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Lili-Heft 161

 

Zeitschrift für

Literaturwissenschaft und Linguistik

Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen

 

 

Thema: Semantik der Kulturkritik

Herausgeber dieses Heftes:

Niels Werber



Inhalt 

 


Niels Werber
Einleitung
Introduction

Clemens Knobloch

Neoevolutionistische Kulturkritik – eine Skizze
An outline of neo-evolutionist ‚Kulturkritik’


Lars Koch

Angst in der verwalteten Welt. Emotive Kulturkritik bei Jünger, Gehlen und Adorno
Fear in the administered world. Jünger, Gehlen, and Adorno and the emotive mode of cultural criticism


Ralf Konersmann

Kulturkritik und Wiederherstellungserwartung
Cultural criticism and apocatastasis

 

Rüdiger Schnell

Curialitas und dissimulatio im Mittelalter. Zur Interdependenz von Hofkritik und Hofideal
Curialitas
and dissimulatio in the Middle Ages. The interdependence of the ideal of court and the criticism of court

 

Monika Schausten

„dâ hovet ir iuch selben mite“: Höfische Jagdkunst im Spiegel klerikaler Kritik am Beispiel des Tristan Gottfrieds von Straßburg
„dâ hovet ir iuch selben mite“: The courtly art of hunting and the discourse of court criticism in Gottfried of Straßburg’s Tristan


Labor


Tobias Leibold

Verdichtung und Erkenntnis. Zum bildlichen Ausdruck bei Johann Georg Sulzer, Karl Philipp Moritz und Henrik Steffens
Condensation and knowledge. On metaphorical expression in
 Johann Georg Sulzer, Karl Philipp Moritz and Henrik Steffens





