Für eine korrekte Darstellung dieser Seite benötigen Sie einen XHTML-standardkonformen Browser, der die Darstellung von CSS-Dateien zulässt.

Lili - Heft 110



Thema:  Alterität

Herausgeberin dieses Heftes:
Brigitte Schlieben-Lange






Inhalt

Brigitte Schlieben-Lange
Vorwort - Preface

1. Die Dialektik von Identität und Alterität

Wolfgang Raible
Alterität und Identität
Otherness and sameness

Jochen Raecke
»Bosniaken waschen sich täglich, Serben werden nur zweimal ins Wasser getaucht, zur Taufe und zur Beerdigung«: Zu einem Versuch der Konstruktion einer nationalen Identität der bosnischen Muslime auf Kosten ›der anderen‹
»Bosniaks wash every day, Serbs only plunge into water twice, at their christening and at their funeral.« On the attempt of Bosnian Muslims to construct a natural identity at the expense of ›the others‹

2. Alterität in Sprache und Texten

Brigitte Schlieben-Lange
Alterität als sprachtheoretisches Konzept
Alterity as a category in linguistic thinking

Dietrich Krusche
Alterität und Methode. Zur kommunikativen Relevanz interpretatorischer Verfahren
Alterity and Method. Aspects of Communication in the Discourse of Literature

3. Die Irreduzibilität des Anderen

Christian Hermes
Vor dem anderen denken: Emmanuel Levinas
Philsophie in the face of the other: Emmanuel Levinas

Verena Olejniczak Lobsien
Caliban erzählen. Strukturelle Skepsis und die Erfindung des anderen in der englischen Literatur der Frühen Neuzeit
Narrating Caliban. Structural Scepticism and the Invention of the Other in Early Modern English Literature

Resümee und Ausblick
 

Nachtrag zu LiLi 109

Stefan Hohmann
Türkenkrieg und Friedensbund im Spiegel der politischen Lyrik
 
 

Labor

Helmut Mörchen
Spurensuche. Anmerkungen zur Verarbeitung von NS-Vergangenheit in zwei deutschen Romanen der neunziger Jahre: Judith Kuckart Die schöne Frau und Jens Sparschuh Der Schneemensch







Brigitte Schlieben-Lange

Vorwort


Die Problematik identitärer Diskurse ist in den letzten Jahren, besonders beim Zerfall von Jugoslawien und der Sowjetunion (dazu in diesem Heft die Fallstudie von Jochen Raecke) überdeutlich geworden. Diese Erfahrung mag ein Anlaß dafür gewesen sein, Versuche zu entwickeln oder wiederaufzunehmen, vom Anderen her zu denken, und dies in verschiedenen Wissenschaften (Philosophie, Soziologie, Literaturwissenschaft). Der vielfach fraglos verwendete Begriff der Alterität ist von Anfang an auf beunruhigende Weise zweideutig und oszilliert zwischen Intersubjektivität und Fremdheit: ist damit das ganz Andere, Opake, Unzugängliche, damit auch hermeneutisch nicht Einholbare und Unverfügbare gemeint? Oder aber ist Alter der virtuell Gleiche? Oder müssen diese beiden Aspekte zusammengedacht werden (zu diesen Fragen in diesem Heft: Raible und Schlieben-Lange)? Wie kann über das Andere gesprochen werden? Kann/darf es verstehend »ergriffen« werden? Ist das Andere nicht genau so wie das Eigene kein Gegebenes, sondern ein Konstruiertes? Sind Identität und Alterität nicht komplementäre Begriffe: konstituiert sich Identität nicht gerade durch Grenzziehung gegen das Andere? Das vorliegende Heft möchte einige dieser Fragen aufgreifen und zu einem nicht-trivialen Umgang mit dem Begriff der Alterität beitragen. Ein leitender Gesichtspunkt soll dabei sein, wie sich durch eine Einbeziehung von Alterität die Sprachwissenschaft und die Literaturwissenschaft verändert haben und verändern können.

