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Lili- Heft 129



Thema: Litauen und Lettland

Herausgeber dieses Heftes:

Jolanta Vaiciunaité-Guesdon






Inhalt

Jolanta Vaiciunaité-Guesdon
Unbekannte bekannte Nachbarn. Einführung

Jolanta Vaiciunaité-Guesdon
Litauische Belletristik des 20. Jahrhunderts. Ein Überblick

Indré Zekeviciuté-Zakeviciené,
Turning Point in Lithuanian Poetry: Creative Work of Vladas Šlaitas

Jonas Palionis
Kurze Übersicht über die Entwicklung der litauischen Schriftsprache

Ilga Jansone
Entwicklung der lettischen Lexikographie von G. Mancelius bis zu elektronischen Wörterbüchern. Lettische Lexikographie im 17. Jahrhundert

Virginija Vasiliauskiené
Postposition in the Attribute Phrase Of Old Lithuanian

Ojars Buss
Paeglis ‘der Wacholder’ unter den Ortsnamen von Lettland


Labor

Hi-Young Song
Die Krise der koreanischen Germanistik – auch eine Krise der deutschen Sprachpolitik in Korea?
Crisis of the Department of German in Korea – Crisis of German Language Policies in Korea at the Same Time?

Paul Irving Anderson
‚Interpredition’. Verpfuschte Klassikerpflege am Beispiel Fontane
‘Interpredition’. Flawed Scholarship vis-à-vis Fontane

Martin Jörg Schäfer
Schmerzliches Ethos. Notizen um Paul Celans „Die Köpfe“
An Ethos of Pain. Notes on Paul Celan’s “Die Köpfe”






Jolanta Vaiciunaité-Guesdon

Unbekannte bekannte Nachbarn

Als erster hat der römische Geschichtsschreiber Tacitus im Jahre 98 n. Chr. über die unbekannten Bewohner an der östlichen Seite der heutigen Ostsee, die „Aestorum gentes“ (Balten), geschrieben. Eine Parallele dazu zieht die Wiederentdeckung dieser Völker im Jahre 1991. Es stellt sich die Frage, warum ich dies hier vergleiche? Weil man nach meinen Erfahrungen, bevor man in Deutschland über die Baltistik sprechen kann, mit Geographie und Geschichte beginnen muss. Nicht nur ein Nachbarvolk sondern sogar mehrere Völker können durch ein halbes Jahrhundert aus dem Gedächtnis verdrängt werden, so dass man diese nicht mehr zuordnen kann.

Das Jahr 1991 leitete einen historischen Wendepunkt in der Geschichte der Baltischen Staaten ein. Die internationale Anerkennung der wiedererlangten staatlichen Unabhängigkeit bedeutete einen Neubeginn und das Zusammenwachsen Europas. Allerdings geschieht dies nur Schrittweise und auch nach über zehn Jahren Unabhängigkeit sind die baltischen Kulturen mit ihrer Sprache und Literatur für ein breiteres deutsches Publikum noch weithin unbekannt. Dabei besteht ein Interesse und Bedürfnis seitens Deutschlands über die Balten mehr zu erfahren: Im Jahre 1997 waren die Baltischen Staaten das Schwerpunktthema auf der Leipziger Buchmesse, im Jahr 2002 wurde Litauen als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse eingeladen. Auch durch die Aufnahme in die NATO und künftig in die EU rücken die Balten näher an den Westen heran.

Die baltischen Sprachen Litauisch und Lettisch, neben den ausgestorbenen Sprachen Altpreußisch, Jatwingisch, Altkurisch, Semgallisch und Selisch, bilden einen Zweig der indogermanischen Sprachen. Der sprachwissenschaftliche Begriff „Baltisch“ steht mit dem geographischen, literaturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Begriff „Baltisch“ im Widerspruch, denn der zweite mit dem „Baltikum“ zusammenhängende geht noch über die baltischen und indogermanischen Sprachen hinaus, nämlich zu dem finno-ugrischen (genauer ostseefinnischen) Volk - der Esten. In diesem Heft werden ausschließlich die baltischen Sprachen Litauisch und Lettisch und deren Literatur vorgestellt.