Niels Werber

Einleitung

Bildung, Integration, Klima, Währungen, Staaten ... An Krisen herrscht kein Mangel, Kritik scheint dagegen untypisch oder selten geworden zu sein. Der von Reinhart Koselleck verfolgte struktur- und semantikgeschichtliche Zusammenhang von Krise und Kritik in der ‚bürgerlichen Welt’ wäre also zerbrochen. In der Zeitschrift Merkur (63. Jahrgang, Heft 11, November 2009) jedenfalls diagnostiziert Peter Bürger, „wir leben in einer Zeit, in der der Geist der Kritik eigentümlich erschlafft ist“ (S. 1023). Man könnte hier anmerken, dass auch diese kritische Äußerung eine gewisse Erschlaffung erkennen lässt, wiederholt sie doch fast wörtlich eine Formulierung Lyotards aus dem Jahre 1979. Die Behauptung, die Kritik liege auf dem Krankenbett oder doch auf einem Sofa in der Gorochowajastraße, ließe sich selbst als Symptom einer Krise deuten, deren Semantik der ‚Erschlaffung’ seit Nietzsche zum kulturkritischen Repertoire gehört. Einst setzte man noch ‚Hoffnungen in Kritik’, 1968 etwa, doch die neuen Generationen hätten sich mit dem ‚Lauf der Dinge’ und der ‚neuen Lage’ angefreundet. Vermutlich, lässt man sich auf die Metaphorik ein, benötigen diese affirmativ Erschlafften ein entsprechendes Stimulans, um sich wieder zu spannen, und was taugte dazu besser als die Herausforderung einer existenziellen ‚Entscheidung’, einer ‚Krise’ also, wie Koselleck sie verstanden hat, deren Entweder–Oder die müßigen Intellektuellen aus der Oblomowerei treibt und zur Positionierung zwingt, sei es kritisch, sei es affirmativ. Man könnte hier auf den Gedanken verfallen, dass sich in der Tat alles wiederhole. Aber um eine Kritik der Kritik Peter Bürgers an der Erschlaffung der jüngeren Generation geht es nicht, sondern um einen Beleg für die Virulenz kulturkritischer Argumentationsmuster, Bilder und Semantiken, die das Thema dieses Heftes bilden.
Wie war es denn „einst“? „Konservative“ und „radikale“ Kulturkritik, wie René König in seiner Soziologie von 1960 beobachtete, wurden in den großen kulturkritischen Bataillen der Nachkriegszeit sorgfältig unterschieden, als stellte die Positionierung sicher, dass die eigene Version der Kulturkritik allein deswegen „wahr“ sei, die andere aber „ideologisch“, weil diese eben vom politischen Gegner stamme (König 1960, S. 11). Aus ‚linker’ Sicht betrieb die ‚rechte’ Kulturkritik mit ihrer Forschtritts- und damals oft auch Technikfeindlichkeit das Geschäft der Reaktion, während die linke, ‚radikale’ Kritik, von rechts aus gesehen, allem Bestehenden die Wurzeln ausreißen wollte, um so samt des Unkrauts die gesamte Kultur zu veröden. Konnten die einen in der soziokulturellen Entwicklung (Aber seit wann? Seit dem Sündenfall, der französischen Revolution, dem Weltkrieg, der Erfindung des Fernsehens?) nur noch Verfall, Degeneration, Dekadenz oder eben Erschlaffung ausmachen, so machten die anderen in der Kultur einen Betrieb aus, dessen tosende Rastlosigkeit nur übertöne, dass ein echtes Fortschreiten der Gesellschaft niemals stattfinde.
Diese politisch motivierte Unterscheidung ‚rechter’ und ‚linker’ Kulturkritik leidet nicht nur unter der Stereotypie ihrer gegenseitigen Beschreibung (als reaktionär oder zersetzend) und Selbstbeschreibung (als bewahrend oder revolutionär), sondern unter ihrer Blindheit für ein spezifisches wie heikles Verhältnis von Kultur und Kritik, das sie stillschweigend voraussetzt: Denn nur wem völlig unproblematisch das, was Kultur sei, gegeben zu sein scheint, ist jene Sicherheit über den eigenen Standort verliehen, der ihn zur Kritik befähigt. Kritisiert wird dann immer nur das Andere, Falsche, Unwahre der Kultur, während die Position des Kritikers immer schon davon ausgenommen ist. Er ignoriert, dass der Boden, den er unter den Füßen zu haben glaubt, um den kulturellen Verfall oder den mangelnden Fortschritt zu beanstanden, keineswegs ‚fest’ ist, sondern Teil der Kultur ist, die er kritisiert.
Diese Scheuklappen haben der Kulturkritik nicht dabei im Weg gestanden, zu jenem „Reflexionsmedium der Moderne“ zu werden, dessen Geschichte Georg Bollenbeck in seiner letzten Monographie geschrieben hat. Nicht die begriffliche Schärfe und methodische Selbstkontrolle waren entscheidend für den Erfolg einer Semantik, die disziplinär ungebunden und vagierend durch das mediale Spektrum zentrale Beiträge zur Selbstbeschreibung der Gesellschaft geliefert hat, sondern ihre „Problemsensibilität“. Kulturkritik sei, seit Rousseau, „oft begriffslos“, aber „nie sprachlos“ gewesen, so Bollenbeck, und ihr gleichsam „wildes“ Denken habe sie nicht daran gehindert, sondern, im Gegenteil, gerade dazu befähigt, der Moderne eine Gegenrechnung aufzumachen und wortgewaltig Widerrede zu führen. „Ihre Geschichte eröffnet den Zugang in das Laboratorium einer gleichermaßen ideengeschichtlich wie mentalitätsgeschichtlich bedeutenden Wissens- und Sinnbildungsproduktion, aus der immer wieder neue Einsprüche gegen die Moderne hervorgehen“ (Bollenbeck 2007, S. 9). Dass diese nur ‚in’ der Moderne formuliert werden können, nimmt diesen Elaboraten nichts von ihrer Wirkung.
