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LiLi - Heft 173

 

Zeitschrift für
Literaturwissenschaft und Linguistik
Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen

Heft 173
Katastrophen, Krisen, Störungen

 

Herausgeber dieses Heftes:

Stephan Habscheid und Lars Koch

 

 

Inhalt

 

Stephan Habscheid/Lars Koch

Einleitung Artikel

Introduction

 

Kirsten Nazarkiewicz/Holger Finke/Detlef Dolscius (Cpt i.R.)

Hierarchie in Bewegung. Zur Nutzung von Beteiligungsressourcen bei technischen Störungen im Flugzeugcockpit Artikel

Hierarchy in Motion. Using Different Resources for Participating in Communication when Dealing with Technical Difficulties in Airline Cockpits

 

Arndt Niebisch

Kleists Turbulenzen oder „lernen von der Natur“ Artikel

Kleist’s Turbulences or “Learning from Nature”

 

Martin Wengeler/Alexander Ziem

Wie über Krisen geredet wird. Einige Ergebnisse eines diskursgeschichtlichen Forschungsprojekts Artikel

How We Talk About Crises. Some Results of a Discourse-Historical Research Project

 

Hartmut Böhme

Postkatastrophische Bewältigungsformen von Flutkatastrophen seit der Antike
Artikel

Post-Catastrophic Forms of Coping with Flood Disasters Since Antiquity

 

Lars Koch/Tobias Nanz

Ästhetische Experimente. Zur Ereignishaftigkeit und Funktion von Störungen in den Künsten Artikel

Aesthetic Experiments. The Function of Disruption in Art

 

Lars Koch

Christoph Schlingensiefs Bilderstörungsmaschine Artikel

Christoph Schlingensief’s “Image Disruption Machine”

 

Tobias Nanz

Das Rote Telefon. Ein hybrides Objekt des Kalten Krieges Artikel

The Red Phone. A Hybrid Object of Knowledge of the Cold War

 

 

Labor

 

Michael Szurawitzki

Zur Bildung von Substantivkomposita in Sarah Kuttners Roman Mängelexemplar
Artikel

On Compound Nouns in Sarah Kuttner's Novel Mängelexemplar

 

 

Adressen der Herausgeber

 

Prof. Dr. Hartmut Bleumer, Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen, E-Mail: hbleume@gwdg.de

Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, I-39100 Bolzano/Bozen, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it

Prof. Dr. Stephan Habscheid, Universität Siegen, Fakultät I: Philosophische Fakultät (Germanistik – Angewandte Sprachwissenschaft), Adolf-Reichwein-Str. 2, D-57068 Siegen, E-Mail: habscheid@germanistik.uni-siegen.de

Prof. Dr. Niels Werber, Universität Siegen, Fakultät I (Germanistik – Neuere deutsche Literaturwissenschaft I), Postfach 10 12 40, D-57068 Siegen, E-Mail: werber@germanistik.uni-siegen.de

 

Redaktion: Eva Brandt M.A., Universität Siegen

 

Adressen der Autorinnen und Autoren

 

Prof. Dr. Hartmut Böhme, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Kulturwissenschaft, Georgenstr. 47, D-10117 Berlin, E-Mail: hboehme@culture.hu-berlin.de

Dr. Lars Koch, Universität Siegen, Philosophische Fakultät, Germanistik – Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Adolf-Reichwein-Str. 2, D-57068 Siegen, E-Mail: lars.koch@uni-siegen.de

Dr. Tobias Nanz, ERC-Projekt „The Principle of Disruption“, Universität Siegen, Artur Woll-Haus, Am Eichenhang 50, D-57076 Siegen, E-Mail: tobias.nanz@uni-siegen.de

Dr. Kirsten Nazarkiewicz/Holger Finke/Detlef Dolscius (Cpt i.R.), consilia cct: create culture together, Büro Frankfurt, Schaumainkai 97, D-60596 Frankfurt a.M., E-Mails: kn@consilia-cct.com; holger.finke@consilia-cct.com; Detlef.Dolscius@t-online.de

Arndt Niebisch, MA PhD, Universität Wien, Institut für Germanistik, Universitätsring 1, A-1010 Wien, E-Mail: arndt.niebisch@univie.ac.at

PD Dr. Michael Szurawitzki, Ludwig-Maximilians-Universität München, Germanistische Linguistik, Schellingstr. 3, D-80799 München, E-Mail: michael.szurawitzki@germanistik.uni-muenchen.de.

