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Lili - Heft 137


Thema:  Nicht nur Literatur

Zum Gedenken an Helmut Kreuzer

Herausgeber dieses Heftes:
Wolfgang Haubrichs und Wolfgang Klein





Inhalt

Wolfgang Haubrichs und Wolfgang Klein
Einleitung - Introduction

Karl Prüm
Ein variables Ensemble vieler Methoden. Helmut Kreuzers Konzeptionalisierung einer literaturwissenschaftlichen Medienwissenschaft in den 1960er Jahren
A plethora of methods. Helmut Kreuzer’s conceptualization of media studies in the 1960s

Jens Malte Fischer
Helmut Kreuzers Die Boheme. Eine kleine Miszelle zu einem großen Buch.
Helmut Kreuzer's Die Boheme. A small note on a great book

Peter Seibert
"Lust und Klage einer alten Zeit werden uns wieder lebendig". Literaturausstellungen als germanistischer Forschungsgegenstand
"Pleasure and pain of the old days are brought to live again in us". Literary exhibitions as a research area in German Studies

Georg Bollenbeck
Kulturkritik  - ein unterschätzter Reflexionsmodus der Moderne?
Cultural criticism - an underrated mode of reflection in modern thought?

Oliver Müller
Was ist literaturwissenschaftliche Aufklärung? Helmut Kreuzer und die Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik
What is enlightenment in and through literary studies? Helmut Kreuzer and the Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik.

Wolfgang Haubrichs
Literatur in LiLi - thematisch vermessen
Literary criticism, literary history in LiLi

Wolfgang Klein
Wie ist eine exakte Wissenschaft von der Literatur möglich?
How is a science of literature possible?

Veröffentlichungen von Helmut Kreuzer
Publications by Helmut Kreuzer

 Labor

Ester Saletta
Die Sprache der Mode in dem Roman “Menschen im Hotel” (1929) von Vicki Baum
The language of fashion in Vicky Baum’s novel Menschen im Hotel

Guntram Haag
Kulturfilter in mittelalterlichen deutschen Übersetzungen der Disticha Catonis
Cultural filters in medieval german translations of the Disticha Catonis

Maria Besse
Methodologische Besonderheiten der Sprachaufnahme als Quelle
Dialectal recordings: The basis for a dictionary of specialist language and the method of analysis






 

Wolfgang Haubrichs und Wolfgang Klein

 

Einleitung

 
 
 

Glücklich sein, scheint [...], wenigstens in der einzigen Welt, die wir kennen,
einen Zustand zu bezeichnen, wo Arbeit und Ruhe, Anstrengung und
Ermattung, Begierde und Befriedigung, Wollust und Schmerz, Freund
und Leid miteinander wechseln, wo aber die frohen Augenblicke
des Genusses kräftig zu neuer Thätigkeit reizen, und
lebenslang die möglichste Entwicklung aller
physischen und sittlichen Kräfte befördern.

 
 

Im Jahre 1978 fragte der Reclam-Verlag zu seinem 150jährigen Bestehen einige Hausautoren nach „einem Gedanken, einer Devise, einem Satz aus der Literatur, der haften geblieben ist”, verbunden mit der Bitte, auf ein oder zwei Seiten zu begründen, weshalb er haften geblieben ist. Dies ist der Satz, den Helmut Kreuzer angegeben hat. Er stammt aus Georg Forsters Würdigung von Thomas Cook, dem Entdecker und Weltreisenden. Es ist dies ein Satz, der ihm sehr wichtig war – nicht zufällig zitiert er ihn auch in seiner Einleitung zum 50. Heft der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, das dem Thema „Glück” gewidmet war. Wir alle suchen Zeit des Lebens nach dem Glück, und ein Teil der Schwierigkeit, es zu finden, liegt darin, daß wir nicht wissen, wonach wir suchen. Max Planck, in seinem letzten Vortrag, er war 89 Jahre alt, glaubte es zu wissen:

 

Das einzige, was wir mit Sicherheit als unser Eigentum beanspruchen dürfen, das höchste Gut, das uns keine Macht der Welt rauben kann und was uns wie kein anderes auf die Dauer zu beglücken vermag, das ist eine reine Gesinnung, die ihren Ausdruck findet in gewissenhafter Pflichterfüllung. Und wem es vergönnt ist, an dem Aufbau der exakten Wissenschaft mitzuarbeiten, der wird sein Genügen und sein innerliches Glück finden in dem Bewusstsein, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.