Eine Polemik, beispielsweise die berühmte Thomas Manns gegen ‚Zivilisation’ im Namen der ‚Kultur’ in den 1918 publizierten Betrachtungen eines Unpolitischen, ließe sich zwar mühelos als Liste stereotyper Ressentiments erweisen, doch nähme ihr dies nicht zugleich jedes Erkenntnispotential: „Laßt jede Utopie des Fortschritts, laßt die Vernunftheilung der Erde sich – jeden  Traum des sozialen Eudämonismus sich erfüllen, die pazifizierte Esperanto-Erde Wirklichkeit werden: Luftomnibusse brausen über einer weißgekleideten, vernunftfrommen, staatlos-geeinigten, einsprachlichen, technisch zur letzten Souveränität gelangten, elektrisch fernsehenden Menschheit“ (Mann 2001, S. 406f.). Selbst Manns Horrorvision einer völlig nivellierten, technisch optimierten, politisch indifferenten Weltgesellschaft gewährt, bei aller stereotypen, ‚konservativen’ Fortschritts- und Technikfeindlichkeit, Einsichten in einen Zusammenhang von Verkehrsmitteln, Massenmedien, Standardisierungen und Gemeinschaftsbildung, die man mit Blick auf die zeitgenössische Soziologie durchaus nicht reaktionär zu nennen braucht.
Die Kulturkritik, auch das erweist Bollenbecks große tour d’horizon von Rousseau bis Günther Anders aus dem Jahre 2007, verdankt ihre Durchschlagskraft weniger den in Anschlag gebrachten wissenschaftlichen Methoden, sondern der Evidenz ihrer Metaphern. Diese Arbeitshypothese des am 2. Oktober 2010 viel zu früh verstorbenen Kollegen hat uns ermutigt, ein Themenheft der LiLi zur Kulturkritik herauszugeben. Sie führt aus den Zirkeln der politischen Beobachtungen erster Ordnung (‚radikal’/‚konservativ’) heraus und macht die Formseite der Semantik stark, die eben auch „begriffslos“ zu überzeugen vermag (Bollenbeck 2007, S. 9). Aus diesem Grund zählt dieses Feld überhaupt zu den Gegenständen der Literatur- und Sprachwissenschaften. Die etwa bei Thomas Mann artikulierte Furcht vor entfremdeten, deindividualisierten, ferngesteuerten Massen, in Filmen wie Metropolis oder Mabuse der Spieler kongenial visualisiert, wird nicht als ausgearbeitete Theorie weitergereicht, sondern als Bild: Folgt man Arnold Gehlens Überlegungen in Der Mensch und die Technik aus dem Jahr 1957, dann findet dieses Bild nach dem Zweiten Weltkrieg im Ameisenstaat besondere Prägnanz: „In unserer Öffentlichkeit sind angstvolle Vorstellungen vom Ameisenstaat der Zukunft, von Vermassung und drahtloser Lenkung der Gehirne, vom Verlust der Person und vom Verfall der Kultur weit verbreitet“ (Gehlen 2004, S. 5). Ein überzeugendes Bild kritisiert mehr als tausend Worte. Im durchrationalisierten Ameisenbau sah auch Thomas Mann ein „Ideal einer sozialen Organisation“ verborgen (Mann 2001, S. 526), dessen ‚Formel’ Gehlen mit den gleichen Assoziationen umgibt, die Mann einst gewählt hat: Massen, Verdrahtung, Fernsteuerung, Uniformität. Es stimmt: „Kulturkritik ist Reflexion in der veränderten Welt“, wie Ralf Konersmann (2001, S. 10) konstatiert; ihr Medium ist aber offenbar nicht der begriffliche Diskurs allein. Fernsehserien und Kinofilme, Kunst und Werbung, Massenmedien und Metaphern ‚reflektieren’ die Veränderungen der Welt und finden dafür Formen – sein Beispiel dort ist Matrix (ebd., S. 9), das Beispiel im Beitrag für dieses Heft ist ein Comic Robert Crumbs –, die eindringlicher sein können als die ‚scharfsinnigen Analysen’ der ‚Intellektuellen’. Wer Kulturkritik als Semantik verstehen will, der wird sich auch ihrer Visualität und der Eigenlogik ihrer Bilder stellen müssen, wie es Georg Bollenbeck und Clemens Knobloch in ihrer Studie zum „Semantischen Umbau“ von 2001 vorgeführt haben.
Dass Kulturkritik nicht nur im treffenden Wort, sondern auch im Bild ein Medium findet und selbst begriffslos nie verstummt, liefert noch keinen guten Grund dafür, dass ihre Erforschung ebenfalls „seltsam vage bleibt“, wie Konersmann (2001, S. 11) resümiert. Dies mag zum Teil an ihrem ‚zweifelhaften Ruf’ liegen, eher Feuilleton als Forschung zu sein, vor allem aber an den polemischen Kräften, die sie entfaltet. Denn Kulturkritik politisiert, sie verortet ihre Agenten, ob sie das mögen oder nicht; sie unterscheidet Freund und Feind. Sie dissoziiert in Befürworter und Gegner. Buttons, auf denen entweder K21 oder S21 gedruckt ist, stehen, je nach Perspektive, für rückschrittliche oder bewahrende, fortschrittliche oder größenwahnsinnige Projekte. Der Ruf nach Schlichtung belegt nur die Polemik unterschiedlicher Konstruktionen von Kultur, ihrer Krisen und ihrer Kritik.
