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Lili - Heft 134



Thema: Universitas

Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Klein





Inhalt

Wolfgang Klein
Einleitung - Introduction

Brigitte Schlieben-Lange †
Humboldts Idee der Universität im Lichte seiner Sprachtheorie
Humboldt’s Concept of the University and His Theory of Language

Wolfgang Klein
Auf der Suche nach den Prinzipien, oder: Warum die Geisteswissenschaften auf dem Rückzug sind
The Quest for Principles, or Why the Humaniteis Beat the Retreat

Jürgen Förster
Literatur, Wissenschaft und Epistemologie
Literature, Science, and Epistemology

Ralf Schnell
Deutsche Literatur und europäische Kulturgeschichte
German literature and the history of European culture

Rita Franceschini
Von der Zerschlagung der Geisteswissenschaften, oder: Science Fiction, Humboldt und das Reformmanagement
Dismantling the Humanities, or: Science Fiction, Humboldt and the Management of Reforms

Wolfgang Haubrichs
Von der Gemeinheit zur Allgemeinheit und zurück
From 'Vulgar' to 'Universal' and Back

 

Labor

Stefan Tröster-Mutz
Wissen(schaft) managen: Ein Entdeckungsreisebericht
Science Management: A Report From a Discovery Trip

Harald Weydt
Offener Brief zu Volker Honemann: „Usbekistan – Deutschland. Oder: wollen wir die Zukunft unserer Sprache und unserer Literatur weiterhin gefährden?“

Jan Röhnert
Es grüßt uns sehr / Herr Apollinaire“. Zur Präsenz der französischen Avantgarde in der deutschen Nachkriegslyrik – der Beitrag Rolf Dieter Brinkmanns
The Presency of the French Avantgarde in Postwar-German Poetry

Thomas A. Kohut
Wilhelm Busch: Die Erfindung eines literarischen Nationalhelden (1902-1908)
Wilhelm Busch: Inventing a “National Cultural Hero” (1902-1908)









Wolfgang Klein

Humboldts Universitas

Da aber auch das geistige Wirken in der Menschheit nur als Zusammenwirken
gedeiht, und zwar nicht bloss, damit Einer ersetze, was dem Anderen mangelt,
sondern damit die gelingende Thätigkeit des Einen den Anderen begeistere und
Allen die allgemeine, ursprüngliche, in den Einzelnen nur einzeln oder abgeleitet
hervorstrahlende Kraft sichtbar werde, so muss die innere Organisation dieser
Anstalten ein ununterbrochenes, sich immer selbst wieder belebendes, aber
ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken hervorbringen und
unterhalten.

Wilhelm von Humboldt, 1810

Ein ununterbrochenes, sich immer selbst wieder belebendes, aber ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken - das ist Humboldts Idee der Universitas der Wissenschaftler. Die Vorstellungen des großen Reformers wirken auf die meisten von uns nicht nur wegen der etwas altfränkischen Ausdrucksweise verstaubt. Niemand könnte mit solchen Worten und einem solchen Ideal heute eine Reform der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Gang setzen. Aber es waren nun einmal diese Vorstellungen und ihre praktische Umsetzung, die eine vollkommen einzigartige Blüte der Universitäten und der Wissenschaft in Deutschland initiiert hat. Die Humboldtsche Universitas ist ein Erfolgsmodell. Nun haben sich die Zeiten geändert, aber eines hat sich nicht geändert: nämlich dass die Leute, die an die akademische Laufbahn einschlagen, dies fast immer tun, weil sie an der Sache des Wissens interessiert sind. Es ist die Wissbegier, die sie antreibt, und wenn sie etwas zustandebringen, dann ist dies der Grund, nicht aber, dass man sie dafür bezahlt. Sicher, irgendwie muss man leben, und auch die, die nach Erkenntnis streben, hätten gern eine regelmäßige Gehaltserhöhung. Aber das durchschnittliche Berufungsalter liegt derzeit bei ungefähr 41 Jahren, und selbst dann wird man in manchen Bundesländern einstweilen ‘auf Bewährung’ eingestellt. Nur ein Narr würde diesen Weg gehen, weil er sich davon viel Geld und eine sichere Altersversorgung erhofft.

Drei Entwicklungen haben die Humboldtsche Universitas weithin zerstört. Dies sind das Auseinanderbrechen der Disziplinen und, damit verbunden, die Unmöglichkeit, in einer gewissen Tiefe miteinander zu reden, das zunehmende Einwirken von außen, und schließlich jene Entwicklung, die man als das Eindringen des Kapitalismus in die Wissenschaft bezeichnen könnte.

Ersteres ist offensichtlich und oft genug beklagt worden. Es hat teils wissenschaftsinterne Ursachen, deren wichtigste der eigentlich erfreuliche Umstand ist, dass unser Wissen so gewaltig zugenommen hat; mindestens ebensosehr hat es aber externe Ursachen, wie der Verdopplung der Studentenzahlen in den letzten zwei Jahrzehnten. Beides hat fatale Folgen für das Humboldtsche Zusammenwirken von Forschenden und Lehrenden. Ich kenne ein - bemerkenswerter Weise sehr angesehenes - Institut, in dem zwei Professoren für 1600 Studenten zuständig sind. Das Bundesland, in dem dieses Institut beheimatet ist, hat den Hochschuletat gerade um 90 Millionen Euro gekürzt.

