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Lili - Heft 115



Thema: Wittgenstein

Herausgeber dieses Heftes:
Ralf Schnell





Inhalt

Ralf Schnell
Einleitung - Introduction

Manfred Geier
Wittgensteins Stil des Denkens. Die geistige Physiognomie eines Philosophen
Wittgenstein's style of Thinking. The Intellectual Physiognomy of a Philosopher

Christian Stetter
Der Käfer in der Schachtel: Die Universalgrammatik und das Privatsprachenproblem
The Beetle in the Box: Universal Grammar and the Private Language Problem

Iris Hermann
Ludwig Wittgensteins Schmerzbegriff im Dialog mit Fernando Pessoa, Franz Kafka und Clarice Lispector
Wittgenstein on Pain

Hannes Fricke
»Ein Bild hielt uns gefangen«: Über Wittgensteins Witz-Begriff als Thearpie gegen verfestigte Denkstrukturen
»Ein Bild hielt uns gefangen«: On Wittgenstein's Notion of Witz as a Therapy Against Intellectual Rigidity

Mario Kumekawa
Nach dem Sündenfall. Über die Vorstellung der besseren Sprache bei Ludwig Wittgenstein und dem frühen Walter Benjamin
After the Fall. On the Images for Better Languages by Ludwig Wittgenstein and the Young Walter Benjamin

Doris Vera Hofmann
Die Leiter wegwerfen und die Brille abnehmen. Der Alltag gegenwärtiger amerikanischer Wittgensteinliteratur
Throwing Away the Ladder and Taking off the Glasses. Ordinary American Literature on Wittgenstein

Labor

Maria E. Brunner
Effi Briest von Theodor Fontane als Schule des Sehens

Horst Denkler
Festrede aus Anlaß der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin an Professor Dr. Wolfgang Paulsen am 4. Juni 1997

