Für eine korrekte Darstellung dieser Seite benötigen Sie einen XHTML-standardkonformen Browser, der die Darstellung von CSS-Dateien zulässt.

Lili-Heft 163 

 


Zeitschrift für

Literaturwissenschaft und Linguistik

Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen

 

 

Thema: Recht und Literatur  


 

Herausgeber dieses Heftes:

 

Hartmut Bleumer unter Mitarbeit von Susanne Kaplan


Inhalt 

Hartmut Bleumer
Einleitung
Introduction

Rüdiger Schnell
Recht und Dichtung: Funktionen und Fiktionen. Beobachtungen zur höfischen Literatur des Mittelalters
Law and poetry: Functions and fictions. Observations on medieval courtly literature

 

Ute von Bloh
Keine Konzessionen? Recht und Gerechtigkeit im Epos von Loher und Maller
No concessions made? Law and justice in the epic Loher und Maller


Rebekka Nöcker
Überlegungen zur Rechtswirklichkeit im frühen Nürnberger Fastnachtspiel
Thoughts on the legal reality in the early Nuremberg shrovetide plat

Caroline Emmelius
Der Fall des Märe. Rechtsdiskurs und Fallgeschehen bei Heinrich Kaufringer
The tale’s case. Legal discourse and trial structure in Heinrich Kaufringer’s ‘Mären


Eva Schumann
Seltzsame Gerichtshändel. Fiktive Prozesse als Bestandteil der juristischen Praktikerliteratur
Seltzsame Gerichtshändel. Fictitious trials as elements in practical legal writings


Hartmut Bleumer
Vom guten Recht des Teufels. Kasus, Tropus und die Macht der Sprache beim Stricker und im Erzählmotiv „The Devil and the Lawyer“ (AT 1186; Mot M 215)
About the good law of the devil. Case, trope, and the power of language in The Stricker and in the story type “The Devil and the Lawyer” (AT 1186; Mot M 215)

 

Labor

Sascha Kiefer
Sonntagskinder, Taugenichtse und ein Papst. Über die Glücklichen in der deutschen Literatur
Sunday’s children, good-for-nothings and a pope. On the ‘Happy’ in German literaturt


 

