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Lili - Heft 112


Thema:  Kaleidoskop

Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Klein






Inhalt

Wolfgang Klein
Einleitung - Von der einfältigen Wißbegierde

Karl Kogler
»Eine schöne Leich«:
Kritische Bemerkungen zu wiederkehrenden letzten Begängnissen der Buchdruckkultur

Christa Karpenstein-Eßbach
Inszenierungen der Schrift. Literatur und Medienkonkurrenz

Christa Karpenstein-Eßbach
Ästhetisierung von Tempo. Literatur in der Mediengesellschaft

Waltraud Wende
Über die Unfähigkeit der Amerikaner, sich ein Bild vom Vietnam-Krieg zu machen... Der Krieg, die Rolle der Medien und Stanley Kubricks Film Full Metal Jacket

Rainer Küster
Kriegsspiele - Militärische Metaphern im Fußballsport

Christine Römer und Astrid Urban
Metaphern und semantische Unbestimmtheit

Veronika Bernard
Die fremde Stadt. Exotik als Katalysator projizierender Reflexion

Mischa Meier
Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie?

Gerald Funk
Zur Poetik des Ähnlichen in Baudelaires Gedicht Correspondances

Antje Mansbrügge
Der Text ist der Autor eines Buches? Einige Überlegungen zu Libuse Moníkovás Pavane für eine verstorbene Infantin

Ursula Töller
Nelly Sachs. Eine literarhistorische Verortung

Sabine Obermaier
Wider unsere Ignoranz. Zehn Überlegungen zum Umgang von Lehrenden mit Problemen ausländischer Studierender beim Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen







Wolfgang Klein

Von der einfältigen Wißbegierde


O toi que j’eusse aimée, ô toi qui le savais!


1. Von der edlen Einfalt

Noch heute, nach vielen Jahren, sehe ich das Leuchten in den Augen unseres Griechischlehrers, als er uns erzählte, als wie verachtenswert es unter den wahren Liebhabern der Weisheit gegolten habe, eben diese Weisheit um Geld weiterzugeben. In der Einfalt des Schülers habe ich da bei mir gedacht, daß ja eben dieser Lehrer ein behördlich bezahlter Oberstudienrat ist, und so habe ich ihn denn gefragt, ob diese Bewertung heute nicht mehr gälte. Nein, gab er da zur Antwort, sie gilt nicht mehr. Es ist nicht mehr so, daß man seine Tage einfach der Mehrung des Wissens widmen kann, um es, vielleicht, mit jenen zu teilen, die sich gleichfalls darum bemühen.

Das ist wohl wahr. Die Zeiten sind vorüber, als es noch, wie in der Antike, genügend Sklaven gab, die für den Lebensunterhalt und das Alltägliche sorgten und dem Wißbegierigen die Freiheit schufen, der reinen Erkenntnis nachzustreben, das Göttliche in sich zu entfalten und so recht eigentlich Mensch zu werden. Wir Spätgeborenen hingegen müssen, sieht man von ein paar reichen Dilettanten ab, den Steuerzahler und seinen gesetzlich gewählten Vertreter davon überzeugen, daß es richtig und wichtig ist, uns nach A 13 bis C4 zu besolden, damit wir forschen und lehren, lehren und forschen. Anders als die wahren Liebhaber der Weisheit sind wir käuflich, unsere Ware ist das Wissen, wir stellen es mühselig selber her oder übernehmen es preiswert von andern, und wir geben es gegen Geld weiter. Wir sind Teil des Marktes; die Friseure und die Briefträgerinnen, die Stahlkocher und die Verkäuferinnen bezahlen uns dafür, bestimmte Dinge zu tun, die zu tun wir und sie für richtig halten.

