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Lili-Heft 166

 

Zeitschrift für

Literaturwissenschaft und Linguistik

Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen

 

Thema: Verschwommene Dialekte

Herausgeber dieses Heftes: Rita Franceschini

 

Aufgrund eines technischen Versehens wurde der Beitrag von Marina
Petkova leider ohne Fußnoten abgedruckt. Der vollständige Beitrag
erscheint im Dezember-Heft 168 im Labor-Teil.

 

Inhalt

Einleitung
Introduction

Peter Auer
Sprachliche Heterogenität im Deutschen. Linguistik zwischen Variation, Varietäten und Stil
Linguistic Heterogeneity in German. Between Variation and Varieties, Lects and Styles

Christian Schwarz
Rezenz als Faktor phonologischer Variation
Recency as a Factor for Phonological Variation

Helen Christen
Hauptsache irgendwie Dialekt? Intendierter Dialekt in der Kontaktzone von Dialekt und Standardsprache
Kinda Dialect? Intended Dialect in the Contact Zone between Dialect and Standard Language

Marina Petkova
Die Deutschschweizer Diglossie: Eine Kategorie mit fuzzy boundaries
Swiss German Diglossia: a Category with Fuzzy Boundaries

Anja Schaufuß/Beat Siebenhaar
Spracheinstellungen und phonetische Variation als Ausdruck verschwommener Dialektabgrenzung
Language Attitudes and Phonetic Variation as an Expression of a Blurry Dialect Distinction

Manfred Michael Glauninger
Zur Metasoziosemiose des ,Wienerischen‘. Aspekte einer funktionalen Sprachvariationstheorie
On Metasociosemiosis of ,Viennese German‘. Aspects of a Functional Theory of Language Variation

Labor

Thomas Weitin
Die Kunst des Unterscheidens. Kritik und Distinktion in Goethes Wilhelm Meister
The Art of Being Different. Critical Habits in Goethe’s Wilhelm Meister


Sebastian Zilles
Zwischen Bewunderung und Horror. Zur Genie-Konzeption in Patrick Süskinds Das Parfum, Robert Schneiders Schlafes Bruder und Marcel Beyers Flughunde
Between Admiration and Horror. A Definition of the Postmodern Genius based on Patrick Süskind`s Novel Das Parfüm, Robert Schneider`s Novel Schlafes Bruder and Marcel Beyer`s Novel Flughunde

 

 

 

 