Hartmut Bleumer

Einleitung

1. ‚Recht und Literatur‘ – eine Kulturformel?
‚Recht und Literatur‘ – das könnte eine kulturelle Formel sein. Aus heutiger Sicht scheint sie eine unvermeidliche Austauschbeziehung zwischen dem juristischen und dem literarischen Diskurs anzudeuten, die sich in den modernen Medien immer wieder auf eine geradezu prekäre Weise zu bestätigen scheint. Ungeklärte Rechtsfälle mit prominenten Protagonisten werden, wenn sie nur skandalös genug sind, öffentlich als dramatische Spielformen aufbereitet, in denen sich Fiktionen über Tathergänge, Motive und Urteilsmöglichkeiten entwickeln und verselbständigen. Die medialen Imaginationen nehmen dabei nicht nur die Form literarischer Muster an, sondern legen sogar noch die gesellschaftlichen Fiktionen darüber frei, was das Recht sei. Was man die neue mediale Dramatisierung des Rechts nennen könnte, zeigt damit einerseits, wie literarische Topoi und Motive bei der kollektiven Auffassung von Rechtsfällen mitspielen, zeigt aber andererseits auch, dass schon die Vorstellung vom Recht selbst auf Fiktionen beruht, ja dass Gerechtigkeit überhaupt erst über Fiktionen hergestellt wird. Mit Blick auf die Formel von ‚Recht und Literatur‘ könnte man damit versucht sein zu sagen: Nicht nur die konkreten Fälle, auch das Recht selbst wird so öffentlich literarisiert und dieser Literarisierungsprozess erzeugt Urteile zu Sachverhalten, die er selbst mit hervorgebracht hat.
Diese vermeintlich neue Literarisierung des Rechts ist freilich etwas Altes – jedenfalls in ihren Grundmechanismen, die sich nach zwei Seiten hin beschreiben lassen: ihrer Medialisierung und ihrer Fiktionalisierung nach und zwar sowohl mit Blick auf das Recht als auch mit Blick auf die Literatur.
Am auffälligsten ist vielleicht der geradezu berüchtigte Medieneffekt, prominente Beschuldigte durch die Prozessberichterstattung schon vor dem Urteil öffentlich buchstäblich an den Pranger zu stellen. Mediävistische Rechtshistoriker würden dazu sagen: hier wird eine öffentliche Schandstrafe vollzogen, freilich an der falschen Stelle des Verfahrens, nämlich noch bevor das Urteil spruchreif ist. Literaturwissenschaftler könnten für diesen Effekt dann eine Erklärung beisteuern: dass nämlich diese entehrende Strafe genau genommen gar nicht den Beschuldigten meint, dass sie sich vielmehr von vornherein mit aller Macht auf die Idee des Verbrechens richtet. Auch in einer solchen vorgezogenen öffentlichen „Hinrichtung [wird] nicht an erster Stelle der Verbrecher getroffen, sondern das Verbrechen, das auch hier von dem Individuum, das es beging, losgelöst denkbar ist und gedacht wird“1 – das Verbrechen ist eine Fiktion, der Vorverurteilte ist ihr nur Medium, an dem das fiktive Verbrechen stellvertretend wirklich bestraft wird. Zwischen Recht und Literatur wird die Fiktion zur Realität.
Es dürfte damit auf der Hand liegen, dass gerade die Zusammenarbeit von Rechtsgeschichte und historischer Literaturwissenschaft einiges zur historischen Aufklärung der aktuellen Phänomene beitragen kann. Plausibel begründen lässt sich diese Annahme jedoch erst über die gemeinsame Geschichte von Recht und Literatur. Denn ebenso wie die aktuellen Phänomene, so erscheint auch diese Geschichte als die einer fortwährenden Korrespondenzbeziehung, die auf eine gemeinsame Grundfigur zurückführen könnte. Diese Grundfigur müsste dann aber in beiden Institutionen an den Mechanismen beteiligt sein, die ihnen jeweils ihre kulturelle Geltung verleihen. Ihre Formel hat die Forschung immer wieder angedeutet, die Aufgabe, diese Figur systematisch zu erschließen, stellt aber eine immer noch ungelöste Aufgabe dar.
2. Recht – Fiktion – Literatur
Die Korrespondenzbeziehung zwischen Recht und Literatur beginnt historisch gewiss nicht erst mit der ungleichzeitigen institutionellen Separierung von juristischem und literarischem Diskurs, sie wird hier nur besonders augenfällig. Wenn man jedoch hinter die Differenz schauen möchte, hat man sich dieser zunächst zu vergewissern. Nimmt man also Recht und Literatur vorläufig als getrennte Institutionen in den Blick, dann scheint es eine Folge der neuzeitlichen Rechtsrationalität zu sein, dass gerade problematische und kuriose historische Rechtsfälle vom juristischen Diskurs ins literarische Feld wechseln, weil sie hier als Fiktionen frei beurteilt oder aber auch fiktional ausgestaltet werden können. Zur Illustration sei nur auf den sog. Pitaval verwiesen, der im 18. Jahrhundert in Frankreich in 21 Bänden erschien und dessen Unternehmen im 19. Jahrhundert in Deutschland mehrere Nachahmer fand, namentlich etwa im Neuen Pitaval, der über einen Zeitraum von fast 50 Jahren in 60 Bänden veröffentlicht wurde:2 In diesem Langzeitunternehmen werden kulturell unbewältigte Strafrechtsfälle en masse gesammelt und publiziert, um auf dem Wege einer literarischen Rezeption verarbeitet zu werden. Eine deutlich weitergehende Verschiebung von historischen Rechtsfällen ins Literarische zeigt sich etwa prominent bei der narrativen Bearbeitung des frühneuzeitlichen Rechtskasus von Hans Kohlhase durch Heinrich von Kleist, oder, wie als Gegenstück dazu, am Fall des mehrfachen Mörders Friedrich Schwan aus der Mitte des 18. Jahrhunderts in der Erzählung Verbrechen aus verlorener Ehre bei Friedrich Schiller, um nur zwei Beispiele zu nennen. Man könnte sehr vorläufig in rechtsgeschichtlicher Perspektive dazu sagen: Die narrative Bewältigung der Fälle tritt hier an die Stelle von Verhandlung und Urteil. Sie zeigt damit etwas, was das Recht alleine nicht vermag. Das Erzählen arbeitet auf unterschiedlichen Niveaus an Fragen der Gerechtigkeit, die das Recht mit seinen formalen Mitteln allein nicht herstellen kann.
Umgekehrt kann aber auch die Literatur die Formen des juristischen Denkens und Urteilens übernehmen, auf deren Grundlage sie wiederum fiktive Fälle generiert und als historische ausgibt. Dieser Mechanismus einer poetischen Produktion auf der Basis rechtlicher Rationalität reicht aber nicht nur historisch weit hinter die vermeintliche Epochengrenze zwischen Mittelalter und Neuzeit zurück, er überschreitet auch die vermeintlich getrennten Diskurse von Recht und Literatur. So kennzeichnet er das Novellenerzählen von Anfang an, erreicht bei Boccaccio im Decameron einen seiner Höhepunkte, zeigt sich aber auch und gerade in den schwierigen Formen der sog. deutschen Novellistik oder Märendichtung in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Die Verbindung von Kasuistik und Narrativik, von streng formaler, normorientierter Rationalität und spielerisch-freier, wertorientierter Narrativität ist indes keine Sonderentwicklung, denn sie findet sich im gelehrten Recht schon von Anfang an, genauer: in seinen sprachlichen Voraussetzungen.