Diese zwiespältige Kraft der Kulturkritik ist, und dies bereits vor einiger Zeit und von ‚links’ wie von ‚rechts’, ihrerseits kritisiert worden: Die Leistung dieser Kritik der Kulturkritik besteht darin, dass sie ihre Beobachtungen von den einfachen politischen Zurechnungen abgelöst hat. Dieses Kunststück verdient womöglich auch noch heute Beachtung, denn selbstverständlich ist dies keineswegs, wie Bürgers Klage über die ‚Erschlaffung’ zeigt. Es ist Theodor W. Adorno, der in seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ von 1949 dem Kulturkritiker vorhält, ihm passe die Kultur nicht, obschon er doch „notwenig vom gleichen Wesen [sei] wie das, worüber er erhaben sich dünkt.“ Den privilegierten Aussichtspunkt, den er „verblendet-hochmütig“ sich selbst zuspricht, wenn er aus der Perspektive einer „ungeschmälerten Natur“ (konservativ) oder eines „höheren, geschichtlichen Zustands“ (revolutionär) zu beobachten glaubt, spricht Adorno dem Kulturkritiker ab, dem linken wie dem rechten, mit dem guten ‚dialektischen’ Argument, dass jede Kritik an der Kultur an ihr teilhabe (Adorno 2003, S. 11).
Adornos Essay findet sein Pendant in Arnold Gehlens Ausführungen zur Seele im technischen Zeitalter von 1957. Von der diskursiven Konstellation und dem zentralen Problem, das beide Autoren vergleichbar macht, handelt der Beitrag von Lars Koch in diesem Heft. Kulturkritik, schreibt Gehlen, werde von gebildeten Experten betrieben als Klage über jene moderne Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die sie als Spezialisten erst hervorgebracht habe. Die kulturkritische „Schicht“ von Künstlern, Geisteswissenschaftlern, Philosophen und Bildungsexperten laufe gegen die „Gesetze der Industriegesellschaft“ Sturm, obschon sie ihre eigene Existenz der funktionalen Einrichtung genau der sozialen Welt zu verdanken haben, zu deren Effekten etwa auch die Industrialisierung zu zählen wäre (Gehlen 2004, S. 252). Die Kulturkritik verfehle mithin die „ungemeine Differenziertheit der modernen Gesellschaft“ (S. 224), der sie vergleichsweise schlichte, zugespitzte Bilder der Kultur entgegenhalte. Sein Argument ist komplexitätstheoretisch. Es gibt überdies der Hypothese Bollenbecks zur Bedeutung der Formseite der Semantik soziologischen Halt: Das stimmige Bild, das beeindruckende Wort muss gerade dort für Evidenz sorgen, wo die Verhältnisse komplexer und die Deutungen kontingent sind.
Adorno dagegen baut seine Ausführung auf der linkshegelianischen Einsicht auf, dass alle Distanzgesten die unvermeidliche „Komplizität der Kulturkritik mit der Kultur“ (2003, S. 15) letztlich nicht verbergen können. Gehlens Ansatz, der auf der anthropologischen Einsicht in den Menschen als unspezifiziertem Mängelwesen beruht, geht davon aus, dass gewisse Grundzüge der Gesellschaft unvermeidlich sind, weil sie technische und organisatorische Mittel der „Organentlastung“ zur Verfügung stellt, ohne die der Mensch nicht existieren könnte; gerade ihre viel geschmähte Technizität (Bürokratie, Industrialisierung, Ausdifferenzierung, Spezialisierung) sei unabänderlich, denn nur „wenige von uns“ wären ohne sie „noch am Leben“ (2004, S. 147). Dass für die Versorgung mit Vitaminen und Büchern, Zahnarztbohrern und haltbarer Milch ein hoher Preis zu zahlen sei, macht Gehlen in einer „Gegenrechnung“ deutlich: „Die moderne Kultur ist die strapaziöseste, die je existiert hat, die Nervenbelastung ist ungeheuerlich“ (ebd., S. 147). Über die vielen Konsumenten von Nervengiften (Nikotin) wundert er sich nicht. Aus der Moderne auszusteigen, sei jedoch genauso unmöglich wie sie von einem Standort zu kritisieren, der nicht selbst zu ihren Erzeugnissen zählte. Diese Fundierung der Soziologie im Menschen ist freilich selbst historisch geworden, Alternativen stehen zur Verfügung, doch hat Gehlen mit der Selbstinklusion des Kritikers in die Kultur eine Einsicht formuliert, die auch heute Bestand hat. Adorno dagegen hält im zitierten Text die Gesamteinrichtung der Gesellschaft nicht nur für veränderbar, sondern spürt bereits die Bruchlinien einer kommenden Erschütterung – und zwar durchaus in den Beiträgen der Kulturkritik. Sie sei zwar verstrickt in Aporien und Ideologien, doch werde sie gerade im Medium ihrer „Antinomien [...] der gesellschaftlichen inne“ (Adorno 2003, S. 27). Der „dialektische Kritiker“ der Kulturkritik entziffere so noch in der Vortäuschung des Kulturkritikers, für seine Kritik in der Natur oder der Zukunft einen archimedischen Punkt außerhalb der Kultur gewonnen zu haben, einen Verweis auf die „objektiven Widersprüche“ der Gesellschaft, die auf Veränderung drängen (ebd., S. 29).