Während in der Politik und in der Gesellschaft das Interesse an den Baltischen Staaten sehr stark zugenommen hat, zeichnet sich in der letzten Zeit eine Abnahme des Interesses an der Baltistik in der Wissenschaft ab. Dieses Heft versteht sich als ein Stimulus zur neueren Forschung und Kooperation wenn auch in einem kleineren Rahmen.

Mit der vorliegenden Auswahl, die sich durch thematische Vielfalt auszeichnet, möchten wir sowohl linguistische als auch literaturwissenschaftliche Untersuchungen in der Lituanistik und Lettonistik aufzeigen. Neben den renommierten Autoren Prof. Jonas Palionis, Prof. Ilga Jansone und Prof. Ojars Bušs sind die jüngeren Wissenschaftlerinnen Dr. Virginija Vasiliauskienė, Dr. Indrė Žekevičiūtė-Žakevičienė und Jolanta Vaičiūnaitė-Guesdon in diesem Heft vertreten.

Mein eigener Aufsatz gibt einen Überblick über die litauische Belletristik des 20. Jahrhunderts, auch wenn dabei das Problem entsteht, nur an der Oberfläche des Themas bleiben zu können. Abgesehen von Žemaitė inzwischen auch Jurgis Kunčinas und Jurga Ivanauskaitė sind andere Schriftsteller wie Marius Katiliškis, Antanas Škėma, Ignas Šeinius in Deutschland noch gar nicht bekannt. Für die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ist es eine Horizonterweiterung, die heute mehr denn je betrieben werden sollte.

Der zweite literaturwissenschaftliche Beitrag von Indrė Žekevičiūtė-Žakevičienė beschäftigt sich mit dem Exildichter Vladas Sˇlaitas (1920-1995). Unter dem anglo-amerikanischen Einfluss (Thomas Stearns Eliot, Robert Frost, Carl Sandburg, Wallace Stevens, Walter Whitman.) verließ Sˇlaitas die traditionelle litauische Dichtung mit Reim und schuf konkrete, lakonische Poesie in Blankversen. Er gilt als Begründer der sogenannten „materialen“ litauischen Lyrik.

Im Beitrag von Jonas Palionis wird der Weg der litauischen Schriftsprache von ihren Anfängen bis heute geschildert. Die ersten schriftlichen Zeugnisse entstanden unter dem Einfluss der Reformation und abgesehen von ältesten Gebetstexten markiert das Jahr 1547 mit dem Katechismus „Catechismvsa prasty Szadei“ von Martynas Mazˇvydas die Entstehung der Schriftsprache. Das Litauische entwickelte sich in zwei Ländern: im Großfürstentum Litauen und im Herzogtum Preußen. Die Standardsprache bildete sich definitiv am Ende des 19. Jahrhunderts mit den Zeitschriften „Ausˇra“ („Morgendämmerung“, 1883-1886), „Varpas“(„Die Glocke“, 1889-1905) u.a. auf der Grundlage der westhochlitauischen Mundart heraus. Bis zum Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Sprache erfolgreich, danach wurde sie stark von der russischen Sprache beeinflusst.

In Ilga Jansones Beitrag wird die Entwicklung der lettischen Wörterbücher von den Anfängen im Jahr 1638 („Lettus, das ist ein Wortbuch ...“ von G. Mancelius) bis in das elektronische Zeitalter beschrieben. Immer noch nicht überholt ist der lettische Thesaurus "Lettisch-deutsches Wörterbuch" von K. Mühlenbach und J. Endzeli¯ns (1923-1932; 1934-1946). Im 20. Jahrhundert ist die Anzahl der Lexika stark angestiegen: Fremd-, Ortsnamen-, Synonym-, Abkürzungs-, Rechtschreibungs-, Mundart-, Häufigkeitswörterbücher, etymologische, rückläufige, assoziative Wörterbücher etc. sind entstanden.

Virginija Vasiliauskiené untersucht die Konstituentenfolge von attributiven Wortfügungen im Altlitauischen. Sie geht der Aussage nach, dass das adjektivische und das substantivische Attribut (Genitiv) im Litauischen in der Regel vor dem Beziehungswort stehen, und stellt fest, dass im Altlitauischen die Wortstellung freier war, bis eine feste Wortstellung sich zu etablieren begann. Bis Ende des 19. Jahrhunderts galt ca. dreihundert Jahre lang die variierende Norm der Schriftsprache, wobei das Adjektiv häufiger die Voranstellung erhielt und der substantivische Genitiv (obwohl seine Position nicht streng bestimmt war) nachgestellt wurde. Die feste Wortstellung hatte eine Veränderung in der Struktur der attributiven Wortfügungen und der Satzintonation zur Folge.