Die Möglichkeit, narrative Spielräume zu erzeugen, nutzt schon die römische Rhetorik in der Ausbildung der Gerichtsredner: Diese üben sich an fiktiven Fällen, die wie literarische Fiktionen erkennbar fiktionale Entwürfe sind und gerade deshalb als anschauliche Modellfälle dienen können.3 Weil die narrativ präsentierten Rechtsnormen durch die Fiktionen problematisiert werden, ohne das Recht prinzipiell in Frage zu stellen, kann die Fiktion im römischen Fallrecht zu seiner Weiterentwicklung dienen.4 Mit Hilfe der rechtlichen Fiktion sichert sich das Recht seine Geltung. Für die Figur dieser Geltungsbehauptung ist es jedoch symptomatisch, dass sich das Recht in einem zweiten Zug des Erzählens wieder entledigt, mit dem es sich zuvor seine Normprobleme vor Augen geführt hat. Das Recht benutzt das Erzählen, aber es unterdrückt es auch: Das ist offenbar ein rhetorischer Mechanismus, der sich in der langen Geschichte der Rechtsinstitutionen durchhält.
Vor allem auf diese Korrelation von Narrativierung und Entnarrativierung hat in diesem Sinne die literatursoziologische Forschung zur Rechtserzählung im Bereich der Neugermanistik aufmerksam gemacht und umfängliche Modellanregungen zu seiner systematischen, interdisziplinären Erforschung gegeben. Eine der Grundannahmen dieser Forschungsrichtung besteht in der Annahme, dass die Erzählung im Gang des juristischen Prozesses ein ‚Erzählspiel‘ ermöglicht, das schon auf der Ebene der Sachverhaltsfeststellung subkutan einsetzt.5 Das Erzählen hat dabei mehr als nur eine heuristische Funktion. Die verwendeten Erzählmuster spielen vielmehr jene gesellschaftlichen Werte in den Urteilsprozess ein, über die sich Gerechtigkeit erst herstellt.6 Auch weil das moderne Recht diese gesellschaftlichen Werte nicht artikulieren kann, ist es auf das Erzählen angewiesen. Schließlich muss aber die narrative Freiheit des Erzählspiels wieder zugunsten der formalen Rechtsrationalität des Urteils aus dem Prozess entfernt werden, so die These. Das Erzählen im Recht wäre dann aber eine Voraussetzung der Gerechtigkeit, eine notwendige Ergänzung zu einer nur formalen Rechtsauffassung. Und im Übergang vom Recht zur Literatur kehren sich dieser Modellannahme zufolge die Relationen von Recht und Erzählen um. Die formalen Rechtsnormen bannen hier letztlich das Erzählen nicht, sondern das Erzählen befreit das Rechtsverständnis von seiner normativen Regelhaftigkeit. Das Ergebnis ist eine ‚poetische Gerechtigkeit‘, eine Fiktion, die sich in einer formalisierten Rechtswirklichkeit nicht erreichen lässt.7
Schon diese Befunde der interdisziplinären Zusammenarbeit von neuerer Literatur- und Rechtswissenschaft verlangen nach einer stärkeren historischen Perspektivierung. Denn was man für die neuere Literatur als Korrelation vielfach nur behaupten kann, scheint sich in der älteren Literatur konkret abzuspielen. Die volkssprachige Literatur des Mittelalters steht nicht einfach einer anderen Rechtswirklichkeit gegenüber, in der die juristische Formalisierung des gelehrten, römischen Rechts erst allmählich auf die Rechtspraxis Einfluss nimmt.8 Wie es scheint, ist sie selbst noch stärker Teil dieser Rechtswirklichkeit, die in den Texten vital ist. Die frühe Forschung hat sogar gemeint: Teile mittelhochdeutscher Literatur sind erzähltes Recht. Bestimmte Erzählungen werden tradiert, um Rechtsvorstellungen zu vermitteln – das macht ihre Geltung vor dem Zeitalter der Literatur aus.9 Diese Vorstellung mutet heute etwas schlicht an, festhalten darf man aber, dass literarische Texte die Fiktionen und Symbole des Rechts immer wieder anschaulich machen. Dabei lässt das Erzählen diese Fiktionen genau so lange nicht problematisch werden, wie die Literatur selbst noch nicht auf den neuzeitlichen Fiktionalitätsbegriff kommt. Und stets sind die fraglichen Texte in besonderer Weise – das macht ihren besonderen aktuellen Aufschlusswert aus – Zeugen einer gemeinsamen, symbolisch verfassten Medialität von Recht und Literatur.
Weil die deutsche Literatur des Mittelalters nicht nur eine Fülle von symbolischen Rechtshandlungen enthält, sondern auch verschiedene Rechtsauffassungen zueinander in Konkurrenz treten lässt, hat sie vor allem das heuristische Interesse der älteren rechtshistorischen und germanistischen Forschung auf sich gezogen.10 Den berühmtesten heilsgeschichtlichen Rechtsfall, den Prozess Christi vor dem Gericht des Pontius Pilatus nach dem apokryphen Evangelium Nicodemi, gestaltet Heinrich von Hesler im Deutschen mit Rechtsdetails aus: Das Recht dient hier zur Interpretation der Geschichte. Dagegen kann man bekanntlich das Nibelungenlied als Fiktion zum rechtlich prekären Institut der Rache lesen, die symbolisch in der Richterpose Hagens vor dem Untergang der Burgunden am Hofe Etzels gipfelt. Eine rechtsförmliche Bewältigung von sozialen Konflikten, nämlich des Ständekonflikts der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Österreich, scheint dagegen die Helmbrecht-Erzählung zu bieten, die von Vergehen und Strafe erzählt, indem sie die sozialen Aufstiegsambitionen des Protagonisten narrativ als einen Fall von Landfriedensbruch aburteilt. Die traditionelle rechtsgeschichtliche Forschung hat Beispiele wie diese dargestellt, ob aber die Literaturwissenschaft daraus die nötigen Konsequenzen für ihren Fiktionalitätsbegriff gezogen hat, ist eine andere Frage. Denn nicht nur das Erzählen weist hier dem Recht, sondern vor allem auch das Recht weist dem Erzählen seine Axiologie zu. Das Recht mag in den Erzählungen problematisiert werden, aber über seine Normen und Symbole findet die Erzählliteratur zu ihrer Geltung, die noch nicht die der späteren, fiktionalen Literatur der Neuzeit ist.