Doch finden beide, Gehlen und Adorno, nach ihrer „Kritik der Kulturkritik“, wie Gehlen sein Programm explizit nennt, selber zu einer Kulturkritik zurück, einer Kulturkritik zweiter Ordnung gleichsam, die um die komplexen Bedingungen ihrer Möglichkeit und ihre Kontingenz weiß, davor aber nicht verzagt, sondern diese Einsicht der Analyse der Kultur, in der sie formuliert wird, als Erkenntnis zuschlägt. Es ist eine Kultur, die einerseits stereotype Bilder und vereinfachte Beschreibungen von sich hervorbringt, anderseits aber genau diese kontingenten Bilder und Formeln der Kritik unterzieht. Die Kulturkritik, auch wenn sie als „sozialer Reflex“ (Gehlen 2004, S. 251) oder als „erhabene“ Selbstinszenierung (Adorno 2003, S. 11) bestimmter Schichten kulturpsychologisch und -soziologisch entzaubert wird, behält so doch in beiden Theorien ihre Berechtigung. Sie mag zwar „mit am Schleier weben“, wie Adorno formuliert (ebd., S. 13), doch geben Stoff und Muster gleichwohl genauere Auskunft über das, was verschleiert wird. Die kritische Lektüre des Schleiers, die ‚Kritik der Kulturkritik’ bliebe daher weiterhin eine heuristisch lohnenswerte Aufgabe, auch wenn die Kritiker der Kritik der Kultur ihren ‚Verblendungen’ (Adorno) oder ‚Stereotypen’ (Gehlen) nicht zu entgehen vermögen.
Kulturkritik reflektiert nicht nur die Veränderungen der Welt; vielmehr wäre auch umgekehrt eine Reflexion der Veränderungen der Welt ohne Beachtung der kulturkritischen Semantik zumindest unvollständig. Wer sie dagegen für tot, siech oder erschlafft erklärt, bedient sich ihrer beliebtesten Bilder, und der These Bollenbecks zufolge, dass die Kulturkritik „seismographisch“ Erschütterungen der Moderne festhält (Bollenbeck 2007, S. 231), wären auch die periodisch wiederkehrenden Nekrologe als Teil der kulturkritischen Semantik zu studieren. Die Forschung, die sich neuerdings auf diesen riskanten, weil undisziplinierten Gegenstand eingelassen hat, ordnet das Feld mit Unterscheidungen, die den Beobachter nicht vom Beobachteten abschneiden und ihn exkludieren, wie Adorno dies dem Kulturkritiker vorgehalten hat; vielmehr machen sie seinen Standort deutlich: Wenn Kulturkritik „normativ“ ist (Bollenbeck 2007, S. 10f.; Konersmann 2001, S. 18), also an kontrafaktischen Erwartungen festhält, statt die Erwartungen zu hinterfragen und zu lernen; oder wenn Kulturkritik dagegen, um mit Konersmann zu sprechen, „postrestitutiv“ oder „reflexiv“ ist (2008, S. 7f.), sie also bezweifelt, dass Universalien wie das Wahre, Gute, Allgemeine, Gerechte gegeben seien, in deren Namen die kritisierte Kultur restituiert werden könne – dann ließe sich fragen, ob die Voraussetzung von unhinterfragbaren Werten für naiv, ihre Reflexion, ihre Rückführung auf soziokulturelle Umstände dagegen als smart erachtet werden müsse. Statt das Feld mit Unterscheidungen in ‚konservative’ oder ‚reaktionäre’ und ‚radikale’ oder ‚progressive’ Kulturkritik politisch zu strukturieren, betonen Kategorien wie ‚reflexiv’ oder ‚postrestitutiv’ die Zeitdimension des Gegenstandsbereiches: Nach dieser oder jener Epochenschwelle sei Kulturkritik reflexiv und postrestitutiv – oder, wenn nicht, völlig unzeitgemäß.
Diese immanente Heuristik übersieht womöglich, dass auch ‚unreflektierte’ oder ‚normative’ Interventionen eine wichtige Funktion erfüllen können: nämlich für Probleme der Moderne sensibel zu machen und die Gesellschaft über sich selbst zu irritieren. Die Chancen eines solchen funktionalen Verständnisses von Kulturkritik sind noch nicht ausgereizt. Während die Kulturkritik und ihre wissenschaftlichen Beobachter es sich mit präzisen Angaben zu dem, was Kultur sei, gemeinhin schwer tun, würde ein funktionaler Ansatz damit beginnen: Nicht, dass Kultur substantialistisch definiert würde wie zu Zeiten Thomas Manns, vielmehr würde Kultur in Bezug zu einem Problem der Gesellschaft gesetzt, das es ‚löst’, in dem sie es ‚verbirgt’.
