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Lili - Heft 107

 


Walter Baumgartner

›Segen der Erde‹ im Kampf gegen den ›Bolschewismus der Poesie‹

Knut Hamsun und der Nobelpreis



Zusammenfassung/Summary

›Segen der Erde‹ against ›Bolschewismus der Poesie‹. Knut Hamsun and the Nobel Prize In 1920 Knut Hamsun received the Nobel Prize for Literature - explicitly for his novel Growth of the Soil. The process leading up to this decision is full of irony. Hamsun, a modernist, appeared suspect to the decidedly anti-modernist committee. Only his atypical rustic novel of 1917 wasappreciated as a »monumental« work of art, containing a »healthy« image of humans; it was hoped that the enfant terrible would continue to follow the path he finally seemed to have chosen. But Growth of the Soil is not as uplifting as the committee thought it to be (moreover, it became a cult novel of the Nazis). Nor did Hamsun's following novels live up to the anachronistic expectations of the Swedish Academy of the time. But considering the many questionable choices of the Nobel Prize committee, precisely Hamsun is an »undoubtedly major figure« (George Steiner) among the prize holders.

 

 

 


I. 

 

In einer Dokumentation zum Nobelpreis für Literatur 1901 bis 1982, die zu jedem Preisträger ein Foto, die Motivation der Schwedischen Akademie und die Laudatio wiedergibt, ist Knut Hamsun mit einem gut sichtbaren Abzeichen der norwegischen nationalsozialistischen Partei am Jackenumschlag zu sehen.1 Den Preis erhielt er 1920. Die norwegische NS-Partei wurde 1933 gegründet. Das Foto ist von 1943. Dieser Lapsus wird zum Skandal, wenn man, aufmerksam geworden durch das malplazierte Signal, die Laudatio des Akademiemitglieds Harald Hjärne genauer studiert. Sie zeigt einen penetranten protofaschistischen Zungenschlag. Vom Protagonisten des preisbelohnten Romans Segen der Erde heißt es da: »Die Arbeit des Schollenroders und ersten Siedlers mit all ihren Mühen erhält unter der Hand des Dichters ein Gepräge urzeitlichen heroischen Kampfes, der in keiner Weise hinter dem Dienst der mannhaften Selbstaufopferung für Waffenbrüder und Vaterland zurückbleibt.«2

Von wem und für was wurde Hamsun da vereinnahmt, fünfzehn Jahre bevor er im Zusammenhang mit der Debatte um den Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky in den Reihen der Nazis Position bezog und sich von ihnen vereinnahmen ließ? Wenn man dieser Frage nachgeht, stößt man sehr rasch auf weitere Ironien.

Zuerst ist festzustellen, daß Segen der Erde mit seiner Affinität zum Blut-und-Boden-Roman eigentlich ein für Hamsun atypisches Buch ist. Warum hat er ausdrücklich nur für dieses eine Buch den Preis erhalten? Gerade diesen Hamsun-Roman liebten die Deutschen des Dritten Reiches ganz besonders. In Formulierungen, die an diejenigen Hjärnes erinnern, pries Alfred Rosenberg den Autor und dessen Helden Isak: »Von keinem lebenden Künstler ist der mystisch-naturhafte Zug großartiger gestaltet worden [...]. Der ›Segen der Erde‹ ist das heutige große Epos des nordischen Willens in seiner ewigen Urform, heldisch auch hinterm Holzpflug, fruchtbringend in jeder Muskelregung, gradlinig bis ans unbekannte Ende.«3 Neuere Hamsun-Forscher lesen Segen der Erde allerdings anders als das Nobelkomitee und Rosenberg. Der Modernist und Ironiker Hamsun verleugnet sich trotz des gefährlichen Sujets - vielleicht auch trotz ›bester‹ Vorsätze, diesmal ein erbauliches Buch zu schreiben - auch in diesem Text nicht. Sein notorisch unsolidarischer fiktiver Erzähler unterminiert ständig die scheinbar erbauliche gegengeschichtliche und damals so verführerisch wirkende Botschaft. Die Siedler auf Sellanrå reproduzieren die inhumanen Verhältnisse der Welt, deren Gegenbild sie realisieren wollten; die Voraussetzungen, unter denen ihr Neuanfang hätte stattfinden sollen, sind, wenn sie nicht von Anfang an unrealistisch waren, am Ende des Romans in sich zusammengefallen, auch wenn Isak auf der letzten Seite noch einmal als barhäuptiger archaischer Sämann über seinen Acker schreitet. Es ist nicht zu übersehen, daß seine Aura empfindlich verletzt wird durch das tierische, haarige Aussehen, das ihm Hamsun - nicht nur an dieser Stelle - gibt. Segen der Erde ist keine Darstellung der Welt vor dem Sündenfall, auch wenn der Romantitel dies zu verheißen scheint4 - ein Titel übrigens, der erst in der Übersetzung ins Deutsche an Peter Roseggers Erdsegen von 1902 erinnert. Wenn Hamsun seine Bedeutung in der Weltliteratur aber als Modernist hat, ist es ironisch, wenn er den Nobelpreis für einen als antimodern mißverstandenen Roman erhielt, und dies im selben Jahr wie der nun wirklich antimoderne Carl Spitteler.

Eine weitere Ironie der Geschichte: Alfred Nobels Testament enthält die Bestimmung, daß der Literaturpreis an einen Schriftsteller vergeben werden soll, »der in der Literatur das Hervorragendste in idealischer Richtung produziert hat«.5 Was mit dieser Formulierung gemeint ist, wird heute noch diskutiert.6 Noch bis in die zwanziger Jahre hinein interpretierte die Schwedische Akademie idealisch im Sinne von erbaulich, affirmativ, antimodern, ethisch im christlichen Sinn. Nobel dürfte es ganz anders gemeint haben. Georg Brandes, der meistnominierte und auch im Jahre 1920 erfolglose Kandidat für den literarischen Nobelpreis7, erkundigte sich einmal bei einem Freund Nobels nach der Bedeutung des kryptischen Kriteriums. Die erstaunliche Antwort wird in ihrer Glaubwürdigkeit gestützt von etlichen Biographen Nobels: »Nobel war Anarchist; mit idealistisch [sic!] meinte er das, was eine polemische oder kritische Haltung gegenüber Religion, Königstum, Ehe und Gesellschaftsordnung als Ganze einnimmt.«8 Die dann aber herrschendeInterpretation verdankt sich dem konservativen ersten Ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie, Carl David af Wirsén, heute hauptsächlich noch bekannt als Widersacher Strindbergs und Zielscheibe von Strindbergs Spott. (Und wie hätte da Strindberg je den Nobelpreis erhalten können!) »Die Ironie der Geschichte läßt eine Akademie, die zielstrebig zu einem Bollwerk in einem provinziellen Kampf gegen Ideen und Sprache einer neueren Zeit geformt wurde, den Auftrag erhalten, den großen internationalen Literaturpreis zu verwalten.«9

 

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Schließlich noch eine Ironie. Die Gutachter der Schwedischen Akademie, die Hamsuns Werk unter die Lupe nahmen, sahen sehr viel besser als viele andere Leser, die damals Hamsuns ganzes Werk als Heimatkunst lesen wollten, seine Modernität, das Disharmonische seiner Kunst, das sie uns heute gerade interessant macht. Deshalb wurde ihm der Preis erst nach langem Zögern, und - unüblich - nicht für das Gesamtwerk, sondern nur für den einen Roman zugesprochen. Es geschah in der Hoffnung, daß er den Weg der Positivität und der antimodernen »Weisheit« weitergehe, auf den er endlich gefunden habe. Für die Mitglieder des Komitees muß es ein harter Schlag gewesen sein, als Hamsuns Roman des Preisverleihungsjahres erschien: nihilistisch, sarkastisch antihumanistisch unter dem Titel Die Weiber am Brunnen, mit einem Protagonisten, der mit seiner Kastratenexistenz ein Symbol für den Künstler sein soll! Dagegen ist es den alten Herren und Stützen der Gesellschaft nicht zum Problem geworden, daß Segen der Erde zum Kultbuch der Nazis wurde - viele von ihnen und aus dem Dunstkreis um sie zeigten in den dreißiger Jahren offen ihre Sympathien zum Naziregime...

Wenn man die Hintergründe der Entscheidung für Hamsun offenlegt, muß die damalige Kompetenz der Schwedischen Akademie als weltliterarischer Richterinstanz stark relativiert werden. Hamsun ist, wie die meisten der »Achtzehn«, in der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren. Sein Werk jedoch gehört der modernistischen Literatur des 20. Jahrhunderts an, während die Schwedische Akademie sich 1920 noch als Hüter der am wenigsten zukunftsweisenden Ideologien und Dichtungsauffassungen, bzw. verhängnisvollen Ideologemen des vergangenen Jahrhunderts gerierte.

