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Lili - Heft 122



Thema: Bedeutungswandel II

Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Haubrichs





Inhalt

Wolfgang Haubrichs
Einleitung - Introduction

Matthias Rein
Zur Bedeutungsbreite des Wortes bekehren und zur Bezeichnungskonkurrenz im Rahmen des Konzeptes ‚bekehren' im früheren Althochdeutschen
Variety of meaning in the lemma bekehren and concurrence of signification in the concept ,conversion' in early Old High German

Nikolai A. Bondarko
Baumgarten und Palmbaum in ihrer Funktion für den Aufbau deutscher geistlicher Prosatexte des 13. Jahrhunderts
The Garden and the Palm-tree in Their Function for the Structure of German Spiritual Prosaic Texts of the Thirteenth Century

Peter Godglück
Eigenwissen und Fremdverstehen. Über die sogenannten Volksetymologien
Knowledge of one's own and the understanding of the other. On so-called folk-etymologies

 

Labor

Maria Besse
Alter Ton und neue Daten. Zur technischen Aktualisierung eines Wörterbuchs ("Wörterbuch der deutschen Winzersprache")

Wolfgang Klose
Wo gab es Stammbücher?

Antje Mansbrügge
Zwischen ‚Aleph' und ‚Zahir'. Libuše Moníkovás Gedächtniskonzeption

Bettina Schubarth
"Das hohe Lied des Nihilismus singen." Ironie in Martin Walsers Friedenspreisrede







Wolfgang Haubrichs

Einleitung


Ist der Philologe nicht auch eine Art 'Maulwurf'? Dieses Heft setzt die Thematik des 'Bedeutungswandels', der bereits LiLi-Heft 121 gewidmet war, fort. Es präsentiert Beiträge, welche die Reflexion über den Wandel sprachlicher Be-deutung in den Bereichen der Begriffs- und Mentalitätsgeschichte, der Literaturgeschichte nd schließlich gar des Alltagsdenkens aufnehmen. Einen 'bedeutsamen' Einzelfall der historischen Semantik betrachtet Matthias REIN (Saarbrücken) in einer Studie "Zur Bedeutungsbreite des Wortes bekehren und zur Bezeichnungskon-kurrenz im Rahmen des Konzeptes 'bekehren' im früheren Althochdeutschen". Man hat schon länger bemerkt, in welcher langfristigen und intensiven Weise das Konzept der conversio, der 'Bekehrung' und der 'Umkehr', ausgehend vom biblischen Entwurf der metanoia, okzidentales Denken geprägt hat und bis heute prägt. Rein hat sich der deutschen Frühgeschichte der Über-setzungen von conversio zugewandt, die man in bisherigen historisch-semantischen Untersu-chungen mit der 'Bekehrung' - und Missionsgeschichte der Karolingerzeit in Verbindung gebracht hat. Die Lehnübersetzungen gi-hwerban, gi-wenten und bi-keren, ir-kêren schienen hier von Anfang an miteinander zu konkurrieren, das heute dominante 'bekehren' schien sich noch im Laufe der Zeit der karlischen Reform des frühen neunten Jahrhunderts, in der Hoch-periode volkssprachiger Wortarbeit, die nachweislich auch anderswo prägende Begriffe der Kir-chensprache, der christlichen Intellektualität und Spriritualität erarbeitete, durchgesetzt zu haben. Der Autor kann zeigen, auf welch tönernen Füßen diese Entwicklungsgeschichte ei-gentlich steht. Es spricht vielmehr manches dafür, daß sich bekehren als dominante Bezeich-nung endgültig erst während der nur gering von Schriftlichkeit, vielmehr dominant von volks-sprachiger Mündlichkeit geprägten ottonisch-salischen Epoche durchgesetzt hätte. Die Gründe bleiben vorerst dunkel. Für die von christlicher Spiritualität geprägten Epochen des Mittelalters und der frühen Neu-zeit hatten nicht nur die verba, Wörter Bedeutung, sondern auch die res, die Dinge. Schon lange hat sich die Schule von Friedrich Ohly dieser für Literatur- und Kulturwissenschaften, für Kunst und Theologie bedeutsamen Variante der Bedeutungsgeschichte zugewandt. In die-ser Tradition steht die Studie von Nicolai A. BONDARKO (St. Petersburg) zu "Baumgarten und Palmbaum in ihrer Funktion für den Aufbau geistlicher Prosatexte des 13. Jahrhunderts". Dem Autor gelingt es in einer bemerkenswerten Verschränkung von literarischer, textnaher Inter-pretation und semiotisch-systematischem Ansatz die Zeichenhaftigkeit von Textkompositio-nen und ihre bedeutungstragende Funktion exemplarisch herauszuarbeiten. So mag diese ediliu fruht am Baum der Philologie auch dazu dienen, die Vielfalt der Ströme, die aus den Wur-zeln des Bedeutungskonzepts aufsteigen, zu repräsentieren. Leuchtet beim 'Wetterleuchten' eigentlich das Wetter? Welches Aas frißt der 'Pleitegeier'? Welche Gene trägt der 'Brosamen'? Man sieht schon, bei diesen Wörtern hat man es mit merkwürdigen, nur scheinbar etymologisch durchsichtigen Vertretern ihrer Art zu tun. Mit ihnen, mit den nach ehrwürdiger, wenn auch unzutreffender Vereinbarung 'Volksetymologien' genannten Typen sprachlichen Bedeutungswandels (oder besser: Bezeichnungswandels), der verspricht, ein Wort besser verstehbar zu machen, beschäftigt sich in einem theoretischen Ansatz, der der Analogieforschung verpflichtet ist, Peter GODGLÜCK (Saarbrüc-ken) in seinem Beitrag "Eigenwissen und Fremdverstehen" und ordnet sie an der "Schnitt-stelle zwischen Makro- und Mikrohistorie einer Sprache" ein. Dies ist vielleicht eines der reizvollsten Resultate des Nachdenkens über Bedeutungs- und Bezeichnungswandel. Wörter bewegen sich ihrer Materialität wie auch ihrer Bedeutung nach relativ rasch in der Sprachgeschichte. Dadurch gehören sie der Mikrogeschichte einer Sprache an. Andererseits zeigen sie, wenn man die Felder, auf denen sie sich entwickeln, und die Richtungen, in die sie sich entwickeln, über längere Zeit und an Hand zahlreicher Fälle be-trachtet, die kulturellen Wandlungen einer Sprache und der sie fundierenden Strukturen an, gehören also eminent auch zur Makrogeschichte der Sprachen. Lasset uns also die 'Archäologie der Sprache' nicht vergessen.