 

Dies ist nicht eines jeden Vorstellung. Es war sicher nicht die Helmut Kreuzers. Der Schwabe sieht das Glück nicht allein in reiner Gesinnung, in gewissenhafter Pflichterfüllung, in der Verehrung des Unerforschlichen. Noch sieht er es darin, sein Häusle zu haben, das er dann nicht mehr verläßt, ganz so, wie es Pascal beschreibt:

 

[…] j'ai découvert que tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos, dans une chambre.

 

Das Glück besteht darin, seinen festen Ort zu haben und ihn immer wieder zu verlassen. Helmut Kreuzers Erläuterung, weshalb sich ihm dieser Satz Georg Forsters eingeprägt hat, schließt mit den Worten:

 

Ob wir aber in unbekannte Räume aufbrechen oder in menschlichere Zeiten, ob zu anderen Planeten oder ins Neuland von Denken und Phantasie – immer hat der die beständigste Chance des Glücks, der es im Wechsel von Ankunft und Aufbruch erlebt, wie Cook der Entdecker.

 

Kreuzers fester Ort war die deutsche Literatur. Aber von dort ist er, wie Cook der Entdecker, von der Wißbegierde des Wissenschaftlers getrieben, unablässig zu neuen Ufern, zu Fahrten in kaum bekannte Länder aufgebrochen und hat sie seiner Wissenschaft erschlossen. So heißt denn dieses Heft, das seinem Gedenken gewidmet ist, „Nicht nur Literatur”. Alle Beiträger sind Schüler oder Freunde – er hatte ja ohnehin die glückliche Gabe, seine Schüler zu Freunden werden zu lassen. Es sind nur einige unter den vielen, und so ist das Bild seines Wirkens, das sich darin abzeichnet, denn auch mehr als unvollständig. Jeder, der ihn gekannt hat, jeder, der auch nur einen Blick in die Bibliographie seiner Schriften wirft, mit der dieses Heft schließt, wird wissen, daß es nur einige der vielen Facetten eines Geistes widerspiegelt, in dem rastlose Tätigkeit und freundliche Gelassenheit eine eigentümlich glückliche Verbindung eingegangen waren.

 



 

 

Summaries


 
 

Karl Prümm 

 

A plethora of methods. Helmut Kreuzer’s conceptualization of media studies in the 1960s 

   
 

Since 1965 Helmut Kreuzer had been working on a modernization of literary studies in numerous texts which were far ahead of his time and were met only with little response in the scientific community until the 1990s. From early on he was pleading for an interdisciplinary, self-reflexive and constantly revised discourse on literature. By criticizing the traditional distinctions between “art” and “non-art” – in astonishing accordance with Umberto Eco –  Helmut Kreuzer developed - especially for TV and serial forms in general - the concept of a media science grounded in litererary studies.

 





 

Jens Malte Fischer

 

Helmut Kreuzer’s 'Die Bohème'. A short note on a great book. 

   
 

'Die Boheme', Kreuzer's famous Habilitationsschrift (published 1968), marks a break not only in his own intellectual biography but in German studies of the late Sixties in general. His background, as well as his preceding dissertation on Hebbel, are characterised by the academic milieu of quite conservative literary historians like Paul Kluckhohn and Fritz Martini. His thorough analysis of the connections between anti-bourgeois lifestyle and modern literature is a major step towards an open minded literary criticism, integrating the perspectives of the history of concepts, of social history and sociology of literature. The fascination Kreuzer's book had for young readers and scholars in the seventies - such as the author of this contribution - is still vividly felt after fourty years.

 
     
 





 

Peter Seibert

 

"Pleasure and pain of the old days are brought to live again in us". Literary exhibitions as a research area in German Studies

   
 

Expositions of literature are a central element of past and present literary life, but have so far been neglected by German literary studies, even by those philologists with a broader theoretical conception of literature. The article discusses methodical approaches to this literary institution and analyzes a historical literary exposition of suebian poets in Stuttgart 1890.

 





 

Georg Bollenbeck

 

Cultural criticism – an underrated mode of reflection in modern thought? 

