Für eine korrekte Darstellung dieser Seite benötigen Sie einen XHTML-standardkonformen Browser, der die Darstellung von CSS-Dateien zulässt.

Lili - Heft 158

 

Zeitschrift für

Literaturwissenschaft und Linguistik

Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen

 

Thema: Ambiguität

Herausgeber dieses Heftes:

Wolfgang Klein und Susanne Winkler



 

Inhalt

Wolfgang Klein und Susanne Winkler

Einleitung
Introduction

 

Matthias Bauer, Joachim Knape, Peter Koch und Susanne Winkler

Dimensionen der Ambiguität
Dimensions of ambiguity

 

Esme Winter-Froemel und Angelika Zirker

Ambiguität in der Sprecher-Hörer-Interaktion. Linguistische und literaturwissenschaftliche Perspektiven
Ambiguity in speaker-hearer-interaction: linguistic and literary perspectives

 

Markus Bauer, Matthias Bauer, Sigrid Beck, Carmen Dörge, Burkhard von Eckartsberg, Michaela Meder, Katja Riedel, Janina Zimmermann und Angelika Zirker

“The Two Coeval Come”: Emily Dickinson and ambiguity

 

René Ziegler

Ambiguität und Ambivalenz in der Psychologie. Begriffsverständnis und Begriffsverwendung
The psychology of ambiguity and ambivalence

 

Lang

Der Ton macht den Sinn. Prosodische Differenzierungen bei syntaktischer Indifferenz als Lehrstoff
Intonation creates sense: when prosody distinguishes what syntax doesn’t. Outline of a teaching unit



Wolfgang Klein und Susanne Winkler

Einleitung


Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.

Um die rechte Deutung dieses Verses, der Schlusszeile des Gedichts „Auf eine Lampe” von Eduard Mörike, entspann sich vor sechzig Jahren eine nachmals berühmte Diskussion zwischen dem Literaturwissenschaftler Emil Staiger und dem Philosophen Martin Heidegger. Ihr Ankerpunkt ist das mehrdeutige Wort scheint, das, so Staiger, im Sinne von videtur aufzufassen sei, während Heidegger meint, man solle es im Sinne von lucet verstehen (gut, dass man das Lateinische hat). Beide Lesarten sind im Deutschen möglich, beide sind sinnvoll, und wenn man den Gedankenaustausch der gelehrten Kontrahenten heute liest, denkt man, dass vielleicht ja beide recht haben: Der Reiz der Zeile liegt eben nicht zuletzt in dieser kunstvollen Ambiguität. Und dies gilt für viele Dichtungen.

Was Staiger und Heidegger nicht weiter erörtern - aber sie sind auch keine prosaischen Sprachwissenschaftler -, ist der Umstand, dass alle Wörter dieser Zeile mehrdeutig sind. Selig sind z.B. die 1268 Personen, die Papst Johannes Paul II. selig gesprochen hat; das ist wohl hier nicht gemeint, ebenso wenig wie selig im Sinne von „in gehobener Stimmung” oder wie in meine Schwiegermutter selig; das Wort muss in Mörikes Gedicht eine andere, wenn auch verwandte Bedeutung haben. Das Wort es wird in verschiedenen grammatischen Funktionen verwendet, wie in es schneite oder es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, oder aber zur Referenz auf eine Person, einen Gegenstand, einen Begriff, über die der Kontext Näheres sagt: das Kind... es, das Messer... es, das Leid... es. In Mörikes Zeile ist nur eine referentielle Deutung möglich - freilich: Es ist nichts Bestimmtes, auf das es hier verweist, es ist „was auch immer schön ist”. Das Wort in drückt, denkt man, ein räumliches Enthaltensein aus; aber dieses ist bei er hatte ein Bonbon im Mund ein ganz anderes als bei er hatte eine Zigarette im Mund oder die Winkelsumme im Dreieck ist zwei Rechte; bei in § 1300 StGB oder Lass mich in Ruhe sieht man kaum noch etwas Räumliches, und was es in in ihm selbst bedeutet, ist nicht eben klar. Das Wort ihm kann sich auf alles beziehen, das sich mit einem Neutrum oder einem Maskulinum beschreiben lässt; hier ist wiederum nichts Bestimmtes gemeint, sondern etwas Beliebiges, sofern es schön ist. Und was bedeutet selbst? Man kann sagen Selbst Hegel hat das gesagt, aber auch Hegel selbst hat das gesagt. Diese Mehrdeutigkeit von selbst wird meistens – aber nicht immer – durch die Stellung aufgelöst, und hier ist offenbar die zweite Lesart gemeint.