Der Begriff der Alterität (heterótes, alteritas) gehört zu den zentralen Begriffen der europäischen Philosophiegeschichte, und ein unschuldiger Gebrauch ist infolgedessen unmöglich. Gemeinsam ist den verschiedenen Ausdeutungen jedoch die unbedingte Zuordnung von alter zum ersten, einen, zu ego oder zum Subjekt. Alter ist der zweite von zwei gleichartigen und gleichursprünglichen, einander zugeordneten Wesen, nicht irgendein beliebiger anderer: alius oder der Fremde: xenos, peregrinus. In der trinitarischen Spekulation ist alteritas (die göttliche Zweitheit) der ipseitas (der göttlichen Erstheit) zugeordnet: beide sind verbunden durch communio (das göttliche Dritte). Durch Hegels Dialektik und die Kategorie der Andersheit scheint diese trinitarische Spekulation noch deutlich durch. In der Perspektivierung auf Alterität treten bestimmte philosophische und sprachtheoretische Ansätze in den Vordergrund, allen voran Husserls Versuch einer transzendentalen Begründung der Intersubjektivität und die verschiedenen Weiterentwicklungen der Phänomenologie: Schütz, Sartre, Merleau-Ponty. Während in der interpretativen Soziologie und der Lebensweltphilosophie die vorgängige Geteiltheit von Wissen und Weltinterpretation betont wird, betont die französische Tradition die Unverfügbarkeit des Anderen (in diesem Heft: Christian Hermes über Lévinas): das Verfügenwollen und verstehende Ergreifen des Anderen wird in dieser Perspektive gerade zum Signum des beschränkten Kleinbürgers: »Car c’est l’un des traits constants de toute mythologie petite-bourgeoise, que cette impuissance à imaginer l’Autre. L’altérité est le concept le plus antipathique au ›bon sens‹«. (Roland Barthes: Mythologies)

Der Bedeutsamkeit der Alteritäts-Reflexion für Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft soll in diesem Heft nachgegangen werden. Wie konstituieren sich Sprachgemeinschaften und Kulturen (Raible, Raecke, Schlieben-Lange)? Was bedeutet Alterität für die Gegebenheit sprachlicher Bedeutungen (Schlieben-Lange)? Wie wird das Andere literarisch inszeniert (Lobsien)? Wie kann man rational über anderskulturelles Verstehen literarischer Texte sprechen (Krusche)?

Soll man die Last der Tradition und die beunruhigende Mehrdeutigkeit von Alterität (das virtuell Gleiche und das Unverfügbare) umgehen, indem man, statt vom Anderen zu sprechen, vom Fremden spricht? In manchen Fällen mag dies sicher zur Klärung beitragen. Andererseits sollten wir uns der Beunruhigung durch alter/den Anderen in seiner Doppelgesichtigkeit nicht entziehen.
 
 






Wolfgang Raible


Otherness and sameness (identity)

Different aspects and levels of otherness and sameness (identity) should be distinguished. (1) The experience of otherness is a prerequisite to the formation of human consciousness. Autistic children who, due to a cerebral defect, are not able to see themselves and others from the outside, will develop neither a full mastery of language (whose raison d’être is communication with others) nor social competence. Thus they will never be able to understand or to master pretense and to distinguish social roles, irony, second thoughts, states of mind. (2) The acquisition of social competence through an increasing familiarity with otherness is a slow process in ontogenesis. It is based on experience and memory, starting from shared attention and the child’s realizing that objects - in spite of their being moved in space and time - remain identical, their essence remaining the same (Aristotle defines essence as »continuing to be what has been«, to ti eãn einai), and it should lead to a thorough understanding of others and their social roles. Nevertheless the mastery of different social roles remains one of the most demanding human tasks. This is why related problems are an important topic in literature. (3) On a conceptual level, otherness and sameness are dialectical concepts presupposing one another. To this corresponds the fact that, contrary to mathematics, in real life ›being other‹ or ›being different‹ implies at the same time ›having much in common‹ (if only the fact that both the ego and the other share the property of being human). (4) Extending the concepts of otherness and sameness to socially - or even culturally - defined groups, we can make use of the concept of ›cultural memory‹. It shows us in what respects groups of people can be felt and seen - more often than not even constructed - as different. Given the dialectical relationship between otherness and sameness, instead of focussing on what is different, we could as well highlight what we have in common with others. Truly understanding the otherness of other cultures would presuppose that we take a stance beyond both our own and the other group, i.e. that we become conscious of culture in much the same way that we became conscious of ourselves and our immediate social partners when we were young.
 
