißt: seine Möglichkeiten und Grenzen an jeglichen historisch zurückliegenden, besonders aber an vormodernen Erzähltexten zu prüfen und weiterzuentwickeln.1

Für das Hochmittelalter und die Frühe Neuzeit ist hierbei schon vieles getan.2 Aus der einschlägigen Forschung zu vormodernem Erzählen sei nur auf Pionierarbeiten aus dem Bereich der Anglistik,3 auf frühe Adaptationen der Fokalisierungstheorie Gérard Genettes4 und auf Arbeiten zur Erzählstruktur in strukturalistischer Perspektive,5 die in der germanistischen Mediävistik eine längere Tradition besitzen,6 verwiesen. Erste Zusammenfassungen in einem Studienbuch7 und Handbuchartikel,8 die auch grundsätzliche Begründungsarbeit leisten,9 sowie Sammelbände, die sich explizit narratologischen Fragestellungen mit dem Fokus mittelalterlicher Gegenstände zuwenden,10 zeigen, dass die Narratologie, sofern man sie auch als Methode(nbündel) verstehen kann,11 in der germanistischen Mediävistik längst fest etabliert ist. Zusätzlich wendet auch die linguistische Erzählforschung ihr Interesse älteren Texten zu.12

Was indes weitestgehend noch aus- und ansteht, ist die Weitung des Blicks bis in die Anfänge des volks- und hier konkret deutschsprachigen Erzählens13 – eine Weitung, die nicht allein historisch-quantitativen, sondern auch methodologisch‑qualitativen Ertrag verspricht. ›Erzählen im früheren Mittelalter‹ betrifft, zunächst, die Literatur des frühen Mittelalters, d.h. die Literatur in althochdeutscher Sprache (8. bis 11. Jahrhundert);14 nach germanistischer Fachtradition gehört dazu aber auch noch die frühmittelhochdeutsche Literatur der Jahre bis etwa 1170, die in allgemein‑historischer Perspektive bereits hochmittelalterlich zu nennen wäre.15

Die These, dass das frühere Mittelalter großes Potential für eine historische Narratologie birgt, bedarf momentan noch der Begründung, und diese Einleitung (ursprünglich in das einschlägige Panel des Bayreuther Germanistentages 2016) soll dazu dienen, einen Umriss des Themas zu bieten und dabei auch Felder, die im Folgenden aus Platz- oder Prioritätsgründen nicht durch eigene Beiträge repräsentiert sind, in aller Kürze zu markieren.

Es präsentiert sich die älteste Erzählliteratur als eine weite Trümmerlandschaft, aber eben auch als ein Experimentierfeld mit der in statu nascendi befindlichen Schriftsprache, mit literarischen Formen aus nachbarsprachlicher Schriftlichkeit und eigensprachlicher Mündlichkeit, mit Erzählmustern und Sinnstiftungsmodellen. Bereits zwischen dem ›Erzähldrama‹ des Hildebrandslieds und dem ›Mikro-Epos‹ des Zweiten Merseburger Zauberspruchs liegen narratologisch Welten, und der vielfältige Erzählzyklus der Kaiserchronik integriert die gesamte Spannbreite generisch‑narratologischer Möglichkeiten der Zeit in einem einzigen Text, der sich als reiches, äußerst experimentierfreudiges Feld unterschiedlicher Stile, Stoffe und – eben auch – Erzählverfahren erweist.16

Höchst unterschiedlich erscheinen in der deutschen Proto-Narrativik die Mischungsgrade zwischen szenischen, auktorial beschreibenden und auktorial kommentierenden Anteilen. Schon das dialogische Hildebrandslied liegt hier weit ab von dem so lange und gerne mit ihm verglichenen, auf vergleichbarem Umfang eine ganze Lebensgeschichte ausmessenden Ludwigslied. Der Eingangsvers verrät neben manch anderem auch diese basale Distanz: Ik gihorta ðat seggen zielt auf eine Episode, ein konkretes, punktuelles spektakuläres Ereignis, während die Formel einen kuning uueiz ich den Lebensradius einer Figur abdeckt.

Ebenso breit ist schon in der Frühzeit das Spektrum der Raumsemantik,17 der Figurentypen und -konzepte, der Plotmodelle im Makro- und Mikrobereich. Viele Befunde dürften dabei mit unterschiedlichen prätextuellen Einflüssen korrelieren. Aber solche Einflüsse erklären nicht alles: Im geistlich-heilsgeschichtlichen Themenbereich biblischer Groß- und Episodenepik erzählen Christus und die Samariterin, Otfrid und der Heliand die gleiche Geschichte (im doppelten Sinn) ganz unterschiedlich. Im profanepisch-heroischen Spektrum, das mündlich-heimische und antike Vorläufer kennt, bilden das Hildebrandslied und der Waltharius ein noch instruktiveres Kontrastpaar, das freilich überlieferungsbedingt bereits in die Nachbarsprache Latein ausgreifen muss – was den literarischen Bedingungen der Epoche indes durchaus adäquat ist. Dazu kommen schon gegen Ende unserer Referenzzeit romanisch-frühhöfische Plotmuster wie Brautwerbung, Empörung, Heidenkrieg.