Diese meine Behauptungen gilt es nun zu belegen. Ich will zeigen, welche Männer hinter der Entscheidung standen, welche literarischen Wertungen ihr zugrundelagen und wie der Entscheidungsprozeß verlief.

 


II. 

Gemäß den Statuten der Nobelstiftung, die als Interpretation des »unklaren Testaments« (Espmark) Alfred Nobels von 1995 entwickelt wurden, verwaltet die Schwedische Akademie den Literaturpreis und setzt dazu aus ihren Reihen ein Komitee von drei bis fünf Personen aus der Reihe der »Achtzehn« ein. Vorschlagsberechtigt sind Mitglieder der Schwedischen Akademie, anderer Akademien und vergleichbarer Institutionen sowie Universitätsprofessoren für Ästhetik, Literatur und Sprachen.10

Knut Hamsun wurde 1918, 1919 und 1920 vom norwegischen Reichsantiquar Harry Fett und 1918 vom norwegischen Landmandsforbund (Landmann-Verband) für den Preis vorgeschlagen, 1920 auch noch von Erik Axel Karlfeldt. In Kenntnis des Geschmacks der Adressaten versuchte Harry Fett in seinen Schreiben Hamsun zu einem Klassiker zu stilisieren: Er hob Segen der Erde hervor: »In seiner Einfachheit und seiner Klarheit findet sich meiner Meinung nach etwas vollständig Griechisches an der Schilderung, etwas gleichzeitig Episches und Lyrisches.«11 1920 preist er Hamsun mit Hinweisen auf »das spezifisch Nordische in seiner Dichtung«, das Naturgefühl und die Affinität zur Menschenschilderung in den altisländischen Sagas an und verweist außerdem auf den Weltruhm Hamsuns.

Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie war damals der Dichter Erik Axel Karlfeldt. Die »Achtzehn« des Jahres 1920 besaßen ein beachtliches Durchschnittsalter. Von Beruf und bürgerlichem Status waren sie Schriftsteller, Museumsdirektoren, Historiker, Sprach- und Literaturhistoriker, Richter und andere hohe Beamte, Bischof, Diplomat, Oberbibliothekar und Entdeckungsreisender (Sven Hedin). Vorsitzender des Literaturpreis-Komitees von 1913 bis 1921 war der Historiker Harald Hjärne, weiter gehörten ihm an die Schriftsteller Per Hallström und Erik Axel Karlfeldt sowie der Literaturhistoriker Henrik Schück und der Sprachhistoriker Essaias Tegnér. Die Komiteemitglieder schrieben Gutachten zu den Kandidaten oder gaben Expertisen in Auftrag. Das Komitee legte seine Vorschläge der Akademie zur Abstimmung vor.

1920 waren mit Hamsun die folgenden Kandidaten in der engeren Wahl: Grazia Deledda, John Galsworthy, Thomas Hardy, Georg Brandes, Carl Spitteler und die Norweger Hans E. Kinck und Arne Garborg. 1918 waren seine Konkurrenten neben einigen der noch 1920 Diskutierten: Peter Rosegger, Gustav Frenssen, Maxim Gorki, Gunnar Gunnarson und Henri Bergson. 1919 waren auch Hugo von Hofmannsthal und Arno Holz vorgeschlagen.

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1910 und 1911 hatte Strindberg in Schweden mit heftigen Ausfällen gegen reaktionäre Politik und Kulturpolitik, beginnend mit einem Artikel mit der Überschrift »Pharaonen-Verehrung«, eine ideologische Polarisierung zwischen sozialistischen politischen Kräften und moderner Literatur auf der einen, »Stützen der Gesellschaft« auf der anderen Seite ausgelöst bzw. sichtbar gemacht.12 Aus späterer Sicht bestätigt sich, daß Strindberg treffsicher gegen eine »geschlossene Front von Bürokratie, Königsmacht und Kirche« ankämpfte, »die sich gegen aufrührerische Tendenzen im Volk und in der Literatur richtete. [...] Es ist eine Tatsache von grandioser Absurdität, daß Schwedens größter Dichter [...] nie ein Stipendium oder einen Preis vom schwedischen Staat oder von der Schwedischen Akademie erhalten hat.«13 Die während der Strindberg-Fehde manifest gewordene Konstellation bestand noch 1920. Strindbergs Opponenten von damals gaben noch immer den Ton an, u.a. Sven Hedin, Per Hallström und der der Akademie nahestehende, doch erst 1922 berufene Fredrik Böök sowie der Nobelpreisträger von 1916, Verner von Heidenstam, deren konservative Haltung und Deutschfreundlichkeit während des Ersten Weltkriegs sie dann bald zu Sympathisanten der Nazis machen sollte.

Die ideologischen und ästhetischen Positionen des Nobelkomitees gehen sehr deutlich aus den negativen und positiven Argumenten in den Gutachten hervor. Zuvor doch noch eine kurze Charakterisierung der Akteure.

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III. 

 

Harald Hjärne(1848-1922) war ein außerordentlich einflußreicher und produktiver Historiker, Politiker und Hochschullehrer aus Uppsala, Mitglied des Reichstags von 1902-1908, Mitglied der Schwedischen Akademie seit 1903. Er verehrte Karl XII. und Bismarck und sah die wichtigste außenpolitische Aufgabe Schwedens darin, ein Bollwerk gegen Rußland zu bilden, weshalb er während des Ersten Weltkriegs prodeutsch war. Eine apologetische Schrift über »Harald Hjärne - ein Vorkämpfer des Christentums« von 1938 aus der Feder eines seiner Schüler holt aus bis in eine Polemik, die Hjärne mit Ausgangspunkt in Strindbergs Roman Am offenen Meer (1890) führte und in der er Naturalismus, Materialismus, Positivismus und Utilismus als christentumsfeindliche Bewegungen angriff. Seine Studenten habe Hjärne mit seiner »hohen Idealität«, seiner treuen vaterländischen Wehrhaftigkeit und seinem nie nachlassenden Kampf gegen den Mammonkult fasziniert. Lehren, die Hjärne aus der Geschichte zog, waren neben der Vorbildlichkeit der »echt germanischen Staatsordnung« und Karls XII., daß »die Losung der Reformation nicht war, um jeden Preis frei zu denken, sondern vor allem recht zu denken, unter größter Verantwortung«.14

Derselbe Verfasser hatte bereits 1922 in einer Monographie über Hjärne in einer Reihe »Die großen Männer« (wo Hjärne nach u.a. Sokrates, Goethe und Beethoven Band 13 gewidmet ist!) konstatiert, daß Hjärne der schwedischen demokratischen Verfassungsreform von 1918 mit ausgesprochener Skepsis begegnet war. Er sah »in der ›Demokratie‹ [sic!] etwas, das Machtmißbrauch mit sich brachte oder zumindest dazu verführte.« Anstatt Forderungen an den Staat zu konzedieren, sah er bei den Untertanen nur Pflichten und verlangte von ihnen Aufopferung. Das Stimmrecht wollte er mit der Militärdienstleistung verknüpft sehen. Zwar gehörte Hjärne nicht zu den »Aktivisten«, die dafür agitierten, daß Schweden an der Seite Deutschlands in den Weltkrieg eintrat, aber er hatte für diese mehr Sympathie als für deren Kritiker, die er als »Chauvinisten des Salonpazifismus, Wikinger der Abrüstung und Amazonen des Wehgeschreis« bezeichnete.15