Dass ein Wort mehrdeutig ist, ist kein Unfall der deutschen Sprache. Fast alle Ausdrücke einer Sprache, einfach oder zusammengesetzt, sind mehrdeutig; wen die obigen Beispiele nicht überzeugt haben, der schaue sich einen Artikel in einem etwas größeren Wörterbuch an. Wir bemerken diese Ambiguitäten nur gewöhnlich nicht, weil wir uns beim Lesen oder Hören nicht bloß auf jene Informationen stützen, die sich aus der Bedeutung der Ausdrücke selbst ergeben, sondern auf eine Fülle von Informationen, die wir dem Kontext entnehmen: dem, was zuvor oder danach gesagt wird, der Redesituation, und schließlich dem reichen Weltwissen, über das wir verfügen. Vor allem letzteres aber schwankt von Person zu Person, und deshalb schwankt auch die Deutung, die der Einzelne einem Text verleiht.

Um die Ambiguität als konstitutive Eigenschaft der menschlichen Sprache und die Möglichkeiten ihrer Auflösung geht es in diesem Heft. Die ersten drei Beiträge entstammen einem interdisziplinären Projekt an der Universität Tübingen, das der Rolle der Ambiguität in Literaturwissenschaft, Rhetorik und Linguistik gewidmet ist. Der Aufsatz „Dimensionen der Ambiguität“ ist eine Bestandaufnahme aus der Sicht dreier Fächer: Anglistische Literaturwissenschaft (Matthias Bauer) und Linguistik (Susanne Winkler), Allgemeine Rhetorik (Joachim Knape) und Romanistische Linguistik (Peter Koch). Bei aller Gemeinsamkeit unterscheidet sich die jeweiligen Perspektive entlang zweier Parameter: Welcher Ambiguitätstyp steht im Mittelpunkt und welche Textsorte wird bevorzugt untersucht. Esme Winter-Froemel und Angelika Zirker untersuchen in ihrem Beitrag Mehrdeutigkeiten in unterschiedlichen Diskurszusammenhängen. Im Mittelpunkt stehen dabei die variierende Rolle von Sprecher und Hörer sowie die Vorkommensbedingungen von Ambiguität im Kommunikationsprozess. Im dritten Beitrag werden exemplarisch drei Gedichte von Emily Dickinson von einem Team aus Literaturwissenschaftlern und Linguisten (Markus Bauer, Matthias Bauer, Sigrid Beck, Carmen Dörge, Burkhard von Eckartsberg, Michaela Meder, Katja Riedel, Janina Zimmermann und Angelika Zirker) analysiert. In detaillierten Einzelstudien wird ausgelotet, inwieweit sich herkömmliche Kompositionalitätsprinzipien, wie sie in den letzten Jahren in der Linguistik entwickelt wurden, auf lyrische Texte anwenden lassen.

René Ziegler gibt in seinem Beitrag einen umfassenden Überblick über die Rolle von Ambiguität und, eng damit verwandt, Ambivalenz aus psychologischer Perspektive; Ambiguität spielt nicht nur im sprachlichen Bereich, sondern im Persönlichkeitsverhalten, Rollenverhalten und Motivationsverhalten eine zentrale Rolle.

Ewald Langs Aufsatz schließlich verbindet eine minutiöse linguistische Analyse mit literaturwissenschaftlicher Deutung; die schwierige Frage, wie die Prosodie bei der Lektüre von literarischen Texten unterschiedliche Bedeutungen hervorbringen kann, erhellt er durch einen didaktischen Kunstgriff: Wie kann man mit Schülern die Funktion der Prosodie bei gleichbleibender Syntax erarbeiten?

 

 

LiLi Summaries Heft 158

 

 

 

Matthias Bauer, Joachim Knape, Peter Koch, Susanne Winkler

Dimensions of Ambiguity

Summary

During the last decades, research in rhetoric, literary studies and linguistics in Germany pursued different goals. However, recent interdisciplinary investigations on the topic of ambiguity showed that the common interest in language specific phenomena will open up new areas of research.

