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Lili - Heft 139

Thema: In einer anderen Sprache

Herausgeber dieses Heftes:
Rita Franceschini





Inhalt

Rita Franceschini
Einleitung - Introduction

Christiane von Stutterheim und Mary Carroll
Subjektwahl und Topikkontinuität im Deutschen und Englischen
Subject Selection and Topic Continuity in German and English

Rosemarie Tracy and Ira Gawlitzek-Maiwald
The Strength of the Weak: Asynchronies in the Simultaneous Acquisition of German and English
Die Stärken einer vermeintlich schwachen Sprache: Asynchronien beim doppelten Erstspracherwerb von Deutsch und Englisch

Erich Steiner
Some Properties of Lexicogrammatical Encoding and Their Implications for Situations of Language Contact and Multilinguality
Einige Eigenschaften lexiko-grammatischer Kodierung und ihre Bedeutung für Situationen von Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit

Juliane House
Offene und verdeckte übersetzung: Zwei Arten, in einer anderen Sprache ‚das Gleiche’ zu sagen
Overt and Covert Translation: Two Kinds of Saying the Same Thing in Another Language

Immacolata Amodeo
Das „bel paese“ heute: zwischen Auswanderung und Einwanderung. Anmerkungen zu den anderen italienischen Literaturen
The „bel paese“ Today: Between Emigration and Immigration. Remarks on Italian Literature and its Others

 Labor

Hans-Heinrich Baumann
Regression in Nietzsches Wahnprosa. Eine Miszelle

Mads Rosendahl Thomsen
Kanonstudien, Literatursystem, Weltliteratur
Canon Studies, System of Literature, Universal Literature

Remigius Bunia
überlegungen zum Begriff des Realismus. Am Beispiel von Uwe Johnsons Jahrestage und Rainald Goetz’ Abfall für alle
Essay Concerning the Concept of Realism






 

Rita Franceschini

 

„In einer anderen Sprache“ oder: wie hebt man feine Unterschiede?

 

Einleitung

 
 
 

Das Themenheft hätte auch den Titel tragen können „fast ‚Muttersprache’“, um auszudrücken, dass es um jene sprachlichen Kompetenzen, Prozesse und Produkte geht, die in ihrem Erscheinen einen leichten, verfremdenden Eindruck hinterlassen. Demnach geht es um die Frage, woran es liegt, dass einige Produktionen feine Irritationen verursachen, leicht ungewöhnliche Formen und Ausdrücke zeigen und Rede- und Schreibweisen aufweisen, die an eine 'andere Sprache' denken lassen?

 

Die Beiträge loten feine, kleine Unterschiede aus und heben sie in ihrer subtilen Differenz hervor. Im Fokus steht das ‚fast Gleiche und doch wieder Andere’. Um diesen Lupeneffekt auf Mikrophänomene deutlich zu machen, ist es wesentlich, die methodischen Vorgehensweisen und das Instrumentarium darzulegen: Weil unser Thema keine traditionell verankerte und theoretisch eindeutig umrissene Fragestellung behandelt, sondern eher ein Feld auslotet, ist es umso notwendiger, das Nachvollziehen der Beobachtung der Unterschiede für den Leser/die Leserin sicherzustellen.

 

Es handelt sich um ein denkbar breites Themenspektrum. In diesem Heft befassen sich Beiträge mit bspw. jenen Kompetenzen, die beim Spracherwerb fast jenen gleichkommen, die man ‚native speakern’ zuweist. Nicht nur diese advanced learners stehen im Mittelpunkt – junge wie erwachsene –, sondern auch Schreibende, die sich in einer anderen Sprache ausdrücken und Texte, die Spuren der anderen Sprache durchscheinen lassen. Fragen der kulturellen Filter und der Transkulturalität kommen wiederholt zur Sprache. Privilegierte Untersuchungsgegenstände sind in der Folge demnach fortgeschrittene und sich entwickelnde Lernersprachen, übersetzungsphänomene und die literarische Sprachwahl.

