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Lili-Heft 165

 

Zeitschrift für

Literaturwissenschaft und Linguistik

Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen

 

Thema: Postsouveränes Erzählen


Herausgeber dieses Heftes:

 

Thomas Weitin und Niels Werber

 

 

Inhalt


Einleitung
Introduction

Thomas Weitin und Niels Werber

Maren Lickhardt
Postsouveränes Erzählen und eigenmächtiges Geschehen in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften
Post-sovereign Narration and Self-actuating Plot in Robert Musil's The Man Without Qualities

 

Burkhardt Wolf
Homo gubernator. Defoe und das postsouveräne Erzählen um 1700
Homo gubernator. Defoe and Post-sovereign Narration Around 1700

Michael Neumann
Diskretes Begehren. Zur symbolischen Konfiguration postsouveränen Erzählens in Norbert Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens
Discreetly Desire. The Symbolical Configuration of Post-sovereign Storytelling in Norbert Gstrein’s Das Handwerk des Tötens

Thomas Weitin
Ermittlung der Gegenwart: Theorie und Praxis unsouveränen Erzählens bei Juli Zeh
Beyond Unreliable Narration. Juli Zeh's Concept of Contemporary Literature

Niels Werber
Erzählen in Krieg und Nicht-Krieg
Storytelling in War and Not-war

Misia Sophia Doms
Ambivalente Bewertungen eigener und fremder Autorschaft in Bertolt Brechts Flüchtlingsgesprächen
Ambivalent Evaluation of Authorship in the Dialogue Cycle Flüchtlingsgespräche by Bertolt Brecht

Labor
Matthias Däumer
Ein wohlfrisierter Prinz im Reagenzglas. Hal Fosters Rezeption mittelalterlich-literarischer Genderspezifika
A Well Coiffed Prince In Vitro. Hal Foster’s Reception of Medieval Gender Characteristics

Paloma Sánchez Hernández
‚Handschuh‘, ‚Wüstenschiff‘, ‚Augenblick‘. Die Rolle der Metapher in der Nominalkomposition
‘Handschuh’, ‘Wüstenschiff’, ‘Augenblick’: The Role of Metaphor in the Nominal Composition


 

