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Lili - Heft 127



Thema: Germanistik in Ostasien

Herausgeber dieses Heftes:
Ralf Schnell





Inhalt

 

Ralf Schnell
Einleitung - Introduction

 

IWASAKI Eijirô
Studien zur deutschen Sprache in Japan. Eine skizzenhafte Beschreibung ihrer Geschichte
German Language Studies in Japan. A Short Description of Their History

 

HIRAO Kozo
Germanistische Mediävistik in Japan. Geschichte, Stand und Probleme
Germanic Medieval Studies in Japan. History, State and Problemvs

TSUNEKAWA Takao
Literaturwissenschaft in Japan. Ein Überblick über die letzten 20 Jahre
Literary Studies in Japan. A Review on the last 20 Years

 

ZHU Jianhua
Germanistische Linguistik in China
German Linguistics in China

ZHANG Yushu
Ein Jahrhundert Rezeption der deutschen Literatur in China
A Century of Reception of German Literature in China 

 

SON Seongho
Die Geschichte der germanistischen Sprachwissenschaft in Korea
The History of German Linguistics in Korea 

 

HER Yeong Zae und JANG Hee-Kwon
Koreas Germanistik in der Krise. Voraussetzungen, Ursachen und Reformvorschläge
The Crisis of Existence or a New Challenge. The History and the Present Situation of the German Linguistics and Literature in Korea 

 

 

 

 

Labor

Csaba Földes
Kontaktologische Studien als Gegenstand einer interkulturell orientierten Germanistik

 

Gerhard Augst
Volksetymologie und synchrone Etymologie

 

Werner Paul Sohnle
Die Internationale Hölderlin-Bibliographie online

 

 






Ralf Schnell

Einleitung


Im Sommer 1990 fand an der Keio-Universität in Tokio der Kongress der Internationalen Vereinigung für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft (IVG) statt. Es war der erste seiner Art, der außerhalb der abendländischen Welt durchgeführt wurde. Blickt man aus einem Abstand von mehr als einem Dutzend Jahren auf diesen Kongress zurück, so wird man sagen müssen: Die Hoffnungen, die sich seinerzeit mit dem Veranstaltungsort wie mit dem für Germanisten fremden Kulturraum verbunden haben, sind nur zum Teil erfüllt worden. Auch wenn der Kongress vorzüglich organisiert war, auch wenn die „Begegnung mit dem Fremden“ – so das Rahmenthema – zu vielfältigen neuen Eindrücken geführt hat, auch wenn sich im Einzelfall neue wissenschaftliche Kontakte und Kooperationsmöglichkeiten ergeben haben – die Germanistik in Ostasien ist dennoch weitgehend jene terra incognita geblieben, die sie für westliche Sprach- und Literaturforscher auch vor 1990 war.

 

Das ist aus zumindest zwei Gründen bedauerlich. Zum einen gehört zu einer angemessenen Wahrnehmung der eigenen Kultur - Literatur und Sprache selbstverständlich eingeschlossen - auch der Blick über Grenzen hinweg, nicht nur über die Grenzen bereits vertrauter, benachbarter Länder, sondern vor allem über die fern liegender Kulturräume. Die Aufnahme einer Nationalkultur in einem fremden Land spricht bekanntlich immer auch ein Urteil über deren Zukunftsfähigkeit. Zum anderen lehrt die Arbeit asiatischer Fachkolleginnen und –kollegen, die sich um die Vermittlung und Erforschung deutscher Sprache und Literatur verdient machen, den ‚native speaker‘ Einsicht in die Begrenztheit seines eigenen Wirkens. Dessen Qualität und Reichweite bestimmen sich nicht zuletzt über das Maß an Anregungskraft, dass sie außerhalb des eigenen Wissenschaftshorizonts besitzen.

 

Aus diesen Gründen nimmt sich LiLi mit der vorliegenden Ausgabe des Themas Germanistik in Ostasien an. Die drei Schwerpunkte des Bandes bilden jene Länder Ostasiens, in denen sich – über den Rahmen einer Sprachvermittlung im engeren Sinn hinaus – eine eigenständige Fachdisziplin Germanistik in Lehre und Forschung über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat: Japan, China, Korea. Die Germanistik hat in diesen Ländern, aus unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Gründen, ein eigenes Profil ausbilden können, das seinerseits seit langem Resonanz gefunden hat, im internationalen Maßstab wie insbesondere in den deutschsprachigen Ländern.

