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Heft 106




Thema: Technologischer Wandel in den Philologien

Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Klein und Brigitte Schlieben-Lange





Inhalt

Wolfgang Klein und Brigitte Schlieben-Lange
Einleitung

Helmut Schanze
»Unter den Hufen von Staat und Industrie«. Anmerkungen zur naturwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Rede über Technik und Technologie

Hartmut Schmidt
Plädoyer für eine moderne korpusbasierte deutsche Wortschatzforschung

Helmut Feldweg
Wörterbücher und neue Medien: Alter Wein in neuen Schläuchen?

Angelika Storrer
Grammatikographie mit Neuen Medien: Erfahrungen beim Aufbau eines grammatischen Informationssystems

Dietmar Zaefferer
Neue Technologien in der Sprachbeschreibung: Der Paradigmenwechsel von linearen P-Grammatiken zu vernetzten E-Grammatiken

Bernard Cerquiglini und Jean-Louis Lebrave
PHILECTRE: Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt im Bereich der elektronischen Philologie

Klaus Kreimeier
Authentizität und Fiktion. Strategien des Dokumentarischen in den technischen Bildern

Labor

Ilka und Dieter Hoffmann
Probleme des Literaturunterrichts in Rußland

Hanno Möbius
Die Schlußszene in der Novelle. Goethes Beitrag zum literarischen Tableau

Elisabeth Emter
»Man entgeht nicht der Technik, indem man die Physik verlernt«. Ein Plädoyer für interdisziplinäres Denken in der Literaturwissenschaft

Hans Lösener
Sprachtheorie als Anthropologie : Vom Dualismus des Zeichens zur Pluralität des Geschichtlichen

Angelika Führich
Topographie der Grenze in Kerstin Spechts Dramatik

Thomas A. Kohut
Wilhelm Busch: Die Erfindung eines literarischen Nationalhelden 1902-1908