Wolfgang Paulsen
Ich bedanke mich










Ralf Schnell

Einleitung


Gelegentlich stößt man in wissenschaftlicher Literatur auf Anmerkungen, die sensible Leserinnen und Leser Furcht und Mitleid lehren können. Furcht, beispielsweise, angesichts der Publikationsflut zu einem speziellen Thema, Mitleid angesichts von Versuchen, trotz der bereits vorliegenden Vielfalt von Gedanken und Analysen dem gleichen Gegenstand abermals Aufmerksamkeit schenken zu wollen. Ein solcher Gegenstand ist die Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, und eine entsprechende Anmerkung findet sich in einer 1993 veröffentlichten Studie zu seinem Werk. Dort heißt es auf Seite 185: "Die Untersuchungen über Wittgenstein gehen mittlerweile in die Abertausende. Eine englischsprachige Bibliographie der Sekundärliteratur aus dem Jahre 1986 umfaßt 5868 Titel." Wenn man der Vermutung des Autors Glauben schenken darf, daß bis 1992 eine mindestens ebenso große Anzahl von Neuerscheinungen hinzugekommen sei, so wären das, falls ich mich nicht verrechnet habe, furchterregende 11736 Titel, mindestens. Eine Zahl, die sich - bei knapper Kalkulation und steigender Furcht - bis zum Jahre 1999 auf mitleiderregende runde 20 000 Eintragungen extrapolieren läßt.
Nun reicht die Katharsis im Übergang zum 21. Jahrhundert zur Reinigung von Furcht und Mitleid bekanntlich nicht mehr hin. Dergleichen Leidenschaften lassen sich - zumindest wissenschaftlich - heute nur dann bearbeiten, wenn man prüft, inwieweit sie ihrem Anlaß angemessen sind. Im vorliegenden Falle mag es erlaubt sein, dies anhand jenes thematischen Überschneidungsbereichs zu versuchen, auf den die Konjunktion im Titel dieser Zeitschrift mit interdisziplinärem Anspruch verweist: Literaturwissenschaft und Linguistik. Daß Wittgensteins Werk eine so breite Resonanz gefunden hat, ist ja nicht zuletzt auf die Vielfalt seiner Fragestellungen zurückzuführen. Es umkreist so unterschiedliche Aspekte wie das Verhältnis von Sprache und Welt, Mathematik und Farbenlehre, Metaphysik und Mystik, Religiosität und Architektur. Zudem handelt es sich um ein Denken, das diese stupende Vielfalt philosophischer und wissenschaftlicher Ansätze mit persönlichen Neigungen und Vorlieben, mit der subjektivierenden Perspektivik seiner Wahrnehmungen, mit Zweifeln und Selbstkritik skrupulös und doch problemlos zu verbinden weiß. Während aber Wittgensteins Denken für die theoretischen Diskussionen in Philosophie und Sprachwissenschaften kaum mehr übersehbare Folgen gezeitigt hat, sind seine Einsichten für das Verhältnis von Literaturwissenschaft und Linguistik - von wenigen Ausnahmen abgesehen - ohne nennenswerte Konsequenzen geblieben.
Diese Tatsache gab den Anstoß für den in diesem LiLi-Heft unternommenen Versuch, den Anregungen nachzuforschen, die von Wittgensteins Form philosophischer Erkenntnis für den Grenzbereich zwischen beiden Disziplinen ausgehen können. Gefragt wird also nicht allein nach den möglichen Folgen der Wittgensteinschen Philosophie für eine Theoriebildung innerhalb gegenwärtiger Literaturwissenschaft und Linguistik, sondern angesprochen ist der gesamte interdisziplinäre Komplex, den Begriffe wie Sprachphilosophie, Linguistik, Ästhetik, Metaphorologie, Stilkunde und Rezeptionsgeschichte umschreiben. Legitimiert sieht sich dieser thematisch breite Ansatz durch einen Duktus des Philosophierens, für den Erkenntnis und Methode, Stil und Denken unmittelbar zusammenhängen. Im Vorwort zu den Philosophischen Untersuchungen schreibt Wittgenstein 1945: "Nach manchen mißglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem [...] Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies nie gelingen würde. Daß das beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen." Diese selbstkritische Revision bedeutet eine methodologische Konsequenz aus den eigenen Einsichten in die konstruktionsbedingten Engführungen seines Tractatus logico-philosophicus. Wittgenstein selbst mußte "schwere Irrtümer in dem erkennen, was ich in jenem ersten Buche niedergelegt hatte". Problematisiert wird damit vor allem das im frühen Werk praktizierte, strikt logik-zentrierte sprachphilosophische Verfahren.