Thomas Weitin und Niels Werber


Einleitung

Auf der hohen See, so nehmen Romanautoren und Völkerrechtler seit Jahrhunderten an, herrscht der Ausnahmezustand. Schiffe sind Wogen und Wellen, Untiefen und Klippen, Piraten und Meutereien ausgeliefert, wenn nicht der Kapitän mit ganzer nautischer und politischer Souveränität der Mannschaft gebietet und die elementaren Gefahren zähmt. Dieses Szenario eines Schiffs in Not ist eine literarische Erfindung, man denke nur an die Odyssee, die das völkerrechtliche Denken über Souveränität früh wie nachhaltig inspiriert hat. Horaz besingt es in seinen Oden (1,14) („O navis, referent in mare te novi / Fluctus? O quid agis?...“), und Quintilian deutete das Bild („navem pro re publica, fluctuum tempestates pro bellis civilibus...“) souveränitätstheoretisch aus: Der Steuermann navigiert das Staatsschiff durch die Stürme des Bürgerkrieges.
Einer der Begründer des europäischen Völkerrechts, der Niederländer Hugo Grotius, schreibt über die Staatsgewalt, ihre Räson lasse nicht zu, dass in Krisensituationen nicht entschieden, sondern über das Recht zur Entscheidung gestritten werde. Dies sei ganz so, als ob die Mannschaft eines Schiffs in Gefahr um die „Führung des Steuerruders“ ringe; ein solches Schiff werde zum Schaden aller untergehen, ein solcher Staat im „Bürgerkrieg“ versinken.1 Was Souveränität sein soll, denkt das Recht mit Hilfe einer Fiktion, deren literarischen Grund es nicht loswerden kann. Souveränität wird noch in der aktuellen und einschlägigen Fachliteratur als effektive, dauerhafte Befestigung in einem fluiden Medium verstanden und strukturell auf die alte Metaphorik der ewig bewegten See bezogen.2 Umgekehrt werden „failed states“ immer wieder, ganz im Bild, als „wrecked“ beschrieben.
Das Personal dieses Seetheaters der Repräsentation beschäftigt das zeitgenössische Völkerrecht zugleich in Gestalt konkreter Personen und im Sinne rhetorisch eigenmächtiger  Denk-Figuren, was sich sehr gut am Piraten beobachten lässt. Während internationale Marinen und Flotten eine hochaufwändige Piratenabwehr betreiben, stehen Rechtslehrer, Polizeibehörden, Gerichte und Staatsanwaltschaften vor der fast unmöglichen Aufgabe, im internationalen Raum eine effektive Strafverfolgung zu gewährleisten. Mit der Resolution 1816 vom 2. Juni 2008 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Möglichkeiten zur Verfolgung von Piraten in somalischen Gewässern geschaffen und zugleich Eingriffe in die Souveränitätsrechte von Staaten exemplarisch legitimiert. Das „Weltrechtsprinzip“, nach dem Akte der Piraterie durch alle Staaten der Welt bestraft werden können, wurde gestärkt, was unvermeidlich die nationalen Strafrechtsordnungen als souveräne Vollzugsorgane massiv herausforderte.3 Eine völkerrechtliche Figur wie der Pirat erweist sich wohl auch deshalb als fruchtbar für die aktuelle literarische und filmische Phantasie, weil sie dem Nationalstaat die unbequeme Frage wieder vorlegt, was Souveränität im Grunde bedeutet und ob heute noch überzeugende Fiktionen mobilisiert werden können, damit das Staatsschiff nicht als Wrack endet.
Globale Probleme und globale Lösungsstrategien weisen ganz pauschal darauf hin, dass der Begriff der Souveränität viel von seiner einstigen Plausibilität für das Denken von staatlicher und überstaatlicher Gemeinschaft eingebüßt zu haben scheint. Gleichwohl können Theorie und Handlungspraxis gerade dort, wo sie den Bereich nationaler Souveränität überschreiten oder Eingriffe von außen unvermeidlich sind, nicht ohne diese identitätsstiftende Vorstellung auch und gerade des Völkerrechts auskommen. In dem Heft Postsouveränes Erzählen untersuchen Literatur- und Rechtswissenschaftler/innen, wie diese paradoxe Gemengelage narrativ und rhetorisch bewältigt wird.
Das Völkerrecht weist im Kernbereich notwendig unbestimmte Schlüsselbegriffe und Subjektinstanzen auf und ist damit dort, wo es souveräne Identitäten voraussetzt, immer zugleich unsouverän. Während das Individuum im humanitären anders als im klassischen Völkerrecht im Zeichen universeller Menschenwürdeansprüche aus seiner Mediatisierung durch den Staat heraustritt, wird die Souveränität des Verbandssubjekts Staat zunehmend exteriorisiert; das Volk wiederum bleibt als Sache der in ihrer Tragweite gleichfalls unbestimmten Selbstbestimmung jeder objektiven Bestimmung entzogen.
Als ‚weicher‘ Gegenstand ist das Völkerrecht unserer Hypothese nach besonders darauf angewiesen, öffentlichkeitswirksam erzählt, vor Augen gestellt und figuriert zu werden. Es ist nicht entweder ‚nur Rhetorik‘ oder rechtsetzend wirksam, die rhetorische Seite ist seiner Verbindlichwerdung nicht äußerlich. In dem Maße, wie die systematischen Subjektinstanzen des Völkerrechts weitgehend unbestimmt bleiben müssen, ‚kämpfen‘ Theorie und Praxis mit zentralen Randfiguren wie dem Flüchtling, dem Kämpfer, dem Opfer oder dem Piraten. Die neuen Erzählweisen, die in der Literatur bei der Darstellung völkerrechtlicher Zusammenhänge zu verzeichnen sind, müssen vor diesem Hintergrund in den Blick genommen werden. Wir fassen diese Verfahren unter dem Namen „postsouveränes Erzählen“ zusammen.