Aber ganz so möchte man es eigentlich nicht sehen. Die Selbstwahrnehmung der Lehrenden und Forschenden, gleich auf welcher Gehaltsstufe, hat gegen die offenkundigen Tatsachen sehr viel von der griechischen Einstellung bewahrt. Eigentlich müssen sie uns bezahlen, denn wir tun etwas Edles. Wir tun das, was den Menschen über das Tier hinaushebt - wir fördern die Erkenntnis, indem wir, um unser eigenes Fach zum Beispiel zu nehmen, eine Stelle in einem Gedicht Thomas Grays auf neue Art interpretieren oder die Funktion des deutschen Perfekts im Vergleich zum englischen und französischen Perfekt bestimmen oder ein neuentdecktes Gedichtfragment aus der Zeit Kaiser Ottos des Dritten edieren und mit erläuternden Hinweisen versehen. Dies mag von der Erkenntnis dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, noch sehr entfernt sein, eher Wagner als Faust, aber es sind eben unsere Scherflein.

So radikalaristokratisch möchte man es freilich wiederum auch nicht sehen. In der Tat bestehen, wenn man es genau betrachtet, zur Sichtweise der antiken Wahrheitssucher drei zumindest graduelle Unterschiede. Erstens möchten wir doch, und zwar ehrlich, Frau Mayer aus Meppen und Herrn Kobes aus Kleve nicht mit denselben Augen betrachten wie Plato und Aristoteles ihre Sklaven. Herr Kobes und Frau Mayer sollen zwar für unseren Lebensunterhalt aufkommen (wir sind sogar willens, einen Teil davon als unsern eigenen Beitrag zum Steueraufkommen zurückzuzahlen), und wir sind ihnen auch nicht direkt dankbar dafür, daß sie es tun; im übrigen aber sind sie menschlich gleichwertig. Zweitens haben wir durchaus die Vorstellung, etwas für die Allgemeinheit zu tun oder zumindest tun zu sollen und nicht nur für uns selbst. Und drittens sind wir der Meinung, daß eben diese Allgemeinheit durch die Kraft des Arguments und nicht durch bare Gewalt davon überzeugt werden muß, uns zu alimentieren sei ein bonum. Es kommt also nur darauf an, geeignete Argumente zu finden, Argumente, die den Vielen und nicht zuletzt uns selbst einleuchten.
 

2. Von den Gründen, die Suche nach dem Wissen zu entgelten

Mir scheint, es gibt drei solcher Gründe; sie sind nicht unvereinbar. Dies ist zum ersten die Neugier, die den Wissenschaftler und in der einen oder andern Form auch jeden andern Menschen plagt, zum zweiten der praktische Nutzen, den unsere Arbeit gelegentlich abwirft, und zum dritten die Vorstellung, daß letztlich irgendjemand doch Bescheid wissen muß.

Wir sind uns alle einig, daß die Neugier, oder ihre etwas edlere Spielart, die Wißbegierde, der wichtigste Beweggrund der wissenschaftlichen Arbeit ist. In Stunden der Selbstbesinnung und des moralischen Muts würde man vielleicht noch die Ruhmsucht nennen; aber auch dann würde man sie sicher nicht als Argument anführen wollen, so daß sie hier außer Betracht bleiben kann. Der Neugier hingegen haftet selbst in ihren minder edlen Formen ein Abglanz des Faustischen (»Zu wissen was die Welt/Im Innersten zusammenhält«) an, und sie als Hauptmotiv unseres Handelns zu betrachten, ist sicher nicht nur ehrlich, sondern auch moralisch vertretbar. Es wäre aber nicht glücklich, dies der Allgemeinheit gegenüber allzusehr herauszustellen. Wie soll Frau Müller aus Bottrop einleuchtend gemacht werden, daß ihre schon allzuhohe Lohnsteuer dazu herhalten soll, die Neugier anderer Leute zu befriedigen, und möchten sie dies für noch so edel halten? Wie soll das einem verantwortungsvollen Politiker vermittelt werden, der von Frau Müller wiedergewählt werden möchte?