In den späteren Philosophischen Untersuchungen wählt Wittgenstein, bei verändertem sprachphilosophischen Erkenntnisinteresse, auch eine andere, eine neue Form der philosophischen Argumentationsführung. Wittgenstein fragt nicht mehr als Logiker nach Wesensbestimmungen von Sprache, sondern als Analytiker nach sprachlicher Praxis. Er wendet sich ausdrücklich gegen Denkzwang, Wiederholungszwang und Systemzwang, gegen alle Formen einer gleichsam 'philosophischen Gefangenschaft', die durch abstrakt gewonnene wissenschaftliche Perspektiven und Terminologien die Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht nur einschränken, sondern auch verzerren und verfälschen. Es ist deshalb kein Zufall, daß Wittgenstein seinen Gedanken eine genuin literarische Gestalt gegeben hat, und literarischer Art sind auch die Beispiele, die er bemüht. Wittgenstein benutzt Farben, Formen und Muster, um seine Vorstellungen zu versinnlichen. Er bevorzugt die Metapher, um seine Argumentation zu veranschaulichen. Er zieht zum Vergleich für das Regelwerk von Sprachhandlungen die Regeln von Spielen heran. Und er verweist auf kulturelle Techniken wie das Lesen, um den Vorgang des Sprechens und des Spracherwerbs zu exemplifizieren. Die Form der Darstellung in Wittgensteins Spätwerk trägt dieser literarischen Gestalt Rechnung. Sie ist weitgehend dialogisch angelegt. Sie lebt von Frage und Antwort, von Zweifeln und Einreden und gibt damit jenem Prozeßcharakter gedanklicher Vorgänge und sprachlicher Handlungen Ausdruck, den sie selber repräsentiert.
Man kann deswegen - so Manfred Geier in dem einleitenden Beitrag zu diesem LiLi-Heft - von einem 'Stil des Denkens' bei Ludwig Wittgenstein sprechen, in dem sich die 'geistige Physiognomie eines Philosophen' repräsentiert. Der späte Wittgenstein weiß, daß Wissenschaft und Philosophie der Realitätssphäre und des funktionalen Spiels der sprachlichen Zusammenhänge bedürfen, wenn sie nicht zur metaphysischen Spekulation verkommen sollen. Der Umbruch dieses Philosophierens vollzieht sich im paradigmatischen Krisenjahr 1929, das zugleich das Jahr der Weltwirtschaftskrise ist. Es führt, ohne daß damit ein kurzschlüssiger Kausalnexus konstruiert werden soll, Wittgensteins Denken vom 'Phänomenalismus' zum 'Physikalismus', zu einem 'Stil', welcher der Praxis und der Empirie als Parameter seiner Hypothesen und Theoriebildungen bedarf, um sich den "großen philosophischen Rätseln" zu nähern, "für deren Lösung der späte Wittgenstein ab 1929 begehbare Wege sucht" (Geier). Zu diesen Rätseln zählt das Verhältnis von 'öffentlicher' und 'privater' Sprache, das Verhältnis von Gegenstand, Bezeichnung und Empfindung, das Problem des Schmerzempfindens und der Schmerzäußerung. Wittgenstein nähert sich diesen sprachphilosophisch zentralen Fragen ohne Rücksicht auf seine früheren Versuche, eine 'Bildtheorie der Sprache' zu entwerfen, durch welche die Sprache in einen unmittelbaren, d.h. nicht öffentlich vermittelten Bezug zu einem Gegenstand gesetzt wurde. Demgegenüber hebt die ethische Intention der Philosophischen Untersuchungen auf die Praxis der 'Sprachspiele' ab, in denen sich menschliche Lebensformen realisieren. Diese Ethik ist zugleich eine Ästhetik, insofern sie buchstäblich auf der 'Wahrnehmung' von Differenzen und Nuancen besteht, eine philosopische Ästhetik der Unterscheidung und des Unterschieds, die "am Leitfaden der Sprache zugleich einen Ausweg aus ihrem Labyrinth finden wollte" (Geier).
Zwei der von Manfred Geier angesprochenen 'großen Rätsel', deren Lösung der späte Wittgenstein sucht, stehen im Mittelpunkt der Beiträge von Christian Stetter und Iris Hermann: das Verhältnis von 'öffentlicher' und 'privater' Sprache und der sprachliche Ausdruck von 'Schmerz'. Anknüpfend an seine Studie über Schrift und Sprache (1997), analysiert Christian Stetter das Verhältnis von 'Privatsprache' und 'Universalgrammatik'. Versteht man Sprache mit Wittgenstein als Teil einer Lebensform, so ist diese ihrerseits geprägt durch vielfältige Traditionen, Konventionen und Innovationen, durch eine 'Grammatik' in dem weiten Sinne Wittgensteins, der den Gebrauch eines Wortes und die besondere Form des jeweiligen Gebrauchs, Phantasiepotentiale und strategische Dimensionen sprachlicher Praxis einschließt. Deshalb kommt Wittgenstein zu dem Resultat: "Wenn man sagt >Er hat der Empfindung einen Namengegeben<, so vergißt man, daß schon viel in der Sprache vorbereitet sein muß, damit das bloße Benennen einen Sinn hat." (PU 257).