Das narratologisch relevante Spektrum reicht für das Althochdeutsche (um noch etwas bei den ersten Beispielen zu bleiben) vom fast erzählerlos sich steigernden, dabei ganz vom Kontrast zweier heroischer Figuren(typen) mit ihren impliziten Biographietypen lebenden, orts- und zeitkonstanten Hildebrandslied zum pro- und analeptisch vagierenden Ludwigslied mit wechselndem Erzähltempo und profiliertem auktorialen Erzähler. Anderen Plotstrukturen folgen die heilsgeschichtlich abgesicherten kosmischen Narrative im Muspilli und im Wessobrunner Schöpfungshymnus und -gebet,18 Christi Begegnung mit der Samariterin im einschlägigen Episodengedicht, die biographisch angelegten, an Binnenerzählungen und -erzählern, Kommentaren und Digressionen reichen Evangelienepen. Im Heliand wirkt sich der vielberufene Versuch heroischer Akkommodierung, bei Otfrid der Modus gelehrten Abschweifens und Arrondierens auch auf die Erzählinstanz und das Erzählprofil aus.19

Mit der Zäsur und dem frühmhd. Neuansatz verengt sich das Erzählfeld generisch und stofflich auf das heilsgeschichtlich Verbürgte, und damit noch stärker auf ›Geschichten aus der Geschichte‹, womit narrative Strategien der Wahrheits- und Heilsvergewisserung ins Zentrum treten. Narratologisch lässt sich hier fruchtbar an Hugo Kuhns Unterscheidung zwischen Szenen- und Gerüstepik anknüpfen,20 doch auch an Markus Stocks rezenteres Konzept des Kombinationssinns.21 Der epochensignifikante heilsgeschichtlich-exemplarische Ansatz hindert indes nicht, dass sich das Narrative sukzessive, und am deutlichsten gerade im Banne der Geschichte, zu verselbständigen scheint. Den Gipfel des Prozesses markiert hier die frühmhd. Kaiserchronik, in der der narrative Überschuss den didaktischen, paränetischen oder katechetischen Kern mitunter geradewegs aushebelt.22 Auch neue Einflüsse aus der Latinität werden im frühmhd. Erzählen wirksam: Die Antike findet mit einer Fülle von Stoffen direkt Eingang in volkssprachige Narrativik, natürlich wieder in der Kaiserchronik, doch auch schon im Annolied und in Lambrechts Alexander. Und das biblische Erzählen weitet sich mit der zyklisch angelegten Erzählsumma des Vorauer Codex 276 in einer Weise aus, die schon an spätere Kompilationschroniken erinnert. Diese Handschrift scheint auch ein narratologisch interessantes Unterfangen zu sein, denn sie bringt eine Vielheit von Mikroplots in einen makrostrukturellen, hier polytextuellen Konnex.23

Bei der Idee, auf dem Bayreuther Germanistentag 2016 mit dem Leitthema ›Erzählen‹ ein spezifisch frühmittelalterliches Panel auszuschreiben, gingen wir davon aus, dass die älteste deutschsprachige Literatur unter dem Gesichtspunkt ihrer größeren historischen Distanz und komparatistisch ergiebigen Nähe zur Latinität nicht nur zahlreiche, sondern wegen der Experimentalität in Sprache und Erzählformen auch fruchtbare Ansatzpunkte zur Verfeinerung des Instrumentariums der historischen bzw. diachronen Narratologie bieten würde. Unsere Arbeitshypothese war, dass auch Texte aus der ältesten deutschsprachigen Erzählliteratur, bei aller historischen und kulturellen Distanz, die häufig (doch umstritten) mit dem Begriff der Alterität umschrieben wird,24 einer Analyse mit dem narratologischen Begriffs- und Methodeninventar prinzipiell zugänglich sind. Wir vermut(et)en aber, dass in der Beschäftigung mit diesen Texten bestimmte Differenzierungen, die die strukturalistische oder klassische Narratologie (von Todorov, Lämmert und Stanzel bis zu Genette oder Wolf Schmid) anhand der Analyse moderner oder postmoderner Texte entwickelt hat, weniger relevant werden und dass andere Faktoren sie überlagern, etwa der Einfluss der Mündlichkeit, die bildungssoziale Herkunft der Autoren und Stoffe sowie Fragen der Materialität und der Überlieferung, die für die erwähnten Modelle zumeist überhaupt keine Rolle spielen.

Man muss, wenn man die Stichworte ›Narratologie‹ und ›Frühmittelalter‹ zusammenführt, mitnichten bei Null beginnen: Ante verbum hat die jüngere Forschung gute Vorarbeit in der Erfassung narrativer Eigenheiten der alt- und frühmittelhochdeutschen Erzähltexte geleistet. Gerade die Bibelepik mit ihren spätantiken Mustern,25 die Zeit- und Geschichtsdichtung,26 die Legende und der vorhöfische Roman27 haben in dieser Weise schon Aufmerksamkeit gefunden.

Die Dokumentation der Sektionsvorträge innerhalb dieses Themenheftes verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen Texte des früheren Mittelalters, zum Teil erstmals, mit rezenter Narratologie konfrontiert werden und die Erträge der Narratologie für das Verständnis und die Deutung auch dieser literarhistorischen Epoche und ihrer Denkmäler fruchtbar gemacht werden. Zum anderen, und perspektivisch umgekehrt, sollen die Besonderheiten frühmittelalterlichen Erzählens in die Perspektive einer Geschichte vormodernen Erzählens gerückt und in die dringliche diachrone Weitung der Narratologie eingespeist werden.