Rita Franceschini und Christian Schwarz

Einleitung


Wer kennt nicht Karten, die Sprachen ? farblich geordnet, Nationalstaaten gleich, wie auf einer Landkarte ? abbilden. Solche Darstellungen suggerieren ,Hier meine Sprache, dort die andere’; sie suggerieren Homogenität und klare Abgrenzungen, statische Verhältnisse.
Realitäten, sprachliche zumal, werden anders konstruiert. So entstehen Grenzen zwischen Varietäten nun mal auch im Kopf; doch nicht deshalb sind sie unschuldig oder weniger harmlos. Bei jedem genaueren Hinsehen – durch heutige Methoden der Kartographie als Lupeneffekt noch verschärft – wird das Ausfransen an den Rändern deutlich, die Schärfe verschwimmt in mehr oder weniger sanften Wellengängen.
Gerade die Dialektologie, durch ihre Tradition der Feldforschung – was Datennähe wie Sprechernähe mitsichbringt –, liefert heilsame Einsichten in die Variabilität der Sprachverwendung. So erscheinen denn auch Grenzen zwischen Varietäten bei näherem Hinsehen – wie in der Quantenphysik – immer weniger als klar abgrenzbar. Mit dem Fortschreiten von statistischen Methoden und digitalen Abbildungsmöglichkeiten nimmt die Intuition des subtilen Gleitens von der einen zur anderen Form wahrnehmbare Gestalt an. Weit entfernt scheint die Zeit zu sein, in der – wie in der traditionellen Dialektologie – die Dialektkarten eine homogene Sprechergemeinschaft suggerierten, die in einem bestimmten Gebiet klar voneinander abgegrenzte sprachliche Formen verwendet. Sprecher haben variable Verhaltensweisen. Wie ist diesen beizukommen?
Doch nicht nur die Heuristik hat sich verändert – und hat damit unseren Blick geschärft –, die Sprachverwendung selbst und v.a. das Verhältnis zwischen Dialekt und Standard haben sich seit dem Aufkommen der Dialektologie substantiell verschoben. Bedingt durch die gesellschaftlichen Veränderungen der Neuzeit und dem steigenden Einfluss überregionaler Varietäten bzw. der Standardsprache haben sich die alten Dialektverhältnisse zueinander neu positioniert – und in jedem Gebiet leicht anders.
So wurden beispielsweise – historisch betrachtet – aus monoglotten Dialektsprecher/innen allmählich diglotte (bzw. diaglotte) Sprecher/innen, die ihre Sprachlagen zwischen den beiden Polen Standard und Dialekt variieren konnten. Die jüngste Entwicklung besteht häufig darin, dass diese Variationskompetenz durch das Wegbrechen der dialektnahen Sprechlagen abnimmt und auf ein Spektrum verlegt, das sich zwischen einer Standardsprache und einem Regiolekt bewegt.
Diesen Umordnungen in der breiten deutschsprachigen Sprachlandschaft nachzugehen, ist besonders reizvoll, weil in den verschiedenen Gebieten, bedingt auch durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, diese Entwicklungen unterschiedlich ausfallen: Grob gesprochen zeichnen sich der nord-, mittel- und der süddeutsche Raum, das deutschsprachige Gebiet der Schweiz sowie die bairisch-österreichischen Varietäten, Südtirol eingeschlossen, durch eine andere Gewichtung und Bedeutung des diglossischen Verhältnisses von Dialekt und Standard aus, so wie die Ausgestaltung von Regionalsprachen andere Pfade nimmt und die Modifikation, respektive Bewahrung von Dialektformen unterschiedlich ausfällt.
Das als Metapher formulierte Rahmenthema dieses Heftes mit dem Titel „Verschwommene Dialekte“ möchte diesen Entwicklungen und Zuständen der deutschen Dialekte – im Verhältnis zum Standard und der Varietäten zueinander – in exemplarischen Fällen, angereichert mit einer guten Dosis grundlegender Reflexionen, nachgehen. Der Fokus liegt auf den unscharfen und peripheren Bereichen, die die heutigen Varietäten und Dialekte „verschwommen“ erscheinen lassen. Gerade in der heutigen Zeit bilden diese heterogenen Zustände nicht mehr die Ausnahme, sondern eher die Regel. Dabei zeigen sich die Entwicklungen auf den unterschiedlichsten linguistischen Ebenen und werden von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, wie geografischen, soziolinguistischen und medialen Aspekten.

 

 

 

LiLi 166: Summaries

Peter Auer

Summary
Linguistic Heterogeneity in German: Between Variation and Varieties, Lects and Styles
In this paper, I argue for an approach to the analysis of heterogeneity in German, which is based on the notion of a linguistic variety ("lect") but overcomes the obvious weaknesses of what in German sociolinguistics is called "variety linguistics". It is shown how transition areas in complex repertoires between varieties can be modeled. I also present arguments in favor of Penelope Eckert's concept of style as a complementary notion to variety and variation since it can cover a form of socially meaningful variability, which would otherwise be left uninvestigated.

 

Christian Schwarz

Summary
Recency as a Factor for Phonological Variation
This article focuses on recency as an endogenous factor for phonological variation and change. Recency means that a speaker having the choice between two phonological variants (often a dialect variant vs. a standard variant) tends to utter that variant which is identical to the antecedent, especially if the time span between the two is short. In order to prove the existence of recency effects a statistical analysis of a large corpus of spontaneous speech of rural dialects from Southwest Germany was carried out. Results show clear and unidirectional tendencies in the analyzed etymological sound classes: The statistical probability of reoccurrence of a phonological item after an antecedent identical item is higher than statistically estimated. The strength of this receny effect varies among the analyzed etymological sound classes. In classes, in which a sound change from realization A to B is nearly completed, A shows stronger recency effects, whereas sound classes with a beginning sound change from A to B the latter shows stronger recency. This finding contributes to the explanation of the typical S-curve that occurs in phonological change (Aitchison 1994; Bailey 1973): At the beginning of a sound change recency effects accelerate the spread of a new variant whereas in the final phase of a sound change the same effects decelerate the disappearance of the receding variant. According to the presented results recency has thus to be acknowledged as an important factor for the way a sound change moves forward.