Christian Stetter erhellt Wittgensteins durchaus unsystematisch vorgetragene Kritik an der Vorstellung von einer 'privaten Sprache' im Licht des linguistischen Modells von Noam Chomsky. Es handelt sich dabei um zwei auf den ersten Blick unvereinbare Zugriffsweisen auf den Gegenstand Sprache, die in einem grundsätzlichen Widerspruch zueinander stehen. Auf der einen Seite Wittgenstein mit seiner Auffassung von Sprache als einem "Kontinuum verschiedenartiger Sprachspiele, mithin Sprachformen - der Plural ist wesentlich -, die in und qua sozialer Praxis sich ins Unüberschaubare ausdifferenzieren" - auf der anderen Seite Chomsky mit seiner Auffassung, daß "alle menschlichen Sprachen eine identische Grundform teilen, die durch ein im Genom angesiedeltes Programm, ein spezialisiertes kognitives System, festgelegt ist" (Stetter). Sprache als 'Organ' (Chomsky) versus Sprache als 'Lebensform' (Wittgenstein), 'Sprachsystem' (Chomsky) versus 'Sprachgebrauch' (Wittgenstein) - will man sich nicht mit der Einsicht begnügen, daß es sich um zwei miteinander schlechterdings nicht vergleichbare Parameter handelt so wird man sich mit Christian Stetter bis zu der Pointe durchdenken müssen, daß die "Konstruktion der Universalgrammatik Wittgensteins Argument allererst auf den Punkt" bringt: Tatsächlich ist jeder Gegenstand, der in einer Sprache benannt werden kann, damit auch nicht mehr 'privat', und umgekehrt kann dieser Gegenstand "nur in einer je besonderen Sprache benannt und die sinnvolle Verwendung dieses Namens nur in dieser besonderen Sprache geprüft werden" (Stetter).
Es gibt also - dies macht auch Iris Hermann anhand von Wittgensteins Umgang mit dem Begriff 'Schmerz' (PU 244 ff.) exemplarisch deutlich - keine 'privaten Empfindungen', die sich als rein 'private' mitteilen ließen. Empfindungen, auch die des Schmerzes, sind immer schon sprachlicher Natur, auch wenn sie 'vorsprachlich' geäußert werden. Sie lassen sich lokalisieren, sie besitzen Dauer, und ihnen kommt eine bestimmte Intensität zu, die sich ausdrücken läßt. Das heißt: sie sind in einer 'öffentlichen' Form vorgeprägt und werden ihrerseits als 'sprachliche', durch Interaktion, Schreiben und Sprechen, allererst hergestellt. Jede Empfindung, auch die des Schmerzes, wird also durch den Öffentlichkeitscharakter jedes Sprachspiels, auch des literarischen, veräußerlicht. Mit dieser Einsicht werden nicht nur ganze Reihen traditionsreicher Begrifflichkeiten und Dichotomien, Antagonismen und Antithesen der Literaturwissenschaft fragwürdig: Aspekte wie Innenwelt und Innerlichkeit, die Polarität von Ich und Du, der Dualismus von 'Innenwelt' und 'Außenwelt', Individuum und Gesellschaft. Es stellt sich darüber hinaus die Frage nach der ästhetischen Identität von Texten, in denen 'Schmerz' thematisiert und zugleich literarisch konstituiert wird. Mit ihrer vergleichenden Analyse von Fernando Pessoas Buch der Unruhe (1982; dt. 1987), zweier Zitate aus Briefen Franz Kafkas (1903/04) und eines Werks der brasilianischen Erzählerin Clarice Lispector, Die Passion nach G.H. (1964; dt. 1990) zeigt Iris Hermann, daß das literarische 'Schmerzbenehmen' zwar vom fragenden und beschreibenden Gestus des Philosophen deutlich entfernt ist, daß es aber auch hier um das 'Benennen' eines Gegenstandes nicht geht: "Ausdruckslosigkeit wird zum Merkmal von Kunst" (Hermann). Jenseits mimetischer literarischer Konzepte erhält der Schmerz in der literarischen Moderne seine "Präsenz" in der Literatur nicht durch Bezeichnung, Bennung oder Beschreibung eines 'Gegenstandes' mit dem Namen 'Schmerz', sondern durch die "Evidenz und Epiphanie", in der sich dieser 'Gegenstand' in literarischen Texten ästhetisch konfiguriert findet.