Die Problematisierung und gleichzeitige Reklamation von Souveränität lässt sich nicht nur im völkerrechtlichen Diskurs über staatliche und überstaatliche Gemeinschaften beobachten, sondern auch in der Kunst. Deutlich wird dies in der ästhetischen Theoriebildung an der Differenz von Autonomie und Souveränität, deren Bedeutung im Anschluss an Adorno und Derrida Christoph Menke herausgearbeitet hat. Mit dem Begriff der Autonomie lässt sich mit „Kant und Weber der durch die moderne Ausdifferenzierung von Erfahrensweisen und Diskursen generierte Status der ästhetischen Erfahrung bezeichnen. Sie ist ein ‚eigengesetzliches‘ Geschehen, dessen Selbständigkeit gegenüber den nicht-ästhetischen Diskursen impliziert, daß es sich neben ihnen in dem pluralen Gefüge der modernen Vernunft verortet.“4 Systemtheoretisch gesprochen: Kunst ist ein autonomes Funktionssystem der modernen Gesellschaft, und dies bedeutet: eines von vielen, deren Autonomie einerseits funktionsspezifische Universalität ermöglicht und „zugleich notwendig partikular“5 ist. Alles kann Kunst werden, aber das Kunstwerk ist dann eben nur als Kunst erfahrbar, nicht als wissenschaftliche Erkenntnis, religiöse Offenbarung oder politische Entscheidung. Die Botschaften Stefan Georges und selbst Rilkes Ruf „Du mußt Dein Leben ändern“ wären demnach nicht für bare Münze zu nehmen, sondern nur als Dichtungen. Während also die Denkfigur der Autonomie in Rücksicht darauf, dass auch andere soziale Sphären, Systeme oder Erfahrungswelten autonom sind, ein Element der Selbstbescheidung impliziert, begnügt sich die Souveränität keineswegs damit, sich in das ausdifferenzierte Gefüge pluraler Erkenntnisweisen einzufügen. Vielmehr überschreitet sie die Grenzen der ausdifferenzierten Bezirke der Gesellschaft und beansprucht ausnahmslos Herrschaft und Subordination. „Souverän ist das Ästhetische“, schreibt Menke, „sofern es sich nicht in das ausdifferenzierte Gefüge der pluralen Vernunft einfügt, sondern sie überschreitet.“6 Souveräne Kunst lässt sich nicht bescheiden, „nur“ Kunst zu sein, sondern zielt auf uneingeschränkte, „absolute“ Geltung. Wir sollen unser Leben ändern. Wir müssen dem Meister folgen. „Wer das souveräne Potenzial der Kunst behauptet, sieht in ihr die Möglichkeit, Träger von Offenbarungen zu sein, behauptet in ihr die Gegenwart des Absoluten, wenn nicht gar die Gegenwart Gottes, erklärt Präsenzereignisse wie die Anwesenheit des Transzendenten als potenzielle Möglichkeit von Kunst.“7 Menke führt Adorno, die ganz ähnlich argumentierende Regine Munz Georg Steiners Ausführungen über Real Presences als Beleg an. Außerdem ließen sich Hans Ulrich Gumbrechts Schriften zur Präsenz nennen. Diese Autoren bestätigen – man denke an Gumbrechts Plädoyer für „Offenbarung und Entbergung“ als Erfahrungen einer „Präsenzkultur“ oder an Steiners These zur „echten Anwesenheit“ (real presence) Gottes bei der Erfahrung gelungener Kunst und Musik –,8 dass allen systemtheoretischen, diskursanalytischen, strukturalistischen, wissensgeschichtlichen, sozialhistorischen oder kulturwissenschaftlichen Nekrologen zum Trotz die Lehre der Souveränität noch einige schlagkräftige Anhänger hat.
Dies gilt nicht allein für Kunst und Literatur, sondern auch für Politik und Recht. „Souveränität“, schreibt der Völkerrechtler Ulrich Haltern, „irritiert den Funktionalismus“. Dies ließe sich mit Blick auf die Kunst sagen, hier ist aber „das Politische“ gemeint, also wiederum eine genuin „katholische“ Domäne.9 Haltern erinnert an den Souverän als eine „symbolische Form“ der Transzendenz. Der „Souverän“, so lautet seine Folgerung, „befindet sich damit außerhalb unserer normalen Kategorien von Raum und Zeit“.10 Die Kategorie der Souveränität wird mit dieser Bestimmung ästhetisiert. Politische Souveränität benötigt nach Auskunft Carl Schmitts die „Fähigkeit zur Form“, die „Kraft zum Wort und zur Rede“, zum repräsentativen und evidenten „Symbol“.11 Diese Befähigung zur Repräsentation liege aber nur bei „Personen“,12 nicht bei Organisationen, was den kultur- und literaturgeschichtlichen Blick auf die entsprechenden „Figuren der Souveränität“ und ihre Inszenierung lenkt.
Wenn die Literatur die Settings ihrer Romane auf das Meer, ins Niemandsland, in Kriegsgebiete, Übergangsverwaltungen, Verhörgefängnisse und andere Exklusionszonen verlegt und sie mit einem Personal bestückt, dessen völkerrechtlicher Status prekär ist, und dessen Missionen und Motive in Grauzonen führen, dann lässt sich argumentieren, dass hier nicht länger Souveränität repräsentiert, sondern postsouveränes Erzählen erprobt wird. Im Unterschied zu der entschiedenen Geste souveräner Repräsentation – „Fähigkeit zur Form“, die „Kraft zum Wort und zur Rede“ – ist die postsouveräne Erzählinstanz durch Unentschiedenheit und Unzurechnungsfähigkeit geprägt. Sie beherrscht weder ihr Personal noch ihre Handlungen, weder die Geschehnisse der erzählten Welt noch ihre Wirkung oder Relevanz. Weder diegetisch noch narratologisch hat hier jemand ein Steuerruder in der Hand. Souveränität wird allenfalls als eine Fiktion beobachtbar, deren Ordnungsleistungen man vermissen, nicht aber mehr voraussetzen mag.
Doch wenn auch das Erzählen im Falle der behandelten Autor/innen dieses Heftes, bei Juli Zeh, Marlene Streeruwitz und Norbert Gstrein etwa, postsouverän zu sein scheint, so darf gleichwohl eine souveräne Geste im Sinne Menkes nicht übersehen werden, denn auch und gerade das postsouveräne Erzählen konfrontiert die moderne, ausdifferenzierte Gesellschaft mit einem für ihre Funktionssysteme unlösbaren Problem.13 Dies besteht in der ästhetischen Vermittlung einer „Krisenerfahrung“14, die sich diskursiv nicht auflösen lässt. Robert Musil schreibt vor diesem Hintergrund im Mann ohne Eigenschaften am auktorialen Roman des statistischen Zeitalters. Nicht umsonst bezieht sich die Gegenwartsliteratur dort, wo sie postsouveränes Erzählen reflektiert, häufig auf ihn. Insbesondere die literarische Beobachtung des Rechts zielt dabei auf gleich zwei „Aporien“. Zum einen irritiert sie die Repräsentationen der Souveränität und weist ihre Fiktionalität aus, zum anderen lässt sie die juristischen Grundoperationen der Identifizierung und der Zurechnung an „Fällen“ ins Leere laufen, die sich als unsubsumierbar und unentscheidbar erweisen. Dazu ist weder eine völkerrechtliche Argumentation noch ihre Dekonstruktion von Nöten. Vielmehr nutzt die Literatur dazu ein narratives Verfahren, das sich nicht mehr nur als ‚unzuverlässig‘ beschreiben lässt, weil es Unzuverlässigkeit als ein Mittel gebraucht, um über die moralische Immanenz der Frage nach einem vertrauenswürdigen Erzähler hinauszugelangen und die Unsicherheit als dasjenige zu entdecken, was letztlich gesellschaftlich interessiert. Daher wollen wir vom postsouveränes Erzählen sprechen.