Ojārs Bušs behandelt in seinem etymologischen Beitrag das Wort paeglis „der Wacholder“, das als Appellativ am besten untersucht ist. Aus diesem Appellativ wurden viele Ortsnamen gebildet. Der Wissenschaftler bemerkt, dass aus den Paeglis-Toponymen einige semantische Gesetzmäßigkeiten der Toposderivation festzustellen sind: Die größte Gruppe von Paeglis-Mikrotoponymen bilden die Namen von Bergen und Hügeln, wobei die drei nächsten Gruppen – die Namen von Wiesen, Feldern und Weiden – auch als eine einheitliche Gruppe betrachtet werden könnten und somit die größte Gruppe bilden würden. Erst danach folgen die Namen von Wäldern.

Zuletzt sei denjenigen gedankt, die dieses „LiLi“-Sonderheft überhaupt ermöglicht haben. Neben dem Initiator des Heftes, Herrn Prof. Dr. Ralf Schnell für die freundliche Aufnahme der Veröffentlichung, gilt dieser Dank allen Autoren aus Litauen und Lettland.


 

 

Labor

 
   

Hi-Young Song

 

Crisis of the Department of German in Korea – Crisis of German Language Policies in Korea at the Same Time?

   
 

For a few years, we have witnessed crisis of the department of German in Korea, which has a long tradition, but it recently has gone through severe crisis. I find out reasons in two aspects: one, the wrong language policies by Germany, and the other, the impractical curricula of Korean universities.

 

Since the mid 1990s, the language policies by Germany in Korea have taken wrong steps. Hence, the motivation to study German has weakened, and the number of students to apply for the German department of Korea has gone down. It must be emphasized that German businesses in Korea should contribute to activating the German education in Korea, and the nation of Germany must be committed to enhance its language policies.

 
 
 

The previous curricula of the German department in Korea was neither practical nor effective. Instead of too pure academic curricula, more practical study must be required. Textbook, curricula and materials in German classes should be improved and also the more various and multipurpose class work must be added to the present curricula.

 





 

Paul Irving Anderson

 

‘Interpredition’. Flawed Scholarship vis-à-vis Fontane

 
 

New editions can succeed only if the thinking behind them is state-of-the-art. The dichotomy between interpretation and editing has led to a failed edition of Fontane’s works and continues to frustrate the exploitation of his manuscripts. Although believers in technology and cost-analysis argue over the blame, the underlying causes are 1) naiveté with regard to language philosophy and 2) contempt for the interpretation of literature. The author, a philosophical interpreter, relates both his success at the study of Fontane’s Stechlin-manuscript in the GDR in the eighties and his problems at publishing the results, as well as the failure of the “große Brandenburger Ausgabe” to fulfill its high expectations. Regarding the application of genetic edition principles to Fontane’s novels, G. Radecke’s concept appears quite feasible; her theoretical explanations are flawed, but fortunately irrelevant. Scholarly goals involving classic writers can best be served by unrelenting personal initiative.






 

Martin Jörg Schäfer

 

An Ethos of Pain. Notes on Paul Celan’s “Die Köpfe”

 
 
 

The essay tackles the ways Western notions of pain are taken up and challenged in Paul Celan’s poetry. As a result of philosophy’s tendency to exclude pain the latter becomes a prerogative of literature. But literary language faces the same problems as theoretical language with regard to pain, because literature can never be sure whether its medium grants access to the realm of suffering or whether it rather bars such access. The essay then turns to the writing of Paul Celan as perhaps the most extreme example of this dilemma: Celan’s poetry makes use of the German language, although this is the very language of the mass-murders and sufferings caused by the Shoa. Despite Celan’s avoidance of the term the essay shows that pain persists as an epicenter of the ethical stance developed in Celan’s Büchnerpreis-address “Der Meridian”. This ethics, or rather ‘Ethos’, which aims at a paradoxical communication of singular suffering, is spelled out on one of the rare occasions when Celan’s poetry actually does name pain in “Die Köpfe”. Therefore the essay provides a close reading of this poem.