Wie ein Leitmotiv verbindet die drei zuvor genannten Beiträge eine Denkfigur Wittgensteins, die ein substantielles philosophisches Argument in die Form eines gleichnishaften Bildes faßt. Es handelt sich um die Denkfigur vom 'Käfer in der Schachtel', dessen Benennung, wie Wittgenstein sagt, "überhaupt nicht zum Sprachspiel [gehört]: auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein" (PU 293). Wittgenstein zieht aus diesem Umstand eine aufschlußreiche Konsequenz: "Wenn man die Grammatik eines Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von Gegenstand und Bezeichnung konstruiert, dann fällt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus." (PU 293) Die Prägnanz dieser Bestimmung, die sich auf ein genuin literarisches Verfahren, das des gleichnishaften Bildes, bezieht, erklärt den Reiz, den dieser Paragraph auf Wittgenstein-Kenner und -Interpreten immer wieder - auch auf die Autoren dieses LiLi-Hefts - ausgeübt hat. Denn in ihm zeigt sich in nuce, was man mit Wittgenstein den "Witz" des Wittgensteinschen philosophischen Verfahrens selbst nennen könnte: der Zusammenklang von anschaulich geschilderten, plastischen Spielarten einer Lebensform namens 'Sprache' und präzisen theoretischen Reflexionen zur Struktur sprachphilosophischer Verfahrensweisen. Zwischen dem Gegenstand der Untersuchung - die Praxis der Sprache - und der Form der Darstellung - eine dialogisch angelegte, sinnlich-anschaulich gefaßte Prozeßhaftigkeit - besteht für Wittgenstein und bei Wittgenstein keine Differenz.
Wie jedes Spiel, so hat auch das Sprachspiel - auch das des Philosophen Wittgenstein - "nicht nur Regeln, sondern auch einen Witz" (PU 564). Es kommt jedoch wie im Spiel, so auch im Sprachspiel darauf an, Essentielles von Akzidentellem zu unterscheiden, relevante Strategien von Rankenwerk, denn nicht alle Ingredienzien eines Spiels repräsentieren dessen charakteristische Eigenart gleichermaßen. "Ich bin also geneigt", so Wittgenstein, "auch im Spiel zwischen wesentlichen und unwesentlichen Regeln zu unterscheiden" (PU 564), eine Maxime, die sich auch die Form der Kommunikation zu eigen machen muß, die sich interpretierend an einen Text anschließt. Wie die "Bedeutung eines Steines (einer Figur) [...] ihre Rolle im Spiel ist" (PU 563), so determiniert auch die Konstitution eines Textes die "Rolle", das heißt: die "Bedeutung" eines Wortes, eines Satzes oder eines Sinnzusammenhangs. Was die Wörter einzeln oder in ihrem Zusammenspiel bezeichnen oder bedeuten, das zeigt sich "in der Art ihres Gebrauchs" (PU 10). Nicht die abstrakte Wesensbestimmung eines Wortes oder Textelementes entscheidet über Relevanz und Irrelevanz sprachlicher Valeurs, sondern die "Art und Weise dieses>Bezugs<" (PU 10). Diesem Aspekt geht Hannes Fricke anhand von vier sehr unterschiedlichen Textbeispielen nach: Peter Bichsels Erzählung Ein Tisch ist ein Tisch, Clifford Geertz' Beobachtungen über Common-sense und Magie, Johann Peter Hebels Schatzkästlein-Geschichte Kannitverstan und einer Interpretation des Gedichts Stehen von Paul Celan durch Hans Georg Gadamer. So unterschiedlich die Textbeispiele sind: Fricke zeigt an ihnen übereinstimmend, wie sehr das rechte Verstehen ihres "Witzes" an die Voraussetzung gebunden ist, jedes der in ihnen geschilderten Sprachspiele als Teil einer Lebensform zu begreifen. Und umgekehrt: Wie sehr das Infragestellen der eigenen Deutungsvoraussetzungen verfestigte Denkstrukturen zu 'therapieren' vermag. Frickes Beitrag setzt sich mithin nicht nur analytisch mit Wittgensteins "Witz"-Begriff auseinander, sondern er bietet zugleich eine Einführung in ausgewählte Aspekte der Hermeneutik.