Dies Problem der modernen Gesellschaft betrifft ihre Komplexität. Jahrhunderte der Differenzierungen und Spezialisierungen haben es immer schwerer und zuletzt unmöglich gemacht, die Gesellschaft zu repräsentieren. Kein Bild, das allen Aspekten gerecht würde; kein Modell, das in jeder Sphäre, jeder Organisation, jedem Funktionssystem überzeugte. So unterschiedliche Denker wie Jürgen Habermas und Carl Schmitt haben dieses Problem der Repräsentation beschrieben, das deswegen ernst zu nehmen sei, weil es ohne Bilder oder Selbstbeschreibungsformeln der Gesellschaft nicht abgehe, auch wenn diese die Komplexität der Gesellschaft immer verfehlen und niemals notwendig, sondern immer auch anders denkbar wären. Zum Leviathan und auch zur Lebenswelt gibt es Alternativen, die man etwa bei Latour oder Luhmann finden kann. Um jedoch Erwartungshorizonte zu schaffen und Anschlusskommunikationen zu ermutigen, stellt die Gesellschaft sich selbst nicht permanent in ihrer problematischen Komplexität und demotivierenden Kontingenz aus, sondern gibt Selbstbeschreibungen aus, deren geradezu gemeinplatzverdächtige Selbstverständlichkeit und bildhafte Evidenz den Gedanken an Alternativen erst gar nicht aufkommen lassen: Genau dies ‚macht’ Kultur. Sie löst, auf Zeit, das unlösbare Identitätsproblem der modernen Gesellschaft. Kulturkritik dagegen verweist auf die Voraussetzungen und Konstruktionsregeln dieser Formeln. Sie erinnert an die Kontingenz der evidenten Bilder. Die These wäre, dass Kultur die Funktion erfüllt, in einer konkreten Lage alternative Möglichkeiten auszublenden, die Komplexität der Situation dadurch zu reduzieren und ein Agieren in bestimmten Parametern erwartbar zu machen, und ob Kulturkritik dementsprechend diese Reduktion zum Problem macht, in dem sie es Beobachtern ermöglicht, Alternativen in den Blick zu nehmen. Und dies avant la lettre, wenn man dem Aufsatz von Ralf Konersmann zur antiken Philosophie und den medävistischen Beiträgen von Rüdiger Schnell und Monika Schausten zu Hoflob und Hofkritik folgt. Die großen ‚kulturkritischen’ Krisen wären so zu rekonstruieren, ohne der Kritik Adornos oder Gehlens verfallen zu müssen. Denn es wären erstens immer mehrere Selbstbeschreibungsformeln oder Selbstbilder der Gesellschaft im Spiel und nicht die Kultur, in deren Namen dann gesprochen würde, sei es affirmativ, sei es kritisch; und zweitens würden die von Gehlen beklagte Naivität gegenüber der gesellschaftlichen Komplexität und Adornos dialektischer Hinweis auf den Standort des Kritikers gerade zur Voraussetzung des funktionalen Modells gezählt werden können, das Kultur und Kritik als moderne Umgangsformen mit Komplexität versteht und dem Kulturkritiker nicht, und sei es implizit, einen archimedischen Punkt zuweisen müsste. Kulturkritik wäre eine Agentur der Visibilisierung von Kontingenz – und nicht ihr Gegenteil: des Verbergens von Möglichkeiten.
Zu vermuten ist allerdings, dass sich aus der kulturkritischen Dekonstruktion von repräsentativen Bildern und evidenten Formeln neue Selbstbeschreibungsmodelle entwickeln, mit denen die Gesellschaft sich dann bis auf weiteres identifiziert. Vorgestern noch Volksgemeinschaft, heute Einwanderungsland. Das ‚Boot’ ist, dies kann man von der Diskurstheorie lernen, dann je nach dem zu voll oder zu leer. Die ‚Evidenz’ solcher Metaphern stammt nicht aus der Angemessenheit der Sache. Dies wäre auch unmöglich, denn die Gesellschaft ist stets sehr viel komplexer als das Bild, das von ihr kursiert. Die Evidenz ist ein Effekt ihrer Form. Dieser Zusammenhang von repräsentativem Bild und poetischer Evidenz, Gesellschaftsentwurf und Kritik lässt sich an der neoevolutionistischen Semantik verfolgen, die Clemens Knobloch studiert. In welcher Kultur wir leben, ist daher in vieler Hinsicht eine Sache der überzeugenden, suggestiven, faszinierenden Darstellung. Hugo von Hofmannsthal (Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation, 1927) hat also völlig recht: Keine Kultur ohne Literatur. Die Bedeutung dieser Begriffe hat sich freilich vollkommen verändert.
Literatur
Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft. Gesammelte Schriften Bd. 10. Hg. Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 2003.
Bollenbeck, Georg: Eine Geschichte der Kulturkritik. Von Rousseau bis Günther Anders, München 2007.
Bollenbeck, Georg/Knobloch, Clemens: Semantischer Umbau der Geisteswissenschaften nach 1933 und 1945, Heidelberg 2001.
Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter und andere sozialpsychologische, soziologische und kulturanalytische Schriften, Frankfurt a.M. 2004.
König, René, Soziologie: Frankfurt a.M. 1960.
Konersmann, Ralf (Hg.), Kulturkritik. Reflexionen in der veränderten Welt, Leipzig 2001.
Konersmann, Ralf, Kulturkritik, Frankfurt a.M. 2008.
Mann, Thomas, Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt a.M. 2001.