Das beste Argument scheint natürlich der mögliche praktische Nutzen. Daß die Wissenschaft dazu dienen soll, die Mühseligkeit des menschlichen Daseins zu erleichtern, leuchtet fast jedem ein, außer vielleicht den Wissenschaftlern selbst. Deshalb wird diese Vorstellung ja auch gern als Argument beigezogen. Dennoch ist es nicht ratsam, die Überzeugungsarbeit allzusehr darauf abzustellen. Es besteht nämlich die Gefahr, daß jene, die so reden, bisweilen auch daran gemessen werden, wie ein Politiker an seinen Wahlversprechen, und je mehr der mögliche Nutzen unserer Arbeit in der Öffentlichkeit betont wird, desto größer wird diese Gefahr. Ein Tor, wer den praktischen Nutzen der Wissenschaft zu einer zugesicherten Eigenschaft nach § 459 BGB macht. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit hat einfach keinen - jedenfalls wenn man unter ›praktischem Nutzen‹ das versteht, was jeder normale Mensch darunter versteht. Natürlich kann man den Vielen, und nicht zuletzt sich selbst, in dieser Sache etwas vormachen. So kann man sagen, daß der praktische Nutzen eben nicht immer so unmittelbar zu sehen ist, sondern nur auf die Dauer. Dies ist ja auch richtig. So vieles, was uns heute ein so viel angenehmeres, längeres und sichereres Leben beschert als in den guten alten Zeiten, wäre nicht möglich gewesen ohne die zunächst zweckfreie Grundlagenforschung, ohne die erratische Wißbegierde und auch die eitle Ruhmsucht von Physikern, Chemikern, Biologen - von Leuten kurzum, die einfach nur einmal wissen wollten, wie das denn alles so ist. Diese Argumentation vom vermittelten, langfristigen Nutzen wird aber zusehends zur Nebelwerferei, wenn man sie auf Geistes- und Sozialwissenschaften ausdehnt. Das Studium der Vergangenheit beispielsweise lehrt uns viel über die Vergangenheit: aber daß es uns ernstlich dabei helfen könnte, die Zukunft besser zu gestalten, ist Sophisterei, ein Topos, den man gerne sagt und gerne hört. In Wirklichkeit hat die Geschichtsforschung, von seltenen Ausnahmen abgesehen, ebensowenig praktischen Nutzen wie eine Deutung der Symbolik von Faust II und wie nahezu alle geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung. Sie ist halt interessant.