Gegen die zweite Entwicklung, die zunehmende Einmischung von außen, hat sich Humboldt, selbst ein Staatsmann, nachdrücklich verwahrt. Der Staat muss sich bewusst bleiben, dass er ‘immer hinderlich ist, sobald er sich hineinmischt, dass die Sache an sich ohne ihn unendlich besser gehen würde’. Dass sich die Wirtschaft in die Belange der Universitäten einmischt, hat Humboldt sich nicht vorstellen können. Aber diese Einmischung wäre ihm vielleicht gar nicht unangemessen erschienen, solange sie sich darauf beschränkt, die Bedingungen zu schaffen, in denen die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis gedeihen kann. Denn so hat er auch die Rolle des Staates gesehen. Vor kurzem habe ich gelesen, dass die Firma Microsoft mehr als sechs Milliarden im Jahr für ‘Forschung’ ausgibt. Das wäre ungefähr das Sechsfache des Etats der gesamten Max-Planck-Gesellschaft. Man fragt sich, wer die bessere Forschung macht, die Wirtschaft oder eine Einrichtung, die sich bislang nach wie vor einer großen Freiheit erfreut. Wenig ist kurioser als die Anmaßung, mit der sich Vertreter der Wirtschaft in die Wissenschaften einmischen.

Mit ‘Eindringen des Kapitalismus in die Wissenschaft’ meine ich den Umstand, dass nicht mehr das Streben nach Erkenntnis maßgeblich ist, sondern sein nach außen hin sichtbarer Erfolg - ‘and the winner takes it all’. Es zählt nicht das gemeinsame Benühen, sondern es zählt, erster zu sein. Die Wissenschaft ist aber ein Mannschaftsspiel, in der Regel mit sehr viel mehr als elf Spielern. Es kommt nicht darauf an, wer das Tor schießt, sondern, dass es geschossen wird. Humboldt hat dies, bei aller Pathetik seiner Redeweise, bemerkenswert klar gesehen und gesagt. Als ich vor langen Jahren mit dem Studium begonnen habe, da wurde die Immatrikulation noch feierlich begangen. Gegen Ende der Festrede, stets von einem eminenten Vertreter des Faches, in diesem Falle einem Juristen, steigerte sich dieser zu dem pathetischen, von einer majestätischen Aufwärtsgeste begleiteten Ausruf: ‘Auf dem Humus tausend verbummelter Studenten wächst das Genie!’ So verschroben dieses Bild sein mag, es läßt immerhin noch ansatzweise deutlich werden, dass die Universität nicht von den Genies lebt, sondern von den Scherflein der vielen. Wenn man dem Fortgang des Wissens wirklich beihelfen will, dann soll man nicht die Eliten fördern, sondern man muss den Durchschnitt heben.

Dieses Heft wurde durch einen Vortrag angeregt, den Brigitte Schlieben-Lange im Dezember 1997 in der Tübinger Stiftskirche gehalten hat und in dem sie Humboldts Idee der Universität mit seiner Sprachtheorie in Zusammenhang bringt. Nach ihrem Tode im September 2000 wurde der Plan, ein gemeinsames Heft der Herausgeber zum Thema ‘Universitas’ herauszubringen, zunächst beiseite gelegt. Wir haben ihn auf Anregung von Ralf Schnell wieder aufgenommen, weil wir glauben, dass er nach wie vor aktuell ist; die schon gespenstische Diskussion um ‘Eliteuniversitäten’ macht es wiederum deutlich. Ein ununterbrochenes, sich immer selbst wieder belebendes, aber ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken wird zusehends unmöglich gemacht, das Geld wird für Champagner und Kaviar gebraucht.


Summaries



Brigitte Schlieben-Lange †

Humboldt’s Concept of the University and His Theory of Language



The rise of German higher education in the 19th century is often related to Humboldt’s concept of the university, and so may be its gradual decline in the 20th century: this concept, of which most don’t know more than the slogan ‘Einheit der Forschenden und Lehrenden’ (‘unity of teachers and students’) it is felt to be outdated. In a public speech in Tübingen, Brigitte Schlieben-Lange showed that this concept is much more complex: it is in the state’s own interest to provide sanctuaries in which the quest for the truth in free, never-ending interaction is possible. Humboldt’s idea directly follows from his notion of language as a continuous effort rather than as something finished. There is no reason to assume that such a concept is ever outdated.






Wolfgang Klein

The Quest For Principles, or: Why the Humanities Beat the Retreat

There is little doubt that the humanities (‘Geisteswissenschaften’) are on the defensive. The reason is not that their subjects are less interesting than those of the sciences, or that our factual knowledge about these subjects has not considerably increased. But the hard sciences go beyond mere accumulation of facts: they are increasingly successful in deriving the observable facts from a small set of general principles; hardly any attempt in this direction has been made for classical issues of the humanities, such as aesthetic properties or the reasons for evolution in history, society, literature or the arts. Instead, new opinions are added. It is shown that a mere transposition of explanatory factors such as deterministic analysis of the freedom of will, as advanced by some brain researchers, or an appeal to Darwinian notions such as selectional advantage would not be helpful. The humanities must start this quest in their own terms, if their voice should not fade out from the chorus of scientific work.






