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Lili - Heft 141

Thema: Musikalität

Herausgeber dieses Heftes:
Ralf Schnell




Inhalt

Ralf Schnell
Einleitung - Introduction

Hannes Fricke
Intermedialität Musik und Sprache: Über Formentlehnungen aus der Musik als ordnende Fremd-Strukturen in Literatur am Beispiel 'Thema und Variationen' und 'Fuge'
Intermediality Music and Literature: About the Borrowing of Form from Music to Literature as Organizing Structures ('Theme and Variations', 'Fugue')

Iris Hermann
Musik, Text und Schmerz in Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion
Music, Text and Pain in Johann Sebastian Bach's Matthäuspassion

 

Karin Tebben
Musik und Tanz im Werk Theodor Storms
Music and Dance in Theodor Storm's Œuvre

 

Wilfried Thürmer
"alle Menschen als Kinder eines Sterns". Zur Teleologie von Musik in Theodor Storms Erzählung "Eine Halligfahrt"
"alle Menschen als Kinder eines Sterns". On the Teleology of Music in Theodor Storm's Narration "Eine Halligfahrt"

 

Hyunseon Lee
"so wundersam exotisch dieses Lied". Franz Lehárs Operettenmusik als Medium kultureller Identifikation
"such a delightful exotic song". Franz Lehár's Operetta Music as Media of Cultural Identification

 

Daniel Schnorbusch
Rhythmus in der Prosa. Zu den rhythmischen Eigenschaften deutscher Kunstprosa am Beispiel der Erzählung Rote Korallen von Judith Hermann
Rhythm in Prose

 

Andreas Käuser
Medium - Musik - Text. Montage als Darstellungsform
Media - Music - Text. Montage as a Form of Representation

 

Labor

 

Elisabeth K. Paefgen
Versteckte Poetik: Literatur im Film. Robert Altmans Film Gosford Park und Sophokles' Tragödie König Ödipus
Hidden Poetics: Literature in Film. Robert Altman's Film Gosford Park and Sophocles' Tragedy Oedipus Rex

 

 





 

Ralf Schnell

 

Einleitung

 
 
 

Das Rahmenthema "Musikalität" führt in diesem LiLi-Heft eine Reihe von Beiträgen zusammen, die sich auf das Bedingungs- und Begründungsverhältnis von Sprache und Musik konzentrieren. Abweichend vom alltäglichen Sprachgebrauch wird 'Musikalität' bzw. 'musikalisch' im Folgenden also nicht im gängigen Sinne 'musikalischer Begabung' oder 'musikalischer Fähigkeiten' verstanden, sondern als ein Faktor ästhetischer Produktivität. Gefragt wird nach den Möglichkeiten insbesondere der poetischen Sprache, in sich musikalische Strukturen auszubilden, und nach der Korrespondenz zwischen literarischen und musikalischen Motiven und Schichten, also der wechselseitigen Anverwandlung und Amalgamierung textueller und tonaler Potentialitäten. Dass angesichts der Fülle von Materialen, die zu diesem Thema musikgeschichtlich wie literarhistorisch vorliegen, die Darstellung in einem LiLi-Themenheft nur exemplarisch erfolgen kann, versteht sich von selbst.

 

Hannes Fricke setzt sich in seiner einleitenden Studie zum Verhältnis von Musik und Sprache mit Formentlehnungen der Literatur auseinander. An den Exempeln "Thema und Variationen" und "Fuge" gewinnt er die theoretisch begründete, an empirischem Material im Detail belegte Einsicht, dass musikalische Formen in und durch Sprache nicht exakt nachgebildet werden können, da die intermediale Übertragung von einem Medium in ein anderes durch die Signifikanten des letzteren bestimmt werden. Dennoch kommt Hannes Fricke zu der Erkenntnis, dass die Formen in ihren jeweiligen historisch relevanten Ausformungen - beispielhaft also die relativ spät entwickelten Formen "Thema und Variationen" oder "Fuge" - in der Verwendung musikalischen Materials im sprachlichen Medium eigene mediale Charakteristika entwickeln. So erweist sich etwa die musikalische Struktur der "Fuge" in einigen Fällen als ordnendes, aber zugleich ausweglos einschließendes Gerüst, die Form "Thema und Variationen" als Versuch, ein zu Beginn der Reihe gar nicht fest stehendes Thema sukzessive im Verlauf herauszupräparieren.