 

Dass der Kulturraum Ostasien dennoch keine hinreichende Bedingung zur Schaffung eines homogenen Profils germanistischer Sprach- und Literaturwissenschaft bildet, macht die Verschiedenartigkeit der jeweiligen Probleme deutlich. Während sich beispielsweise in Japan eine avancierte Mediävistik entwickeln konnte, befindet sich die Germanistik in Korea in einer Krisensituation, die eine grundlegende Neuorientierung verlangt. Und während die Germanistik in Japan wie in Korea die Folgen der aufs Englische zentrierten Globalisierung schmerzhaft zu spüren bekommt, stehen deutsche Sprache und Literatur in China, nach langen, harten Jahren der Restriktion und Repression, im Zeichen der Öffnung des Landes hoch im Kurs.

 

Die Beiträge zum Thema dieses Bandes, die von renommierten, zum Teil in repräsentativen nationalen wie internationalen Forschungszusammenhängen und Institutionen hervorgetretenen Wissenschaftlern[1] stammen, spiegeln – jeder auf seine Weise - ein Stück germanistischer Wissenschaftsgeschichte. Sie bieten keine Gesamtdarstellung der jeweiligen Fächer, sondern Information und Orientierung in Form fachlich perspektivierter Momentaufnahmen. Ihre Gemeinsamkeit besteht in der Beschreibung der Mühen, die mit der Vermittlung der Kultur deutschsprachiger Länder in einem geo-politisch wie kulturell fernen Raum verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen aber auch der Ausdruck der Passion, die mit einer solchen Vermittlungsbereitschaft einhergeht.

 


 
 

[1] Die Schreibung der Namen folgt in diesem Band der asiatischen Gepflogenheit, den Nachnamen zuerst zu nennen.

 
 

 

Summaries



 

Eijirô Iwasaki

   

German Language Studies in Japan. A Short Description of Their History

 

German Language Studies in Japan date from 1860 when the Prussian delegation came to Tokyo for the purpose of diplomatic negotiations with Japan. In this article I have tried to describe briefly how at that time we Japanese began to learn German and to train experts in the German language. I have also tried to describe some problems and difficulties which our German teachers and scholars were confronted with before, between and after the World Wars I and II, and last but not least, I have mentioned some new problems and difficulties which we are now faced with.






 

Kozo Hirao

   
 

Germanic medieval studies in Japan

 
 

The paper reports on the history of Germanic medieval studies in Japan, what their present state is and what problems they are now faced with.

 

It is not too much to say that in Japan research into this field really only started after World War II. Concerning research into German medieval literature, little had been known about its works before then, except for “the Nibelungenlied”. For that reason the first thing that had to be done after the war was to introduce the masterpieces of the golden age of German medieval literature and translate them into Japanese. Today the efforts made by Japanese medievalists over the past half a century must be appreciated, efforts made ever since it became possible to read most of the important works of German medieval literature in Japanese, like those of Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg.

 

Japanese Germanic medievalists have devoted themselves to scientific research as well. When they pursued their research, they generally showed a tendency to avoid being involved in the methodological issues and they were mainly concerned with concrete and positive approaches that stuck to texts. Since the 1960s, some of their studies – especially the studies of the German language – have reached an international level.

 

It may be said that Germanic medieval studies in Japan have completed the first stage of their development and Japanese medievalists are now searching for new specific ways of studying to take in the future. But now that the teaching of German has shifted from a receptive to a communicative method and, furthermore, German language teaching itself is on the decline, we cannot take a rosy view of the future of Germanic medieval studies in Japan.






 

 

Takao Tsunekawa

   
 

German Studies in Japan

 
 

The Japanese Society For German Studies, which has a membership of about 2500, organizes a conference twice a year, and a one-week seminar once a year on literary studies, linguistics and academic instruction for its members to which guests are invited from Germany as well as from Korea and China. It publishes a biannual periodical, Doitsu Bungaku (German Literature) in spring and autumn. The Society also co-operates closely with scholars of German studies in other Asian countries. It held an Asian Conference in 1999 in the southern Japanese city of Fukuoka, which was in fact a sequel to the conference which took place in Korea two years earlier. The conference of the International League of German Literary and Linguistic Studies (IVG) was held at Keio University in Tokyo in 2000.

 

German studies in Japan not only focus on traditional themes and problems, but also on the contemporary literature of former East and West Germany and of the united Germany of today. Meanwhile, political themes, once a characteristic of post-war German literature, attract our attention less than before the collapse of socialism and we are looking for new developments in literature. Feminism, discourse analysis of post-structuralism, and contemporary theatre are now favourite topics of discussion, while Austrian literature also enjoys a general popularity. Students of German studies tend to be much more interested in practical language learning or in (sub)cultural and regional studies than in literature. We think it is necessary to respond to these academic interests and needs of the present day without delay.