Was bleibt, ist der dritte der oben genannten Gründe - die Vorstellung, »daß es einer doch wissen müßte«. Der Durchschnittsbürger wird sich in seiner platten Neugier eher für das Fortpflanzungsgebaren des monegassischen Fürstenhauses interessieren als für jenes der letzten Berggorillas, dem die Wißbegierde des ernsthaften Forschers und der ernsthaften Forscherin gilt, und er wird nicht auf Anhieb nachvollziehen können, weshalb man dafür seine Steuergelder ausgibt. Aber er lebt doch in dem Bewußtsein, daß es letztlich Leute geben muß, die im Zweifelsfall Auskunft darüber geben können, wie es denn mit den Berggorillas im Vergleich zu den Bonobos ist, falls diese Frage bei irgendeiner Gelegenheit einmal auftauchen sollte - und sei es bei einer Wette. Irgendwo sollte klares Wissen sein, soweit es denn menschenmöglich ist, auch wenn man dieses Wissen nicht immer braucht. Dieses Bewußtsein ist allgemein. Es findet sich, so merkwürdig dies scheinen mag, selbst bei jenen, die der Wissenschaft höchst kritisch gegenüberstehen (die einzige Ausnahme sind wahrscheinlich wiederum die Wissenschaftler selbst, jedenfalls was ihr eigenes Fach angeht). Es ist, für unsereinen vielleicht zum Glück, meist unhinterfragt, es ist sehr fest, und es gilt für alle Fragen, von der banalsten bis zur seriösesten. Irgendjemand muß wissen, was der längste Fluß ist und was der höchste Berg, irgendjemand muß wissen, wer wen wann in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern geschlagen hat und ob die Emser Depesche wirklich für den Ausbruch des Kriegs von Bedeutung war; irgendjemand muß wissen, weshalb es eine Rolle spielt, ob van Gogh die ›Sonnenblumen‹ gemalt hat oder ein anderer Mensch, der genauso malt; irgendjemand muß erklären können, weshalb es nachts dunkel wird, obwohl es doch so viele Sterne gibt; irgendjemand muß wissen, wie das HIV-Virus übertragen wird und wie BSE, wie gefährlich Dioxin wirklich ist, welche Präventivfunktion die Todesstrafe hat und ob so viele aus Lust am Töten an ihr festhalten oder aus welchen Motiven sonst; irgendwo muß doch stehen, wieviele Sprachen es gibt und ob die Lasen Türkisch sprechen, wieviele Tempora das Altbulgarische hat und ob das Gotische eine Vorstufe des Deutschen ist, weshalb es ›denken - dachte‹ heißt, nicht aber ›lenken - lachte‹, was der historische Faust mit Goethes Faust zu tun hat, von wem ›Nis Randers‹ stammt und ob dies ein bedeutendes Gedicht ist; irgendjemand muß verläßlich darüber Auskunft geben können, wer eigentlich Brechts Dreigroschenoper geschrieben hat und weshalb Doktor Faustus ein weitaus lesenswerteres Buch sein soll als Dr. Mabuse; usw usw. Die dies wissen, sind die Wissenschaftler. So wenig vermittelbar sein mag, was sie im Einzelfall tun - letzten Endes produzieren sie etwas, ein Gut, eine Ware, deren grundsätzliche Verfügbarkeit ein jeder erwartet, auch wenn er sie nur manchmal braucht. Es ist diese einfältige Wißbegierde, aus der die Wissenschaft ihr Daseinsrecht bezieht - nicht weil ihre Befriedigung uns zu edleren Menschen macht, sondern weil ein jeder sie hat. Sie ist die demokratische Legitimation für die Söldner des Wissens.

Drei Züge sind für diese einfältige Wißbegierde kennzeichnend. Sie ist allgemein; das wurde schon gesagt. Zum zweiten ist sie ist konkret. Sie ist kein dumpfer Trieb, sondern sie will klare Antworten auf klare Fragen. Es ist nicht die Suche nach der letzten Wahrheit, nach dem endgültigen Verständnis der Dinge (was würde man denn dann tun?). Vielleicht gibt es auch Menschen, die von diesem Drang beseelt sind; aber persönlich kenne ich keinen, weder im Alltagsleben noch in der Wissenschaft; sie scheinen nur in der Literatur vorzukommen. Was aber jedem Menschen hin und wieder passiert, ist, daß man sich über etwas wundert, daß es zu einer Diskussion über etwas kommt, und da möchte man wissen, wie es sich wirklich verhält, und zwar so gut und klar wie es eben geht. Und eben solche Antworten zu geben, dazu sind wir legitimiert, nicht für den faustischen Drang. Zum zweiten sind die Fragen, die auf diese Weise auftauchen, ganz unabhängig von irgendeinem praktischen Nutzen. Die Antwort auf Fragen wie, weshalb die Dinosaurier ausgestorben sind, wann das Weltall entstanden ist und warum nur das Weibchen der Anophelesfliege sticht - Fragen, die zumindest mich selbst zu verschiedenen Zeiten sehr interessiert haben -, hat nicht den geringsten Nutzen, außer dem, die Wißbegierde zu befriedigen. Natürlich gibt es auch Fragen von großer praktischer Bedeutung; aber die demokratische Legitimation des Wissenschaftlers ist nicht darauf beschränkt. So denke ich, der bezahlte Wissenschaftler hat das Recht, auch Fragen nachzugehen, die zu beantworten keinen Nutzen hat; aber seine Antwort muß klar und ehrlich sein.
 