Mit den wenigen Vorträgen eines Germanistentag-Panels ist ein vielversprechendes Feld erfasst. Vollständigkeit oder auch nur Repräsentativität können und wollten die Beiträge der Bayreuther Sektion aber nicht beanspruchen, weder im Hinblick auf Methoden und Begriffe der Narratologie noch hinsichtlich der Epoche und der in ihr vertretenen Gattungen. Klaus Kipf fragt nach der Ausgestaltung der primären Erzählinstanz im Heliand und bei Otfrid, den wichtigsten und umfänglichsten Bibeldichtungen der ahd. Epoche. Für die Geschichts- bzw. Zeitdichtung in Gestalt des Annolieds schlägt Graeme Dunphy eine Erweiterung der bipolaren Erzählmodi Telling vs. Showing um die Kategorie des Reminding vor. Henrike Manuwald regt für die frühe volkssprachige Legendenerzählung, die den Aspekt des Abgeleitetseins mit der Bibelepik (und in anderer Weise auch der Geschichtsepik) teilt, den Begriff des ›derivativen Erzählens‹ an. Er steht für ein Erzählverfahren, das mit explizitem Bezug zu einem Referenztext eine ›storyworld‹ nicht von Grund auf hervorbringt. Mathias Herweg sichtet Faktoren und Ebenen der Kohärenzstiftung sowie Genre- und Plotstrukturen in der komplexen Erzählwelt der Kaiserchronik. Leider fehlt Norbert Kössingers Beitrag zur Medialität der Altdeutschen bzw. Frühmittelhochdeutschen Genesis („rede und buoch. Zum Verhältnis von Erzählgegenstand und Erzählen in der Altdeutschen Genesis“), der ebenfalls ins Panel gehörte. Er wird aber in anderem Rahmen erscheinen.

Eine epochenübergreifende Gesamtschau ist damit weder angestrebt noch in diesem Rahmen möglich. Es wäre ohnehin zu fragen, ob sie bei der Breite des Feldes und beim gegenwärtigen Forschungsstand schon zu leisten ist. Immerhin aber erfassen die folgenden Beiträge mit repräsentativem methodologischem Anspruch ein relativ weites, für frühmittelalterliches Erzählen nicht untypisches Corpus aus Bibel- und Geschichtserzählungen. Im Bereich nichtbiblischen Erzählens ist Lambrechts Alexander in der Forschung schon Thema narratologischer, namentlich raumsemantischer Studien geworden. Beachtung verdienten künftig die kleinstepischen Entwürfe der zweigliedrigen Zaubersprüche (historiolae) und die kosmologischen Erzählungen von Schöpfung und Apokalypse, weiters textübergreifende narrative Zyklen nach Art des kleinen Œuvres der Frau Ava.28 Über die hiermit skizzierten Corpuslücken hinaus wären auch Themenfelder zu nennen, die der Fortgang vermissen lässt. Doch einmal mehr: Das Folgende versteht sich vor allem als Türöffner: Ohne bereits allzu feste Koordinaten zu markieren oder markieren zu können, bietet es Raum für Ausweitungen wie Vertiefungen. Nur einrennen muss geöffnete Türen eben niemand mehr.

 

Fußnoten
1

Vgl. die programmatischen Interventionen von Fludernik, Monika: »The diachronization of narratology«. In: Narrative 11/3 (2003), S. 331–348; Contzen, Eva von: »Why We Need A Medieval Narratology. A Manifesto«. In: Diegesis 3/2 (2014), S. 1–21 (https://www.diegesis.uni-wuppertal.de/index.php/diegesis/article/view/170 [19.5.2017]). Die Hinweise auf die Forschung verstehen sich exemplarisch und intendieren nicht, einen Forschungsbericht zu ersetzen.

 
2

Verwiesen werden kann hier auf die Vielzahl an Panels im Schwerpunkt ›vormodernes Erzählen‹ auf dem Bayreuther Germanistentag 2016. Es ging hierbei u.a. um Gattungsaspekte (legendarisches, kollektives Erzählen), Erzählinstanzen (Autor, Erzähler, die Figur des Dritten, das Potential der Dinge) und Erzählschemata (die Jugend oder die Exorbitanz des Helden), literaturpsychologische (die Lust am Erzählen), theoriegeschichtliche Fragen (die Bedeutung Gérard Genettes) und grundsätzliche Rahmenbedingungen (Retextualisierung, ›schlechtes‹ Erzählen). Erste Beiträge werden in einem neuen Periodicum erscheinen: Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung. Hg. von Albrecht Hausmann/Anja Becker, deren 1. Heft für Oktober 2017 angekündigt ist: http://ep1.bis.uni-oldenburg.de/index.php/bme/index (15.5.2017).

 
3

Vgl. Fludernik, Monika: Towards a Natural Narratology. London 1996.

 
4

Vgl. Hübner, Gert: Erzählform im höfischen Roman. Studien zur Fokalisierung im ›Eneas‹, im ›Iwein‹ und im ›Tristan‹. Basel 2003.

 
5

Vgl. Stock, Markus: Kombinationssinn. Narrative Strukturexperimente im Straßburger Alexander‹, im ›Herzog Ernst B‹ und im ›König Rother‹. Tübingen 2002.