 

Jianhua Zhu

 

German Linguistics in China

 
 
 

This paper first makes an attempt to define the position of German linguistics in the major of “Germanistik” at tertiary level in today's China. Since China's reform and open-up policy in 1979, “Germanistik” as an important major at China's universities has witnessed ever increasing academic communication between the Chinese and German scholars in the field. As a result, concerning German linguistics, in particular, applied linguistics of German, various international and domestic conferences of “Germanistik” were held, and academic publications such as periodicals, collections of treatises, monographs as well as textbooks appeared regularly and frequently, which manifested great achievements in the field.

 

Secondly, the paper introduces the following six areas as the key researches of German linguistics in China: 1. the history of the German language and the history of German linguistics; 2. the study of the grammar and the language system, including phonetics, morphology, lexicology, lexicography and syntax; 3. language in use, including speech act theory, text linguistics, discourse analysis, functional-communicative theories, cognitive linguistics and etc.; 4. the German language for special purposes; 5. contrastive linguistics; 6. intercultural communication between the Chinese and German peoples.

 

The paper ends with an overview on the development trend of German linguistics in China.

 





 

 

Yushu Zhang

 

A Century of Reception of German Literature in China

 

 

 
 
 

The article presents a general view on the reception of German literature from the very beginning of the introduction of the German language into China up to the end of the twentieth century. In other words, it covers the whole of the twentieth century, in several phases with different special features. Since Chinese history in the twentieth century was full of great events, it had important influences upon the social life and development of Chinese society. It also affected the translation and the introduction of German literature in China. The Literaturstraße, the first Yearbook of German Studies in China in the German language, which was first published in 2000, has given convincing proof of the optimistic future of German Studies in China.

 



 

Seongho Son

 

The History of German Linguistics in Korea

   
 

This essay analyses the historical development as well as the present condition of German linguistics in the Republic of Korea. - The first Department of German studies were established in 1946, but the history of German linguistics in Korea did not start earlier than 1966. Shortly there after, this discipline gained a firm position as a part of German studies. Presently, however, German studies in Korea are experiencing a crisis. Among practical strategies for problem solving in the field of German linguistics, these might figure: 1) further development of didactical methods and textbooks explicitly for Koreans and Korean needs; 2) establishing interdisciplinary classes in fields such as judicial technical language; and 3) establishing translation that really prepares their graduates for their jobs. Time is running out for Korean scholars of German studies to set up reforms not from the outside but according to their own aims and needs.

 





 

 

Yeong Zae Her and Hee-Kwon Jang

 

The Crisis of Existence or a New Challenge. The History and the Present Situation of the German Linguistics and Literature in Korea

 
 

Dieser Aufsatz geht von der Beobachtung aus, dass Teile der deutsch-jüdischen Literatur auch nach 1989 von den Spuren der traumatischen Nachwirkungen des Nationalsozialismus geprägt bleiben. Hilbigs Roman Das Provisorium wird als Beispiel einer Krise männlicher Autorschaft nach der Shoa gelesen. Provisorium thematisiert die Begegnung mit den Bildern des Massenmords und den Nexus von Scopophilie, Maskulinität und Trauma. Der Aufsatz arbeitet mit einer Theorie des historischen Traumas (Eric Santner), das dessen Ursprung in einem Verstoss gegen das Gesetz sieht. Dieser Verstoss führt zu einer Aufspaltung der traumatischen Nachwirkungen in eine symbolische und eine "spektrale" Geschichte, oder Geschichten. Phantasien über Maskulinität als Zeichen der Übertretung, als vom Verbrechen der Väter "befleckt", ist eine dieser spektralen Geschichten. Dieser Geschichte folgt der Aufsatz von Uwe Johnsons Jahrestagen über Martin Walsers Freidenspreisrede zu Hilbigs Provisorium.


 

This article deals with the history of the German linguistics and literature in Korea chronologically over the past fifty years. The history began in 1946, when the German literature department was established in Korean universities for the first time. It is divided into four periods; the period of the beginning(1946-1960), the period of growing (1961-1979), the period of development and expansion(1980-1995), and the period of a new approach (since 1995). The educational reform of the new government in 1980 widened the gate of the university entrance, and simultaneously increased the number of German literature departments in Korea tremendously. The German literature in Korea has contributed much to the development of various spheres in Korean society as an independent department, particularly the development of social sciences including a literary theory. However, the newly-confirmed educational reform in 1995 advocated two catchphrases, "globalisation" and "cultivating internationally competitive universities", which ultimately threatened the existence of the pure studies. The German literature in Korea is facing the crisis of its identity, so it is imperative that it should correspond to the changes and requests this new era imposes, while the steady effort to survive without abandoning its identity should be required. This article shows the direction the German literature in Korea should pursue in the part of the conclusion.