3. Vom fortwährenden Markt der Wissenschaft

So sind wir also jene Glücklichen, die der Wißbegierde mit der Zustimmung und dem Geld der andern von Berufs wegen frönen dürfen. Diese Legitimation ist demokratisch, sie ist moralisch, aber sie ist fragil. Wenn man die gesamte Förderung der ›Kulturwissenschaften‹ auf einen Schlag einstellen oder doch, sagen wir, auf ein Zehntel reduzieren würde, so würde man sicher vieles, was man jetzt noch nicht weiß, nicht oder jedenfalls nicht so schnell erfahren. Aber es steht schon so viel im Brockhaus und im Meyer und den anderen Kompendien der Gelehrsamkeit, und wenn diese Werke etwas länger auf dem neuesten Stand blieben als jetzt, so bräche der Krankengymnastin aus Herne, dem Steuerberater aus Tölz und all den andern, die unsern Sold aufbringen, darum keine Welt zusammen. Von Newton kennt man den Vergleich, er fühle sich wie ein Kind, das am Strand, vor sich das Meer der Unwissenheit, mit Kieseln spielt. Und in der Tat ist es ihm auch in vieljährigen Anstrengungen nicht gelungen, die Chronologie der biblischen Ereignisse zu entwirren, noch gar die Geheimnisse der Alchemie, denen er so viel Zeit und Geist gewidmet hat. Wir aber, obwohl wir gerne Newtons Gleichnis weiterverwenden, ertrinken eher im Meer des Wissens; die Flut der Informationen, und eben auch der wissenschaftlichen, wird oft genug beklagt. Nun setzt die Fülle des schon Vorhandenen die menschliche Wißbegierde nicht außer Kraft. Man mag sich aber wohl fragen, ob nicht manche Felder nach vielen Jahren der Forschung weithin leerbotanisiert sind. Was weiß man eigentlich über die Geschichte der indoeuropäischen Sprachen, über die Literatur der Mittelalters, über Schiller und Goethe und Hölderlin noch nicht? Vieles, aber nicht viel, was man noch herausfinden könnte, solange nicht vielleicht durch Zufall neue Zeugnisse auftauchen. Aber die wissenschaftliche Tätigkeit geht weiter.

Vor kurzem hat mich ein Freund und exzellenter Kenner der französischen Literatur gebeten, eine neue Interpretation von Baudelaires wundervollem Gedicht »A une passante« (›La rue assourdissante autour de moi hurlait...‹) in einem just erschienenen und in den Rezensionen sehr gerühmten Buch zu lesen, weil er sie nicht verstehen konnte. Ich konnte sie auch nicht verstehen. Andere, die wir gefragt haben, konnten sie auch nicht verstehen. Nicht einmal, wenn man das Gedicht selbst als Interpretationshilfe seiner Deutung beigezogen hat, konnte man sie verstehen. (Wenn es nicht so unhöflich wäre, würde ich den Text gerne hier abdrucken, um zu sehen, ob ein Leser ihn verstehen kann). Was mich selbst betrifft, will ich dieses Nichtverstehen einem gewissen Mangel an Bildung in diesen Dingen zuschreiben, schließlich verstehe ich auch einen Text über Quantenmechanik nicht. Aber aus irgendeinem eigentümlichen Grunde habe ich den Eindruck, ein Text über Quantenmechanik sei mir zwar so verschlossen wie ein chinesisches Kursbuch, aber letztlich so klar und logisch wie dieses, und ich bin im Herzen bereit, den Aussagen eines solchen Textes soviel Vertrauen entgegenzubringen wie die Friseuse aus Bottrop den Angaben des Großen Meyer über die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. Bei der Baudelaire-Interpretation habe ich diesen Eindruck nicht; in meiner Einfalt scheint er mir eine syntaktisch korrekte, im übrigen aber weithin sinnleere Ansammlung von Wörtern, bei denen der eine dies, der andere das assoziiert, und weder dem einen noch dem andern recht gegeben werden könnte. Ein schlechtes Gedicht über ein gutes Gedicht.