 
6

Vgl. Schmid-Cadalbert, Christian: Der Ortnit AW als Brautwerbungsdichtung. Ein Beitrag zum Verständnis mittelhochdeutscher Schemaliteratur. Bern 1985. Letztlich ließe sich diese Tradition bis zur ›Doppelweg‹-Debatte im Anschluss an Wilhelm Kellermann und Hugo Kuhn zurückverfolgen; vgl. dazu Schmid, Elisabeth: »Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung«. In: Friedrich Wolfzettel (Hg.): Erzählstrukturen der Artusliteratur. Forschungsgeschichte und neuere Ansätze. Tübingen 1999, S. 69–85.

 
7

Vgl. Schulz, Armin: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. Hg. von Manuel Braun/Alexandra Dunkel/Jan-Dirk Müller. Berlin/Boston 2012.

 
8

Vgl. Schulz, Armin/Hübner, Gert: Art. »Mittelalter«. In: Matías Martínez (Hg.): Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart/Weimar 2011, S. 184–205.

 
9

Vgl. Bleumer, Hartmut: »Historische Narratologie«. In: Christiane Ackermann/Michael Egerding (Hg.): Kultur- und Literaturtheorien in der Germanistischen Mediävistik. Berlin u.a. 2015, S. 213–274.

 
10

Vgl. Haferland, Harald/Meyer, Matthias (Hg.): Historische Narratologie – mediävistische Perspektiven. Berlin/New York 2010; Kragl, Florian/Schneider, Christian (Hg.): Erzähllogiken in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Heidelberg 2013.

 
11

Vgl. zu dieser Frage Kindt, Tom/Müller, Hans-Harald (Hg.): What is Narratology? Questions and Answers Regarding the Status of a Theory. Berlin/New York 2003.

 
12

Vgl. etwa Zeman, Sonja: »Vergangenheit als Gegenwart? Zur Diachronie des Historischen Präsens«. In: Petra Maria Vogel (Hg.): Sprachwandel und seine Reflexe im Neuhochdeutschen. Berlin/New York 2013, S. 236–256.

 
13

Vor dem »Mythos der ›Anfänge‹«, insofern er sich auf ein mit ihm beginnendes Kontinuum einer deutschen Literatur bezieht, warnt gleichwohl Haubrichs (Haubrichs, Wolfgang: »Althochdeutsche Literatur«. In: RLW 1 [1997], S. 61–65, hier S. 65). Vgl. dazu auch den Beitrag von Hartmut Bleumer in diesem Heft (doi: 10.1007/s41244-017-0051-9).

 
14

Vgl. für den literaturhistoriographischen Diskussionsstand den Titel des einschlägigen Teilbands der jüngsten detaillierten Literaturgeschichte: Haubrichs, Wolfgang: Die Anfänge: Versuche volkssprachiger Schriftlichkeit im frühen Mittelalter (ca. 700–1050/60). 2., durchges. Aufl. Tübingen 1995; von den »Anfänge[n] volkssprachlicher Schriftlichkeit« (als Kapitelüberschrift) spricht auch Kartschoke, Dieter: Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter. München 1990, S. 60; vgl. auch Sonderegger, Stefan: Althochdeutsch als Anfang deutscher Sprachkultur. Freiburg 1997.

 
15

Vgl. Kartschoke (wie Anm. 14), S. 11–16; Vollmann-Profe, Gisela: Wiederbeginn volkssprachiger Schriftlichkeit im hohen Mittelalter (1050/60–1160/70). 2., durchges. Aufl. Tübingen 1994, S. 14–22.

 
16

Für das um 1146 verfasste Werk trifft mutatis mutandis bereits zu, was von Contzen (wie Anm. 1) über den sonst so andersgearteten spätmittelalterlichen Erzählzyklus Geoffrey Chaucers schreibt: »Chaucer’s Canterbury Tales [...] are a tour de force of medieval genres and forms of narration: romance, fabliau, saint’s life, beast epic, allegory, sermon, de casibus tragedy; the pilgrims on their way to Canterbury offer a representative overview of the generic richness medieval authors could rely on and handle creatively« (S. 1). Vgl. dazu den Beitrag von Mathias Herweg in diesem Heft (doi: 10.1007/s41244-017-0058-2).

 
17

Vgl. Störmer-Caysa, Uta: Grundstrukturen mittelalterlicher Erzählungen. Raum und Zeit im höfischen Roman. Berlin/New York 2007.

 
18

Vgl. Mohr, Wolfgang/Haug, Walter: Zweimal Muspilli. Tübingen 1977; und Herweg, Mathias: »Anfang und Ende der Welt im Stabreim. Kosmologische Entwürfe der ältesten deutschen Literatur«. In: Marion Gindhart/Tanja Pommerening (Hg.): Anfang und Ende. Vormoderne Szenarien von Weltentstehung und Weltuntergang. Darmstadt 2016, S. 105–123 und 138f.

 
19

Klaus Kipfs Beitrag in diesem Heft (doi: 10.1007/s41244-017-0059-1) zeigt, wie unterschiedlich der altsächsische Dichter und Otfrid die zentrale Erzählinstanz profilieren und dass die ›Sprechhaltungen des Ich‹ trotz identischer Stoffbasis in den beiden umfangreichsten volkssprachigen Erzähltexten des Frühmittelalters geradezu diametral entgegengesetzt ausgestaltet sind. Erklärbar wird diese fundamentale narratologische Differenz durch unterschiedliche Haltungen der Urheber beider Dichtungen zur mündlichen Erzählkunst und durch die weitergehende Anlehnung Otfrids an die lateinische Schriftkultur seiner Zeit und damit an deren Erzählmodi.