Das gilt auch und gerade im Rahmen der anerkannt fiktionalen Erzählformen des mittelhochdeutschen Romans. Als deren bekanntestes Beispiel wäre einerseits der höfische, hier insbesondere der arthurische Roman zu nennen. An der Fiktionalität dieser Texte hat sich in den letzten 30 Jahren eine Forschungsdebatte entzündet, die in der germanistischen Mediävistik ihresgleichen sucht. Dazu ist darum hier nur zu sagen: Dass der Roman in seiner Fiktion der arthurischen Idealgesellschaft etwa die Rolle des Königs als Wahrer des Rechts und die des Zweikampfs als Mittel der Wahrheitsfindung ironisch ausstellt, bedeutet gerade keine Fiktionalisierung des Rechts. Die Markierung der Fiktion erfolgt nicht, um das Recht in Frage zu stellen, sondern um umgekehrt die Geltung der höfischen Werte auch in der literarischen Fiktion zu akzentuieren. Die Fiktion wird frei und beansprucht doch Verbindlichkeit. Andererseits wird man eingedenk des lateinischen fabula-Begriffs auf die fiktionale Gattung des Tierepos verweisen müssen, die durch Reinhart Fuchs mit seiner rechtssatirisch anmutenden Gerichtsverhandlung ins Auge fällt. Wie die interessante Parallele zu Tiergerichtsprozessen in der juristischen Fachliteratur beweist, vermag hier das Epenerzählen die poetische Produktivität der Rechtsfiktionen freizusetzen. Wohin eine weitergehende Entfesselung dieser Fiktionen mit ihrer Eigenrationalität führen kann, erzählt nicht zuletzt der Ring Heinrich Wittenwilers. In der närrischen Welt der dörper von Lappenhausen kommt es auch durch das blinde Festhalten an rechtlichen Normvorstellungen und Regularien zu einer unsinnigen Eigendynamik der Formalismen, die eine ganze Erzählwelt in den Untergang reißt. Doch auch der Ring hebt damit weder die Geltung des Rechts noch die Geltung der Literatur auf. Er zeigt vielmehr an den Folgen der forcierten Entkoppelung von formaler Rechtsrationalität und narrativer Wertorientierung in seinem Erzählen ex negativo noch einmal, dass Recht und Literatur prinzipiell aufeinander angewiesen sind.
3. Fiktionalität und Medialität
Trotz dieses offenkundigen Modellcharakters mittelalterlichen Erzählens vom Recht ist die rechtsgeschichtliche Fragestellung in der germanistischen Mediävistik in den letzten Jahren aus der Mode gekommen.11 Sie schreibt einen überlieferungsgeschichtlichen Ansatz zuverlässig fort, sucht aber selten Anschluss an neuere Paradigmen.12 Dabei müssten die mittelalterlichen Rechts- und Erzählphänomene über ihren spezifischen Kurzschluss von Fiktionalität und Medialität nicht nur für die Mechanismen aktueller Medienphänomene und Rechtsfiktionen interessant sein, sondern sie führen auch theoretisch auf interdisziplinäre Neuanregungen, insbesondere auf die breiten Diskussionen um das law-and-literature-movement in der amerikanischen Literatur- und Rechtswissenschaft. In der germanistischen Mediävistik blieb diese Debatte weitestgehend unbeachtet.13 Sie beweist indes den diskreten Zusammenhang zwischen Recht und Literatur gerade in ihren erbitterten Auseinandersetzungen um die Grenze zwischen den Disziplinen von Rechts- und Literaturwissenschaft als verspätete Überreaktion auf das vergleichsweise harmlose Übungsbuch von James Boyd White Anfang der 1970er Jahre.14 Sie bestätigt den Stellenwert der narrativen Fiktion im Recht nämlich eben dort, wo sie deren Funktion zu beschränken versucht.
So illustriert das zentrale Buch von Richard Posner die Beeinflussung der Rechtsprechung durch literarisch vermittelte Axiologien des Erzählens gerade dadurch, dass es sich jede politische Einflussnahme der Literatur auf das Recht rigoros verbittet, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.15 Erzählungen vom Recht sind für Posner in einem stark vereinfachten rhetorischen Sinne Anschauungsmaterial über Rechtsformen und -strategien, die der Jurist an Literatur einüben kann und beherrschen muss, aber nicht, um über die Axiologien des Erzählens die Rechtsprechung gerechter zu machen, sondern um die literarischen Fiktionen im Recht zu bannen. Posner wiederholt so Missverständnisse, die offenbar schwer auszuräumen sind, wie die parallele Diskussion um den Status von narrativen Fiktionen in der Geschichtsschreibung, ausgelöst durch die Schriften von Hayden White, gezeigt hat. Ebenso wenig wie die These von der narrativen Fiktion in der Geschichtsschreibung bedeutet, dass die Geschichtswissenschaftler ihre Vergangenheit erfinden, die Geschichtswissenschaft also um die Geltung der Geschichtsschreibung fürchten muss, ebenso wenig bedeutet die narrative Fiktion im Recht dessen Geltungsverlust. Die Fiktion macht vielmehr dessen Spielräume und latente Wertmaßstäbe ansichtig. Die literarisch in Frage stehenden Fiktionen lassen gerade jene Axiologien mit zur Anschauung kommen, die gegenüber den Rechtsnormen eine eigene Gültigkeit behaupten, ohne durch das Recht schon selbst zugänglich zu sein.
Vielleicht ist das Projekt eines derartigen Wechselverhältnisses von Recht und Literatur für Literaturwissenschaftler aber auch einfach aufregender als für deutsche Rechtshistoriker, die sich durch größere Gelassenheit auszeichnen als ihre amerikanischen Kollegen. Dies vermutlich deshalb, weil Literaturwissenschaftler als juristische Laien mit einem Klischee von Rechtsstabilität operieren, das Juristen im praktischen Alltagsgeschäft gar nicht kennen. Vermutlich würde ein Jurist angesichts der literarischen Spielräume auf den paradoxen Zusammenhang von Recht und Billigkeit hinweisen. Während das Recht sprachlich fixierbar ist und seine Normen damit direkt vermittelbar sind, meint demgegenüber Billigkeit oder aequitas schon im Recht den hermeneutischen Freiraum einer rechtlichen Urteilsangemessenheit, die Rechtsnormen mit gesellschaftlichen Werten korreliert. Im Unterschied zum Recht ist diese Billigkeit jedoch nicht fixierbar. Gerade dies macht die aequitas zum Freiraum einer Selbstinterpretation des Rechts, aus dem sich dieses weiterentwickeln kann. Die Billigkeit wäre dann aber ein juristischer Schlüsselbegriff, ohne den sich die Funktion narrativer Fiktionen im Recht nicht erschließt. Billigkeit wäre immer erst herzustellen über die narrativen Fiktionen, in denen jene gesellschaftlichen Wertvorstellungen in das Recht eingespielt werden, die nicht in normierten Sätzen aufgehen, die also aus richtigen Urteilen auch gute Urteile machen: „Die Entscheidung ist billig […], wenn sie die sich im Recht ordnende Gesellschaft nicht nur befriedet, sondern auch befriedigt […]“.16 Wenn nun solche Billigkeit nicht direkt kodifizierbar ist, so lässt sie sich doch performativ einüben und ist womöglich literarisierbar. Auf die mediale Umbruchsituation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Mittelalter übertragen heißt das dann aber: Das Recht muss auch und gerade hier nicht nur in symbolischen Akten sichtbar zur Anschauung kommen. Wo seine Anwendung selbst schon prekär ist, kann es in Freiräumen innerhalb und außerhalb des Rechtsdiskurses neu verhandelt und in verschiedenen Lösungsvarianten imaginiert werden.
In Deutschland hätte demnach die Frage nach der Fiktion zwischen Recht und Literatur die Diskussion zwischen Rechts- und Literaturwissenschaft zweifellos beleben können. Wo die Debatte überhaupt erwähnt wird, ist jedoch der gleiche, schon angedeutete konservative Abgrenzungsmechanismus zu verzeichnen, nur diesmal auf Seiten der historischen Literaturwissenschaft.17 In den Fiktionalitätsdebatten der germanistischen Mediävistik spielt das law-and-literature-movement sogar überhaupt keine Rolle. Dass die, wenn ich recht sehe, einzige ernsthaftere Kenntnisnahme im Bereich der Fastnachtspielforschung stattgefunden hat, ist darum vielleicht kein Zufall.18 Sie verweist nämlich angesichts der frühen dramatischen Formen auf einen zweiten Aspekt, der für die Wirksamkeit von Rechtsfiktionen zentral ist: die Kreuzung von Fiktion und Medialität.