Helen Christen

Summary
Kinda Dialect? Intended Dialect in the Contact Zone between Dialect and Standard Language
Dialect advertising texts are not considered to pay specific attention to their basic dialect; they rather use language as a means to an end. The present study examines to what extent non-basic dialect, standard parameters are used in dialect TV advertisement. The standard variables of word formation and inflection emerged in the data suggest that they make their way to the dialect through standard lexemes or word forms and are also bound to those. Lexemes originating from the standard are not unusual in a „ausgebaute Diglossie“ (Haas 2004). It is the „Ausbaudialekt“ (Kloss 1976) which enables and also nourishes all the verbalization needs with the standard lexicon, if necessary. Merely phonetic and morphological adaptations are required in order to realize and label the lexemes as dialect. The arguable standard variables thereby seem to be explicable as accepted concomitants to some realization processes taking place only partially.
This paper considers whether an expansion of dialectal variants can be assumed, or rather a code alternation in terms of congruent lexicalization (Muysken 2000) is at hand. Especially the constantly present matrix-variety is quite an argument for the former.

Marina Petkova

Summary
Swiss German Diglossia: a Category with Fuzzy Boundaries
This paper discusses the description of the Swiss German language situation from a current point of view. The emphasis is on variation within the dialect and the standard domains. The main question posed is how this variation can be classified within the description of diglossia. In conclusion, a representation of the Swiss German diglossia as a cognitive model is sketched out, indicating some advantages, but also raising open questions.


Anja Schaufuß/Beat Siebenhaar

Summary
Language Attitudes and Phonetic Variation as an Expression of a Blurry Dialect Distinction
The following text presents parts of a study that was carried out in Leipzig. 22 native inhabitants of Leipzig were interviewed for their perception of different varieties spoken in their hometown. A result of the study showed that people generally differentiate between a Standard German and a dialectal variety, which both are subcategorized in a higher and a lower variety. Concerning the perception of their individual linguistic behavior, the interviewed speakers can be categorized into three main groups. The first category consists of people using only varieties that can be evaluated as better and worse Standard German. A dialect does not belong to their repertoire. The second category also uses different varieties.- The lower of these varieties is now called dialect, that is only used in specific situations. One part of this group states to use a lower standard variety for everyday live. The other part differentiates three varieties: a variety close to the standard, a higher dialectal variety that is their usual variety and the low dialect they try to avoid. The third category consists of speakers who use the higher dialect as their main variety. Besides they admit themselves a limited competence in Standard German. Comparing this perceptive distinction made by the speakers themselves to actual phonetic realization, the distinction cannot be maintained. No one of the interviewees has full competence of the dialect. Particularly, when asked to translate Standard German phrases into the dialect of Leipzig, some of them even realize less dialectal variants than in the interview. Concluding, dialects are blurred due to the fact that people do not have a sense for a dialectal grammar anymore, and substandard varieties cannot be linguistically differentiated. Therefore, there is only one variety below the standard. However, the old dialect has captured new fields of application. The dialect can be used as a stylistic variant within a conversation. Nevertheless, to focus on this aspect, one the one hand new recordings have to be done and on the other hand new approaches using methods of variation linguistics and of conversation analysis have to be developed.



 

Manfred Michael Glauninger

Summary
On Metasociosemiosis of ,Viennese German?. Aspects of a Functional Theory of Language Variation
This theoretically orientated article focuses on ,Viennese (vernacular/non-standard) German?. It is methodologically based on a functional theory of language variation within an enlarged and adapted theoretical framework of sociolinguistics which has been influenced by Niklas Luhmann’s sociological systems theory. The aim of this approach is to explain the frequent use of Viennese vernacular/non-standard German in the context of written and (intended) spoken standard German as an example for a process called Metasociosemiosis.