 
20

Vgl. Kuhn, Hugo: »Gattungsprobleme der mittelhochdeutschen Literatur«. In: Sitzungsberichte der Bayer. Akademie der Wissensch., Phil.-hist. Klasse. Jg. 1956, H. 4. München 1956 (wieder in: Ders.: Kleine Schriften I: Dichtung und Welt im Mittelalter. Stuttgart 1959, S. 41–61).

 
21

Vgl. Stock (wie Anm. 5).

 
22

Vgl. hierzu im Ansatz den Beitrag von Mathias Herweg in diesem Heft sowie Ders.: »Geschichte erzählen. Die ›Kaiserchronik‹ im Kontext«. Ersch. In: ZfdA (im Druck).

 
23

Vgl. zur Anlage der Vorauer Sammelhandschrift Grubmüller, Klaus: »Die Vorauer Handschrift und ihr Alexander. Die kodikologischen Befunde: Bestandsaufnahme und Kritik«. In: Jan Cölln u.a. (Hg.): Alexanderdichtungen im Mittelalter. Kulturelle Selbstbestimmung im Kontext literarischer Beziehungen. Göttingen 2000, S. 208–221; Cölln, Jan: »Arbeit an Alexander. Lambrecht, seine Fortsetzungen und die handschriftliche Überlieferung«. In: ebd., S. 162–207.

 
24

Vgl. Becker, Anja/Mohr, Jan (Hg.): Alterität als Leitkonzept für historisches Interpretieren. Berlin/Boston 2012; Manuel Braun (Hg.): Wie anders war das Mittelalter? Fragen an das Konzept der Alterität. Göttingen 2013.

 
25

Vgl. Kartschoke, Dieter: Bibeldichtung. Studien zur Geschichte der epischen Bibelparaphrase von Juvencus bis Otfrid von Weißenburg. Stuttgart 1975.

 
26

Vgl. die Hinweise in den Anmerkungen zu den Beiträgen von Graeme Dunphy (doi: 10.1007/s41244-017-0057-3) und Mathias Herweg (doi: 10.1007/s41244-017-0058-2) in diesem Heft.

 
27

Vgl. neben vielen Stock (wie Anm. 5) und Schulz (wie Anm. 7).

 
28

Vgl. (ohne explizit narratologische Perspektive) Quast, Bruno: Vom Kult zur Kunst. Öffnungen des rituellen Textes in Mittelalter und Früher Neuzeit. Tübingen/Basel 2005; Prica, Aleksandra: Heilsgeschichten. Untersuchungen zur mittelalterlichen Bibelauslegung zwischen Poetik und Exegese. Zürich 2010.

 

 

Abstracts LiLi 2/2017

 

Stephan Müller

ik mideo dreuuet

Der vorliegende Essay versucht einige Besonderheiten der philologischen Frühmittelalterforschung gegenüber der philologischen Arbeit an Texten des Hoch- und Spätmittelalters zu profilieren. Die zentralen Thesen sind dabei: (1) Für das Frühmittelalter kann man auf ein Paradigma der Vollständigkeit setzen, während die Hoch- und Spätmittelalterforschung auf Praktiken der Selektion angewiesen ist. (2) Die Frühmittelalterforschung muss sich gegenüber ihren Gegenständen deutlicher und eindeutiger philologisch eingreifend positionieren, während die Hoch- und Spätmittelalterphilologie mit einer überzogenen Forderung nach philologischer Abstinenz zu kämpfen hat.

Schlüsselwörter

Philologie, Prosopographie, Kodikologie, Handschriftenüberlieferung, Althochdeutsch, Frühmittelaltergermanistik

 

ik mideo dreuuet

This essay strives to point out several characteristics which distinguish philological research on early medieval texts from methods used in working on high or late medieval literature. The key points are the following: (1) when dealing with the early Middle Ages, one can rely on a paradigm of completeness while research on high or late medieval texts depends on practices of selection. (2) Early medieval literature studies usually cannot refrain from reconstructing their texts by applying tools of textual criticism; in contrast, early and late medieval literary studies today are forced to struggle with excessive demands for philological restraint.

Keywords

Philology, Prosopography, Codicology, Manuscript Transmission, Old High German, Early Germanic Studies
 

Heike Sahm

»Die ich rief, die Geister …« – Kurzes Plädoyer für eine interdisziplinär integrierte Frühmittelaltergermanistik

Den Folgefächern der Germanischen Altertumskunde ist es aus einer Reihe von Gründen, darunter sowohl fachpolitische Forderungen als auch Stellenstreichungen, nicht gelungen, einen interdisziplinären Austausch zum Frühmittelalter in Europa an den Universitäten zu institutionalisieren. Die Folgekosten für diese Vernachlässigung sind hoch, wenn das frühe Mittelalter als zentrale Projektionsfläche für eine nationale Identität ideologisch beansprucht wird. Die Germanistik hat die gesellschaftliche Aufgabe, den aus der Fachkompetenz im Umgang mit den Sprachen, Literaturen und Kulturen des frühmittelalterlichen Europa abgeleiteten Deutungsanspruch gegenüber ideologischen oder esoterischen Vereinnahmungen zu behaupten.