Dabei geht es nicht um den bloßen Hinweis, dass sich das amerikanische Rechtssystem in der Rechtsfindung weit stärker dramatischer Inszenierungsformen bedient als das gegenwärtige europäische und damit sowohl dem Drama näher steht als auch den öffentlich inszenierten mittelalterlichen Rechtsprozessen. Dieses Argument wurde nicht nur in der law-and-literature-Debatte bereits abgeschmettert,19 es trifft auch für die Medialität des mittelalterlichen Dramas, hier des weltlichen Spiels, gar nicht zu. Die Medialisierungsebene, die das Recht hier vergleichbar macht, ist denn auch nicht erst die der Aufführung einer dramatischen, narrativ konzeptualisierten Handlung. Es ist die Ebene des sprachlichen Aktes selbst. Und auf dieser Ebene könnte schließlich die Formel von ‚Recht und Literatur‘ den ihr zugrundeliegenden Mechanismus offenbaren.
Fragt man sprachhistorisch nach den Bedingungen und Möglichkeiten des Austausches der Fiktionen zwischen ‚Recht und Literatur‘, so trifft man nicht nur schnell auf ähnlich formelhafte Wendungen wie ‚Kind und Kegel‘, ‚Haus und Hof‘, ‚Haut und Haar‘ oder eben auch: ‚recht und billig‘. In diesen Rechtsformeln deutet sich auch eine fundamentale sprachliche Möglichkeit an, die geeignet sein könnte, die Austauschbeziehung zwischen Recht und Literatur abschließend eindringlicher zu beleuchten. In diesem Sinne hatte schon Jacob Grimm argumentiert und gefolgert: Dasz recht und poesie miteinander aus einem bette aufgestanden waren, hält nicht schwer zu glauben.20 Denn die Rechtsformeln bezeugen eine Möglichkeit symbolischer Prägnanz, auf die Recht und Literatur offenbar gleichermaßen angewiesen sind, wenn sie für ihre Fiktionen Geltung behaupten. Für Grimm beruhen Recht und Dichtung auf einer gemeinsamen, kulturell hochwirksamen Sprachfigur, die sich gerade in frühen historischen Zeugnissen zeigt. Sie scheint jenen Mechanismus zu enthalten, der sich mit der Entstehung der Institutionen von Recht und Literatur ausdifferenziert.
Rechtsformeln sind im Verständnis von Grimm weit mehr als einfache denotative Zeichenfolgen. Die Semantik der Formel liegt nicht in, sie liegt zwischen den Zeichen. Mehr noch: Im Übergang der Zeichen gewinnt die Formel eine besondere symbolische Prägnanz. Was sie besagt, entzieht sich einem am Einzelwort orientierten Sprachverständnis und ist gerade dadurch unmittelbar eingängig. Darin, dass die Doppelformel einen Sinn fokussieren kann, der nicht wörtlich zu fixieren ist, erweist sich, dass sie letztlich ein performativer Akt ist. Die Rechtsformel muss gesprochen werden, sie ist eine symbolische Vollzugsform der Sprache, deren Geltung sich im performativen Akt stets aufs Neue bestätigen muss. Sie ist, um mit André Jolles zu sprechen, eine ,Sprachgebärde‘.21
Was die frühe, philologische Intuition Jacob Grimms so wunderbar erfasst hat, ist ein Mechanismus, dessen staunenswerte semantische Eigenmächtigkeit im Recht auch ein philosophisches Interesse auf sich ziehen musste: Die paradoxe performative Autonomie der Gerechtigkeit, die im sprachlichen Akt immer erst hergestellt wird, weil sie sich scheinbar vom Recht frei macht, hat in diesem Sinne Jacques Derrida beschrieben, freilich hat das Autonomiepostulat der Dekonstruktion den Preis, die eigenmächtige Sprachfigur nicht mehr lokalisieren zu können.22 In historischer Hinsicht scheint sie jedoch in der volkssprachigen mittelalterlichen Rechtspraxis immer ihren Ort gehabt zu haben. Ein Recht diesseits der Schrift muss im performativen Akt der Verhandlung vor dem Gericht immer neu hergestellt werden. Die Rechtsprechung durch das Gericht fällt in frühen Rechtskulturen nicht einfach Urteile, sie findet zugleich immer wieder das Recht selbst. Was die mündlich konzeptualisierte Rechtsprechung so zu finden glaubt, hat sie selbst mit hervorgebracht: als wirkliche Fiktion. Jenseits der Schrift, nach der Spaltung der Diskurse, zeigt noch die Sprache des Rechts diese performative Grundfigur in ihrer Formelhaftigkeit an. Die Formel von ‚Recht und Literatur‘, wenn man sie denn als solche akzeptiert, könnte dieser Figur demnach einen Ort anweisen: Im Feld zwischen Recht und Literatur, im Bereich der gemeinsamen Medialisierung der Fiktionen, wäre sie historisch zu begreifen.
4. Zu den Beiträgen
Die Beiträge dieses Heftes sind geeignet, dieses Feld zwischen ,Recht und Literatur‘ systematischer zu erschließen. Zu diesem Zweck eröffnet Rüdiger Schnell die Reihe der Aufsätze. Er schlägt eine Begriffssystematik vor, auf deren Grundlage er die Verwendung von Rechtsfiktionen innerhalb der Fiktionalität des höfischen Romans neu interpretieren kann. Für Schnell haben Recht und Literatur an einer gemeinsamen Vorstellungswelt teil, die sich hinsichtlich imaginärer Ideale einerseits und den konventionellen Vorstellungen über die Regeln der Wirklichkeit andererseits differenziert. In Analogie dazu besitzen Rechtsfiktionen einen Wirklichkeitsbezug, den die Fiktionalität des höfischen Romans gerade aussetzt. Schnell kann nun zeigen, dass die Rechtsfiktionen für den Bereich des gerichtlichen Zweikampfs im höfischen Roman neu interpretiert, für den Bereich der höfischen Liebes- und Ehevorstellungen auf eine neue Weise amplifiziert werden. Während der gerichtliche Zweikampf eine Wirklichkeitsfiktion des Rechts in ihrer literarischen Idealisierung seines guten Ausgangs letztlich produktiv verwandelt, ohne damit die Geltung der Rechtsfiktion an sich in Frage zu stellen, scheint der höfische Liebesdiskurs durch eine Rechtsfiktion des Eherechts angeregt zu werden, sein Fiktionalitätspotential in einer Art Rückkoppelungseffekt zwischen literarischen und rechtlichen Fiktionen immer weiter zu steigern. Damit demonstriert der Beitrag, dass für die Diskussion der literarischen Fiktionalität der dialektische Rückbezug auf rechtliche Fiktionen grundsätzlich berücksichtigt werden muss.