The present paper addresses these three dimensions of ambiguity. We introduce the central research questions of rhetoric, literary study and linguistics and show that some of the theoretical concepts are central to all three fields of study: ambiguation vs. disambiguation, potential ambiguity vs. strategic ambiguity, ambiguity in morphemes, words and sentences vs. ambiguity in discourse and text. However, the research questions of each field focus on different aspects of the type of ambiguity and of the type of text: while the literary studies allow the complete text / work to have more than one meaning, possibly many, rhetoric concentrates on the ambiguity of the macrostructure of the text and linguistics centers on the ambiguity of the microstructure of the text. While linguistics has been interested in potential ambiguity in the language system, rhetoric and literary studies are interested in functional ambiguity and strategic ambiguity. The paper concludes that the interdisciplinary study of individual phenomena will contribute to a more comprehensive treatment of ambiguity in each discipline.

 


Esme Winter-Froemel und Angelika Zirker

Ambiguity in Speaker-Hearer-Interaction: Linguistic and Literary Perspectives

Summary

In our paper, we explore the use and functions of ambiguity in communication, i.e. in speaker-hearer-interaction. A pragmatic point of view opens up the possibility to include parameters such as the roles of speaker and hearer, the salience of ambiguity in communication and its effects on ongoing communication as well as contexts that frame the occurrence of ambiguity. These parameters are applicable onto examples from everyday speech and literary communication alike.

Our interdisciplinary approach, together with our choice of examples, goes beyond traditional perspectives on ambiguity in several ways. Including examples of pragmatic ambiguity that are not inherent to the language system allows us to investigate the central role of ambiguity in language change. The study of literary examples shows that ambiguity also involves several levels of speakers and hearers so that ambiguity can be analyzed both within the text and on a level outside the text. All this contributes to an increase of complexity in the communicative situation and thus gives us a more comprehensive perspective on ambiguity in its manifold varieties.

 


Markus Bauer, Matthias Bauer, Sigrid Beck, Carmen Dörge, Burkhard von Eckartsberg, Michaela Meder, Katja Riedel, Janina Zimmermann und Angelika Zirker

“The Two Coeval Come”: Emily Dickinson and Ambiguity

Summary

By focussing on three poems by Emily Dickinson, this paper shows that linguistic analysis based on the compositional interpretation at the level of Logical Form helps us establish a clearer picture of notoriously difficult poetic texts. At the same time, poems which provide us with borderline cases of interpretability help us see clearer the limits of adaptability within the grammatical system. Ambiguity is the field in which both sides meet, as it is used by Dickinson quite systematically in order to present different aspects of the way in which language relates to experience. In “This was a Poet” (J448), for example, two coherent readings created by ambiguity at the level of Logical Form emerge as the result of simultaneously pursuing all strategies of presupposition and anaphora resolution and as the quintessence of the poet-reader relationship described. In “He fumbles at your Soul” (J315), ambiguity of reference and of reinterpretation lead to underspecification of the resulting meaning, which appropriately serves to convey the idea of a speaker narrating an experience that is both general and specific. In “This would be poetry” (J1247), reinterpretation must occur at the highest level because the poem consists of a sequence of statements that cannot simultaneously be true literally. Each poem is marked by a high degree of linguistic self-awareness and may be regarded as a test case, stretching the limits of what grammar makes possible.

 

René Ziegler

The Psychology of Ambiguity and Ambivalence

Summary

An overview is given on the multiplicity of the psychological literature dealing with ambiguity and ambivalence. After an introduction aimed at providing a background with respect to the basic understanding of the two constructs in psychology, various areas of psychological research concerned with ambiguity and ambivalence are described. In regard to ambiguity, research in the following fields is covered: psycholinguistics (lexical and syntactic ambiguity), social psychology (role of ambiguity in person perception, persuasion, helping behaviour, attribution, and norm development), personality psychology (individual differences in tolerance for ambiguity), clinical and abnormal psychology (interpretation of ambiguity contingent on individual differences in anxiety, depression, and aggressiveness), motivational psychology (motive assessment via ambiguous visual stimuli), and organizational psychology (role ambiguity). With respect to ambivalence, more general approaches regarding ambivalence amplification and attitudinal ambivalence as well as more specific approaches dealing with ambivalence over emotional expression, ambivalence as an attachment style, ambivalence with respect to women (ambivalent sexism), and intergenerational ambivalence are discussed.