 






Brigitte Schlieben-Lange


Alterity as a category in linguistic thinking

The author argues for an integration of the category of alterity in linguistic thinking. For this aim, she reconstructs Coseriu’s language theory in which alterity has a central place. She shows the importance of Mead’s and Schütz’ thinking for this type of linguistic reflection. Above all, she stresses the constitutive ambiguity of the concept of alterity: it means as well speaking for the other as sharing the same language. Are there any consequences of such a concept of alterity for linguistics? The author makes some propositions for further linguistic research based on alterity.
 
 






Dietrich Krusche


Alterity and Method.
Aspects of Communication in the Discourse of Literature

Recent developments in the theory of linguistic pragmatics (running back to Karl Bühlers distinction between ›Zeigfeld‹ and ›Symbolfeld‹ of language) render it possible to distinguish between two dimensions of the aesthetic potential of literary texts: the one generated by textures of coherence within the text, especially the matrix of sensual perception under the conditions of time and space, and the one generated by the reference of the words in the text to any kind of context. While the first aspect of ›meaning‹ is, to a very high degree, fit for rational consensus, the ›meaning‹ encoded in the text by context-reference, tends to evoke the linguistic and socio-cultural pre-experience of each particular reader.

Since ›interpretation‹ deals not only with texts but with other readers of the texts as well, it is possible to draw from the above distinction consequences for the method of the discourse of literature:
The rational consensus generated by the analysis of the matrix of sensual perception within the text can be understood and used as an encouragement to concede the other reader the ›alterity‹ of his realisation of the text, caused by elements of ›meaning‹ generated through reference to context.
 
 






Christian Hermes


Philosophy in the Face of the Other: Emmanuel Levinas

After some short remarks on the philosophical and bibliographical context of Levinas’ work follows the presentation of his so called »Humanism of the Other«, founded on his critique of the tradition of ontology and modern transcendental philosophy and on his plea for »ethics as prima philosophia«. The article focusses on Levinas’ new perspective on subjectivity, which implicates in principle the relation to alterity and is hereby breaking with the traditional understanding of self-identical, self-conscious and »closed« subjectivity. In the perspective of Levinas’ »linguistic revision« of this phenomenological approach, based on the notion of the »saying« (as primary and pre-ontological exposition in the face of the Other), the aim is to show in general, how every discourse (philosophy, theory of self, humanities etc.) has to be thought as alienated from itself by a finally undefined and unreductible »something« - his other -, which crept into it and has undermined it the more it tries to exclude it. For this unreductible alienation makes any philosophical trial of ultimate foundation per se impossible, Levinas’ philosophy calls for a new thinking, which takes seriously his essential openness for, his obsession by and his »responsability« toward the other.
 
 






Verena Olejniczak Lobsien


Narrating Caliban. Structural Scepticism and the Invention
of the Other in Early Modern English Literature

This essay discusses Montaigne/Florio’s »Of the Caniballes«, Shakespeare’s The Tempest, and Aphra Behn’s Oroonoko, focussing on the ways in which essay, drama, and »true history« construct the ›other‹ as encountered in the natives of the New World. Arguing that these texts, despite their generic differences (and not only because of their intertextual relatedness), are structured by an awareness of the fact that otherness cannot be represented, the attempt is made to show how this ›structural scepticism‹ not only affects, but constitutes, early modern literariness. The need to invent the other, it is claimed, plays an essential role in the beginnings of narrative fiction, hence - as becomes paradigmatically obvious with regard to Behn’s Oroonoko - in the so-called ›rise of the novel‹. As Behn, however, not only writes as a professional woman writer, but explicitly narrates with a female voice, her text further complicates the problem of representation: Oroonoko not only reflects the difficulties of relating (to) the other, but also explores the possibilities of authorial self-empowerment by means of a radically subversive ›performance‹ of feminity.
 