 

 

 

LiLi Summaries Heft 161

 

Clemens Knobloch

An Outline of neo-evolutionist ‚Kulturkritik’
Summary
While the traditional, philosophical brand of ‘Kulturkritik’ is diminishing in scope and relevance, there are new forms arising – and circulating with great success in the media. It is the aim of the following investigation to trace the narrative patterns of traditional ‘Kulturkritik’ throughout the semantic transformation they undergo adapting to the new environment shaped by popular evolutionism. Focussing on Jared Diamond’s bestselling book Collapse of 2005, it is shown that evolutionist ‘Kulturkritik’ presents itself as a well balanced and highly credible mixture of seemingly hard scientific fact and method and mythical narrative, well attuned to the highly irritable mentality of the public and to the attention economy of the mass media.

 


Lars Koch

Fear in the administered world. Jünger, Gehlen, and Adorno and the emotive mode of cultural criticism
Summary
The essay attempts to reconstruct the emotional coding of certain patterns of interpretation, that were for instance used by Ernst Jünger, Arnold Gehlen, and Theodor W. Adorno, some of the major cultural critics after 1945 in Germany. All three tried to conceptualize fear as an essential moment of modern world disclosure.

 


Ralf Konersmann

Cultural criticism and apocatastasis
Summary
Rhetoric and reasoning of ‘Kulturkritik’ in western cultures are ubiquitous. Their sustained attraction is founded on deeply rooted schemata and expectations, which have been passed down since antique times through classical as well as mutable narrative patterns.
One of these forms is the narration of restoration: A better past should be recovered to heal recent wounds. Thus, the discourse of ‘Kulturkritik’ refers to a state of primordial integrity, which should be restored (restitutio in integrum). My paper enfolds the construction of these topical frames and schemes and tracks down the genealogy of these expectations of a restoration. Further, it will explore how these strategies of restoration are reaching their persuasive limits and losing ground to post-restorative forms of ‘Kulturkritik’, without, sure enough, forfeiting the attribute of a ever citable topos.