1 Des Hugo Grotius drei Bücher über das Recht des Krieges und Friedens, in welchem das Natur- und Völkerrecht und das Wichtigste aus dem öffentlichen Recht erklärt werden. Bd. 1. Berlin 1869, S. 279. Zum Zusammenhang von Dichtung, Souveränität und Seefahrt hat Burkhardt Wolf soeben eine Studie mit dem Titel fortuna di mare vorgelegt.
2  Vgl. Dahm, Georg/Delbrück, Jost/Wolfrum, Rüdiger: Völkerrecht. Bd. 1, Teil 1. Berlin/New York 1989, S. 197.
3  Heintze, Hans Joachim: „Piraten, Warlords und zerfallene Staaten. Versagt das Völkerrecht?“ In: Söldner, Schurken, Seepiraten: von der Privatisierung der Sicherheit und dem Chaos der "neuen" Kriege. Hg. vom Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung. Münster 2010, S. 107-122, S. 108ff.
4  Menke, Christoph: Die Souveränität der Kunst. Ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida. Frankfurt a.M. 1991, S. 9.
5  Ebd.
6  Ebd., S. 10.
7  Vgl. Munz, Regine: „Die gnadentheologische Grundierung von Ernst Troeltschs Kultur- und Kunsttheorie“. In: Protestantisches Ethos und moderne Kultur: Zur Aktualität von Ernst TroeltschsProtestantismusschrift. Hg. von Georg Pfleiderer und Alexander Heit. Zürich 2008, S. 155-172, S. 167.
8  Gumbrecht, Hans Ulrich: Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz. Frankfurt a.M. 2004, S. 101; Steiner, George: Real Presences [1989]. Chicago 1991, S. 3.
9  Haltern Ulrich: Was bedeutet Souveränität? Tübingen 2007, S. 2, S. 24ff.
10  Ebd., S. 31f.
11  Schmitt Carl: Römischer Katholizismus [1923]. München 22002, S. 37-39.
12  Ebd., S. 36.
13  Menke, Souveränität der Kunst, S. 286 (wie Anm. 4).
14  Ebd., S. 287.