 


 


Labor

Thomas Weitin

Summary
The Art of Being Different. Critical Habits in Goethe’s Wilhelm Meister
Goethe’s Wilhelm Meister seems to be the very idea of the Bildungsroman. On the other hand it reveals the difficulties caused by the era of specialization in sciences and education as on two critical fields for the transformation of the modern society. To develop his or her own style becomes the major task ? not only in the world of arts and aesthetics but also for the habits of everyday life. Given this as a background, the education of Wilhelm Meister shows ambivalent results. Through his literary readings he learns, during the Lehrjahre, how to understand the world critically but hesitates to use his skills with a proper profession. In the New World of the Wanderjahre everybody needs to create a professional attitude with clear habits and even Wilhelm Meister agrees to become a doctor. From this point on, some decisive figures, such as Jarno, turn into a radical denial of the modern era of identity habits. They flee back to traditional ones whereas others make a completely new use of it and wear it as fashion (Philine).

 


Sebastian Zilles

Summary
Between Admiration and Horror. A Definition of the Postmodern Genius Based on Patrick Süskind’s Novel Das Parfum, Robert Schneider’s Novel Schlafes Bruder and Marcel Beyer’s Novel Flughunde.
There is no genius without madness. Although this idea already occurred in the ancient world, German literature after 1980 shows a strong affinity to this topic and gives ample reason to redefine what genius means.
Based on Patrick Süskind’s novel Das Parfüm, Robert Schneiders novel Schlafes Bruder and Marcel Beyers novel Flughunde the redefinition can be stated as the following: The genius is a white, male and a middle-aged person, who has a superior sensory perception. Besides these characteristics, which all three main protagonists share, there are crucial differences. Whereas Süskind depicts his protagonist Jean-Baptiste Grenouille as a highly ambivalent figure, whose character oscillates between being a genius of odour and being an angel of death, Schneider, on the contrary, portrays his main character, the child of prodigy, Johannes Elias Alder, as innocent and pure. In contrast to Süskind and Schneider, Beyer unmasks his assumed Genius Hermann Karnau as a representative of the evil. All three characters raise the question if the genius can survive in the fictional world.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum
Adressen der Herausgeber

Prof. Dr. Hartmut Bleumer, Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen, E-Mail: hbleume@gwdg.de
Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, I-39100 Bolzano/Bozen, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it
Prof. Dr. Wolfgang Klein, Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Postbus 310, NL-6500 AH Nijmegen, E-Mail: wolfgang.klein@mpi.nl
Prof. Dr. Niels Werber, Universität Siegen, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft, Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-Mail: werber@germanistik.uni-siegen.de

Redaktion: Eva Brandt, Universität Siegen.


Adressen der Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Peter Auer, Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), University of Freiburg, Albertstraße 19, D-79104 Freiburg, E-Mail: peter.auer@frias.uni-freiburg.de
Dr. Helen Christen, Studienbereich Germanistik, Universität Freiburg, Av. De l’Europe 20, CH-1700 Freiburg, E-Mail: helen.christen@unifr.ch
Doz. Mag. Dr. Manfred M. Glauninger, Institut für Germanistik, Universität Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, A-1010 Wien, E-Mail: manfred.glauninger@univie.ac.at
Marina Petkova, Studienbereich Germanistik, Universität Freiburg, Av. De l’Europe 20, CH-1700 Freiburg, E-Mail: marina.petkova@unifr.ch
Anja Schaufuß, Institut für Germanistik, Universität Leipzig, Beethovenstraße 15, D-04107 Leipzig, E-Mail: anja.schaufuss@uni-leipzig.de
Dr. des. Christian Schwarz, Kompetenzzentrum Sprachen, Freie Universität Bozen, Dantestraße 9, I-39100 Bozen, E-Mail: ChristianStefan.Schwarz@unibz.it
Prof. Dr. Beat Siebenhaar, Institut für Germanistik, Universität Leipzig, Beethovenstraße 15, D-04107 Leipzig, E-Mail: siebenhaar@uni-leipzig.de
Prof. Dr. Thomas Weitin, Fachbereich für Literaturwissenschaft, Fach 163, Universität Konstanz, D-78457 Konstanz, E-Mail: thomas.weitin@uni-konstanz.de
Sebastian Zilles, Universität Mannheim, Seminar für deutsche Philologie, Lehrstuhl Neuere Germanistik II, Schloss, Ehrenhof West, D-68131 Mannheim, E-Mail: szilles@rumms.uni-mannheim.de