 

Auch der Beitrag von Iris Hermann setzt sich mit dem intermedialen Verhältnis von Musik und Sprache auseinander, und zwar anhand des Librettos von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion. Den erkenntnisleitenden Aspekt bildet dabei der Schmerz, den in Bachs opus summum Gottes Sohn um der Erlösung der Welt willen zu durchleiden hat. Sein Leiden, das ihn zugleich zum Menschen macht, durchläuft bei Bach eine breite Skala an Ausdrucksmöglichkeiten, die sowohl den Text als auch die Musik durchdringen. Der vollendete Zusammenklang von Sprache und Musik macht deutlich, dass das Annehmen des Leidens am Ende die Bedingung für dessen Überwindung ist, ohne dass seine Existenz in der Welt geleugnet würde. Bachs Matthäuspassion erfährt durch Iris Hermann eine eingehende, bis in feinste musikalische Nuancen sich verzweigende Analyse, die nicht nur das höchst komplexe Text-Ton-Gefüge dieses musikalischen Monuments auslotet, sondern vor allem auch der Eigenwilligkeit und Eigengewichtigkeit des musikalischen Materials gerecht wird.

 

Vom literarischen Material gehen die beiden folgenden Beiträge aus, die sich in komplementärer Weise dem Thema "Musikalität" bei Theodor Storm widmen. Karin Tebben

 

zeigt zunächst, dass das Musizieren und der Musikgenuss seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen festen Bestandteil der bürgerlichen Kultur bilden. Storms Lebensgeschichte bestätigt diesen Topos beispielhaft, von seinen persönlichen Vorlieben und seinem Engagement für die Belange der Musik bis hin zur Verarbeitung seiner musikalischen Sach- und Fachkenntnisse in seinen Novellen. Die Welt der Musik im Werk Storms ist, so kann Karin Tebben zeigen, ebenso facetten- wie variationsreich. Sie umschließt das Schicksal von Musikern - professionellen wie dilettierenden -, sie nutzt das Geflecht musikalischer Strukturen zur literarischen Organisation von Beziehungsgeflechten, und sie erhebt die Signifikanz konkreter musikalischer Werke in den Rang poetischer Leitmotive. Auf diese Weise gewinnt Musik für die Literatur symbolischen Wert, der Auskunft über Glück und Unglück der handelnden Figuren gibt. Was so anhand der Werkentwicklung Theodor Storms in einer Art genealogischem Längsschnitt Kontur gewinnt, erfährt in dem Beitrag von Wilfried Thürmer eine Vertiefung exemplarischer Art. Die der Musikalität bei Storm eingearbeitete teleologische Dimension zeigt in Storms Erzählung "Eine Halligfahrt", wie - fern auf einer einsamen Hallig - das Leben eines Sonderlings, vermittelt über die Erfahrung der Musik, zum Exempel eines Humanum werden kann, freilich eines mit tragischen Widersprüchen und Brüchen, mit Irrtümern und Enttäuschungen, mit Verheißungen, aber auch Versehrungen, die im Motivkomplex 'Musik' repräsentiert werden.

 

Eine Art Kontrapunkt innerhalb der ästhetischen Konstellation Musik-Sprache bearbeitet der Aufsatz von Hyunseon Lee am Beispiel der Operette. Denn als Operette gewinnt die dichotomische Struktur des literarisch-musikalisch vielschichtig vermittelten Konfliktmusters aus Glück-Unglück seine populäre Gestalt. Am Beispiel Franz Lehárs kann Hyunseon Lee zeigen, dass die um 1900 sich andeutende Wende zur musikalischen Unterhaltungsindustrie mit einem Wandel des Publikums und seinem Anspruch auf Glücksversprechen und Glückserfüllung einhergeht. Die Operette wird zum Massenmedium und führt zugleich zu einer Internationalisierung des Publikumsgeschmacks. Die Lustige Witwe (1905) markiert dabei einen historischen Durchbruch, dessen Wirkungen bis in die Vereinigten Staaten reichen - eine Erfolgsgeschichte, die wenig später durch die des Films krisenhaft konterkariert wird. Erst der Exotismus von Das Land des Lächelns (1929), der an Giacomo Puccinis exotische Oper Madama Butterfly (1904) anknüpft, freilich um den Preis inhaltlicher wie musikalischer und literarischer Konzessionen an die Ansprüche des Wiener Publikums.