Wolfgang Klein und Brigitte Schlieben-Lange

Einleitung


Auf der Klippschule lernt man, dass ein Wissenschaft durch ihren Gegenstand, ihre Ziele und ihre Methoden bestimmt ist. Auch lernt man, dass sich diese drei im Laufe der Zeiten ändern und dass sie in einem gewissen, freilich nicht leicht zu bestimmenden Zusammenhang miteinander stehen.
Der Gegenstand der Philologie ist der Sinn, der sich in gesprochenen und geschriebenen Worten niederschlägt. Dieser Gegenstand hat sich im Laufe der Geschichte zweimal gewandelt und auch wieder nicht. Der traditionelle Philologie, sei es in ihrem eher sprachwissenschaftlichen oder in ihrem eher literaturwissenschaftlichen Teil, befasst sich vor allem mit der geschriebenen Sprache. Das hat verschiedene Gründe. Antike Texte sind nur in dieser Form zugänglich. Die geschriebene Sprache wird für würdiger gehalten; ein Dialog des Euripides oder Bert Brechts ist ein edlerer Gegenstand und der Erforschung eher wert als eine wirre Wegauskunft oder der Klatsch unter Nachbarn. Zumindest im sprachwissenschaftlichen Teil hat sich dies zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zu ändern begonnen. Die Entdeckung der Lautgesetze, die Erforschung lebender Dialekte oder von Sprachen, die keine Schrift kennen, hat das Bild bereichert, allerdings nicht grundsätzlich geändert. Der zweite, diesmal den literaturwissenschaftlichen Teil stärker berührende Wandel gilt jenen Ausdrucksformen des Literarischen (des Geistes?), die man unter dem Wort »Neue Medien« zusammenfasst. Manche sehen in der Beschäftigung mit Film, Fernsehen, Hörspielen, Comics einen Bruch mit dem, was eigentlich die philologische Forschung ausmacht. Das ist verständlich, aber auch wiederum merkwürdig, denn es hieße, dass der Gegenstand durch eine besondere Ausdrucksform, Zeichen auf Papier, bestimmt ist, nicht durch das, was darin zum Ausdruck kommt und auch in anderer Weise zum Ausdruck kommen kann. Es ist ja nicht das geschriebene Wort, sondern sein Sinn, um den es geht.
Was die Ziele der Philologie sind, ist weitaus schwerer zu sagen. Das Verstehen, das Erklären, der gesetzeshafte Zusammenhang zwischen Ausgedrücktem und Ausdruck, die Ausdeutung des einzelnen Falles vor dem Hintergrund des individuell verschiedenen Wissens? Einigkeit besteht hinwieder, dass sich die Methoden dem Gegenstand anpassen und den Zielen unterordnen müssen. Eine historisch-kritische Ausgabe ist nicht das Ziel der Philologie, es ist eine Mittel, vielleicht das wichtigste, um das Ziel, wie immer dieses genau bestimmt sein mag, zu verwirklichen. Nicht ganz so ist dies mit einem umfassenden historischen Wörterbuch oder einer Grammatik; sie archivieren nicht nur die Fakten, die es zu analysieren gilt, sie sind selbst schon in hohem Masse Ergebnis der Analyse, damit zugleich aber auch materielle Grundlage für die weitere, detailliertere Forschung. Es ist nun eigentümlich, in welch hohem Masse wir diese methodischen Instrumente verabsolutiert haben. Eine historisch-kritische Ausgabe hat die Aufgabe, die verschiedenen Varianten eines Textes in seiner Entwicklung getreulich sichtbar zu machen, vielleicht mit dem weiteren und sicher oft fragwürdigen Ziel, hinter diesen Varianten, so wie sie uns zugänglich sind, den »eigentlichen« Text sichtbar zu machen. Dazu eignet sich das Papier schlecht. Die bewundernswerten Leistungen, bewundernswert ob des Fleisses und des Scharfsinns, die dazu aufgewendet wurden, verdunkeln diesen Umstand. Aber je reicher die Entstehungsgeschichte, je vielfältiger die Überlieferung, umso fragwürdiger wird die Entscheidung für einen Text, umso umständlicher wird, wo auf einen solchen verzichtet wird, die Darbietung der Varianten. Ideal wäre, wenn man alle Fassungen oder aber auch eine gerade interessierende Auswahl nebeneinanderstellen können, zeilen- oder spaltenweise, hinzu vielleicht Übersetzungen oder parallele Passagen aus anderen Teilen desselben Textes oder auch anderer Texte. Dies ist nun eines der wenigen Ideale, die sich inzwischen ohne ernsthafte Probleme verwirklichen lassen. Man muss bloss die Texte auf eine CD bringen und sie um einige »intelligente« Programme ergänzen. Ersteres ist eine reine Fleißarbeit. Letzteres ist nicht völlig trivial, aber es ist trivial gemessen an vielen anderen Dienstleistungsprogrammen, die es derzeit gibt, nicht zu erwähnen etwa die Hilfsprogramme, deren man sich in anderen Wissenschaften bedient. Sind historisch-kritische Ausgaben als Instrument der literaturwissenschaftlichen Philologie damit sinnlos geworden? Ja.
Dasselbe gilt zwar nicht in der gleichen, aber doch in vergleichbarer Weise für die im vergangenen Jahrhundert entwickelten und sogleich zu hoher Blüte gebrachten Instrumente der sprachwissenschaftlichen Philologie – die großen historischen Wörterbücher wie das Grimmsche Wörterbuch, die umfassenden Grammatiken in den verschiedenen »Grundrissen« und Gesamtdarstellungen: Brugmann-Delbrück, Paul, Gröber, um nur einige zu erwähnen. Es ist nicht ganz derselbe Fall, weil – wie bereits gesagt – in diese Darstellungen, insbesondere in die Grammatiken, aber durchaus auch in die Lexika, oft bereits ein hohes Maß an Analyse der reinen Fakten eingegangen ist. Aber zumindest insoweit sie einfach die Fakten zusammengetragen, geordnet und aufbereitet haben – und dies ist sicherlich die wichtigste ihrer Funktionen – läßt sich das, was sie leisten, sehr viel leichter, umfassender und nachprüfbarer, kurzum, wissenschaftlicher schaffen, wenn man die technischen Möglichkeiten ausnutzt, die uns heute zu Gebote stehen.
Im Prinzip zu Gebote stehen. Geschehen ist bislang wenig. Was wohl zusehends geschieht, ist die »Umstellung auf EDV«; dies heißt, daß man gewisse Arbeitsabläufe zu beschleunigen versucht. Es ist, als würde man nach Erfindung des elektrischen Lichts nun nicht die Gaslaternen abschaffen, sie wohl aber elektrisch anzünden.
Dieses Heft befaßt sich mit einigen der technischen Möglichkeiten, die sich heute dem Philologen bieten. Je zwei Beiträge sind der Lexikographie und der Grammatikschreibung gewidmet: Hartmut Schmidt plädiert für eine neue Form der lexikographischen Forschung, Helmut Feldweg zeigt am Beispiel eines schon weit entwickelten Projektes, wie sich diese Ziele umsetzen lassen. Dietmar Zaefferer zeigt die Vorzüge eines Systems deskriptiver »elektronischer Grammatiken«, in das nach und nach möglichst viele Sprachen weltweit eingebunden werden sollen, Angelika Storrer beschreibt am Beispiels des am »Institut für Deutsche Sprache« entwickelten Systems ›Grammis‹, wie sich eine Grammatik auf Rechner in der Praxis nutzen läßt. Dass nur ein einziger Beitrag direkt den neuen Möglichkeiten in der Literaturwissenschaft gewidmet ist, war nicht beabsichtigt; aber es ist auch kein reiner Zufall: im sprachwissenschaftlichen Teil ist die Entwicklung weiter fortgeschritten. Bernard Cerquiglini und Jean-Louis Lebrave berichten über das große Projekt ›Philectre‹, an dem derzeit sechs französische Forschungszentren aus Mediävistik, Literaturwissenschaft und Informatik kooperieren. Eingerahmt werden diese sechs Beiträge von zwei Aufsätzen, die das Verhältnis von Technik und Technologie in etwas unterschiedlicher Weise reflektieren. Die Beiträge von Helmut Schanze, einem der Pioniere auf diesem Gebiet, und des Medienforschers Klaus Kreimeier sind in ihrer Betrachtungsweise sehr verschieden, aber auch wieder in einem Punkte ähnlich: aus beiden wird sichtbar, wie sehr wir hinter den Veränderungen, die uns die technischen Entwicklung beschert, immer dieselben Themen, dieselben Motive, dieselben Fragen finden.