 

In eigener Sache

Dieses 165. Heft der Lili erscheint in einem neuen Gewand. Eine lange Zeit ist das Layout nicht verändert worden. Lili hat einige „shifts“ und allerhand „Paradigmenwechsel“ des Fachs überstanden, von den in deren Sog entstandenen, kurzlebigen Zeitschriftengründungen ganz zu schweigen. Dass die Herausgeber und der Verlag sich nun zu einer behutsamen Modernisierung entschlossen haben, die leicht erkennbar an die klare Formensprache der früheren Hefte anschließt, kann programmatisch verstanden werden: Auch das neue Herausgeberteam wird eine große Tradition fortsetzen und doch eigene Akzente setzen. An der Prägnanz und Eleganz des Covers müssen sich die Beiträge messen lassen. Thematisch wird die Lili eine der wenigen Zeitschriften bleiben, die der Einheit des Fachs verpflichtet sind und linguistische, mediävistische und literaturwissenschaftliche Forschungsbeiträge publizieren. Eine ‚Buchbindersynthese’ reicht dazu nicht aus. Der Anspruch der Lili ist es, mit ihren Schwerpunkten daran zu erinnern, dass die Germanistinnen und Germanisten nicht nur von der Zugehörigkeit zum gleichem Institut oder Seminar zusammengehalten werden, sondern durch gemeinsame Forschungsfragen, Problemstellungen und Themenfelder.
Für die Herausgeber/in
Niels Werber


 

Summaries LiLi 165

Maren Lickhardt

Summary
Post-sovereign Narration and Self-actuating Plot in Robert Musil's The Man Without Qualities
The following article discusses modes of narration in Musil’s novel The Man Without Qualities. It is shown that the narrator in Musil’s novel seems to be quite impotent with respect to the setting which unfolds of its own volition. The story has not only no need for the narrator as its creator, it outperforms the narrator by its own power of self-creation ostentatiously. Contingent history has taken possession of the construction of the story so that the setting has become self-actuating while the narrator has ceased to motivate, justify or originate it. He has in a post-sovereign manner confined himself to observe and analyse what happens. Entitling external determinants to come into effect, post-sovereignty in Musil’s text goes along with an inductive, anti-ideological, critical and reflexive mode of narration. These modes of narrating provoke consequences for the setting as well, reflecting the post-sovereignty for instance by means of the semantics of social insects.