Prof. Dr. Martin Wengeler, Universität Trier, FB II Germanistik, Germanistische Linguistik, D-54286 Trier, E-Mail: wengeler@uni-trier.de

Dr. Alexander Ziem, ICSI, FrameNet, https://framenet.icsi.berkeley.edu/fndrupal/, 1947 Center St. Raum 548, US-Berkeley, CA 94704, E-Mail: ziem@icsi.berkeley.edu

 

 

Stephan Habscheid und Lars Koch

Einleitung: Katastrophen, Krisen, Störungen

 

In seinem viel diskutierten Buch über „die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ erzählt Wolfgang Streeck (2013, S. 8, Anm. 2) eine lehrreiche Anekdote: Als im Sommer des Jahres 2012 in der deutschen Presse Ökonomen darüber stritten, welche Lehren aus der Euro-Krise zu ziehen seien, trat ein- und derselbe Experte zunächst als Unterstützer eines ‚euroskeptischen‘ Aufrufs, bereits wenige Tage später – nachdem die kritischen Ökonomen selbst unter massive Kritik geraten waren – dann als Mitunterzeichner eines entgegengesetzten Appells auf. Zur Begründung, berichtet Streeck, habe er im Guardian auf ein berufsethisches Selbstverständnis verwiesen, wonach Ökonomen dazu verpflichtet seien, sich in Krisenzeiten auch ‚konstruktiv‘ an einer Lösung der Probleme zu beteiligen: „If you’re a professional firefighter“, so die Begründung, „merely shouting at the flames isn’t good enough“ (The Guardian online [15. Juli 2012], zitiert nach Streeck 2013, S. 8, Anm. 2). – Wie hier eine wissenschaftliche Disziplin „das Fehlen einer Therapie als Argument für die Unzulänglichkeit der Diagnose“ akzeptiert (ebd.) und damit als Bestandteil einer Krisenanalyse die Überzeugung einfordert, „dass Krisen immer gut ausgehen müssen“ (ebd., S. 2), kann als Beispiel dienen für die Erkenntnis, dass ‚Krisen‘ stets auch Resultate von Diskursen und – an ‚Denkkollektive‘ gebundenen – ‚Denkstilen‘ sind:1 Wann und wo Krisen beginnen und enden, welche Ausmaße der Denormalisierung sie vor welchen Vergleichsmaßstäben annehmen,2 wie sie jeweils spezifisch zu charakterisieren und wodurch sie verursacht sind, wer für eine Krise die Verantwortung trägt, was gegen sie getan werden muss und welche Opfer dafür zu bringen sind – all dies sind Fragen gesellschaftlicher Selbstverständigung und Wirklichkeitskonstruktion, zu denen i.e.S. wissenschaftliche Methoden der Erkenntnisgewinnung (etwa ökonomische Modelle, formalisierte bzw. numerisch präzisierte Analysen, Prognosen etc., vgl. Kleeberg 2009) einen bedeutenden, aber keineswegs den alleinigen Beitrag leisten (vgl. ebd.; Wengeler 2010, S. 155). Vielmehr gewinnen Krisenkonstruktionen wesentlich auch dadurch an Überzeugungskraft, dass sie einbezogen werden in sprachliche Sachverhaltskonstruktionen, in denen Ereignisse, Orte, Akteure, Kausalbeziehungen, Zeiträume usw. zu kohärenten ‚Erzählungen‘ verbunden werden, die mit Referentialitäts- und Wahrheitsanspruch öffentlich zirkulieren (allgemein Klein/Martínez 2009; zur Narrativität der Krise Nünning 2007; zum gegenwärtigen Krisendiskurs Link 2013).