 

Der Beitrag von Christiane von Stutterheim und Mary Carroll geht der Frage nach, wie weit fortgeschrittene Lerner einer Zweitsprache Erzählaufgaben bewältigen. Die Besonderheiten lassen einen „kognitiven Akzent“ ausmachen, die diese Sprecher im Vergleich zu nativen kennzeichnen. Nachgewiesen werden diese Eigenheiten anhand der sprachlichen Mittel zur Sachverhaltsdarstellung. Die Beispiele betreffen das Sprachenpaar Deutsch-Englisch.

 

Demselben Sprachenpaar gehen Rosemary Tracy und Ira Gawlitzek-Maiwald nach. Ihr Beitrag ist der Entwicklung und Ausdifferenzierung der zwei Erstsprachen eines Kindes, das frühkindlich bilingual aufwächst, gewidmet. Anhand von Fallstudien werden sowohl synchrone wie asynchrone Entwicklungen aufgezeigt, im Verlauf deren die starke und schwache Sprache mehrmals wechseln können. Syntaktische Phänomene stehen im Vordergrund und das Konzept des bootstrapping.

 

Diesen Beiträgen, die sich mit Prozessen und Produkten von zweisprachigen Individuen befassen, folgt der Beitrag von Erich Steiner, welcher das Augenmerk auf textliche Spuren lenkt. Seine überlegungen gründen auf umfangreichen Erfahrungen zur Analyse des übersetzungsprozesses zwischen deutschen und englischen Texten. Prominent wird der Frage des Durchscheinens der einen in der anderen Sprache (dem sog. shining through) sowie anderen subtilen Phänomenen, die in einem umfangreichen Forschungsprojekt untersucht werden sollen, nachgegangen. Beim Vergleich von Texten aus demselben Register wird deutlich, dass übersetzte Texte normalisierter sind und neutralisierte Formen bevorzugen.

 

Ebenfalls übersetzungsphänomenen wird im nachfolgenden Beitrag von Juliane House nachgegangen. Speziell an populärwissenschaftlichen Texten wird den 'versteckten Unterschieden' um dem 'kulturellen Filter' v.a. der subjektivischen oder passivischen Ausdrucksweisen nachgegangen, die in den letzten dreißig Jahren einen shift erfahren haben. Wieder steht das Sprachenpaar Deutsch-Englisch im Vordergrund, doch wird auch die Frage aufgeworfen, wie es zu einer geringeren Ausprägung dieser Phänomene in romanischen Sprachen (Französisch und Spanischen) kommt.

 

Anhand eines breit verstandenen Begriffs von italienischem Sprachraum als literarisches Feld wird abschließend von Immacolata Amodeo das Konzept der polyzentrischen Literatur anhand eines summarischen historischen Abrisses bis hin zu aktueller Poesie illustriert: Italienisch als 'fast-Muttersprache' der überwiegend dialektalen Sprecher der Halbinsel über die Jahrhunderte ist hierbei ein extensives, sprechendes Beispiel zum vorliegenden Themenheft. Zur regionalen Diversifikation kommen heute Literaturproduktionen von italienischen Emigranten im Ausland und nun auch von Italienisch schreibenden Immigranten in Italien hinzu, die ihr mehrsprachiges Repertoire zum literarischen Ausdruck nutzen.

 

Die liminaren Unterschiede im Sprach- und Kulturkontakt zu heben birgt sicherlich noch weiteres Potential für Literaturwissenschaft und Linguistik in sich. Eine scharf oppositive, kontrastive Herangehensweise würde dabei dem Phänomenbereich nicht gerecht werden. Unterschiedliche Methodologien und Theoriebezüge nutzend – wie im vorliegenden Band – , scheint den Blick eher freizulegen hin zu einer subtilen, kultursensitiven Auslotung der Differenzproblematik.