Ich erwähne all dies nicht, um mich über die hermetischen Ausführungen mancher moderner Literaturwissenschaftler, noch gar über diese Interpretation im besonderen, zu mokieren; das wäre billig, zumal für einen Vertreter der Linguistik, einer Disziplin, die sich nicht immer durch besondere Transparenz ihrer Texte auszeichnet. Vielmehr wundere ich mich, wieso so viele Vertreter einer Disziplin - und dies ist nicht die einzige - eine solche Entwicklung genommen haben oder zumindest dulden. Könnte es sein, daß die Disziplin kein neues Wissen, keine klaren Antworten auf klare Fragen mehr zu bieten hat? Die Fakten sind weithin bekannt, die Texte endlos ausgelegt, das, was die einfältige Wißbegierde an beantwortbaren Fragen zu stellen hat, ist bis auf Restbestände beantwortet. Die Söldner des Wissens jedoch werden weiter bezahlt, sie müssen etwas tun, das über die Verwaltung und Weitergabe des bisherigen Wissens hinausgeht. Aber sie wissen nichts Neues.
 

4. Von dieser Zeitschrift und diesem Heft

Was haben all diese etwas melancholischen Überlegungen mit dem vorliegenden Heft zu tun? Es ist das erste seit 28 Jahren, das nicht einem speziellen Thema gewidmet ist. Als die Zeitschrift gegründet wurde, war eine Überlegung bestimmend: sie sollte für alles offen sein, was unser Wissen über die Sprache und ihre Hervorbringungen bereichern kann. Sie umfaßt daher nach Themen und Methoden ein sehr reiches Spektrum. Ein solches Spektrum kann man aber nicht im einzelnen Heft abbilden, ohne daß es allzu bunt und uneinheitlich würde. Deshalb waren - nach dem ersten programmatischen Heft »Methodische Perspektiven« - von Anfang an Themenhefte vorgesehen. Das hat zwei Nachteile. Zum einen macht es die Planung schwierig. Autoren müssen aufgefordert werden; nicht alle aber können ihre Zusage einhalten. Deshalb muß man mehr anfordern als endlich gedruckt werden können; manchmal aber fällt keiner aus, oder es fallen zuviele aus. Die Beiträge sind zu lang oder zu kurz, oder einfach nicht gut und müssen abgelehnt werden. Oder sie sind sehr gut, kommen aber zu spät. Dann können sie nicht, wie bei einer anderen Zeitschrift, einfach ins nächste Heft genommen werden. Andere, die unaufgefordert eingereicht sind, sind sehr gut, passen jedoch nicht zu den gerade geplanten Themen. All diese praktischen Probleme machen eine Punktlandung oft schwierig, manchmal unmöglich; Verlage, Herausgeber, Autoren und Leser haben es gelegentlich zu ihrem Leidwesen erfahren. Zum andern beschränkt die Bindung an vorausgeplante Themen den spontanen Ausdruck der wissenschaftlichen Neugier. Deshalb wurde schon vor vielen Jahren beschlossen, in jedes Heft eine vom jeweiligen Thema unabhängige Rubrik aufzunehmen - das »Labor«. Dieser Teil sollte aber nicht nur thematisch, sondern auch im ganzen Duktus freier sein als normale Aufsätze. Es heißt:

In der Rubrik Labor erscheinen Skizzen, Entwürfe, Polemiken (Erwiderungen sind erwünscht) zu wissenschaftlich und literarisch aktuellen Themen, Gedankensplitter zu großen Problemen wie der mikroskopischen Trouvaille. Labor soll Experimentcharakter haben: ein Startplatz für Ideen-Luftballons sein, Einfällen und - inhaltlichen wie formalen - Abweichungen eine Chance geben, soll offen sein auch für zugespitzte Zunahmen zum kulturellen Zeitgeschehen - in der Literatur, in den Medien, in den Literatur- und Sprachwissenschaften. Es wäre willkommen, wenn im Labor auch Diskussionen stattfänden.