 

Ewald Lang

Intonation creates sense: when prosody distinguishes what syntax doesn't. Outline of a teaching unit

Summary

Looking back at the 1980ies, we realize that linguistic research on the role of intonation patterns in speech production and comprehension has been remarkably intensified and diversified. Prosody has become a constituent part of linguistic curricula, there are excellent text-books available as well as incredibly sensitive tools for analysing speech data. However, these achievements have not yet influenced the way grammar is taught at school. The article aims at bridging this regrettable gap by recommending a teaching unit that seeks to link grammar lessons with lessons on literature by giving intonation courses on the basis of various sorts of literary texts. The plea for prosody lessons draws on tokens of four kinds of texts with increasing complexity which may reveal the niceties and subtleties of intonation. We first examine a brand of formulaic proverbs with distinctive prosod, then we look at a TV spot that plays on an ambiguous slogan, next we note the varying intonation contours which can be assigned to sentential coordinations, finally we explore the role of prosody in Franz Kafka's celebrated parable "Up in the gallery", which no doubt forms a paragon case for the teaching unit to be outlined.

 


 

Adressen der Herausgeber

Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, I-39100 Bolzano/Bozen, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it
Prof. Dr. Wolfgang Haubrichs, Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1. – Germanistik, Postfach 15150, D-66041 Saarbrücken, E-mail: w.haubrichs@mx.uni-saarland.de
Prof. Dr. Wolfgang Klein, Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Postbus 310, NL-6500 AH Nijmegen, E-mail: wolfgang.klein@mpi.nl
Prof. Dr. Ralf Schnell, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-mail: schnell@germanistik.uni-siegen.de


Adressen der Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Matthias Bauer, Eberhard-Karls Universität Tübingen, Englisches Seminar, Wilhelmstr. 50, D-72074 Tübingen, E-Mail: m.bauer@uni-tuebingen.de
Markus Bauer, Eberhard-Karls Universität Tübingen, SFB 833, Nauklerstr. 35, D-72074 Tübingen, E-Mail: projektA2@sfb833.uni-tuebingen.de
Prof. Dr. Sigrid Beck, Eberhard-Karls Universität Tübingen, Englisches Seminar, Wilhelmstr. 50, D-72074 Tübingen, E-Mail: sekretariat-beck@nphil.uni-tuebingen.de
Carmen Dörge, Eberhard-Karls Universität Tübingen, SFB 833, Nauklerstr. 35, D-72074 Tübingen, E-Mail: projektA2@sfb833.uni-tuebingen.de
Burkhard von Eckartsberg, Eberhard-Karls Universität Tübingen, SFB 833, Nauklerstr. 35, D-72074 Tübingen, E-Mail: projektA2@sfb833.uni-tuebingen.de
Prof. Dr. Joachim Knape, Eberhard-Karls Universität Tübingen, Seminar für Allgemeine Rhetorik, Wilhelmstraße 50, D-72074 Tübingen, Email: joachim.knape@uni-tuebingen.de
Prof. Dr. Peter Koch, Eberhard-Karls Universität Tübingen, Romanisches Seminar, Wilhelmstr.50, D-72074 Tübingen
Prof. Dr. Ewald Lang, Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät II, Institut für deutsche Sprache und Linguistik, Unter den Linden 6, D-10099 Berlin, E-Mail: ewald.lang@rz.hu-berlin.de
Michaela Meder, Eberhard-Karls Universität Tübingen, SFB 833, Nauklerstr. 35, D-72074 Tübingen, E-Mail: projektA2@sfb833.uni-tuebingen.de
Katja Riedel, Eberhard-Karls Universität Tübingen, SFB 833, Nauklerstr. 35, D-72074 Tübingen, E-Mail: projektA2@sfb833.uni-tuebingen.de
Prof. Dr. Susanne Winkler, Eberhard-Karls Universität Tübingen, Englisches Seminar, Wilhelmstr. 50, D-72074 Tübingen, E-Mail: susanne.winkler@uni-tuebingen.de
Dr. des. Esme Winter-Froemel, Eberhard-Karls Universität Tübingen, SFB 833, Nauklerstr. 35, D-72074 Tübingen, E-Mail: esme.winter-froemel@uni-tuebingen.de
Janina Zimmermann, Eberhard-Karls Universität Tübingen, SFB 833, Nauklerstr. 35, D-72074 Tübingen, E-Mail: projektA2@sfb833.uni-tuebingen.de
Prof. Dr. rer.soc. rer.nat.habil. René Ziegler, Eberhard-Karls Universität Tübingen, Psychologisches Institut, Friedrichstraße 21, D-72072 Tübingen, E-Mail: rene.ziegler@uni-tuebingen.de
Dr. des. Angelika Zirker, Eberhard-Karls Universität Tübingen, Englisches Seminar, Wilhelmstr. 50, D-72074 Tübingen, E-Mail: angelika.zirker@uni-tuebingen.de