Dies gilt in vergleichbarer Weise auch für den Beitrag von Mario Kumekawa, der sich mit der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins und Walter Benjamins auseinandersetzt. Ausgehend von dem Aspekt einer 'Sprachkrise' der Moderne, die hier mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts angesetzt wird, arbeitet Kumekawa die produktiven Momente eines Phänomens heraus, das zu Differenzierungen von Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen in Philosophie und Poesie geführt hat: beim frühen Wittgenstein im Tractatus logico-philosophicus zu einer Anerkennung von Grenzen der Sprache, die Kumekawa als ein "Rezept für die Heilung der Sprache" deutet; beim frühen Benjamin im Konzept des göttlichen Namengebens, mit dem der eigentlich schöpferische Akt einsetze: "In Gott ist der Name schöpferisch, weil er Wort ist, und Gottes Wort ist erkennend, weil es Name ist." (Benjamin). Die Strukturhomologie zwischen Wittgenstein und Benjamin, die sich auf diese Weise im Frühwerk andeutet, findet ihre Fortsetzung in den erkenntniskritischen Revisionen, die in den Philosophischen Untersuchungen wie im Trauerspiel-Buch vorgenommen werden: bei Wittgenstein im Konzept des 'Übersehens', das es erlaubt, die isolierten Elemente der Sprache "mit der größten Spannung gleichzeitig zu betrachten, ohne sie in einen inhaltlichen Zusammenhang zu bringen" (Kumekawa); bei Benjamin in der Form einer gleichsam platonischen Rettung der Sprache, die im Konzept der "Konstellation" von Ideen realisiert wird. Bei allen Unterschieden - des Frühwerks und des Spätwerks, der Erkenntnistheorie und der pragmatischen Durchführung des philosophischen Ansatzes - zielen beide Denker auf eine "Heilungsgeschichte der Sprache" (Kumekawa), die sich aus der Not der "verdorbenen" Sprache die Tugend einer Sprachbetrachtung läutert, die dieser Sprache philosophisch angemessen ist und ihr gerecht wird.
Ein erhellendes Licht auf Wittgensteins Früh- und Spätwerk wirft schließlich auch die Skizze, die Doris Vera Hofmann von der neueren und neuesten Wittgenstein-Diskussion in den Vereinigten Staaten angefertigt hat. Sie setzt an bei Überlegungen Cora Diamonds zum Aspekt des 'Unsinns' von und in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, Thesen, die Aufsehen erregt und heftigen Widerspruch ebenso gefunden haben wie - zumal in Harvard - entschiedene Anhänger. Radikalität und Respektlosigkeit dieses Zugriffs auf das berühmte Frühwerk verdanken sich einem Ansatz, der den erkenntnistheoretischen Aporien des jungen Wittgenstein nachgeht. Der Versuch - so Cora Diamond - Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit sprachlich fassen zu wollen, müsse zu Sätzen führen, die notwendigerweise 'unsinnig' sind. Denn solche Sätze beruhten auf der "Illusion, man könne das ganze Verhältnis 'von der Seite' anblicken" (Hofmann) - ein Selbstwiderspruch, den der späte Wittgenstein offenbar in aller Schärfe wahrgenommen hat, als er von den "schweren Irrtümern in jenem Buche" sprach. In den jüngsten Diskussionen über Wittgenstein wird im Hinblick auf das Spätwerk anhand der Argumente von Robert Fogelin und Stanley Cavell noch einmal deutlich, wie sehr der 'therapeutische' Effekt von Wittgensteins Sprachphilosophie an den Aspekt des Lebenszusammenhangs gebunden ist. Lebenszusammenhang - dies wird vor allem von Cavell nachdrücklich und differenziert anhand vielfältiger Materialien demonstriert - als Kontext verstanden, der Sprache konstituiert.
Es zeigt sich in den Beiträgen zu diesem LiLi-Heft übereinstimmend, daß von den Philosophischen Untersuchungen Ludwig Wittgensteins Anregungen ausgehen können, die weiterführen. Wittgenstein unterscheidet in seiner Sprachphilosophie nicht nach vorab gewonnenen qualitativen Kategorien. Er betont vielmehr den funktional-instrumentellen Charakter der Verwendungsweisen von Sprache. Versteht man Worte nicht als Repräsentationen von Wesenheiten, auch nicht als festgelegte Widerspiegelungen von Ideen, Gedanken oder Tatsachen, sondern als fluktuierende, changierende, sich verändernde und entwickelnde Elemente eines gesprochenen, geschriebenen oder interaktiv hergestellten 'Textes', so bildet sich die Identität der Worte nicht abstrakt, sondern durch ihre Umgebung. Kontext ist ein offener Begriff, offen gegenüber unterschiedlichen Gewichtungen, offen für verschiedenartige Perspektivierungen. Er legt nicht fest, sondern eröffnet Wahrnehmungsräume. Er läßt Widersprüche zu, nicht, weil die Fragen falsch gestellt wären, sondern weil der jeweilige Text, kontextbedingt, widersprüchliche Antworten bereithält. Daran läßt sich - von Furcht und Mitleid und dergleichen Leidenschaften gereinigt - in Literaturwissenschaft und Linguistik womöglich noch heute produktiv anknüpfen.
 