Wichtig für einen Laborbeitrag war uns daher, ob er einen interessanten, einen anregenden Gedanken ausdrückt, mag dieser nun wissenschaftlich ausgereift sein oder nicht. Mehr als andere Beiträge sind daher jene zum »Labor« unmittelbarer Ausdruck dessen, was oben die einfältige Wißbegierde genannt wurde. In den letzten Jahren ist die Zahl der Einsendungen, die uns veröffentlichenswert scheinen, deutlich gestiegen. Dies hat, da immer nur wenige Laborbeiträge in ein Heft aufgenommen werden können, zu einem Rückstau geführt. Wir haben uns daher entschlossen, ein ganzes Heft nur solchen Beiträgen zu widmen. Der Grund für dieses erste nichtthematische Heft nach dem allerersten war also ein praktischer - es ist den Autoren nicht zuzumuten, allzulange auf eine Veröffentlichung zu warten. Aber es entspricht auch durchaus dem Geist der Zeitschrift, einem thematisch und methodisch breiten Spektrum von Ideen Raum zu gewähren.
 

5. Schluß

Zu den ersten vier Herausgebern dieser Zeitschrift zählte neben einem Mediävisten, einem modernen Literaturwissenschaftler und einem Linguisten auch ein Professor der Mathematik - Rul Gunzenhäuser. Dies war programmatisch: erst der Einbezug mathematischer Methoden hat vielen Disziplinen zu jener Genauigkeit und Festigkeit verholfen, die wir mit dem Gedanken an Wissenschaft und wissenschaftlichen Fortschritt verbinden. Rul Gunzenhäuser hat in diesen Tagen seinen fünfundsechzigsten Geburtstag gefeiert; ihm sei dieses Heft in Dankbarkeit gewidmet.

Er hat die Zeitschrift nach einigen Jahren verlassen, weil sich seine eigene Wißbegierde stärker anderen Gegenständen zugewandt hat. Aber es entspricht auch dem Gang des Faches, das sich die Literatur zum Thema genommen hat: der Versuch, präzise Methoden auf die Analyse der Dichtung anzuwenden, war nicht sehr folgenreich, eine exotische Phase, von manchen mit Wohlwollen und freundlichem Interesse gesehen, von wenigen fortgeführt, von den meisten aber von Anfang an mit Unverständnis betrachtet, weil sich die Dichtung, so eine gängige Vorstellung, der Behandlung mit präzisen Methoden entzieht. Das haben die meisten Physiker im Mittelalter von ihrem Gegenstand auch gedacht, und die meisten Chemiker vor dreihundert Jahren und die meisten Biologen vor hundert. Man kennt David Humes Diktum in letzten Abschnitt der ›Enquiry‹, ein Buch, das weder neue empirische Fakten enthalte noch mathematische Aussagen, sei wertlos und gehöre ins Feuer. Das ist vielleicht etwas übertrieben (einmal ganz abgesehen davon, daß Hume selbst es nicht so ganz zu glauben scheint, denn seine eigenen Bücher unter Einschluß der ›Enquiry‹ enthalten weder neue empirische Tatsachen noch mathematische Aussagen). Aber es hat einen Beigeschmack von Wahrheit, denn nur solche Bücher sind es, die von der Legitimation durch die einfältige Wißbegierde gedeckt werden: jene, die klare Antworten auf klare Fragen geben wollen, gleich ob diese von praktischer Bedeutung sind oder nicht.