Die Idealisierung der Rechtsfiktionen im Sinne von Schnells Ausgangsunterscheidung fasst dann Ute von Bloh ins Auge: mit den Begriffen der ‚poetischen Gerechtigkeit‘ und des ‚Rechtsempfindens‘. Für das Erzählen in Elisabeths von Nassau-Saarbrücken Epos Loher und Maller beschreibt von Bloh einen narrativen Grundmechanismus, der zwischen einer kasuistischen, rechtsförmlichen Auffassung des Geschehens und einer exemplarischen Erzählweise oszilliert und damit ein Wechselspiel von Rechtswissen und Rechtsempfinden in Gang setzt, das sich unter dem Primat der historisch-faktischen Wirklichkeit nicht mehr abschließen lässt. Der Text entpuppt sich als ein überraschendes Zeugnis dafür, wie sich das Rechtsempfinden eine ideale, poetische Gerechtigkeit ersehnt, die nicht nur der Wirklichkeit gewusster Rechtsnormen, sondern ausdrücklich dem Begriff der Billigkeit verpflichtet ist, der hier im Bereich der Empfindung von idealen gesellschaftlichen Werten erscheint. Indem diese poetische Gerechtigkeit aber immer wieder einer unberechenbaren Wirklichkeit anheim fällt, in der sich die Rechtsnormen widerstreiten oder verwirren, erscheint der Loher und Maller buchstäblich als offene literarische Spielform eigenen Rechts.
Ist schon in diesem Epos das Rechtssprichwort mit seiner Diskursmächtigkeit eine wichtige Funktionsgröße, so zeigt sich dessen Wirksamkeit erst recht im Bereich der frühen dramatischen Formen, die der Beitrag von Rebekka Nöcker aufgreift. Entgegen anderer Meinungen zeigt er, dass die Nürnberger Fastnachtspiele ganz gezielt auf der Basis von konkreten Rechtsformen, Symbolen und Handlungen operieren. Dieser Rekurs auf das Recht setzt allgemein bei der Prozessform und den Figuren des Rechts an, er spielt mit den Möglichkeiten der Rechtssprache und des Rechtssprichwortes, er lässt sich sogar auf ganz konkrete historische Fälle beziehen, die von der Fastnachtskomik kritisch begriffen werden. Umgekehrt kann Nöcker die Funktion und Struktur dieser Fastnachtskomik präzise fassen, welche die geltenden Diskurselemente des Rechts isoliert und ihnen eine Eigenlogik verleiht, aus der heraus diese Muster mit jenen Regeln oder Institutionen konkurrieren, mit denen sie sonst zusammenspielen. In dieser isolierenden Inversion, so macht der Beitrag deutlich, lässt das Fastnachtspiel Nürnbergs Rechtsformen und -wirkungen gerade in ihrer absurden Überspitzung sichtbar werden.
Die Logik dieser Inversionen zu beschreiben bedarf es eines genauen methodischen Instrumentariums. Der Beitrag von Caroline Emmelius lässt sich dazu als methodischer Vorstoß lesen, rechtliche Denkformen im spätmittelalterlichen Erzählen mit narratologischen Kategorien zu interpretieren. Ausgehend von der notorischen Bevorzugung von Rechts- und Verwaltungsfragen im Œuvre Heinrich Kaufringers schließt Emmelius dessen Poetik neu auf: im Sinne einer Doppelstruktur. Während sich die für den Begriff der Geschichte notwendigen Werte in die Diskursinstanz des Erzählers zurückziehen, bildet sich auf der Handlungsebene eine rechtsförmlich-neutralere Darstellungsweise aus, die Geschehensabläufe als problematisch-offene Kasus und gerade nicht als abgeschlossene Geschichten begreift. So wird in der Versrede Der bezahlte Anwalt in der Rechtsinstanz des Vorsprechers Kaufringers eigene Erzählweise gespiegelt. Wie dieser präsentiert der Erzähler lediglich Sachverhalte. Das Erzählen wird damit aber zutiefst janusköpfig: Im sog. Märe Der verklagte Bauer besteht das gute Ende der Geschichte in einem nur oberflächlichen, rein diskursiven Erfolg, der letztlich nichts als Sprache verhandelt, während sich auf der Handlungsebene tatsächlich nur die Interessen von Kläger und parteiischem Richter die Waage halten. Der Mechanismus zeigt sich auch in der Erzählung von der Rache des Ehemanns, die schließlich das durch den Kasus eröffnete Spiel zwischen Diskurs und Geschichte exemplarisch ausstellt.
Weil die Kritik an bezahlten Vorsprechern für die Professionalisierungstendenzen in den Umstellungen des Rechtswesens zwischen Mittelalter und früher Neuzeit grundsätzlich signifikant ist, bildet diese auch einen Ausgangspunkt im Beitrag der Rechtshistorikerin Eva Schumann. Dieser skizziert das für die Literaturwissenschaft hochinteressante Feld der fiktiven Rechtsprozesse, die, in Rechtshandbücher inseriert, in ihrer gezielt kuriosen Form die poetische Produktivitätskraft des Rechts mustergültig illustrieren. Am Typus der Teufelsprozesse erweist sich, dass die Fiktionen gezielt generierte Spielformen zu praktischen Übungszwecken sind, die einerseits eine poetisch-satirische Valenz haben, zugleich aber durch das Texterschließungsinstrumentarium nicht nur als komplexe Modelle der Rechtspraxis verwendet werden konnten, sondern die auch durch die Verwendung geistlicher Muster und Symbole weiterhin die Orientierung der juristischen Formalismen an den christlichen Werten bewusst halten.
Weil der Teufel eine prominente Figur in juristischen Rechtsfiktionen ist, bildet sich um ihn auch ein eigenständiger Erzähltyp aus, den schließlich Hartmut Bleumer in den Blick nimmt. Ausgehend von seinem vielleicht frühesten, jedenfalls komplexesten Vertreter, einer Erzählung des Strickers, verfolgt der Beitrag das Wechselspiel von kasuistischer Normrationalität und exemplarischem Erzählen, das in den weiteren Erzählvarianten auf das dialektische Verhältnis von Recht und Billigkeit hin ausgelegt wird. Dabei zeigt sich zunächst auf der Ebene der dargestellten Handlungen, dass die Sinnlinie des exemplarischen Erzählens, im Gegensatz zur Wirklichkeitsorientierung kasuistischer Normen, erst über den Begriff des Tropus genauer in ihrem höheren Wahrheitsstatus zu fassen ist. Nicht zuletzt enthüllen die Texte aber sukzessive die Performativität des richterlichen Urteilsspruchs – spiegelbildlich in den verwandten Sprachgebärden von Gebet, Fluch und Sprichwort –, die auf die Texte selbst übergehen kann.
Aufs Ganze gesehen lassen sich die Beiträge damit in verschiedener Hinsicht als Anregung verstehen. Sie machen deutlich, dass es durchaus keine wohlfeile Forderung ist, das Verhältnis von Recht und Literatur vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Methoden- und Theoriespektrums wieder stärker in den Blick zu nehmen. Denn die Aufsätze zeigen, dass sich in den zentralen aktuellen Begriffsbildungen der Mediävistik ohne den Rekurs auf dieses Verhältnis blinde Stellen ausbreiten, die eigentlich Diskussionszentren enthalten: Die Medialität der mittelhochdeutschen Literatur und Sprache, der Fiktionalitätsbegriff der unterschiedlichen Gattungen, deren Geltungsansprüche, die narrativen und diskursiven Logiken der Texte und symbolische Praktiken – all diese Problembereiche der Literatur sind ohne das Spannungsverhältnis zum mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Recht, seinen Denkweisen und symbolischen Ordnungen, nur unvollkommen zu fassen. Eine stärkere interdisziplinäre Vernetzung mit der rechtsgeschichtlichen Forschung wäre daher zweifellos nützlich. Die Voraussetzung dafür wäre gewiss eine größere interdisziplinäre Neugier in beiden Disziplinen. Vielleicht können die Vorstöße dieses Heftes dazu beitragen, diese Neugier zu wecken.