Ist es unseriös, einen naiven Schüler Hjärnes zu zitieren? Eine umfangreiche, differenzierende Monographie über Hjärne bestätigt das Bild. Hjärne verknüpfte ökonomisch-liberalistisches Denken mit idealistisch-moralischem, patriarchalischem, royalistischem und militaristischem. Seine Kritik des Mammonkults zielte sowohl auf sozialistisches Anspruchsdenken als auch auf egoistische kapitalistische Bereicherung. Er war gegen Parlamentarismus, Demokratie, allgemeines Stimmrecht, organisierte Arbeiterschaft, Pressefreiheit, Parteien (gehörte aber ab 1914 der extremen Rechten an) und konnte diesen nicht aufzuhaltenden Errungenschaften allenfalls den Sinn abgewinnen, »dem Sozialismus die Kunden abzuwerben«.16 Er sah im Krieg und insbesondere in der Wehrbereitschaft gegenüber Rußland eine außenpolitische Notwendigkeit, sozialpolitisch aber ein nützliches Disziplinierungsinstrument im Dienste des Staates, wie er ihn verstand. »Der Krieg und die Verantwortung der Kriegsgefahr [...] haben eine bemerkenswerte Kraft, falschen Schein und Humbug aus dem Staatsleben zu verjagen«, schrieb er 1900.17 Und 1908 z.B. erwartete er von einem zukünftigen Krieg die Gesundung von demokratischen Tendenzen: »Dessen Stürme vermögen die Spreu vom Weizen zu sondern, [...] die starken, gesunden Willen von den schlaffen und wurmstichigen.«18 Den militärischen Institutionen käme auch in Friedenszeiten die Funktion zu, »die jungen Generationen zu Gesetzestreue und Rechtsverantwortung, Ordnungssinn und Pünktlichkeit, körperlicher Stärke und geistigem Gleichgewicht, energischem Willen und Widerstandskraft gegen böse Leidenschaften und Begierden zu erziehen«, meinte er 1914.19 1910 war er maßgeblich an der Gründung des Karolinischen Bundes beteiligt, der in den Jahren nach dem Generalstreik 1909 einen Karl XII.-Mythos im Kampf der alten Obrigkeitsgesellschaft gegen Demokratie und Schwächung der Königsmacht instrumentalisierte.20 (Ein fanatischer Sprecher des Bundes war Hjärnes Freund und Akademiekollege Sven Hedin.) Neben Königshaus und Militär baute Hjärne auf die Religion. Sie bereite »durch Glaubensleben, Andacht und Lehre den einzigen festen Grund [...] für die Aufrechterhaltung und Verbesserung der Sitten und die Unantastbarkeit des Pflichtbewußtseins.«21 Zu Hjärnes Gunsten ist allenfalls zu sagen, daß seine Schüler, die nach seinem Tod politischen Einfluß auf der konservativen Seite gewannen, von seinem Moralismus die Kraft gewonnen hatten, die - seit 1909 eben doch etablierte - schwedische Demokratie und Kulturtradition gegen den Nationalsozialismus zu verteidigen.22

 

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Der Wertehorizont Hjärnes war um 1920 klar anachronistisch, aber er teilte ihn mit der Majorität in der Schwedischen Akademie. Welche ästhetischen Positionen und welches Verständnis seiner Rolle in der Schwedischen Akademie sich mit seiner politischen Ideologie verbanden, soll noch in Schlaglichtern aus seinen Schriften sichtbar gemacht werden. Er war mit Carl David af Wirsén einer Meinung, was »idealisch« als Preiskriterium bedeuten sollte und sah die Aufgabe des Nobelkomitees wie dieser in der Bewahrung der Tradition »vom vaterländischen, religiösen und ethischen Gesichtspunkt aus, in«, wie Wirsén es 1901 formulierte, »einer Zeit, in der unter der Flagge der Schönheit oft unreine, ungesunde und unheilige Lehren eingeschmuggelt werden.«23 1910 und 1920 hat Hjärne kulturkritische Aufsätze veröffentlicht, die, ohne auf konkrete Beispiele einzugehen, seine Auffassung klar machen und zeigen, wie er auf die Moderne und auf gesellschaftskritische Kunst reagierte.

 

Es ist wahr, daß der äußere Zivilisationsapparat unsere Kräfte überstiegen hat, dessen Mechanismus zu nutzen und auszuhalten, daß wir nicht minder von den Fesseln der menschlichen Technik wie von denen der Natur behindert werden, daß der unerhört ausgeweitete Verkehr uns mit Massen vermischter und verwirrender Eindrücke überschwemmt, daß unsere Nerven gepeinigt werden von aufgezwungenen Sensationsneuigkeiten, Telefonanrufen und Straßenlärm usw. Es gereicht zur heilsamen Züchtigung, daß solche Wahrheiten betont und eingeschärft werden, [...] damit wir uns gebührend auf das besinnen, was wesentlich oder unwesentlich ist an den menschlichen Lebensgrundlagen. Die pessimistische Kulturkritik ist auf jeden Fall ein Gegengewicht gegen den flachen Optimismus.24

Die Situation der Moderne sieht er im Aufsatz »Kulturverwirrung« von 1920 in der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel gültig beschrieben:

Die Geschichte ist voller Kulturverwirrungen, vulkanischer Ausbrüche und ›Zusammenbrüche‹ zerborstener menschlicher Großindustrie im weitesten Sinne des Wortes, von überanstrengter Hetzjagd himmelstrotzender ›Unternehmer‹ auf dem Gebiet der materiellen und geistigen Arbeit [...]. Aber wenn der Herr das Haus nicht baut, arbeiten die vergebens, die daran bauen.25 1910 dankte Hjärne in einem Brief seinem Freund und Akademiekollegen Per Hallström für dessen Buch Skepnader och tankar: »Meine lebhafteste Sympathie: der Protest gegen alle quasimodernen (in Wirklichkeit [?] oft uralten) Sophismen, die aufgrund der Labilität unserer schwedischen Kultur so leicht ein zahlreiches, wenn auch nicht besonders [geistreiches?] Publikum um sich sammeln, vielleicht vor allem in unserer flatterhaften Hauptstadt.«26

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Per Hallström (1866-1960), Lyriker, Prosaist und Literaturkritiker, wurde 1908 in die Schwedische Akademie gewählt und war seit 1913 Mitglied des Nobelkomitees. Hallström entstammte einer großbürgerlichen Stockholmer Familie und war Chemiker, bevor er sich ganz der Literatur widmete. Eine neuere Literaturgeschichte konstatiert: »Daß sein Name zunehmend in Vergessenheit geraten ist, kann darauf beruhen, daß er nie ein richtig bedeutendes Werk geschrieben hat, das mit ihm verknüpft werden kann.« An seinen Novellen wird »die distinguierte Prosakunst« gerühmt.27 Vielleicht kann man ihn als J.P. Jacobsen-Epigonen charakterisieren. In die Strindberg-Fehde mischte sich Hallström ein, um Strindberg und die Initiatoren eines »alternativen Nobelpreises« für diesen zu diffamieren: »Er [Strindberg] hat über Tote und Lebende gelogen, alles, was häßlich, simpel und niedrig ist, wiederholt, wie es sein Verfolgungswahn im Laufe der Jahre an Beschuldigungen und häßlichen Märchen hervorgebracht hat. Er hat sein ganzes Inneres mit einer Rücksichtslosigkeit eröffnet, die nur im Druckfreiheitsgesetz ihre Grenze fand.«28

 

1888 bis 1890 arbeitete Hallström als Chemiker in Philadelphia und Newark. Sein Moderne-Schock, den er dort erfuhr, resultierte in Äußerungen über Amerika, die denen in Hamsuns Amerika-Buch von 1889 gleichen können: »Die zukünftigen Herren der Welt sind wahrscheinlich die Anglosachsen, dieses Volk von ordentlichen, egoistischen, heuchelnden Spießbürgern, die sich zur Übermacht hochgestohlen, -gearbeitet und -moralisiert haben. [...] Die anglosächsische Rasse ist die am wenigsten christliche von allen [...]. Sie ist jüdisch, hebräisch [...].«29 Hallströms Abscheu vor Heuchelei, Zynismus und Materialismus der Amerikaner prägte dann (wie bei Hamsun) seine von vornherein deutschfreundliche Einstellung während des Ersten Weltkriegs. 1919 veröffentlichte Hallström kulturkritische Essays unter dem Titel Kunst und Leben. Als Motto setzte er: »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.« Im Essay Stammesgefühl, datiert Mai 1918, spielt er amerikanische Kulturlosigkeit und bloß formal hochkultivierte französische Kultur aus gegen die »allesumfassenden Geister, die intuitiv aus der Welt der Ahnungen und des Gefühls neues Land in der Welt der Begriffe erobern, die kräftigen und reichen Persönlichkeiten«, die er bei den Germanen findet.