 

 


Burkhardt Wolf

Summary
Homo gubernator. Defoe and Post-sovereign Narration around 1700
Defoe’s Robinson Crusoe, traditionally, is held for a showcase ‚insular fiction’, since it unfolds basic questions of modern anthropology and politics ab ovo. In early modern island novels, modeled on Thomas Morus’ Utopia (1516), literally ‚perfect’ polities are delineated und described in the manner of a tableau. But the issue of political sovereignty is not dealt with any further. Not before the appearance of ‚Robinsonades’, human and social modes of being are actually recounted, i.e. genetically evolved from a hypothetical zero state. Because these narratives generally highlight the themes of land seizure and political founding, they appear like primal scenarios of sovereignty. But already Defoe’s novel rather sketches the guidelines of modern ‚governmentality’. And, moreover, Defoe’s writing exemplarily exhibits the corresponding conditions of modern authorship. Against this background, the article describes the emergence of ‚post-sovereign’ telling at the turn to the 18th century.

 

 


Michael Neumann

Summary
Discreetly Desire. The Symbolical Configuration of Post-sovereign Storytelling in Norbert Gstrein’s Das Handwerk des Tötens
This article shows the poetics of a post-sovereign narrator’s voice on the basis of Norbert Gstrein’s critically acclaimed novel »Das Handwerk des Tötens« as response to the political and ethical implications of storytelling in all. By these means post-sovereignty emerges in the novel as a consequence of the fashion of dealing with violence in mass media and literature referring to the Yugoslav wars and empowers itself in symbolical configurations as a contemporary concept of literature disposing both circumstances and characters of a story a language of their own. Reducing the narrator’s arbitrament post-sovereign storytelling establishes a discreetly alliance of desire between characters, narrator, and narration.

 

 


Thomas Weitin

Summary
Beyond Unreliable Narration. Juli Zeh's Concept of Contemporary Literature
For Juli Zeh contemporary literature by definition needs to be both, related to the identity politics of the present and concerned with its own highly challenged sovereignty in the attempt to represent identity issues. The combined use of dramatic and epic forms reveals a performative approach to the meaning of "Gegenwart" whereas the narrating voice is performed and deconstructed at the same time. Finding a focus on the difficulties of the post 1989 generations to represent a generation at all, Zeh's writing develops unreliable literary figures to be placed in the middle of the political conflicts of globalization where sovereignty can only be reclaimed.

 

 


Niels Werber

Summary
Storytelling in War and Not-war
Without remembering the act of her impregnation, Heinrich von Kleist’s famous Marquise of O. finds herself pregnant. Same happens to Amy Schreiber, protagonist of Marlene Streeruwitz’ latest novel Die Schmerzensmacherin. Both texts explore the circumstances of those incidents as legal cases. The Marquise happens to be molested during a siege after an attack of foreign troops. Similar fate affects Amy working as a trainee for a security company which partakes in the asymmetric war on terror in Afghanistan. Both texts raise legal problems of international war reflected not only on the level of content but also on the narrative level. Comparing and analyzing both texts the article will show non-decisiveness, lack of accountability and the inability of legal attribution as characteristics for the negotiated contents and for status of the texts as narratives. The 'sovereignty' of both narrators is challenged here and up for discussion.