 

 

 

Summaries LiLi 163


Rüdiger Schnell

Law and poetry: functions and fictions. Observations on medieval courtly literature
Summary
How does the reception of legal aspects, institutions and fictions (iudicial ordeal, trial by single combat, God is law) change the fictional status of literature? First of all, by this reception a novel can pretend to be closer to the factual reality. Secondly, the legal aspect (resp. fiction) assumes a new function within a romance and therefore loses its correspondence with the legal reality. Thirdly, the two subjects love and marriage have different relations to the world of law. Whereas love hasn’t been a subject of debate within the public law or in the real law courts, marriage was mainly a matter of law. The consequence of the integration of the marriage theme into a romance was that the legal status of marriage was assimilated in the principles of love. Conversely, the juridical debate of love raised the fictional status of a novel

 

 

 

 



Ute von Bloh

No concessions made? Law and justice in the epic Loher und Maller
Summary
The late mediaeval prose epic Loher und Maller constantly challenges a naïve interpretation of what constitutes justice by confronting it over and over again with extreme cases.
Generally speaking, ‘poetic justice‘ succeeds in establishing coherence and propel the narrative forward. The constituents of societal norms and of laws are nevertheless relentlessly questioned – to such an extent that the narrative inquiry occasionally departs from the common understanding of justice. With its focus on morality, especially the presence or absence of faith, Loher und Maller is primarily concerned with the potential for conflict inherent in medieval constructions of legality and justice. In doing so, the epic opens up a narrative playground unencumbered by legal constraints as – after all – literature need not comply with medieval jurisdiction and its claims to the validity and scope of its writings. It is literature’s privilege to facilitate unfamiliar ways of looking. The playful – but by no means inconsequential – casuistry played out in Loher und Maller gives rise to a ’probable‘ world tangential to hostorical reality and its understanding of justice and the law.