Die Textwissenschaften verfügen mittlerweile über ein breites Spektrum an ‚quantitativen‘ und hermeneutischen Methoden, um derartige dynamische Zusammenhänge zwischen der Kommunikation und dem Wissen einer Gesellschaft über sich selbst, etwa ihre Gefährdung durch Krisen, anhand von Sprachkorpora systematisch zu rekonstruieren (vgl. z.B. Wengeler/Ziem, in diesem Heft). Hinzu kommt das spezifische Wissen über die soziale Ordnung, ihre Krisen und Katastrophen, das in den Künsten tradiert bzw. mit Hilfe ästhetischer Störungsverfahren sichtbar gemacht wird (vgl. Koch/Nanz, in diesem Heft).

Freilich findet Kommunikation über und im Zusammenhang mit Krisen nicht nur dort statt, wo die Kommunikation selbst im Mittelpunkt steht, wie in öffentlichen Debatten oder in literarischer Kommunikation. Vielmehr ist Kommunikation über und im Zusammenhang mit Krisen auch (örtlich, zeitlich, körperlich, dinglich etc.) eingebettet in die Krisensituationen selbst und ihre Dynamik, man denke etwa an ‚Hochrisikoumgebungen‘ wie den Feuerwehreinsatz in einem Gebäude (Habscheid/Gerwinski 2012) oder das Flugzeug-Cockpit (vgl. Nazarkiewicz/Finke/Dolscius, in diesem Heft).

Der – bei näherem Hinsehen – hybride Charakter von Krisen (wie anderer „gordischer Knoten“, mit denen wir uns zunehmend konfrontiert sehen, vgl. Latour 2002, S. 9ff.) lädt dazu ein, die im Alltag übliche Perspektive umzukehren (wir kommen unter epistemologischen Aspekten noch einmal darauf zurück): Statt zu fragen, wie existierende Krisen oder gar Katastrophen (in der Natur, in der „Realwirtschaft“ etc.) gleichsam von außen ‚angemessen‘ zu beschreiben sind, rückt dann die Frage in den Mittelpunkt, welchen je spezifischen Beitrag die diversen, teilweise miteinander verflochtenen Gesellschaftsbeschreibungen – in Medienöffentlichkeit und privatem Alltag, Ökonomie und Politik, in den Wissenschaften, in bildender Kunst, Literatur und Religion etc. – zur Genese, Konstituierung, Aufrechterhaltung, Bewältigung, retrospektiven Verarbeitung, Historisierung, Antizipation etc. von Krisen und Katastrophen leisten.3

Vor diesem Hintergrund fragt das vorliegende Heft nach dem spezifischen Beitrag, den linguistisch fundierte Kommunikationsanalysen (einschließlich der Untersuchung von Kommunikationsstörungen und deren Eskalationspotenzialen) und, in anderer Weise, die Analyse künstlerischer Verfahren der Auseinandersetzung mit bzw. der Provokation von Störungen aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Sicht für das Verständnis des skizzierten Sachzusammenhangs leisten können: diskurs- und begriffsanalytisch (einschließlich der diachronen Dimension), ästhetisch-poetologisch, ethnomethodologisch, praxistheoretisch. Dem liegt die Erwartung zugrunde, dass sich zwischen den verschiedenen, üblicherweise (teil-)disziplinär strikt getrennten Diskursen, Perspektiven und Gegenständen Querverbindungen ergeben, die sich als wissenschaftlich stimulierend und fruchtbar erweisen können.

Heuristisch gehen wir davon aus, dass mit ‚Krisen‘, ‚Katastrophen‘ und ‚Störungen‘ unterschiedliche Intensitäten und Verlaufsformen von Zustandsveränderungen der Gesellschaft beschrieben werden, die von Beobachtern (zunächst) als negativ bzw. unerwünscht bewertet werden. Gemein ist allen drei Begriffen, dass sie als Metaphern der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung erst durch die öffentlich-mediale Vermittlung eine wirkungsvolle diskursive Gestalt gewinnen und eine eigene Agency entwickeln. Diese Prozesse der Beobachtung und Bewertung können im Sinne einer Befragung der jeweils konstitutiven Signifikationspraktiken selbst wiederum zum Gegenstand einer sprach- und literaturwissenschaftlichen Beobachtung gemacht werden. Damit erhält die Rede von ‚Krisen‘, ‚Katastrophen‘ und ‚Störungen‘ den Status eines epistemischen Ereignisses zweiter Ordnung, das auch Auskunft darüber geben kann, wie die kulturelle Produktion von Normalität funktioniert und wie das Verhältnis von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont symbolisch-sprachlich ausgehandelt wird: Alle drei Beschreibungs- und Wertungssemantiken sind bezogen auf Ordnungsmuster, deren Konstitutionsbedingungen gerade in dem Moment sichtbar werden, in dem sie bedroht erscheinen.4