 

 

 

 

 

 

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Summaries



 

Matthias Rein


Variety of meaning in the lemma bekehren and concurrence of signification in the concept ,conversion' in early Old High German

The paper tries in his first part to discriminate the different meanings of Old High German bikêran, of whom only ,to convert, to change one's or others habitudes, beliefs and lifestyles' has survived to modern times. The original meaning ,to turn around' is especially important among these different meanings now disappeared. Part II gives a short overview of the history of the concept ,conversion', created by Israels Prophets in the Early Judaism of the 8.-6. century B.C. who first used a verb that until then simply had the meaning ,to turn around' to express the idea of a radical turn back of the people of Israel to his creator and God. The concept was taken over by John, called the Baptist, and his former disciple Jesus, finally by the Christian religion referring to this Jesus and preached to the German tribes essentially in the 6.-9. century. In fact, this concept was not expressed in their vernacular language and literature with the lemma bekehren before the time of Otfrid von Weißenburg (ca. 863-871). Part III gives a complete - as I hope - list of early Old High german evidence for other words used to express the concept ,conversion' - such as gihwerban/gihwerben, giwenten and irkêren, and Part IV tries to give - or at least to prepare - an explanation of this concurrence of signification and the final ,,victory" of the lemma bekehren as the one and only term to express the concept ,conversion'as one fundamental element of Chrsitian religion.







 

Nikolai A. Bondarko

The Garden and the Palm-tree in Their Function for the Structure of German Spiritual Prosaic Texts of the Thirteenth Century

This study examines the phenomenon of the compositional iconicity in Middle High German spiritual prose and the constitutive role of the two Biblical symbols of garden and palm-tree in the textual structure of late medieval 'dispositive allegories'. The problems discussed are the following: the influence of medieval symbolism and allegorism upon the structure of the mystical texts, semiotic approaches to the concept of iconicity and the realisation of the iconic composition in the so called 'emblematic' sermons, the relations between the iconic composition and the numeral and figural types of composition, the meanings of garden and palm as Christian symbols in the medieval exegesis and preaching practice and real functioning of these symbols in the composition of mystical and devotional writings.







 

Peter Godglück

Knowledge of one's own and the understanding of the other. On so-called folk-etymologies

The German term 'Volksetymologie' and its English and French equivalents cover a lot of phenomena. The following paper discusses two main versions of the notion ('disambiguing' (= lesartenreduzierende) and 'etiological' folk-etymologies) of which the second is considered central to the phenomenon.