 


Rüdiger Schnell

Curialitas and Dissimulatio in the middle ages. The interdependence of the ideal of court and the criticism of court
Summary
The research about the medieval court has mostly separated the two aspects: the splendour of the court and the courtly ideals on the one hand, the reports on the awful conditions of the daily life at the courts on the other hand. The present study demonstrates the necessity of seeing together these both aspects. The courtly norm demanded from the members of the courtly society to be friendly, respectful, affable to one another. However, this request in many situations led to a discrepancy between the inner disposition and the outer gestures of a person. Therefore in various medieval conduct-books there was warned against the fellows. It was generally well-known at the medieval courts that kindly gestures and inner feelings of a person do not correspond all the time. But the medieval literature mostly presents only one perspective: either the idealizing look on the court or the unmasking view of the court. The modern research has taken over this separation of the viewpoints and therefore overlooked the systematic coherence of curialitas and dissimulatio. As a result of this study can be formulated: it isn’t be acceptable any longer to say that dissimulation had emerged first during the early modern times.

 


Monika Schausten

„dâ hovet ir iuch selben mite“: The courtly art of hunting and the discourse of court criticism in Gottfried of Straßburg’s Tristan
Summary
The article re-evaluates the episode of the first encounter between Tristan and the courtly society of Cornwall as Gottfried von Straßburg describes it in his Tristan romance around the year 1210. Within a scenery that is dominated by all modern aspects of the courtly hunt, Tristan meets the members of Marke’s court as they are about to dissect a stag they just caught. Earlier research on the episode has mostly argued that the young hero’s demonstration of a rather complicated and complex way of dissecting the stag signifies the exceptional courtliness of Tristan who therefore is said to function as a founder of courtly manners for the society of Cornwall. However, the article at hand demonstrates that Gottfried’s depiction of the hunt shows references to the Latin discourse on Court Criticism, established at the English court of Henry II. In his Policraticus – a prominent example of this discourse – John of Salisbury critically elaborates on the feudal delight in all concerns of the hunt. To him, this feudal desire for hunting endangers the hierarchical and ‘natural’ order of medieval society. Gottfried’s depiction of the courtly society of Cornwall alludes to these critical remarks. His narration therefore is not only concerned with establishing an ideal of courtliness represented by Tristan, but is also concerned with describing how the court, driven by its desire for hunting, fails to acknowledge that the change of hunting practices Tristan brings about also fundamentally alters the order of Marke’s court.

 

 

Labor

Tobias Leibold

Condensation and Knowledge. On metaphorical expression in Johann Georg Sulzer, Karl Philipp Moritz and Henrik Steffens
Summary
This article puts forward the thesis that the intensified acts of cognition and of mediation in the holistic approaches of the Romantic organisation of knowledge can only be brought about via the operation of condensation. Condensation functionalizes figurative expressions as well as figures of thought. Such an intertwining of expression and knowledge was initiated as early as in the 18th century.

 


 

 

Adressen der Herausgeber
Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, I-39100 Bolzano/Bozen, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it
Prof. Dr. Wolfgang Haubrichs, Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1. – Germanistik, Postfach 15150, D-66041 Saarbrücken, E-mail: w.haubrichs@mx.uni-saarland.de
Prof. Dr. Wolfgang Klein, Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Postbus 310, NL-6500 AH Nijmegen, E-mail: wolfgang.klein@mpi.nl
Prof. Dr. Niels Werber, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-mail: werber@germanistik.uni-siegen.de

Adressen der Autorinnen und Autoren
Dr. Lars Koch, Heidebrinker Str. 2, D-13357 Berlin, E-mail: lars.koch@uni-siegen.de
Prof. Dr. Clemens Knobloch, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Adolf-Reichwein-Str. 2, D-57076 Siegen, E-Mail: knobloch@germanistik.uni-siegen.de
Prof. Dr. Ralf Konersmann, Philosophisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Leibnizstr. 6, D-24098 Kiel, E-Mail: konersmann@philsem.uni-kiel.de
Dr. Tobias Leibold, Alte Linner Str. 124, D-47799 Krefeld, E-Mail: tobias.leibold@uni-due.de
Prof. Dr. Monika Schausten, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Adolf-Reichwein-Str. 2, D-57076 Siegen, E-Mail: schausten@germanistik.uni-siegen.de
Prof. Dr. em. Rüdiger Schnell, Deutsches Seminar, Nadelberg 4, CH-4051 Basel, E-Mail: ruediger.schnell-at-unibas.ch