 






Helmut Schanze

»Unter den Hufen von Staat und Industrie«. Anmerkungen zur naturwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Rede über Technik und Technologie

The discourse of Literature and Literary Criticism on Technique and Technology. Some Remarks

Alfred Döblin's criticism of »futurist« positions gives insight into one of the crucial questions of »Literaturwissenschaft«; the relations between rhetorical and literary techniques and modern, industrial technologies. From Walter Höllerer's concept of »Language in the Age of Technology« to concepts of »Media History« Literary Criticism in Germany deals both with Technique as metaphor and metonomy. Traditionally, the »technical« discourse was marginalized. Critical equiry should apply insights of rhetorical theory as technology on the difference of arts and sciences, of »Worttechnik« and »Großtechnik«, and their reflection in literary criticism.


 






Hartmut Schmidt

Plädoyer für eine moderne korpusbasierte deutsche Wortschatzforschung

Plea for a modern corpus-based German lexicography

There is an eminent research tradition within German lexicography; Grimm's dictionary, the most impressive achievement of this scholarly work, was soon to become the model of many similar enterprises. But not only is it largely outdated by now (most entries are based on work of the 19th century): there is generally an increasing gap in German lexicographical research between what is needed and possible, on the one hand, and what is actually achieved, on the other. Several reasons for this unsatisfactory situation are discussed; the most important among these is probably that the actual practice of all larger enterprises in this field is still dominated by methods of the 19th century. The new edition of Grimm's dictionary, which was started in the Fifties, will probably never be completed, if continued as at present. The only way to overcome this unsatisfactory situation and to approach the standards reached in other countries would be a comprehensive corpus-based lexical enterprise with highly flexible task-specific software tools.


 






Helmut Feldweg

Wörterbücher und neue Medien:
Alter Wein in neuen Schläuchen?

Dictionaries and new media: old wine in new bottles?

Hardly any of the many electronical dictionaries that are now on the market was specifically designed for the new medium; as a rule, they are more or less mirror images of »paper dictionaries«. As a conseqence, only a fraction of the potential which the electronic medium offers is really exploited. This articles describes a research project, »Adapting Bilingual Dictionaries for On-Line Comprehension Assistence (COMPASS)«, in which available bilingual dictionaries are integrated into a higly adaptible and user-friendly retrieve system for lexical information.


 






Angelika Storrer


Grammatikographie mit Neuen Medien:
Erfahrungen beim Aufbau eines grammatischen Informationssystems

Grammatography and new media:
Experiences in the development of a grammatical information system.

In 1993, a research group at the Institut für deutsche Sprache (Mannheim) began to develop a Hypermedia grammar. It integrates components of the comprehensive Grammatik der Deutschen Sprache of the IdS into an interactive information system called GRAMMIS (»Grundlagen eines grammatischen Informationssystems«). After some background considerations, the design of the system is presented, and the functioning of some of the components is illustrated. Parts of its present version, Grammis-3, are also accessible via Internet. Practical experiences so far are very encouraging. The paper concludes with a discussion of future prospects.


 






Dietmar Zaefferer

Neue Technologien in der Sprachbeschreibung:
Der Paradigmenwechsel von linearen P-Grammatiken zu vernetzten E-Grammatiken

New technologies in the description of languages:
from linear P-grammars to interconnected E-grammars

Reliable linguistic research across languages is still seriously hampered by the lack of comparable descriptive grammars. Some of the problems could be overcome, or at least reduced, by a gradual transition from traditional »Paper-grammars« to interconnected »Electronic grammars« with appropriate software tools. The authors describes such a project which he jointly developed with Bernard Comrie, William Croft and Christian Lehmann.


 






Bernard Cerquiglini und Jean-Louis Lebrave

PHILECTRE: Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt im Bereich der elektronischen Philologie

Philectre: An interdisciplinary research project in electronical philology

The aim of Philectre, a major philological project in which six French research centers cooperate, is the development of techniques which make it possible to present and to consult the variation of medieval texts and of modern literary avant-textes. It includes possibilites of linking image and text, acoustic realization and encyclopedic information. Such a project, once realised, will not only escape the limitations (to one sense and to one text) of the printed text and thus of of traditional philology, it will also create modes of reading und hearing that are nearer to the original than was 19th century philology.


 






Klaus Kreimeier

Authentizität und Fiktion. Strategien des Dokumentarischen in den technischen Bildern

Authenticity and fiction:
Strategies of documentary representation in technical images

Documentary representation of reality is not an invention of the new media, nor are the emblematic and allegoric moments so prevalent in mediaeval or Renaissance art completely lost in the way in which these media present us the world. But there is a continuous shift towards higher authenticity, a shift, which, paradoxically enough, has now reached a point at which the media create their own reality.