 

Unser äußerer Typ ist germanisch, unsere Sprache ist germanisch, unser tiefstes Ideal [...] ist die geistige Freiheit des Germanen, seine trotzig behauptete seelische Unabhängigkeit, sein Gefühl für innere Würde, die alle äußeren Dinge der Welt aufwiegen. Wir sind nicht geschaffen für amerikanische Vulgarität, für englische Arroganz und Gedankenträgheit, ebensowenig wie für französische Frivolität und französischen Formkult. [...] Es ist wahr, daß die Deutschen eine männlichere, fleißigere und zähere Rasse sind als die Kelten, und eine wahrere, ehrlichere, die erste auf der Welt in dieser Hinsicht.30

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»Deutschland war der gesundeste Staat der Welt«, heißt es in anderen Essays dieses Bandes.31 Nach Kriegsende ist Deutschland für Hallström der moralische Sieger gegen eine Übermacht aus »jesuitischer« Entente und Bolschewiken: »Combien étiez-vous de corbeaux contre l'aigle expirant«, zitiert er Alfred de Mussets auf Napoleon gemünztes Wort. Die Sozialisten haben in seinen Augen auch in Schweden Patriotismus und Ritterlichkeit dem Klassenkampf geopfert. Hallströms extremistische reaktionäre Rhetorik und Germanenideologie führten dazu, daß er 1922 aufhören mußte, in Dagens Nyheter zu publizieren; er beklagte sich darüber, daß man ihn dort zensuriert hatte! Sein jüngerer Akademie-Kollege Anders Österling beschreibt in seinen Memoiren Hallströms zunehmende Isolation - auch in der Schwedischen Akademie, die er doch als »sein geistiges Heim« betrachtete und deren Sekretär er von 1931 bis 1941 war. Hallström glich immer mehr einem alten Offizier [...]. Mit Bedauern mußten wir ja auch konstatieren, daß er, der eingeschworene Deutschlandfreund aus den Zeiten des Ersten Weltkriegs, sich ebenso für Nazideutschland engagierte und Hitler als einem neuen Napoleon huldigen konnte. Er freute sich über seine ersten Siege und beklagte bitter seine späteren Niederlagen.32

Erik Axel Karlfeldt (1864-1931) ist ein Lyriker, der wie Hallström seinen ästhetischen Ausgangspunkt in den neuromantischen 1890er Jahren hatte. Seine Lyrik ist robuster und volkstümlich-liedhaft, sie wird heute noch gelesen und geschätzt, wenn er auch in der Literaturwissenschaft umstritten ist.33 Er wurde 1904 in die Schwedische Akademie gewählt und war ihr Sekretär von 1912 bis 1931. 1931 erhielt er posthum den Nobelpreis für Literatur.

1919 hielt Karlfeldt eine Rede vor der Schwedischen Akademie, die die Rolle der Poesie nach dem Kriegsende zum Gegenstand hatte. »Unsere Zeit ist krank und seufzt nach Gesundheit. Es gibt größere Ärzte, doch laßt die Poesie, die Vertraute der Natur, darbieten, was sie vermag an heilenden Kräutern, bitteren und süßen. [...] Was ist ein Dichter? Er ist ein Verkünder der unvergänglichen Jugend des Lebens.«34 Karlfeldt pflegte die literarische Idylle als Weltflucht oder als Gegenmittel gegen eine schlechte Realität. Nur in dem Gedichtband Flora und Bellona, 1918, thematisiert er Krieg und Modernisierungsphänomene. Das gerät ihm dann zu nostalgischem, dümmlich-gehässigem Antikapitalismus, Antisozialismus und Antimodernismus, mit vielen Motiven übrigens, die wir bei Hamsun finden.35 Modernen künstlerischen Ausdrucksformen stand Karlfeldt ablehnend gegenüber, wie u.a. aus derselben Rede hervorgeht: »Doch ohne Zweifel ist die neue Poesie, die draußen in Europa mit starken Trompetenstößen ihren Einzug verkündet, auf Abwegen [...]. Selten ein Satz, noch weniger ein Sinn, Wörter, die umeinandertorkeln ohne Zusammenhang und Façon; ein Lexikon in Auflösung, Anarchie der Formlehre, Bolschewismus der Poesie.«36 Dem Maler Anders Zorn attestierte Karlfeldt ein »Lebenswerk zum Preis der Gesundheit in einer Zeit, die dazu neigt, mit ihrer Krankheit und Verquerheit zu prahlen.«37

 

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Henrik Schück (1855-1947) war Literaturhistoriker zuerst in Lund, dann in Uppsala und wurde 1913 Mitglied der Akademie. Schück war ein außerordentlich produktiver Forscher und ein Mann von großer Autorität - sein Schriftenverzeichnis umfaßt ca. 700 Titel, darunter mehrbändige Geschichten der Weltliteratur und der schwedischen Literatur sowie eine siebenbändige Geschichte der Schwedischen Akademie. Er war der einzige richtige Fachmann im Komitee, wenn auch nicht gerade ein Experte für moderne Literatur. Sein wissenschaftlicher Standort war geprägt von Taine, Hettner und Georg Brandes. Er kämpfte erfolgreich gegen moralisierende und ästhetisch spekulative Literaturbetrachtung an. Als Komparatist polemisierte er auch gegen die nationalistische Blickverengung seiner Zeitgenossen und hatte dabei in den 1890er Jahren sogar einen Verbündeten in Harald Hjärne.38 1907, in einem programmatischen Aufsatz über die Methoden der Literaturwissenschaft, dürfte sich Schück aber in seiner Vorurteilslosigkeit sehr weit von seinen Akademiekollegen entfernt haben, wenn er - jedenfalls diese Kreise provozierend - schreibt: »Betrachten wir die schwedische Literatur unserer Tage, dann scheint es mir unbestreitbar, daß sie stärkere Eindrücke von ausländischen Autoren wie Darwin, Spencer, Zola und Ibsen empfangen hat als von der großen Schar Reimschmiede, die zur schwedischen Literatur gerechnet werden.«39 Die philosophische Prämisse hinter seinem Empirismus war linkshegelianisch, antimetaphysisch und, was sich auch in seinem literarischen Geschmack äußerte, durchaus antitraditionalistisch: »Die Literaturgeschichte hat die Aufgabe, zu schildern, wie der Mensch sich zu immer größerem Reichtum seiner Bestimmungen entwickelt, wie immer mehr Ideen zum Bewußtsein kommen, wie die eine Schranke nach der anderen, die das Vorurteil seinem Handeln setzte, fällt«, schrieb er 1881 in seiner Licentiatsabhandlung.40 (Er war bereits 1906 als Akademiemitglied nominiert, Oscar II. aber legte persönlich, wahrscheinlich auf Betreiben Wirséns, sein Veto gegen die Wahl ein!41) Im Programm von 1907 grenzt er eine philologische, eine ästhetische und eine historische Diziplin voneinander ab. Dabei hat die historische, und das ist die, der er sich widmete, die Aufgabe, »die geistige Kulturentwicklung des Volkes aus der Entwicklung der Literatur abzulesen.«42

 

Schück beteiligte sich nicht an der Strindbergfehde und exponierte sich, so weit ich sehe, auch nicht parteipolitisch oder mit außenpolitischen Stellungnahmen. Zwar ebenfalls »ein Sohn des bürgerlichen 19. Jahrhunderts«43, hob er sich von dem ansonsten bemerkenswert homogenen ideologischen Konsens des Komitees und der Akademie als ganzer ab. Wir werden denn auch sehen, daß er ein Sondervotum in die Komitee-Diskussion einbrachte: Er wollte den Nobelpreis dem gesellschaftskritischen, während des Ersten Weltkriegs sehr deutschlandkritischen Georg Brandes44 anstatt dem reaktionären Deutschlandfreund Knut Hamsun zusprechen.

 

Im Komitee saß auch Esaias Tegnér (1843-1928), Sprachforscher und Orientalist, Chefredakteur des großen Wörterbuchs der Schwedischen Akademie, der er seit 1882 angehörte. Er scheint 1920 keinen großen Einfluß auf die Nobelpreisvergabe genommen zu haben, doch er paßt insofern ins Bild, als Anders Österling »den alten, liebenswürdigen Tegnér« als »den großen Traditionsbewahrer vor allen anderen«45 bezeichnet. Er gehörte noch ganz der Ära Wirsén an, während Schück angefangen hatte, das Kriterium »idealisch« etwas liberaler auszulegen46.

Die Ideologie der kompakten Majorität, die über den Nobelpreis entschied, ist die der Konservativen Revolution. Ästhetisch allderdings dominierte ein Neoklassizismus, »der große Stil«47, der sich nur ungern mit der Heimatkunst verband, aber dort durchaus brauchbare Ingredienzen zu finden vermochte. Mit anderen Worten: lieber Carl Spitteler als Knut Hamsun, aber Hamsuns Roman konnte als »monumental« gewürdigt werden, und das häufigste als ästhetisch ausgegebene Kriterium »gesund« (gemeint ist damit antimodernistisch) schien auf ihn zu passen.

 

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IV. 