Schlüsselwörter

Frühmittelalter, Altsächsisch, Fachgeschichte, Germanistik, Sachsen, Runologie

 

»The spirits that I called …« – Short Statement for Interdisciplinary Embedded Early German Studies

The subsequent subjects of German Ancient Studies have not succeeded from a row of reasons, under it specialised political demands as well as job cuts, in institutionalising an interdisciplinary exchange to the early Middle Ages in Europe at the universities. The consequential costs for this disregard are high if the early Middle Ages are claimed as central projection screen for a national identity ideologically. The German studies have the social task to maintain interpretation claim in dealing with the languages, literatures and cultures of early-medieval Europe compared with esoteric or ideological claims.

Keywords

Early Medieval Studies, Old Saxon, German Studies, Saxony, Runology

 

Winfried Rudolf

Uuaregat selfiu uuaregot – Persönliche Bemerkungen zu den anglo-deutschen philologischen Beziehungen einst und jetzt

Dieser Aufsatz widmet sich den wissenschaftlichen Anfängen der modernen Anglistik und Germanistik und ihrer wechselhaften Geschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Wurzeln beider Disziplinen im Nationalismus dieser Zeit haben zu künstlichen Abgrenzungen und wechselseitigen akademischen Vorbehalten geführt, die zum Teil noch immer anhalten. Ein neuer Ansatz für das Studium der alten Kulturen des nördlichen Europas wird notwendig, um sowohl das Fach als Ganzes wie auch seine einzelnen Teildisziplinen vor akademischer Marginalisierung und politischer Vereinnahmung zu bewahren.

Schlüsselwörter

Wissenschaftsgeschichte, Philologie, Frühmittelalterforschung, Altenglisch, Altsächsisch

 

Uuaregat selfiu uuaregot – A Personal Note on Anglo-German Philological Relations Past and Present

This essay explores the relation between the studies of early English and early German during the past two centuries. It outlines the gradual segregation between the modern philologies within the context of nineteenth-century nationalism and studies the cultural roots for prevailing prejudices on either side. Outlining common areas of research and integrative curricula it attempts to argue for a new perspective on Early Germanic Studies, one that overcomes the artificial boundaries between disciplines, in order to save the subject and its sub-disciplines from academic and political misappropriations.

Keywords

History of Science, Philology, Early Medieval Studies, Germanic Studies, Old English, Old Saxon

 

Roland Scheel

Anfänge ohne Archäologie: Zu Narrativierungsstrategien von Anfängen und Übergängen im hochmittelalterlichen Norden

Der Beitrag untersucht die Argumente, auf denen die Integration der im 13. Jahrhundert aufgezeichneten skandinavischen Texte in ein ›germanisches Altertum‹ beruht, und schlägt für die frühen Phasen der altnordisch-isländischen Literatur einen alternativen Ansatz vor. Während beispielsweise die Vorstellung, die eddische Poesie repräsentiere die frühmittelalterliche Kultur, auf der Annahme einer stabilen mündlichen, später unverändert und getreulich verschrifteten Überlieferung beruht, zeigt ein genauerer Blick auf die ältesten, volkssprachlich aufgezeichneten Texte, dass deren Autoren die mündliche Tradition sehr bewusst und sorgfältig wahrgenommen und Elemente des mündlichen Erzählens in ihre narrativen, von lateinischen Darstellungskonventionen geprägten Rahmenkonzepte aufgenommen haben. Die These des Beitrags lautet, dass die ›klassischen‹ Saga-Genres einen ähnlich kontrollierten literarischen Diskurs aufweisen, der – bedingt durch sozio-politische und intellektuelle Entwicklungen – die mündliche Überlieferung bewusst in einem vielstimmigen Diskurs nachahmt. Eine Literaturgeschichte als eine Geschichte von datierbaren Texten ist daher besser dazu geeignet, den Wandel in diesem Diskurs aufzudecken, als eine ›archäologische‹ Fixierung auf die hinter den Einzelgenres liegenden Traditionen.

Schlüsselwörter

Forschungsgeschichte, Sagaliteratur, Gelehrsamkeit, Latein, Historiographie, Skaldendichtung, Oral poetry, Prosimetrum, Kulturtransfer

 

Beginnings without Archaeology: Strategies of Narrating Beginnings and Transitions in the North During the High Middle Ages

The article investigates the arguments upon which the integration of texts written in 13th century Scandinavia into a Germanic ›antiquity‹ rests and proposes a different approach to the early stages of Old Norse-Icelandic literature. While the notion that for instance Eddic poetry represents early medieval culture is based upon the idea that oral tradition was stable and faithfully recorded in writing later on, a closer look at the oldest texts written in the vernacular reveals that the authors very consciously and carefully investigated oral tradition and integrated features of oral story-telling into narrative frames which are dominated by Latin conventionality. It is suggested that the ›classical‹ saga genres display a similarly controlled literary discourse, which due to socio-political and intellectual developments consciously imitates oral tradition in a many-voiced discourse. It is argued that literary history as a history of datable texts is more suitable for detecting change in in this discourse than an ›archaeological‹ focus on traditions behind single genres.