 

 


Misia Sophia Doms

Summary
Ambivalent Evaluation of Authorship in the Dialogue Cycle Flüchtlingsgespräche by Bertolt Brecht
In the dialogue cycle Flüchtlingsgespräche the fictive dialogue partners become authors in more than one way: Aside from creating contributions to their highly artistic conversation Kalle and Ziffel develop several signs of a new pictographic writing system and moreover Ziffel makes an attempt to write his memoirs. All these forms of authorship result from the dialogue between the refugees and in all cases the authors alternate between respect and low regard for their own products. Hints at Brecht’s atttitude towards his own authorship may be gained by the analysis of some of his anonymous self-quotations in the dialogue cycle: It seems that he focuses on the practical use, not on the intrinsic value of his works, and wants his readers to do the same. In another reading Kalle’s and Ziffel’s ambivalent attitude towards authorship can be interpreted as an extreme type of (dialogical) unreliability. The shifting evaluation of creative acts refers to an ideological instability or incoherence of Kalle’s and Ziffel’s world – the fictive counterpart of Brecht’s own reality: In a world, whose political and military constellations are intricate and can change within hours, the value of creative production cannot be determined in a reliable, permanent way.

 

 




Matthias Däumer

Summary
A Well Coiffed Prince In Vitro. Hal Foster’s Reception of Medieval Gender Characteristics
Since its first publishing in 1937, Hal Foster’s comicepos Prince Valiant has been a main formative influence on the (popcultural) reception of medieval times. In addition to that, the protagonist became the prototype of a certain picture of the medieval knight that might in Susan Sontag’s words be described as ‘camp’. This experiment tries to show that this ‘camp’ image is not just aroused by the figure’s outward appearance, but that Foster also functionalized the gender-constellations of medieval heroic tales, arthurian romances and stories about the so-called ‘Mahrtenehe’ (marriage with an extramundane and magical being). He thus created a hero whose way to maturity can be seen as an innovative conjugation and variation of medieval narratives about ‘manhood’, ‘womanhood’ and the ‘inbetween’.

 

 


Paloma Sánchez Hernández

Summary
‘Handschuh’, ‘Wüstenschiff’, ‘Augenblick’: The Role of Metaphor in the Nominal Composition
The paper deals with some compounds like ‘Augenblick’ or ‘Fuchsschwanz’, among others, which have a figurative meaning as a whole word as opposed to the sum of both members: ‘Augen’ +’Blick’ = ‘Moment’. Besides, I will analyze whether this figurative meaning matches the meaning similitude of each member with respect to the whole word. It is shown that there are different types of nominal composition, that there is a gradation in the figurative meaning and that metaphors play an important role in this process.

 

 

 

 

Adressen der Herausgeber

Prof. Dr. Hartmut Bleumer, Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen, E-Mail: hbleume@gwdg.de
Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, I-39100 Bolzano/Bozen, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it
Prof. Dr. Wolfgang Klein, Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Postbus 310, NL-6500 AH Nijmegen, E-Mail: wolfgang.klein@mpi.nl
Prof. Dr. Niels Werber, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-Mail: werber@germanistik.uni-siegen.de



Adressen der Autorinnen und Autoren

Matthias Däumer, Otto-Behagel-Str. 10 B, Raum B140, Justus-Liebig-Universität 35394 Gießen, matthias.daeumer@germanistik.uni-giessen.de
Dr. phil. Misia Sophia Doms, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 151150, 66041 Saarbrücken, m.doms@mx.uni-saarland.de
Dr. Maren Lickhardt, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft,Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-Mail: lickhardt@germanistik.uni-siegen.de
Dr. Michael Neumann, Universität Konstanz, Fachbereich Literaturwissenschaften, Fach 163, 78457 Konstanz, E-Mail: Michael.Neumann@uni-konstanz.de
Dr. Paloma Sánchez Hernández, Universidad Complutense de Madrid, Departamento de Filología alemana, Facultad de Filología, Edificio D – Despacho D-2-376, Ciudad Universitaria s/n, 28040 – Madrid, E-Mail: palomash@filol.ucm.es
Prof. Dr. Thomas Weitin, Universität Konstanz, Fachbereich Literaturwissenschaften, Fach 163, 78457 Konstanz, E-Mail: thomas.weitin@uni-konstanz.de
Prof. Dr. Niels Werber, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-Mail: werber@germanistik.uni-siegen.de
Dr. Burkhardt Wolf, Universität Berlin, Institut für deutsche Literatur, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, E-Mail: burkhardt.wolf@staff.hu-berlin.de