 

Wie verlief nun der Entscheidungsprozeß? Man würde meinen, daß Hamsun, der in seinen Zeitungsartikeln und - oberflächlich gesehen - in seinen Romanen so viele Antipathien und gegengeschichtliche Träume mit der Jury teilte, ein problemloser Kandidat für den Nobelpreis gewesen sein müßte. Er hatte sich während des Krieges entschieden auf die Seite der »Germanen« gestellt und die Anglosachsen verhöhnt. Er kritisierte Tourismus, Konservenbüchsen-Essen, Schweizer Demokratie usw.48 Meine Dokumente zeigen jedoch nirgends, daß man Hamsuns politische Journalistik in die Bewertung einbezogen hätte. Da Politisches aber in anderen Fällen - u.a. bei Spitteler - durchaus eine Rolle spielte, nehme ich an, daß es auch in Hamsuns Fall zum Tragen kam, auch wenn die schriftlichen Zeugnisse explizit nur auf literarische Werte Bezug nehmen.

Das erste Gutachten zu Hamsun verfaßte Per Hallström. Er beginnt mit der Feststellung, daß man aus der Jugendzeit dieses Dichters mit ungewöhnlicher Deutlichkeit ablesen könne, wie Umgebung und Lebensumstände seine »eigenartige und ausgeprägt ursprüngliche Begabung« beeinflußt habe. Hallström beschreibt Hamsuns frühe Biographie - u.a. Straßenbahnschaffner und Landarbeiter in Amerika - mit spürbarem Befremden als »abenteuerlich«. Und es gebe da eigene Andeutungen Hamsuns über »noch unbeständigere und ausschweifende Erfahrungen«. 1888 sei dann Hamsuns Dichterpersönlichkeit »fertig«: »Der Grund in seiner Auffassung vom Wert des Lebens und der Menschen scheint eine entscheidende Qualität angenommen zu haben während dieser harten, abenteuerlichen Wanderjahre in den unkultivierten und sogar rohen Verhältnissen, mit denen seine eigentümlich starke und fruchtbare Künstlerphantasie zu kämpfen hatte.« Das Resultat sei eine proletarische Vagabundenromantik, wie man sie bei dem »von allen Banden gelösten vierten Stand« im Industriezeitalter finde, und wie sie in vieler zeitgenössischer Literatur verherrlicht werde: »Etwas, das man vielleicht Naturschurkerei nennen kann, eine Zusammensetzung aus feigem und leichtsinnigem Kulturverrat und plattem Kult des letzten Wortes der Naturwissenschaft über das Wesen des Menschen. [...] [Man] verachtet das mit Anstrengungen und Disziplin Erworbene.« Hallström nennt hier keine Namen, aber er denkt vielleicht an Upton Sinclair und an den schwedischen Arbeiterdichter Martin Koch, der 1916 das Establishment mit einem Roman über die Sozialisierung eines Verbrechers geschockt hatte. »Diese Charakterausprägung entbehrt nicht des Stils, aber läßt Würde vermissen. Zumindest tritt dies sehr scharf zutage in der hamsunistischen Transponierung, und weiter brauchen wir die Analyse nicht zu treiben.« Hamsun habe sich stark, aber nicht tief von Dostojewski beeinflussen lassen, um »Schwimmkünste von verblüffender und unterhaltsamer Art« machen zu können, und er sei der »psychologischen Analysierungsmanie« des Russen verfallen. Dazu komme Hamsuns »Amerikanismus, nämlich die muntere und groteske Komik, die in der Neuen Welt Humor genannt wird.« Hamsuns Amerikabuch bezeichnet Hallström als oberflächlich, was den Amerikanern aber gerade recht geschehe. An Hamsuns Durchbruchsroman Hunger rühmt Hallström den traumähnlichen, raschen Stil, aber er bemängelt, daß man nicht richtig wisse, »wieviel der Mann [der Protagonist] wert ist«, und daß er in widerwärtige und unwahrscheinliche Liebesabenteuer verstrickt sei. Mysterien sei ein Sammelsurium, eine Demonstration aller formalen Ressourcen des Dichters. Was den Inhalt betrifft, sei - und da hat Hallström recht - Mißtrauen angebracht. Hier habe der Nietzscheanische Größenwahn eine von Natur aus scharfe und lebhafte Intelligenz ohne Boden unter den Füßen und ohne Schulung angesteckt. Der Romanheld führe sich ungefähr so auf, wie man es im Traum tut, und hier solle man das nun ernst nehmen! Hallströms Hamsun-Lektüre ist scharfsinnig, seine Beobachtungen sind treffend. Seine Irritation ist von Hamsuns provokativer Schreibe aus geplant, und kluge spätere Leser wie etwa Leo Löwenthal49 und Peter de Mendelssohn50 haben Hamsun Ähnliches vorgeworden. Nur daß hier textintentional kritische Appellfunktionen und Eigenschaften des »Helden« für positiv gemeinte Ansichten des Autors gehalten werden und man sich genötigt sieht, diesen dafür zu kritisieren. Die positivistische und biographistische Wertebilanzierung an der Textoberfläche und die Erwartung eines vorbildlichen Romanhelden greift bekanntlich spätestens seit Flaubert zu kurz. Vieles allerdings ist bei Hallström reines Geschmacksurteil und Abwehrreaktion des provozierten vornehmen Herrn.

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An Pan rühmt Hallström die Naturbeschreibungen, die schönen Bilder des nordischen Sommers, die Stimmungskunst; die Liebesgeschichte findet er effekthascherisch bizarr, Ausdruck eines »zweifelhaften Geschmacks«. Auch in Hamsuns Drama Spiel des Lebens vermöchten die Liebesgeschichte mit einer »perversen Nymphe« und »die übrigen Verirrungen junger Damen« den Leser nicht zu engagieren. »Die erotische Manie des Dichters kommt übrigens [im Drama Tamara] recht geschmacklos zum Ausdruck in der Schilderung der orientalischen Frauenwelt«. Victoria findet Hallström schön, aber anders als viele Bewunderer dieser Love Story erinnert ihn die Handlung - völlig zurecht - an Marlitt! Eine Zwischenbilanz lautet: »Die Grundschwäche des Dichters: Seinem seltenen stilistischen Talent entsprechen nicht seine geistige Reife und menschliche Größe.«

 

Die sog. Wandererbücher - auch sie viel bewundert und beraunt als Naturmystik - schätzt Hallström wieder wegen ihrer Naturstimmungen. Aber er überliest nicht, wie viele andere Leser, die voyeuristische und tatsächlich abstoßende Erotik des Protagonisten.51 Weil er diesen mit dem Autor identifiziert, muß Hallström Hamsun einen »vollständigen Mangel an Würde« vorwerfen, die er allerdings mit dem modernen Roman überhaupt teile: »Das kleinlich forschende Detailinteresse für banale oder geradezu vulgäre Dinge. Der Dichter wird zum Spion an Privatpersonen.« (Das haben Hallström und viele andere Strindberg immer vorgeworfen!)

Hallström handelt gewissenhaft alle Bücher Hamsuns ab. Gerühmt werden regelmäßig Hamsuns Stilkunst und seine Naturschilderungen. Die durchgehende indignierte Abstandnahme von »widerwärtiger Perversität« usw. in den Romanhandlungen gibt dem gesamten Gutachten indes ein entschieden negatives Gefälle. Wichtig ist auch die literarische Norm Hallströms, daß ein Romanprotagonist ein nicht nur realistisch wahrscheinlicher, glaubwürdiger Held (ein ›mittelschlächtiger‹ Held, sagte man im deutschen poetischen Realismus), sondern auch ein ethisch vorbildlicher und tiefer Charakter sein müsse. Das ist eine Norm, die Hamsun natürlich nicht erfüllt, so daß seine stilistische Virtuosität als an unwürdige Gegenstände verschwendet erscheinen muß: »Benoni lebt mit großer Anschaulichkeit, und die nicht gerade großen Tiefen, die sich in ihm verbergen, werden mit der gründlichsten Gewissenhaftigkeit ausgemessen. [...] Der Unterschied zwischen wesentlich und unwesentlich ist dem Dichter höchst dunkel, und unglaublich grobe und geschmacklose Partien breiten sich in großer Saftigkeit aus.« Die Entschlüsselung der Hamsunschen Ironie und impassibilité, die Semantisierung formaler Arrangements - des »lose Komponierten« und der fehlenden »Einheit der Handlung« durch einen geneigten (oder modernistisch geschulten) Leser - ist nicht Hallströms Sache, ebensowenig wie die Ermittlung einer komplexen Textintentionalität, die nicht direkt mit der Autorintention und der Person Hamsuns verrechnet werden kann.