 

 



Rebekka Nöcker

Thoughts on the legal reality in the early Nuremberg shrovetide play
Summary
This article considers the elements of legal reality which form the literary arrangement of the early Nuremberg court plays. Three levels of legal themes can be observed in the plays. Firstly, aspects of content and structure concern the kind of structure of trial and court order as well as the character of the member of court staff, who is always depicted in a critical manner. Secondly, the plays closely follow contemporary legal language, which not only determines the subject matter but also forms the court situation, within which the plot of the play develops. Here the genre plays with the options of the legal language, particularly with the legal proverb. Thirdly, close connections with Nuremberg’s legal organization in the late Middle Ages reflect the tight regulation of public life in the ’Reichsstadt‘. They can refer to concrete historical cases, which are understood by the carnival comedy in a critical manner. These three fields which are apparent in the early Nuremberg shrovetide play implying legal reality in content and structure, language and history will be shown with the help of selected examples.

 

 


Caroline Emmelius

The tale’s case. Legal discourse and trial structure in Heinrich Kaufringer’s ‘Mären’
Summary
The article focuses on the relation of legal discourse and case narration in medieval tales. It discusses three texts by the late medieval writer Heinrich Kaufringer that show differing impacts of legal conceptions and structures on the act of narration. On the one hand Kaufringer’s narrator seems to be much occupied with legal institutions and the way they work. On the other hand, however, he fails in transforming his vision of a well organized, just world into narrative practice. Paradoxically, this seems to be due to his reliance on the structure of trials. While it allows for cases to be negotiated rationally and according to the standards of law, it lacks those values that make the case into a good story in the first place.

 

 

Eva Schumann

Seltzsame Gerichtshändel. Fictitious trials as elements in practical legal writings
Summary
This article surveys the genre of fictitious trials in the late Middle Ages and the early modern period. This genre includes all texts encompassing a court proceeding which is based on a fictitious case. However, not only literary forms such as plays and satirical texts dealing with fictional trials are found in this genre, but also specialist literature. Depictions of fictitious trials were especially popular among theologians and jurists who aspired to provide orientation or to impart knowledge. Central to the article are the German adaptations of the "devil trials" (Processus Satanae and Processus Belial) and the play featuring the Last Judgement in the Laienspiegel by Ulrich Tengler. Considering the tradition, content, and addressees of the devil trials, the author explores reasons for the success of the juridical manuals based on a fictitious trial. The author concludes that an important factor for a successful transfer of academic knowledge is the transformation of an academic text into a piece of literature.

 

 


Hartmut Bleumer

About the good law of the devil. Case, trope, and the power of language in The Stricker and in the story type “The Devil and the Lawyer” (AT 1186; Mot M 215)
Summary
The devil is a famous figure in the medieval discourse on justice and is notoriously reliable in legal actions. Thus he occurs in a story-type which presents the devil as seizing lawyers or judges. In several examples dating from the early the 13th century onward, this story-type seems to discuss the difficult relationship between legal rationality and narrative values. From these stories emerges a small but complete model of law and literature. Their structures reveal a common primary concern: whether judgement on a case solely derived according to the logic of legal rules can also be just (billig) without the influence of narrative patterns. If so, legal thinking would lack a higher tropological sense of what is true. At the very least, the story-type demonstrates what performativity in justice means: to pass a judgment on someone is shown as a speech act similar to praying or cursing. This implies not only that the narration can also become a kind of verdict, but also that the story-type itself has to be judged in a space between law and literature.

 

 



Labor

Sascha Kiefer

Sunday’s children, good-for-nothings and a pope. On the ‘Happy’ in German literature
Summary
Adorno’s and Marcuse’s verdict against the depiction of ‘Glück’ (meaning ‘happiness’ as much as ‘luck’) in literature as an act of ‘affirmation’ undoubtedly added to most of 20th Century German literature’s significant neglect of happiness, lucky characters and blessed fates as narrative subjects. One way, however, to speak of happiness whilst avoiding triviality’s pitfalls lies in the use of irony, this paper argues. It introduces an accordant literary tradition by discussing the (ironic) treatment of ‘Glück’ in Hans in Luck (Brothers Grimm), Memoirs of a Good-for-Nothing (Eichendorff), The Smith of His Own Fortune (Gottfried Keller) und The Holy Sinner (Thomas Mann).

 


Adressen der Herausgeber
Prof. Dr. Hartmut Bleumer, Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen, E-Mail: hbleume@gwdg.de
Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, I-39100 Bolzano/Bozen, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it
Prof. Dr. Wolfgang Klein, Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Postbus 310, NL-6500 AH Nijmegen, E-Mail: wolfgang.klein@mpi.nl
Prof. Dr. Niels Werber, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-Mail: werber@germanistik.uni-siegen.de

Adressen der Autorinnen und Autoren
Prof. Dr. Hartmut Bleumer, Georg-August-Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen, E-Mail: hbleume@gwdg.de
Prof. Dr. Ute von Bloh, Universität Potsdam, Institut für Germanistik, Am Neuen Palais 10, D-14469 Potsdam, E-Mail: vonBloh@rz.uni-potsdam.de
Dr. Caroline Emmelius, Georg-August-Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen, E-Mail: cemmeli@gwdg.de
PD Dr. phil. Sascha Kiefer, Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1. – Germanistik, Postfach 15150, D-66041 Saarbrücken, E-Mail: sascha.kiefer@mx.uni-saarland.de
Rebekka Nöcker, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Deutsches Seminar, Wilhelmstraße 50, D-72074 Tübingen, E-Mail: rebekka.noecker@uni-tuebingen.de
Prof. Dr. em. Rüdiger Schnell, Universität Basel, Deutsches Seminar, Nadelberg 4, CH-4051 Basel, E-Mail: ruediger.schnell@unibas.ch
Prof. Dr. Eva Schumann, Georg-August-Universität Göttingen, Juristische Fakultät, Abteilung für Deutsche Rechtsgeschichte, Weender Landstr. 2, D-37073 Göttingen, E-Mail: lehrstuhl.schumann@jura.uni-goettingen.de