 
 



 

 

Summaries


 
 

Christiane von Stutterheim und Mary Carroll

 

Subject Selection and Topic Continuity in German and English

   
 

Cross-linguistic studies of event time structures which include Semitic (Algerian Arabic, Modern Standard Arabic), Germanic (English, German, Dutch, Norwegian), and Romance languages (French, Italian, Spanish) reveal language-specific effects in the way events are construed, showing that the underlying principles are both perspective driven and linked to patterns of grammaticisation. In this paper a further syntactic domain will be investigated with respect to its functional implications for information organisation: the grammatical subject.

 

We take a closer look at English and German, which differ with respect to the syntactic properties of the subject category. Using film-renarrations as the data base it can be shown that cross linguistic differences in the realisation of the subject category are systematic at the formal as well as at the functional level. These findings are explained on the basis of differences in information organisation which are driven by grammatical properties of the respective subject category and word order constraints such as V2.

Against this background, very advanced learner languages English-German/German-English are analysed, using parallel elicitation methods. It can be shown that although the full range of expressive means are available for the L2 speakers, they have not identified the implications which a syntactic category such as the subject has for information organisation.





 

Rosemarie Tracy and Ira Gawlitzek-Maiwald

 

The Strength of the Weak: Asynchronies in the Simultaneous Acquisition of German and English

   
 

Children growing up with more than one first language present us with a unique opportunity for raising questions about language acquisition which we could hardly answer on the basis of monolingual data alone. In our contribution we will take a close look at developmental asynchronies, i.e. cases where one of the child’s languages develops faster than the other. On the basis of a longitudinal study involving English and German as first languages, we will show what asynchronies can teach us about the relative complexity of a child’s two input languages. In addition, we will identify clever learner strategies (language mixing, the employment of cross-linguistic placeholders, discourse borrowing) that provide us with interesting insights into bilingual children’s metalinguistic awareness of gaps in one of their linguistic systems.

 
     
 





 

Erich Steiner

 

Some Properties of Lexicogrammatical Encoding and Their Implications for Situations of Language Contact and Multilinguality

   
 

In this paper, I would like to outline a (multi-)functional and feature-based perspective on situations of language contact, multilinguality, and translation in particular, exploring the properties of explicitness, density, and directness of encoding as dimensions of textual variation.

 

In an initial clarification of terms, my focus will be on the notions of “language contact” and of “multilinguality” as they have been studied in linguistics more generally. This will be followed by an outline of what a specifically multifunctional and feature-based perspective would imply in terms of methodology and of domain. My main argument will be that such a perspective would give due consideration to systems alongside structures, to the instance alongside the system, to more abstract (and at the same time, more empirical) types of contrast than have often been in the centre of theorizing, as well as to a metafunctional modularization of linguistic structure. It will be illustrated, through the discussion of some earlier work employing this perspective, how it can feed into and enrich existing more structure based modelling.

 

In a second step, the multifunctional and feature-based perspective outlined above will be operationalized in some more detail, commenting on a corpus architecture and on a scheme of analysis for multilingual texts, and translations between English and German in particular.

 

We propose to investigate multilingual discourses which are not so much characterized by borrowing of lexical items, or structures, but rather by a kind of usage of “native” lexical and grammatical resources in ways which indirectly reflect contact with other languages. We are interested in ways of using systemic resources in ways diverging in explicitness, density, or directness from “native” discourses, thus leading to discourses and texts which are interestingly different, noteworthy, unusual, and potentially creative.