Das ist Hamsuns gesundestes und klügstes Buch, [kein anderes] ist so ganz und so geschlossen durchgeführt. Keines weist auch dieselbe schöne Menschlichkeit auf. [...]Der Held ist so anspruchslos wie möglich gehalten, seine ganze Beredtheit liegt in seinen Armen und im ehrlichen, stummen Willen. Er überschaut nicht viel, durchschaut nichts, er ist grob und zähe, aber es gibt nichts Unechtes an ihm, er ist ein Stück solide Männlichkeit, ein Eckstein unter dem Bauwerk des Menschenlebens. [...] Der alternde Dichter scheint nach all den Abenteuern und all dem Spiel endlich zu einer Wertung des Lebens gelangt zu sein, zu einer objektiven Perspektive, die nicht frivol oder kalt ist. Hallström zweifelt jedoch daran, daß sich bei Hamsuns Temperament diese neuerrungene »Vortrefflichkeit« als dauerhaftes Resultat erweisen werde.

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Er faßt jetzt zusammen, betont noch einmal Hamsuns stilistische Virtuosität, rügt seine Komposition, die meistens einen »Kompromiß zwischen Unnatur und Realismus« zeige, und tadelt Hamsuns »unzusammenhängendes und ziemlich frivoles Ideenleben«, das er auf seine »unzureichende Bildung und vielleicht noch mehr auf eine unbeständige und ungeschulte Persönlichkeit« zurückführt. Die Schlußfolgerung ist eindeutig und vernichtend: Es ist eine vollständige Verantwortungslosigkeit in seiner munteren oder desperaten Ungebundenheit. Er hat denn auch vor allem als eine anarchische Kraft gewirkt, und das ideelle Ziel, das zu krönen die Aufgabe des Nobelpreises ist, dürfte er selbst nie als berechtigt angesehen haben. Er hat mehr oder weniger brillant, oft aber auch künstlerisch verfehlt die Motive ausgeführt, womit ihn ein reiches und unruhiges Phantasieleben ausgerüstet hat, ohne damit anderes zu wollen, als eine neue Form zu finden und eine neue, suggestive oder verblüffende Wirkung zu erzielen. Es scheint nicht angebracht, daß einem solchen Experimentieren als Selbstzweck der Wert einer literarischen Großtat zuerkannt wird.

Damit war 1918 der Fall klar. Auf der Vorschlagsliste standen noch Peter Rosegger und Gustav Frenssen, beide begutachtet von Hallström. Sie werden mit Sympathie besprochen, doch künstlerisch zu leicht befunden. Rosegger läßt die »Vollendung der Form [vermissen], die plastische Begabung [...] ist nicht stark genug, um die strengen und geschlossenen Linien zu geben, die allein der Dichtung Monumentalität geben.«52 Frenssen wird von Hallström mit Jeremias Gotthelf verglichen. »Jörn Uhl [zeigt] die Schönheit und Größe im einfachen Heroismus des guten Willens, die poetische Kraftfülle der Männlichkeit und der Tatkraft.« »Das deutsche Volk in seiner größten Zeit besitzt in Frenssen einen Beobachter, der den richtigen Gehalt seiner Überlegenheit vortrefflich versteht.«53

Die Normen des Komitees werden weiter deutlich, wenn man die Gutachten zu den übrigen Kandidaten studiert. Gunnar Gunnarsson entbehrt »des monumentalen Maßes und der geistigen Überlegenheit, die wohl doch das Werk eines Nobelpreisträgers prägen sollten.«54 Maxim Gorki beherrscht die große Form ebensowenig wie Dostojewski und Tolstoi [!]. Er gilt, wie Hamsun, dem Komitee als »anarchische Kraft« und ist damit disqualifiziert.55 Über Carl Spitteler gibt es seit 1912 positive Gutachten. Hallström hatte schon 1913 geschrieben, daß kaum zu erwarten sei, daß ein nur annähernd Ebenbürtiger sobald in der modernen Literatur auftauchen werde. 1915 bekam das Komitee allerdings ein Problem mit Spitteler, weil sich dieser kritisch zur Neutralitätsverletzung Belgiens durch die Deutschen geäußert hatte, »mit einer ansonsten nicht beabsichtigten Spitze gegen Deutschland«, was allerdings menschlich entschuldbar sei. 1918 konkludiert Hallström: »Spitteler erscheint, zumindest wenn man an den Olympischen Frühling denkt, immer entschiedener als der eigentliche Skalde in der zeitgenössischen deutschsprachigen Dichtung.«56 Zu Bergson lagen seit 1912 Gutachten vor, er erhielt den Nobelpreis 1927. Der französische Philosoph war laut einem Gutachten von 1914 gut für die Überwindung des »abscheulichen und trostlosen Kreisens des Naturalismus« und anderer »niedrigerer Richtungen im Denken der Gegenwart und der unmittelbaren Vergangenheit«, aber er lasse es an Wissenschaftlichkeit fehlen.57

Neben Georg Brandes, Yeats, Deledda, Juhani Aho und einigen Kandidaten, auf die wir hier nicht einzugehen brauchen (16 insgesamt), waren 1918 noch zwei Mitglieder der Schwedischen Akademie vorgeschlagen: Erik Axel Karlfeldt und Harald Hjärne! In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Komitees legte Harald Hjärne ein zusammenfassendes Gutachten für alle Kandidaten vor, laut dem nur Spitteler alle Stimmen im Komitee auf sich vereinen könne, »wenn der Preis überhaupt ausgeteilt werden soll«. 1918 wurde der Nobelpreis nicht vergeben. 1920 erhielt Carl Spitteler rückwirkend für das Jahr 1919 den Nobelpreis zuerkannt. Spitteler wurde damit u.a. Galsworthy, Gerhart Hauptmann, Arno Holz und Hugo von Hofmannsthal vorgezogen.

1920 standen wieder 16 Kandidaten zur Wahl. Aus Norwegen neben Hamsun noch der ihm fast ebenbürtige, aber im Ausland nie bekannt gewordene Hans E. Kinck und der in den 90er Jahren von der Freien Bühne zu Recht gefeierte Naturalist Arne Garborg.58 Hallström schrieb ein neues, vergleichendes Gutachten zu Hamsun und Garborg. Hier sind noch einmal drei Seiten Hamsun gewidmet. Hamsun sei mit Segen der Erde unterdessen zum gefeiertsten und bewundertsten lebenden Dichter Norwegens geworden; für die Schwedische Akademie sei damit jedoch die Frage nicht entschieden, es gebe andere Gesichtspunkte als den bloßen Erfolg. Hamsuns angeborene Begabung weise beträchtliche Schattenseiten auf. »Eigentlich hat dieses große Talent erst mit Segen der Erde ein solides Werk zustandegebracht, ein konsistentes, objektives und wahres Lebensbild gegeben.« Hamsuns »kühner Modernismus« baue ansonsten »oft auf einer denkbar gehaltsarmen, oberflächlich glitzernden Romantik auf.« Er verdrehe die Welt aus Effekthascherei, »nur in seinem letzten Werk ist er gesund.« Abschließend schreibt Hallström: »Man möchte die Gewißheit haben, daß Hamsun die Absicht hegt, auf seiner so glücklich und spät entdeckten Weisheit weiterzubauen, bevor man ihm eine Auszeichnung schenkt, die seine ganze, so oft bedenkliche Produktion zu einem preiswerten Lebenswerk erhebt.« Ohne ganz deutlich zu werden, scheint Hallström Garborg vorzuziehen. Ihm sind die letzten Sätze des Gutachtens gewidmet. Auch bei Garborg sind »Verirrungen« zu konstatieren. Aber sie entspringen einem Zug, der Hamsun total aberkannt wird, »einer im Ganzen rücksichtslosen und brennenden Liebe zur Wahrheit, die, was sie auch zu verkünden haben mag, als eine starke ideelle Macht anerkannt werden muß.« (Mit genau dieser Argumentation kämpfte Schück vergeblich um den Preis für Georg Brandes.)

 

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Man kann sich jetzt wundern, wieso Hamsun überhaupt zum Nobelpreis kam. Kjell Espmark in seiner Monographie59 und Dag Nordmark in einem Aufsatz mit dem Titel »Akademische Qualen und Hamsuns Triumph«60 meinen, daß die Akademie nach zwei Jahren ohne Preisausteilung unter Handlungszwang stand, daß aber aus außenpolitischen Rücksichten ein Skandinavier am opportunsten gewesen sei. Hamsuns Position wurde dadurch gestärkt, daß Erik Axel Karlfeldt jetzt noch als Vorschlagender zugunsten Hamsuns auftrat. Und Harald Hjärne, der Vorsitzende des Komitees, machte sein Gewicht geltend. Um Hallström zu gewinnen und um der schweren Verantwortung gerecht zu werden, aber auch, um bei der herrschenden positiven Stimmung im Komitee zugunsten von Georg Brandes nicht doch noch diesem den Preis geben zu müssen, fand Hjärne eine salomonische Lösung. Sie bestand darin, Hamsun ausdrücklich nur für das eine Werk, Segen der Erde, zu belohnen. Dieses Verfahren wurde dann auch bei Spitteler gewählt, dem der Preis nur für Olympischer Frühling zugeteilt wurde.