 

Nach dem Verhältnis von Prosatexten zu musikalischen Strukturen fragt Daniel Schnorbusch in seiner Untersuchung zu Judith Hermanns Kurzgeschichte "Rote Korallen" aus dem Band Sommerhaus später (1999). Die detaillierte, mittels linguistischer Methoden in feinste Verästelungen des Textes sich vertiefende Analyse macht deutlich, dass bei Judith Hermann eine literarische 'Musikalisierung' in durchrhythmisierten Prosaformen vorliegt, deren ästhetische Funktion der Autor im Vergleich zu Texten der Alltagssprache (Zeitungsartikel) kontrastiv herausarbeitet. Mit Hilfe eines Computerprogramms arbeitet Daniel Schnorbusch die rhythmischen Eigenschaften des Prosatextes so heraus, dass dessen musikalische Qualitäten im Zusammenspiel von lexikalischen Wiederholungen und syntaktischen Parallelismen gewissermaßen messbar werden - ein gelungenes Beispiel zudem für die wechselseitige Erhellung der Verfahrensweisen von Literaturwissenschaft und Linguistik.

Auf die theoretischen Implikationen des Themas "Musikalität" kommt schließlich Andreas Käuser in seinem Beitrag zurück, wenn er am Beispiel der Montage, dem zentralen ästhetischen Verfahren der kulturellen Moderne, die Frage nach der Krise der Repräsentation als Frage nach der Referenz von Medien und Realität, Zeichen und Sache stellt. Durch eine fortschreitende Akkumulation des Medialen, so Andreas Käuser, findet parallel eine Musikalisierung der Medien statt, da Musik als a-mimetisches Medium diesen fehlenden Gegenstandsbezug reflektieren und darstellen kann. Der filmische Realismus wird durch die Musikalität der Montage konterkariert und als artifizielle Fiktion entschleiert. In digitalen Medien, zu denen auch Text und Schrift gehören, findet eine Steigerung dieses Zusammenhangs statt, insofern die Virtualität des Mediums den relativierten Gegenstandsbezug erneut steigert und den Kontrast von Analogem und Digitalem, Ikonischem und Diskursivem produktiv werden lässt. Montage erweist sich so als die geeignete Darstellungsform für die Fremdheit und Differenz der Medien wie auch für deren musikalische Kombinatorik.
 



 

Summaries



 

Hannes Fricke

 

Intermediality Music and Literature: About the Borrowing of Form from Music to Literature as Organizing Structures ('Theme and Variations', 'Fugue')

   
 

There is a tendency to regard music and literature as twin arts, even though they differ glaringly in many respects. It is salutary and rewarding to take into account the recent developments of intermediality research. When discussing a work of art which combines the two art forms, the very first question ought to be: what is the principal medium of the connection between the two? This is particularly important in the case of musical forms that are integrated into literature (forms which are made explicit by the author, for example by textual references, by authorial remarks, or by paratexts). The discussion of texts by Heimito von Doderer and Robert Browning (with respect to 'theme and variations'), as well as Wolfgang Hildesheimer and Thomas De Quincey (with respect to 'Fugue') show that the characteristics of the musical form which are of greatest interest to the authors are those that do not have any parallels in literature: 'theme and variations' can be employed to exhibit the connection between matters of great difference, 'Fugue' may be used to place a story within a horizon that does not allow for escape.

 





 

Iris Hermann

 

Music, Text and Pain in Johann Sebastian Bach's Matthäuspassion

   
 

This article stresses the importance of the libretto in Johann Sebastian Bach's Matthäuspassion and analyses the relationship between music and text. Bach's opus summum brings into focus the pain that the son of god has to suffer. Obviously, this suffering marks Jesus as human being. His pain and the pain of his defenders are performed with a great variety of expressions concerning both the text and the music. Finally, as death and its ensuing pain are almost accepted, the latter losses much of its harshness without being denied its existence.

   





 

Karin Tebben

 

Music and Dance in Theodor Storm's Œuvre

   
 

The world of music in Storm's work is rich in facets and variation. It includes the fate of musicians, professionals as well as amateurs; through playing music together a net of relationships develops in it; it contains some pieces of music, which, in their perception or in the performance, are significant for the characters' lives. Here either quotations of art are concerned or Storm's own lyrics are to be found in the text. Eventually Storm uses some songs and pieces of music in a symbolic way: they provide information on the author's philosophical approach in its relevance to the development of his work and thus decide on a character's luck or tragedy.