 
 
 

Cultural criticism has a long tradition  and shows up in many variants. As a modern mode of reflection, it is typically characterised by features such as
- the discrepancy between a normative ideal, often seen in the past, and the existing bad reality
- a holistic construal of heterogenous phenomena of the present
- a long range perspective on development which not only glorifies the past and complains of the present, but also has sees a positive potential in the future
- a high degree of sensibility for emergent problems and issues.
It is often carried by academic outsiders, tends to goes across disciplines, and in many cases has strong relations to practical action.

 
 
 

 





 

Oliver Müller

 

What is enlightenment in and through literary studies? Helmut Kreuzer and the Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. 

 
 
 

The article deals with Helmut Kreuzer’s role as an editor of the Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. First, it gives a brief survey of the foundation of the journal and subsequently focuses more thoroughly on the process which led to the mutual foreword of the editors in the first volume. In its next two sections, the article regards personal, institutional and economic aspects of the journal’s history during the first two decades of its existence. In a detailed reconstruction of Kreuzer’s editorial work on LiLi 42 („Der Autor“), and in an analysis of his introduction, it finally points out some features of his concept of literary social history. The article holds that Kreuzer attempted to establish (and partly succeeded in establishing) a then new relation between literary science and its institutions; his aim seems to have been to open a gap between methods and objects in order to create a ‘field’ in which they could proliferate. Moreover, Kreuzer conceived of the boundaries and contents of this ‘field’ as being permanently redefined by the methodical and rational discourse of the scientists involved. Following the article, this type of literary science can be considered a kind of enlightenment; it produces finite insights which are nevertheless important for a society in which rational rules do not necessarily prevail.

 


 




 

Wolfgang Haubrichs

 

Literary criticism, literary history in LiLi

 
 
 

This contribution examines the development of the subjects of each LiLi issue since its beginnings, with special reference to articles on literary history and literary criticism. It demonstrated that the main topics gradually changed from mathematically or linguistically orientated concepts of literary analysis to concepts related to media studies and cultural studies.

 
 





 
 

Wolfgang Klein

 

How is an exact science of literature possible?

 
 

In literary studies, there is a remarkable gap between the precision and care with which important background facts, such as biographical data or text philological details, are accumulated, and the high degree of subjectivity and arbitrariness of any statement which goes beyond these facts. If literary studies are ever to become a scientific enterprise, they must systematically address what one might call the ‘literaturwissenschaftliche Gretchenfrage’: Which scientific arguments demonstrate that a text is an important piece of art? To this end, esthetical judgements should be analysed as relations between properties of texts and persons, and empirical tests should be run which allow to determine these relations. This idea, inspired by a meeting with Helmut Kreuzer in 1966, is elaborated and illustrated with a few examples.

 


 

   

   
 

Labor

 

 
   

Guntram Haag

 

Cultural filters in medieval German translations of the Disticha Catonis

   
 

The Disticha Catonis are a late-antique collection of advices and instructions by which a father wants to teach his son how to behave in a useful and good manner. In the Middle-Ages the text has been translated in various languages. In German, complete translations as well as shortened and modified versions have been created. The complete translations have been used at school by teachers of Latin. Both types of translations are often introduced by added prologues in which the function of the translations is defined: They are meant to enable the addressee to follow adequate rules of life.

 

Both basic types of German translations are influenced by cultural filters, with which shifts and changes along various pragmatic parameters are conducted. Juliane House supposes cultural filtering to determine to a higher degree „covert translations“ which tend to adapt the text to the target culture. This paper tries to demonstrate such a greater influence of cultural filters on covert translations: The complete translations of the Cato are overt, because they are written down together with the Latin original text; they only show some semantic, syntactic and metric adaptations to the target culture. In addition to these phenomenas, the translations, which are not declared as such, i.e. the covert translations, reveal also more efficacious strategies of cultural adaptation, e.g. modifications, elisions and the integration of extracts from other texts of the target language.

 
   

 





 

Maria Besse 

 

Dialectal Recordings: The Basis for a Dictionary of Specialist Language and the Method of Analysis

   
 

More than 500 tape recordings and questionnaires from Western, South-eastern and Eastern Europe taken in all German-speaking wine-growing areas in the 1980s form the basis for the specialist language dictionary, Wörterbuch der deutschen Winzersprache (WDW). At this example the advantages of the direct method are shown, but also the methodical problems which arise by the evaluation of this material with computer programs. On the one hand, the material recorded in direct method (mostly on the spot) forms a secure basis for lexicography; on the other hand however, there appear, for example, interferences with spoken language.