Hjärnes Sammelgutachten 1920 war inklusive einer ausführlichen Einleitung, in der diese Probleme diskutiert werden, diesmal umfangreicher (11 Seiten). Georg Brandes fertigt er als Plagiator ab. Hans E. Kincks »fast menschenfeindliche Schilderungen des norwegischen Volkslebens wirken mit ihrer eigentümlichen Kraft so abstossend und erdrückend, daß sie gewiß keine besondere Auszeichnung und Belohnung verdienen.« Bei Hamsun nimmt er Bezug auf Hallströms negative Gutachten, mit Ausnahme dessen, was Segen der Erde betrifft: »Es scheint mir, daß es möglich wäre, daß der Preis Hamsun gerade für dieses Werk zuerteilt werden könnte.« Hjärnes Gutachten läßt aber keinen Zweifel daran, daß Hamsun der einzig mögliche Kandidat für den Preis des Jahres 1920 sei. Dieses Gutachten wurde mit abgesegnet von Karlfeldt, Hallström und Tegnér. Henrik Schück verfaßte ein Sondervotum. Er wendet sich darin zuerst gegen Spitteler als Preiskandidat. Olympischer Frühling sei, wenn überhaupt ein Epos, dann eines für deutsche Privatdozenten, gelehrt, gekünstelt und unverständlich für die Allgemeinheit. Für den Nobelpreis 1919 schlägt Schück mit einer ausführlichen, engagierten Begründung Georg Brandes vor. »Idealität« könne man Brandes nicht absprechen. Was den Preis des Jahres 1920 betrifft, schließt sich Schück Hallströms Gutachten an, erkennt aber auch Segen der Erde die Qualitäten ab, die zum Nobelpreis berechtigten.

»Sowohl hier, wie in Hamsun übriger Produktion vermisse ich die Kultur, die durchdachte Weltanschauung und die Humanität, die ich von einem Nobelpreisträger verlangen muß.« Anstelle von Hamsun schlägt Schück Grazia Deledda für den Preis vor. Er rühmt an ihr die Schilderungen der Natur und desVolkslebens, die einen lebendigen und wahren Eindruck machten und in einer fast homerisch einfachen, keusch marmornen Sprache und Komposition gehalten seien.

 

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Die Motivierung der Entscheidung zugunsten Hamsuns überließ Hjärne in seinem Gutachten Karlfeldt und Hallström. Leider gibt es kein Gesprächsprotokoll von der entscheidenden Sitzung, und eine schriftliche Stellungsnahme von Karlfeldt habe ich nicht finden können. Das Resultat ist bekannt. Es ist jetzt zu präzisieren: Nur mit großen Bedenken und nach zweijährigem Zögern wurde Hamsun, mit Einschränkung auf nur einen Roman, der Nobelpreis zugeteilt: »[...] für sein monumentales Werk Segen der Erde.«

 

 

V. 

 

Die skandinavische Presse und literarische Öffentlichkeit begrüßten die Entscheidung fast einhellig. Eine literarische Zeitschrift sammelte im Jahrgang 1919/20 »Grüße an Knut Hamsun«, die sehr gut das mit dem der Schwedischen Akademie konforme Hamsun-Bild wiedergeben. Selma Lagerlöf, selbst Nobelpreisträgerin, schreibt über Segen der Erde, das Buch richte nach den Schrecken des Krieges seine Botschaft an Reiche wie Arme: »Die schweren Mühen, die hartnäckige Arbeit ist das einzige, das seit ewigen Zeiten das Herz des Menschen leicht gemacht hat, seinen Körper gesund, seinen Lebenslauf glücklich, seinen Namen geehrt, sein Angedenken gesegnet.«61 Ellen Key meint, daß Hamsun sich mit seiner Schollen- und Vaterlandsliebe und als Wahrheitsverkünder Björnson (dritter Nobelpreisträger, 1903!) angenähert habe.

Es gibt jetzt - da Europa sich auf den zurückkommenden Frieden vorbereitet - in keiner anderen Sprache ein so zeitgemäßes, so leise beredtes Erbauungsbuch wie Segen der Erde. Man fühlt, daß es zu den prophetischen gehört. Möge Knut Hamsun der aufsteigenden Linie folgen, die mit diesem Buch einsetzt. Mögen neue Meisterwerke aus seiner Hand den Völkern des Nordens und der Welt neue Kräfte geben!62

Nur Albert Engström, der respektlose Humorist und Karikaturist und Freund Hamsuns aus früheren Jahren, der ohnehin in der Schwedischen Akademie etwas aus dem Rahmen fiel (er wurde 1922 Mitglied, meldete sich dort aber nie zu Wort, sondern zeichnete bloß ständig bösartige Porträts seiner Kollegen63), dankte Hamsun für alte Freundschaft und »für dieses Glitzern in Deinem linken Auge!«64 Dagens Nyheter schrieb nach der Preisverleihung: »Diese geniale Kraftnatur hat sich [...] zu einer klassischen Größe und Harmonie durchgerungen.«65

Hamsun fühlte sich geehrt und konnte das Preisgeld auch gut gebrauchen, er hatte ja gerade den Gutshof und Herrensitz Nørholm erworben. Er kaufte sich einen Frack und reiste mit seiner Frau nach Stockholm. Seine Dankesrede war bescheiden und vornehm, das enfant terrible der skandinavischen Literatur ließ sich auf die Regeln der altehrwürdigen Institution ein. Nach dem Bankett begab man sich in die Opernbar, und dort ging es dann ungezwungener zu. Anders Österling schreibt in seinen Memoiren, es gebe eine reiche Anekdotenflora zu Hamsuns Benehmen anläßlich der Preisverleihung. Leider teilt er nichts davon mit. Mir sind nur zwei solcher Anekdoten bekannt. Wahr oder nur gut erfunden - sie handeln beide davon, daß Hamsun sich Selma Lagerlöf unziemlich genähert habe. Die Erwartung eines wenig korrekten Auftretens Hamsuns im Decorum der Schwedischen Akademie, die diese Ankedotenproduktion auslöste, ist ein Indiz für die Unsicherheit der Schwedischen Akademie gegenüber diesem Preisträger, für ihr Gespür, daß Hamsun ihren Normen wie Wahrheit, Gesundheit, Reife, Würde, Männlichkeit, Monumentalität, moralische Vorbildlichkeit und Optimismus doch nicht entspreche.66 Er führt sich in diesen Anekdoten ja genau so auf, wie Hallström ihn in seinem Gutachten charakterisiert: verantwortungslos! Eine Episode aus der Opernbar ist dokumentiert. Hamsun hat im feuchtfröhlichen Verlauf des Abends Henrik Schück von oben herab auf die Schulter geschlagen und ausgerufen: »Du bist auf jeden Fall ein gemütlicher Jude!«67 (Schück war Halbjude.) Sein eigentlicher Schlag ins Gesicht der Schwedischen Akademie aber war der Roman, der im selben Jahr, kurz nach der Preisverleihung erschien: Die Weiber am Brunnen. Hamsun löste damit die schlimmsten Erwartungen Hallströms ein. Er stimmte darin ein nihilistisches Weltgelächter an, das Thomas Mann großartig fand68.

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VI. Fazit 

 

Hamsun verdankte den Nobelpreis einem grotesken Mißverständnis, was die Einschätzung der erbaulichen Qualitäten von Segen der Erde und die Hoffnung auf seine weitere literarische und ethische Entwicklung betrifft. Mit der Einschränkung der Auszeichnung auf nur das eine Buch, hoffte man der »Verantwortung für Arbeiten des Preisträgers, die eher als tadelnswert, denn als einer Belohnung würdig betrachtet werden«, zu entgehen.69 Und er verdankte sie zufälligen äußeren Umständen, er war ein Lückenbüßer. Gewiß, Person und Werk Hamsuns sind alles andere als unproblematisch. Aber George Steiner, in einem Essay von 1984 mit dem Titel The Nobel Scandal, konstatiert, in der langen Reihe skandinavischer Preisträger sei Knut Hamsun als einer der wenigen »an undoubtedly major figure.«70 Er hat natürlich recht.

 

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Alle Zitate aus schwedischen Quellen und schwedischer Sekundärliteratur sind vom Verf. ins Deutsche übersetzt. 