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This paper takes up the theory put forward by Günther Grewendorf (1995) that Wittgenstein's conception of language as a publicly constituted "life form" is compatible with Chomsky's conception of language as a human "organ", although this conception could undoubtedly be characterized to a certain extent as a private-language conception in Wittgenstein's sense. In a first step, it is shown how Chomsky's model of an autonomous syntax module or a universal grammar can indeed be characterized as a "private-language" conception. This is essentially related to the construction of this module as a material, neural state (Chomsky 1995), as linguistic "knowledge", whose manner of functioning cannot become apparent to the s peaker. In a second step, the major points of Grewendorf's argumentation are summarized. In spite of a very precise and accurate reconstruction of Wittgenstein's argument, the reconstruction ultimately follows Kripke's interpretation, which, as is well known, trivializes this argument. The decisive aspect for Grewendorf's argumentation is his theory - which here undoubtedly contradicts Wittgenstein's text and logic - that the differentiation between know and believe to know is irrelevant for Wittgenstein's refutation of the possibility of a private language. It is, thirdly, demonstrated that Chomsky's theory would be tenable, or not affected by Wittgenstein's argument, if the existence of the syntax module could be demonstrated irrespective of the reference to performance phenomena. Fourthly, and finally, it is then shown by using grammatical categories as theoretical predicates that this is not possible for purely logical reasons. Chomsky can only give these predicates a second extension, i.e. use them as descriptors of n eural states, if he simultaneously defines them extensionally on the first level by deriving them in a generative grammar which culminates in assigning lexicon elements to terminal categories. Otherwise it would be simply impossible to correlate statements on the forms of the syntax module with statements on surface forms. The autonomous syntax module is thus, on the one hand, identified as a private-language construction par excellence and with Wittgenstein it is shown why such a construction is logically untenable. In parallel to this, attention is drawn to recent developments in the theory of neural networks, in which Chomsky's basic argument from his Skinner review that without "innate ideas" a child would not be in a position to develop a perfect grammar from imperfect linguistic data is factually and definitively refuted. The human brain is certainly capable of learning inductively or analogically on the basis of similarity relations. Fodor's theory of the autonomy of brain modules in essence contradicts recent findings on the interlinkage of modules enabling the brain to become self-organizing.