Keywords

History of Research, Saga Literature, Learned Literature, Latin, Historiography, Skaldic Poetry, Oral Poetry, Prosimetrum, Cultural Transfer

 

Hartmut Bleumer

Archäologie der Anfänge

Die Faszination des frühen Mittelalters hat sich in der Geschichte der Germanistik als wissenschaftliches Dilemma erwiesen: Eben jene Faszination, die zur historischen Reflexion auffordert, hat diese zugleich gebannt und den Raum für das ideologische Narrativ des sog. Germanischen eröffnet. Die genaue historisch-philologische Kritik hat dann jedoch nicht nur die Ideologie des Narrativs, sie hat zugleich auch das narrative Syntagma insgesamt aufgelöst, das die Faszination der Gegenstände wissenschaftlich legitimierte. Darum verschärft sich die postmoderne Krise der Germanistik noch einmal in der germanistischen Frühmittelalterforschung. Die These des Beitrags lautet, dass sich anhand einer Relektüre der Literaturgeschichte von Wolfgang Haubrichs ein Ausweg aus diesem Dilemma anbietet: Der konzeptionellen Leerstelle der Frühmittelalterforschung wird von Haubrichs nämlich über eine paradigmatische Schreibweise gefüllt, die beispielhaft einen archäologischen Prozess abbildet. Vermittelt über eine solche Archäologie könnte sich, jenseits der großen narrativen Syntagmen der Moderne, die Frage nach kleinen, paradigmatischen Narrativen an ihrem jeweiligen historischen Ort als ein hilfreiches Werkzeug der Frühmittelalterforschung erweisen: in einer Verbindung aus historischer Narratologie und Philologie.

Schlüsselwörter

Wissenschaftsgeschichte, Frühmittelalterforschung, Wolfgang Haubrichs, Literaturgeschichte, Germanistik

 

Archaeology of the Beginnings

The fascination for the early Middle Ages has proved to be a scientific dilemma in the history of German studies: this fascination necessarily has called for historical reflection, simultaneously subduing it and opening up a space for the ideological narrative of ›the Germanic‹. Historical-philological criticism, however, has not only dissolved the ideological narrative of the Germanic, but even the narrative as a syntagmatic structure, which legitimized the fascination for the early historic objects within scholarship. This is why the postmodern crisis of German studies even increases in early medieval studies. The present article argues that there is a way out of this dilemma by re-reading Wolfgang Haubrichs’ literary history: Haubrichs fills the conceptual Leerstelle of early medieval studies by way of a paradigmatic discursive writing, which exemplifies an archaeological process. This discursive writing may help to focus on small, paradigmatic narratives in their particular historical contexts. This kind of investigation on a microcosmic level may become a helpful general tool for early medieval studies, beyond the great narrative syntagms of modernity, that is, by combining historical narratology and philology.

Keywords

History of Science, Early Medieval Research, Wolfgang Haubrichs, Literary History, German Studies

 

Klaus Kipf

Erzähler und Autorinstanz im Heliand und in Otfrids von Weißenburg Liber evangeliorum

Sowohl der altsächsische Heliand als auch Otfrids Liber evangeliorum erzählen die Geschichte der Evangelien. Hinsichtlich der Ausgestaltung der primären Erzählinstanz verhalten sich beide Bibelepen jedoch gegensätzlich. Während der stabgereimte Heliand das ik des Erzählers ausschließlich in formelhaften Wendungen präsentiert, die der mündlichen germanischen Dichtung entstammen, erscheint das Sprecher-Ich bei Otfrid häufig und in vielfältiger Weise im Text und seinen Paratexten. Neben dem Dichter-Ich lassen sich die Sprechhaltungen des Predigers und des Betenden unterscheiden, die den sozialen Rollen des Autors, des Priesters und des Mönchs entsprechen. Die unterschiedliche Ausgestaltung der Erzählinstanz entspricht der unterschiedlichen Haltung, die der Heliand-Dichter und Otfrid zur mündlichen Dichtungstradition ihrer Herkunftskultur einnehmen.

Schlüsselwörter

Erzähler, Autorschaft, Mündlichkeit, Bibelepik, Narratologie

 

Narrator and Author in the Heliand and in Otfrid von Weissenburg’s Liber evangeliorum

Both the Old Saxon Heliand and Otfrid’s Liber evangeliorum recount the story of the Gospels. But the primary instance of narration is realized in opposite ways in these two Biblical epics. Whereas the alliterative Heliand uses the narrator’s ik only in formulaic collocations stemming from Germanic oral poetry, the speaker’s ih/ego in the Liber evangeliorum and its paratexts appears often and in multiple forms. Alongside a poet’s I we find the diction of the preacher and of the praying man. These speech forms correspond to the social roles of the author, the priest, and the monk. The different staging of the narrator in Heliand and Otfrid’s Liber evangeliorum correlates with their authors’ opposing attitudes towards the oral poetic traditions of their respective cultures of origin.

Keywords

Narrator, Authorship, Orality, Bible Epic, Narratology

 

 

Graeme Dunphy

Telling, Showing und Reminding: Darbietungsformen im Annolied

Das frühmittelhochdeutsche Annolied (ca. 1080) beinhaltet trotz relativ kurzen Umfangs überraschend viele heterogene Erzähleinheiten. Dies gelingt dadurch, dass die einzelnen Erzählungen kurz gehalten und mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit aneinandergereiht werden. Doch das Erzähltempo ändert sich und in den eher programmatischen Passagen verbindet sich ein langsamerer, bedächtigerer Duktus mit einer bildlicheren Darbietung, damit die Rezipienten sich in eine Szene in einer Art hineinversetzen können, die in den kursorischeren Passagen nicht möglich wäre. Mittels einer Anpassung der Kategorien Telling und Showing von Percy Lubbock bietet diese Abhandlung eine Möglichkeit, dieses Phänomen greifbar zu machen. In anderen Passagen hingegen beschleunigt sich das ohnehin rasante Erzähltempo des Annolieds so weit, dass nur noch Anspielungen auf Erzählmaterial angeboten werden. Die Kategorie Reminding wird hier analog zu Lubbocks Begrifflichkeit als Charakterisierung dieses kommunikativen Mechanismus eingeführt.