1 Nobelpriset i litteratur 1901-1982, red. Birgitta Hallert, Stig Gunnar Skoot och Göran Ström, Stockholm 1983, S. 98. 

2 Ebd., S. 102. 

3 Rosenberg, Alfred: Mythus des 20. Jahrhunderts, München 1935, S. 438. 

4 Vgl. Baumgartner, Walter: Knut Hamsun, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 83ff. 

5 Espmark, Kjell: Det litterära Nobelpriset. Principier och värderingar bakom besluten, Stockholm 1986, S. 10. 

6 Vgl. ebd., S. 25ff. 

7 Vgl. Fehrman, Carl: »Georg Brandes och det uteblivna Nobelpriset«, in: Nordisk tidskrift 1984, S. 320-338. 

8 Vgl. Bredsdorff, Elias: »Vad menade Nobel med uttrycket ›i idealisk riktning‹?«, in: BLM 33 (1964), S. 353ff.; vgl. auch Schück, Henrik: Svenska Akademiens historie, Bd. 6, Stockholm 1939, S. 512. 

9 Espmark (wie Anm. 5), S. 19. 

10 Vgl. Espmark (wie Anm. 5), S. 11. 

11 Archiv der Schwedischen Akademie. 

12 Vgl. See, Klaus von (Hg.): Die Strindberg Fehde, Suhrkamp Taschenbuch Materialien, Frankfurt a.M. 1987, mit einer historischen Einleitung. 

13 John Landquist in der Einleitung zur originalsprachlichen Dokumentation. Järv, Harry (utg.): Strindbergsfejden, Stockholm 1968, S. 11. 

14 G. Jacobson, Stockholm 1938, S. 9. 

15 Ders., Stockholm 1922, S. 87. 

16 Elvander, Nils: Harald Hjärne och konservativismen. Konservativ idédebatt i Sverige 1865-1922, Stockholm/Göteborg/Uppsala 1961, S. 156. 

17 Zit. nach Elvander (wie Anm. 16), S. 340. 

18 Elvander (wie Anm. 16), S. 416. 

19 Elvander (wie Anm. 16), S. 417. 

20 Elvander (wie Anm. 16), S. 422 u. 435. 

21 Elvander (wie Anm. 16), S. 475. 

22 Elvander (wie Anm. 16), S. 488. 

23 Zit. nach Elvander, op. cit., S. 37 

24 »Kulturanalyser« (1910), in: Hjärne, Harald: Samlade skrifter IV, Stockholm 1940, S. 86. 

25 Ebd., S. 98f. 

26 8.5.1910, Handschriftenabteilung der UB Lund. 

27 Olsson, Bernt/Algulin, Ingemar: Litteraturens historia i Sverige, Stockholm, 4. upplagan 1995, S. 356. 

28 Svenska Dagbladet, 30.7.1910. Järv (wie Anm. 13), Bd. I, S. 384. 

29 Unveröffentlichte Notizen von 1890, zit. aus: Arvidsson, Rolf: Den unge Per Hallström, Lund 1969, S. 286f. 

30 Hallström, Per: Konst och liv, Stockholm 1919, S. 175. 

31 Ebd., S. 231 u. 222. 

32 Österling, Anders: Minnets vägar, Stockholm 1967, S. 226. 

33 In seinem Aufsatz »Karlfeldtsfaran« (Die Karfeldt-Gefahr) schreibt Victor Svanberg: »Der unkritische Karlfeldt-Kult hat - zwar nicht allein, aber mehr als etwas anderes - die literarische Entwicklung in Schweden verzögert.« In: Banck, Majt (red.): Karlfeldt. Synpunkter och värderingar, Stockholm 1971, S. 65. 

34 Karlfeldt, Erik Axel: Tankar och tal, Stockholm 1932, S. 27. Vgl. auch Almlund, Thord: Det första världskriget och Karlfeldts diktning, Malung 1980, S. 106f. 

35 Vgl. Hallberg, Peter: »Veitsdans under elektriska tungel. Samtiden i Karlfeldts bildspråk«, in: Festskrift till Björn Pettersson, Tammerfors 1979. 

36 Karlfeldt, Tankar och tal (wie Anm. 34), S. 25. 

37 Zit. aus Svensk biografiskt lexikon, Bd. 20, Stockholm 1973, S. 733. 

38 Vgl Gustafsson, Lars: Litteraturhistorikern Schück, Uppsala 1983, S. 157ff. 

39 Zit. aus Fehrman, Carl: Forskning i förvandling, Stockholm 1972, S. 33. 

40 Zit. aus Gustafsson (wie Anm. 38), S. 179. 

41 Vgl. Klaus von See (wie Anm. 12), S. 26. 

42 Zit. aus Fehrman (wie Anm. 39), S. 30. 

43 Ebd., S. 41. 

44 Brandes kritisierte in Zeitungsartikeln von 1905 bis 1919 den deutschen Sozialdarwinismus, Rassismus, Chauvinismus und Imperialismus. Vgl. Møller Kristensen, Sven: Georg Brandes. Kritikeren - liberalisten - humanisten, København 1980, S. 122ff. 

45 Österling (wie Anm. 32), S. 228. 

46 Vgl. Espmark (wie Anm. 5), S. 52. 

47 Vgl. ebd., S. 50. 

48 Vgl. Baumgartner (wie Anm. 4), S. 78ff. 

49 Vgl. Löwenthal, Leo: »Knut Hamsun. Zur Vorgeschichte der autoritären Ideologie«, in: Zeitschrift für Sozialforschung VI (1937). 

50 Vgl. Mendelssohn, Peter de: Der Geist in der Despotie, Frankfurt a.M. 21987. 

51 Vgl. Baumgartner (wie Anm. 4), S. 72ff. 

52 Hallströms Gutachten 1918, Archiv der Schwedischen Akademie. Vorausgegangen war 1911 ein positives Gutachten des Göteborger Literaturhistorikers Karl Warburg: »Daß Peter Rosegger eine der größten, sympathischsten Gestalten der gegenwärtigen deutschen Literatur ist, daran gibt es keinen Zweifel.« 

53 Gutachten 1918, Archiv der Schwedischen Akademie. 

54 Gutachten von Fredrik Vetterlund 1918, Archiv der Schwedischen Akademie. 

55 Gutachten von einem Dr. Jensen 1918, Archiv der Schwedischen Akademie. 

56 Archiv der Schwedischen Akademie. 

57 Gutachten von Vitalis Nordström 1914, Archiv der Schwedischen Akademie. 

58 Zur Rezeption Arne Garborgs in Deutschland vgl. Baumgartner, Walter: Triumph des Irrealismus. Rezeption skandinavischer Literatur im ästhetischen Kontext Deutschlands 1860-1910, Neumünster 1979, S. 139-251. 

59 Espmark (wie Anm. 5), S. 37-49. 

60 Nordmark, Dag. »Akademisk vånda och Hamsuns triumf. Om bakgrunnen till Hamsuns Nobelpris«, in: Nils M. Knutsen (red.): Hamsun 1994. 8 foredrag fra Hamsun-dagene på Hamarøy, Tromsø 1995, S. 29-40. 

61 Litteraturen. Nordens kritiske Revue, København 1919/20, S. 265. 

62 Ebd., S. 266. 

63 Vgl. Österling (wie Anm. 32), S. 230. 

64 Litteraturen (wie Anm. 61)., S. 267. 

65 12.11.1920. 

66 Zu diesen Normen, die eine poetisch realistische Norm mit Vitalismus und common sense verbinden und sich gegen alle Ismen und allen »Formalismus« sowie gegen »zu viel« Philosophie und Psychologie und gegen »Boulevardskepsis« in der Dichtung wenden, vgl. Jacobson, Christer: På väg mot tiotalet, Uppsala 1961; Björck, Staffan: Heidenstam och sekelskiftets Sverige, Stockholm 1954; Linnér, Sven: Livsförsoning och idyll. En studie i rikssvensk litteratur 1915-1925, Stockholm 1949; Butt, Wolfgang: Mobilmachung des Elfenbeinturms. Reaktionen auf den Faschismus in der schwedischen Literatur 1933-1939, Neumünster 1977. 

67 Brief Hamsuns an Helge Krog, 27.1.1928, Handschriftenabteilung, Universitätsbibliothek Oslo. Hamsun schreibt allerdings, er wisse nichts davon, Karlfeldt und Engström hätten es ihm am Tage darauf erzählt. 

68 Vgl. Mann, Thomas: Gesammelte Werke X, 1960, S. 618ff. 

69 Harald Hjärne im Vorspann seines Sammelgutachtens 1920. 

70 Steiner, George, in: The New York Times Book Review, 30.9.1984. 

 

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