 






Wittgenstein does not offer a clear definition of pain. In his late work, especially in the Philosophical Investigations, he discusses the term pain in such a way, that stresses the general uncertainty and vagueness. This, he argues, is not only a characteristic of pain but of language in general: Pain seen in this way is a Sprachspiel among other Sprachspiele. Wittgenstein is interested in ‚how it works', and he denies that pain is or has a substance. Nobody can know what another person exactly means when she/he says that she/he feels pain. But nevertheless it is interesting to investigate how pain is expressed. This point of view is also valuable for aesthetic questions. In the second part the essay discusses texts of Fernando Pessoa, Franz Kafka and Clarice Lispector. All of them offer dense images of pain and a relationship between Wittgenstein´s idea of pain and these literary texts is established.

 






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Though Ludwig Wittgenstein and Walter Benjamin lived in the same era and were the authors of language-philosophical texts, which show apparant traits of the time and a jewish tradition, there have been only a few comparative studies which try to find some inner relations and logical commonness in their writings. But there are, in spite of many differences in their styles, some important similarities of philosophical methods. This essay tries to represent those corresponding points between Wittgenstein and Benjamin, who didn't know each other personally, and were unaware of each others works. The first condition which enables us to compare our philosophers was the ‚crisis of language', which occured at the beginning of the twentieth century. There was at that time a destruction of solid ground, which had seemingly secured the meanings of human-languages. Poets and avantgarde artists expressed how the objektive forms of languages began to part from their one-dimentional, plain meanings. Wittgenstein and Benjamin regarded this critical situation of language as a positive moment which led to the true state of our words, because language must be, in so many cases, multivocal and it would be otherwise too easy if one wanted to find a simple and setted meaning of the world. The second moment is the idea of language-reformation. At first, Wittgenstein and Benjamin considered our languages to have corrupted and thought of better, or higher, ones. Trying to find or develop a better language than our normal one can be called an european tradition. But today, it's turned out to be a misscarried project because we can not think any more of a meta-language with which our languages can be amended. As Wittgenstein claimed, the meanings must be shown only in each concrete situation in which languages are used. From such a perspective, Wittgenstein and Benjamin regarded our ordinary language, paradoxically, as a complete and finished one. For you can say nothing certain about the meanings of language, you must start your investigations of meanings by inspecting concrete examples of language-application. The language must be then understood as the origin of reality in which any questions about the meanings should come to an end. The late Wittgenstein claimed that philosophical problems take place only when you don't glance over (‚übersehen') the use of languages. This method of glancing over is the most important means for Wittgenstein's language-philosophy. Each case of use should be inspected as an isolated star which carries no explainable relation to other cases. Only by glancing over various examples of use you see the true state of a word without questioning it's meanings. Especially for the words which have no equivalent in the world of objects, like philosophical concepts, Wittgenstein's way of inspecting meanings could have great significance. In addition, Benjamin's theory of platonic ideas, which he describes in his early work The Origin of Germanic Tragedy in a very unique style, contains the same process. From Benjamin's view of languages, the figur of a word as a whole, you can call it as its true meaning, must be shown as a constellation of concrete exmples which can not be reduced into a generality of meaning.

 






This paper presents recent American interpretations of Wittgenstein´s philosophy. It focuses on approaches theorizing the textual and stylistic peculiarities of Wittgenstein´s writing, which is closely related to the question of where his work should be positioned in the philosophical tradition. In this perspective, the paper introduces Cora Diamond's reflections on sense and nonsense of the Tractatus as well as the intense discussion it initiated. The critical tendency of the early Wittgenstein is presented by uncovering the sentences of the Tractatus as nonsensical, whereas, for his later philosophy, it amounts to the question to which extent his philosophy can be regarded as a critique of the philosophical tradition in the name of ordinary language. For this purpose, the paper contrasts Robert Fogelin's view with Stanley Cavell's interpretation of the Philosophical Investigations.