 





 

Wilfried Thürmer

 

"alle Menschen als Kinder eines Sterns". On the Teleology of Music in Theodor Storm's Narration "Eine Halligfahrt"

 

The narration shows, how the social system produces the maverick and how it allows him to establish his hideaway - far away from society on a lonesome "Hallig”. Seeking sanctuary that is the place where he surrounds himself with worlds of things (books, works of art and science, and a precious violin), which are also mostly damaged - witnesses of past suffering of social origin. But their tale of woe longs for the keeping of a fluky promise. That is articulated in the medium of music in rising levels when one day the narrator and two women visit the "Hallig” and especially during a review at the end of the story. At this point - in context with the previous history - the bitter sections of the main character's path of life and its continuing utopian potential reveal themselves all at once.

 
 
 

 





 

Hyunseon Lee

 

"such a delightful exotic song". Franz Lehár's Operetta Music as Media of Cultural Identification

 
 
 

Franz Lehár (1870-1948) meets the contemporary taste of the Wiener Moderne. The public perception of his operettas moves between two extremes: the enthusiastic crowd and almost angry intellectuals. The latter may have neglected the fact that significant social and cultural changes took part in Europe around 1900. The audience changed and entertainment became a more important factor. From the turn of the century operetta evolves towards a mass medium and faces internationalisation. In this context DIE LUSTIGE WITWE (1905; The Merry Widow) marks a breakthrough and is performed extensively in many different countries and languages, including the Unites States. The Vienna operetta may be understood as the immediate predecessor of film. But later the operetta faces its own identity crisis. Lehár, who initially dominates this new entertainment industry, later tries to rescue operetta by bringing it closer to the 19th century opera. DAS LAND DES LÄCHELNS (1929; The land of smiles), a love story between a woman from Vienna and a Chinese prince, is an adaptation of DIE GELBE JACKE (1923; The Yellow Jacket), but it finishes with an 'unhappy end'. It becomes a huge success. This popular operetta can be seen as a transformation of Giacomo Puccinis exotic opera MADAMA BUTTERFLY (1904). Lehár's musical exoticism does not seriously confront authentic Chinese music and it remains superficial. Its purpose is a form of Viennese self reflection and not about China.

 


 
 
 

 





 

Daniel Schnorbusch

 

Rhythm in Prose

 
 
This paper deals with the question of whether some texts written in prose have special rhythmic properties that can be linguistically measured and thereby objectified. To this end I compare the first part of a short story by Judith Hermann, a German author whose prose is considered by most reviewers as exceedingly rhythmic, and an arbitrarily chosen newspaper article which hypothetically should indeed instantiate the trochaic-dactylic standard rhythm of German, but should not be as rhythmic as for instance Hermann's text. I develop a format for representing the relevant prosodic features and use a small computer program which is able to find what I call "metrical islands" in prose. The program makes transparent the rhythmic differences between the two text examples and therefore confirms the intuition-based judgements of average readers and listeners. Although aware of the yet lacking statistical significance of the data these first results of an ongoing enterprise seem sufficiently clear enough to me to be convinced of being on the right track and to hope that some other passengers will buy a ticket as well.


 
 
 

 





 

Andreas Käuser

 

Media - Music - Text. Montage as a Form of Representation

 
 
Due to film, montage is the aesthetic form characterising 20th century cultural modernity. The transfer of montage into other media and forms of representation like music and text can be analysed. During the media upheavals of 1900 and 2000, the crisis of representation becomes more acute: accumulation and innovation of media render the reference of media to reality, sign to object, signifiant to signifié problematic. The 'musicalisation' of montage reacts to this process because music as an a-mimetic medium is particularly qualified to represent the 'virtual reality' of media cultures. As opposed to a visual representation of reality, the reflection of montage as a musical form established in theoretical and fictional texts emphasises the contrast and the difference of media as 'assemblage of heterogeneous elements'.


 
 
 


   

 

 
 

Labor

 

 

   

Elisabeth K. Paefgen

 

Hidden Poetics: Literature in Film. Robert Altman's Film GOSFORD PARK and Sophocles' Tragedy Oedipus Rex

 

Robert Altman's film GOSFORD PARK is easily underestimated. The ironic commentary on the English class system and the parody of murder mystery patterns are all too obvious. It is only through repeated viewing that references to one of the founding texts of western culture become visible. With these references, Altman and screen writer Julian Fellowes achieve not only a new interpretation of the sophocleian drama Oedipus Rex, but Altman uses his characteristic audio-visual techniques to, at once, quote and modernise structural elements of Greek tragedies. The film therefore subtly illustrates the lasting influence of ancient artforms.