 






Resümee und Ausblick


 


Die Autoren der politischen Lyrik finden in ihren Dichtungen, die sich mit der Expansion des Osmanischen Reiches in Europa auseinandersetzen, Anschluß an die politischen Konzeptionen der Zeit. Wie die Reichstage, in deren Umfeld die Großzahl der Gedichte zu lokalisieren sind, begreifen die Dichter programmatisch einen gesamtchristlichen Frieden als Voraussetzung für einen erfolgreichen Kreuzzug, ja ordnen den christlichen Frieden dem Kriegsziel, Rückeroberung Konstantinopels und Vertreibung der Türken aus Europa, unter. Die Funktion der meisten Gedichte ist denn auch in der Propagierung der politischen Ziele und Beschlüsse der Reichstage zu sehen, sei es in der Aufforderung zum Frieden, sei es in der Appellation zum Kampf, ja selbst in der Kritik am falschen oder zögerlichen Verhalten der Herrschenden.

Der Begriff Europa, wie er sich im lateinisch-humanistischen Schrifttum der Zeit, zum Teil auch in den Reichstagsbeschlüssen, in der Abgrenzung gegen einen äußeren Feind herauskristallisiert, findet sich in den untersuchten Dichtungen nicht. Festzustellen ist hier aber durchaus, auch wenn in traditioneller Weise der Kaiser zumeist der erste Ansprechpartner bleibt, die Tendenz der Nationalisierung und Internationalisierung. Mit Ausnahme von Balthasar Mandelreiß, der einen eher reichspolitisch gefärbten Aufruf verfaßt, dessen Vorbild in den Hussitenliedern zu sehen ist, appellieren die Gedichte an einen europäischen Herrscherverband, was in den fast durchgängig auszumachenden Länderkatalogen deutlich wird. Von Anfang an, von Peter von Rez bis zur anonymen Ermanung wider die Türken, ist die Verurteilung von Sonderinteressen - interne Konflikte der europäischen Mächte, der Sonderweg Ungarns oder Venedigs - ein Bestandteil, dessen Funktion als negatives Exempel gesehen werden muß. Der Appell geht dabei in Richtung auf Überwindung von Sonderinteressen in Hinsicht auf eine gesamtchristliche (europäische) Einigung.

Offensichtlich wirkt das einmal gefundene Muster des Länderkatalogs aber auch ohne einen entsprechenden Reichstagsbeschluß weiter. Erkennbar wird dies in der umfassenden Konzeption eines gesamteuropäischen Aufgebots zum Türkenkrieg in der Ermanung wider die Türken, die sich explizit auf den Reichstag von Regensburg 1471 bezieht, ohne daß auf diesem Reichstag auch nur annähernd ein entsprechender Beschluß gefaßt worden wäre, sondern, ganz im Gegenteil, der Reichstag nur zu einer bescheidenen Defensivallianz findet. In vielleicht noch stärkerer Weise gilt dies für die Überarbeitung der Ermanung durch Niclas Wolgemut zum Augsburger Reichstag von 1500. Während Wolgemut - bei einigen Kürzungen und Umstellungen - den Aufruf zum gesamteuropäischen Kreuzzug fortschreibt, versteht sich das Vorhaben des Reichstags als Reichsangelegenheit. Nach 1471 wandelt sich das Reichstagsgeschehen weiter, deutlich schon im Anschlag wider Ungarn und den Türken von Nürnberg aus dem Jahr 1481. Dem ›reinen‹ Türkenkrieg wird hier ein Krieg gegen Ungarn vorgeschaltet. Wie überhaupt seit dem Ende des 15. Jahrhunderts der Präliminarkrieg an Bedeutung gewinnt; Kriege - aus dynastischen und nationalen Interessen geführt - erfahren ihre Legitimation in der Deklarierung als Präliminarkriege gegen das Osmanische Reich.