 





 

Juliane House

 

Overt and Covert Translation: Two Kinds of Saying the Same Thing in Another Language

 

This article discusses different ways of “saying the same thing” in an original text and its translation. Following a few general remarks about the phenomenon of translation, this “sameness” is related to the concept of equivalence, which is constitutive of translation, and to two fundamental types of translation. These translation types are traced back to century-old ideas about the nature of translation, followed by the author’s own distinction into overt and covert translation, a distinction both anchored in linguistic theory and empirical research. A set of examples is given to illustrate these two translation types and their different ways of aiming for “sameness” of meaning, when texts travel through time and space. Particular attention is here given to the operation of a so-called “cultural filter” in covert translation. Finally, the possibility of an entirely new type of “sameness” is discussed, which may occur due to the hegemony of one particular language: English as a global lingua franca. This new development is given some substance through the results of a project currently carried out at the German Science Foundation’s Hamburg Centre on Multilingualism.

 
 
 

 





 

Immacolata Amodeo

 

The „bel paese“ Today: Between Emigration and Immigration. Remarks on Italian Literature and its Others

 
 
In 1952, in his famous essay “Philologie der Weltliteratur”, the German Jewish scholar of literature Erich Auerbach commented on the general homogenizing processes that he considered an unfortunate consequence of the general speed of communication flow and exchange of information, which is called ‘globalization’ today. Unlike Erich Auerbach, Dante Alighieri considered homogeneity – at least in the Italy of his time – to be a worthy goal. Dante envisioned an Italian vernacular as a unifying element in a situation of extreme political, cultural and linguistic heterogeneity. In retrospect, language has never really been a constituent of a homogenous identity for the whole population in Italy. Dialects, minority languages, a multitude of regional cultures and regionally-orientated literatures repeatedly prevailed. Moreover, new, essentially polyphonic literary voices are now being heard from authors who have immigrated to Italy, to the country where emigration is (still) the norm. This essay tries to evaluate the dimensions of these immigrated „foreign“ voices in Italy, in the context of Italy’s cultural and literary history. The emergence of an immigrant literature in Italy is used as a case study to point out some general theoretical aspects regarding an Italian identity that is – and has always been – in transformation. From this perspective, the term “Italian literature” designates a variety of literatures both inside and outside Italy. Italian literature not only does not exist without its others, it is actually constituted by its others.


 

 

   

   
 

Labor

 

 
   

Mads Rosendahl Thomsen

 

Canon Studies, Systems of Literature, Universal Literature

 

The article argues that canon formation should be studied on a systemic basis. This approach stresses the changing nature of canons and the hypercomplex and never fully describable process of selection of works and author. On the other hand, the theory provides a basis for using canons from different times and contexts in a critical and analytical way that presents an image of the preferences of the literary culture. The systems theory of Niklas Luhmann is used as an exemplary model for describing the selection processes of the literary system, whereas two analytical models for canon studies underline the importance of analyses of the composition of canons in the time between the present and the period in question.

     

 





 

Remigius Bunia

 

Essay Concerning the Concept of Realism

 

Among the different notions of realism, there are only few attempts to elucidate the seemingly simple idea of a proximity or similitude between reality and fictionality. At first glance, this idea is so utterly clear that there seems to be no need to discuss the phenomenon. As the concepts of reality and fictionality, however, have thoroughly changed in the past decades, realism turns out to have a complexity of its own. This paper attempts to describe this proximity in terms of difference theory as offered mainly by Niklas Luhmann’s works. The aim is to show that realism cannot be described if one considers things, characters, or settings, i.e. entities, but if one looks at the schemes structuring the perception of the world. The novels Abfall für alle by Rainald Goetz and Jahrestage by Uwe Johnson, two of the most important late 20th century texts that deal with the question of what can be said about reality, not only help to elucidate the concept of realism, but also unfold intricate problems related to it. Abfall für alle, on the one hand, points out that isochronous story-telling widens the gap between fiction and reality although the novel could be considered realistic due to its imitation of real-time experience; and Jahrestage, on the other hand, shows that the past can only be described by means of schemes which are available solely in the moment the operation is performed. Insights into the nature of realism might therefore contribute to the explication of narrativity and fictionality themselves insofar as narrativity always produces effects similar to those of fictionality. After all, the analysis of realism might prove to be crucial to the understanding of fiction and fictionality.