Jürgen Förster

Literature, Theory and Epistemology

This essay rejects the tendency towards positivism on the one hand and lax leniency on the other hand that has been accompanied by the broader understanding of literature since the 1970s. The approach, here, is to use the ideas of epistemological thinking in the French tradition for a reformulation of literary studies. This idea is aimed against canonical methods and – with reference to Foucault – an attempt to connect the field of literary studies with the ‘postmodern condition‘, which, simultaneously, questions the dominant curriculum of literary studies.






Ralf Schnell

German literature and the history of European culture 

The B.A./M.A. curricula, which currently are being introduced at universities in Germany, are basically affecting the self-image of what was once called ‘Germanistik’. A challenge as well as a chance, this reform of curricula provokes a major modification of the traditional fields of research and teaching. The chance for the future of literary scholarship and theory, the author of this essay argues, does not lie in a movement back to the roots of the discipline (‘Rephilologisierung’), but in opening and widening its disciplinary frames and methodological horizons. As the essay shows by way of two examples - the literature of the 17th century and the classical literary avantgardes -, German literature always has been part of an international, intercultural, interdisciplinary and intermedial European (and sometimes even ‘global’) movement. Thus a general transformation of ‘Germanistik’ into comparatistic ‘Literature, Culture and Media Studies’ could be the adequate ‘scientific’ answer to the politically motivated drive for reforms.






Rita Franceschini

The Havoc of the Humanities, or: Science Fiction, Humboldt and Reform Management

 

Can the Humboldtian view of universities – i.e. a community of researchers and students involved in a creative, often solitary but nonetheless comprehensive discursive process – serve as a guideline for the highly topical discussion about reform processes of the university system? The answer to this key question is divided into three parts. In a first step, it is answered by a critical yet humorous spotlight on arguments often provided by key decision-makers and university managers. Globalisation and the quest for efficient research efforts that render immediate results, the profit-oriented distribution of resources as well as the necessity of assets made available by third parties are presented as clumsy guidelines which fail to take into account the fundamental long-term benefits of research and higher education. The humanities in particular very often face sharp criticism in this regard. In a second step, a deconstruction of the economic-oriented line of thought is attempted. Finally, a vision of a Humboldtian University and an answer to the initial question is provided in the form of a short – and paradisiacal – sketch.



Wolfgang Haubrichs

From ‘Vulgar’ to ‘Universal’ And Back

«Von der Gemeinheit zur Allgemeinheit und zurück.
Thoughts on the status of community concepts in society, history and university»

The essay deals with the semantic decay of the German word gemein. Originally standing for the ideas of universality and community the meaning of gemein changed meanwhile to <mean, nasty>, with that reflecting the modern history of community concepts. A very special and successful community, the universitas (the later university) literally denoting <community>, raised up in the 13th century. The success of this institution was based on its very nature as community of knowledge, as community of teaching and learning. But exactly the universitarian community is now threatened by the loss of its fundamental principles.






Labor

Stefan Tröster-Mutz

Science Management: A Report From a Discovery Trip

The management of the sciences is rather unpopular amongst scientists, but it is, as a matter of fact, necessary. Concerned are not only the central offices of a college or university, but also every unit, such as a research project or a professorial chair. Besides the administrative work knowledge management is becoming more and more important. It helps to make work more effective and to keep knowledge within the unit when single persons leave their posts.

A recent project at the chair of applied romance linguistics at Saarland University had science management in its focus. Structures of communication, information and knowledge management were the main goals, but besides the project achieved a good team structure amongst the staff members. It developed new perspectives in the field of science management for secretaries at university departments as well as for junior researchers.






Jan Röhnert

The Presency of the French Avantgarde in Postwar-German Poetry

In this article I wanted to show how Rolf Dieter Brinkmann, most commonly known for having translated and brought into the German literary scene new American poets of the 1960's, such as Frank O'Hara, John Ashbery or Ted Berrigan, has, from his very beginnings on, been deeply influenced by French poetry of the so-called 'Avantgarde'. As the French literary Avantgarde I consider that mouvement of writers and artists during the first third of the 20th century which, following in its intentions Arthur Rimbaud's earlier investigations, is especially linked with the figure of Guillaume Apollinaire, and which has left magnificent traces upon poets throughout the 20th century. Rolf Dieter Brinkmann, who often denied an influence of any European 'tradition' on his poetry, had to admit that his American associates actually had their precursors in just that French-European artistic mouvement. His approach towards French poetry is hence a very special one: He makes these French poets part of his own writing by not treating them as 'historical' but as 'fictive' persons who are present in his imagination, and so they determine the present of his poems. This unique approach towards that 'other European tradition' makes the intentions of the 'historical' Avantgarde still vivid for Brinkmann's own times and visible in the conception of his own poetry.