Schlüsselwörter

Annolied, Narratologie, Verbildlichung der Darbietung, Erzähltempo, Fokussierung

 

Telling, Showing, and Reminding: Narrative Pace in the Annolied

The Early Middle High German Annolied (ca. 1080), though relatively short, covers a surprisingly large and diverse range of narrative units. This is accomplished by keeping the individual stories short and moving through them at a dizzying pace. However, the narrative pace varies, with a slower tempo combined with a more descriptive style in some of the more programmatic narratives inviting the audience to feel their way into the scene in a manner not possible in the more cursory passages. This paper adapts the ›Telling‹ and ›Showing‹ categories of Percy Lubbock to offer a means of characterizing the phenomenon. By contrast, in some passages the already rapid narrative tempo of the Annolied increases to a point where the allusions are purely referential. By analogy with Lubbock’s terminology, the category ›Reminding‹ is suggested as a characterization of the way this communicates.

Keywords

Annolied, Narratology, Telling and Showing (Lubbock), Reminding
 
 

Henrike Manuwald

Intertextualität als Programm

Die Tobias-Dichtung des Pfaffen Lambrecht hat wegen der charakteristischen Mischung argumentativer und narrativ wirkender Passagen in der Forschung Irritationen erregt: Dem Werk mangele es an einer lebendigen Erzählweise. Dieser Beitrag sieht die Spezifik des (fragmentarisch überlieferten) Werks in der Art des Bezugs auf den biblischen Prätext gegeben, bei der der explizite Bezug zum Referenztext teilweise die direkte Vermittlung des Geschehens überlagert. Als Bezeichnung für ein solches Verfahren, das mit explizitem Bezug zu einem Referenztext eine ›storyworld‹ aufruft, aber nicht von Grund auf hervorbringt, wird ›derivatives Erzählen‹ vorgeschlagen.

Schlüsselwörter

Wiedererzählen, Intertextualität, Bibel als Hypotext, Derivatives Erzählen, Quellenberufung, ›storyworld‹

 

Programmatic Intertextuality

The Tobias poem by ›Pfaffe Lambrecht‹ displays a distinctive mixture of persuasive passages and passages that seem to be narrative in character. Due to this mixture researchers have criticized the work for its lack of vivid narration. This contribution argues that the design of the piece (which survives only in fragments) is determined by its specific relationship to the Biblical pre-text: the explicit references to the pre-text are sometimes foregrounded in such a way that they replace the direct presentation of the plot. ›Derivative narration‹ is suggested as a name for such a method, which explicitly draws on another text with its storyworld, but does not create a storyworld from scratch.

Keywords

Rewriting, Intertextuality, Bible as Hypotext, Derivative Narration, Reference to Sources, Storyworld
 
 

Mathias Herweg

Kohärenzstiftung auf vielen Ebenen: Narratologie und Genrefragen in der Kaiserchronik

Die Kaiserchronik (um 1147) stellt sich schon vor der Entfaltung höfischer Erzählliteratur als Sammelbecken narrativer Modelle und Möglichkeiten dar, die hier noch durch den Rahmen der Chronik legitimiert und organisiert sind. Narratologisch lässt sie sich als Erzählzyklus beschreiben, der Kohärenz auf drei Ebenen der histoire erzeugt: auf der Ebene des Rahmens durch die Sinnvorgaben des Prologs, auf der der einzelnen Abschnitte durch die oft genug nur von der Kaiserfigur (und von ihr nur oberflächlich) zusammengehaltenen Geschichten unterschiedlichster Stoff- und Genrekohärenz, schließlich innerhalb der Abschnitte auf der der Einzelepisoden, für die hier die Fabel vom Hirsch ohne Herz im Severus-Adelgêr-Abschnitt näher analysiert wird. Die Kaiserchronik wird so zum Modelltext nicht nur für die Historisierung narratologischer Konzepte bis in die Frühzeit volkssprachigen Erzählens, sondern auch für die Frage nach einer spezifischeren Narratologie historischen Erzählens.

Schlüsselwörter

Kaiserchronik, Märe, Narratologie, Chronistik, Chronik, Kohärenz, Emplotment, Zyklisches Erzählen, Serielles Erzählen

 

Coherence on Different Levels: Narratology and Genre in the Kaiserchronik

The Kaiserchronik (ca. 1147), though written before the emergence of courtly narrative literature, presents to its audience a wide pool of plot-types and narrative possibilities. It is, however, still legitimated and structured by the chronicle genre. From a narratological point of view, the text might be described as a cycle of stories creating and showing coherence on three levels: (1) level of the cycle, being integrated by the hermeneutics of the prologue; (2) level of the chapters, where the (often tenuous) unifying element of the disparate matters and genres is the vita of the respective Emperor; (3) level of episodes within the chapters, here exemplified by the fable of the Stag without Heart (Severe-Adelgêr-chapter). In this way, the Kaiserchronik offers a model not only for a historicized concept of narratology prior to the beginnings of German courtly literature, but also for a more specific narratology of historiographic narration.

Keywords

Kaiserchronik, Märe, Narratology, Chronicle, Narrative Coherence, Emplotment, Cyclic Narration, Serial Narration