Während der Begriff ‚Katastrophe‘ von der Antike bis in die frühe Neuzeit hinein auf einzelne Ereignisse bezogen blieb und dabei wertneutral eine ‚Wendung‘ (der militärischen Lage, eines dramaturgischen Verlaufs) bezeichnete, setzt ab dem 18. Jahrhundert eine semantische Verknüpfung von Katastrophe und Unglück ein, zunächst noch als Konzept der Naturkatastrophe verknüpft mit dem theologischen Diskurs der Sintflut, bevor es mit der Theodizee-Debatte im Anschluss an das Erdbeben von Lissabon 1755 sukzessive zu einer Ent-Theologisierung der Katastrophensemantik kommt (vgl. Lauer/Unger 2008). Die Aufklärung entbindet die Katastrophensemantik von allen providentiellen Kausalitäten und stellt sie unter die Herrschaft der Reflexion über Kontingenz: Das selbstmächtige bürgerliche Subjekt des 19. Jahrhunderts will Katastrophen nicht mehr passiv erdulden, sondern ihre Eintrittswahrscheinlichkeit durch die Entwicklung von Risiko-Kalkülen, die Entwicklung entsprechender Technologien und die Evaluation von Stör- und Unfällen aktiv beeinflussen (vgl. Walter 2010, S. 95-180; Horn 2011).

In der sukzessiven Ausdifferenzierung einer komplexen Katastrophenforschung wird dabei immer deutlicher, dass die Katastrophe – anders als dies Kant noch in der Verarbeitung des Erdbebens von Lissabon in einer naturwissenschaftlichen Theorie versucht hatte – nie aus einem klar vom Menschen unterschiedenen Außen hereinbricht, sondern als hybride Verkettung zu denken ist, die die Natur- und die Kulturdimension miteinander verschränkt (Schenk 2009, S. 11f.). Naturbegriff und Theodizee-Problematik gehen im Lauf der Zeit ineinander über und schaffen so die Voraussetzung dafür, Naturkatastrophen zugleich als Erklärungsmodelle für künstliche und kulturelle Ereignisse zu verwenden (Kittler 1987). Am Endpunkt dieser Entwicklung steht die Gegenwart, in der die „‚Katastrophe‘ zu einer ubiquitären Krisenkategorie [mutiert ist], die sich allmählich von einem Ereignis- in einen Prozeß- und schließlich in einen Zustandsbegriff wandelte“ (Briese/Günther 2009, S. 188). Dabei wird die Katastrophenmetapher auf die unterschiedlichsten Ereignisse appliziert, deren Spektrum von einer unerwarteten Niederlage in der Fußball-Bundesliga bis zum Tsunami 2005 reicht.

Noch stärker als der Katastrophen- entwickelt der Krisenbegriff ein narratives Potenzial, inklusive stabiler Topoi und wiederkehrender Plotlinien, die, wie Katrin Röggla es beschrieben hat, nicht selten aus dem populären Katastrophenfilm in den gesellschaftlichen Diskurs rückübertragen werden (Röggla 2006). Als Verlaufsbegriff ist die ‚Krise‘ narrativ verfasst: Sie markiert eine gute Vergangenheit, zeichnet einen Verfall nach, flaggt die Gegenwart als liminale Übergangszeit aus und entwirft – hierin tritt ihr spezifisch moderner Zuschnitt in den Vordergrund – optionale Zukünfte. Dabei ist der Krisenbegriff, wie auch der Katastrophenbegriff, auf mediale Repräsentationen angewiesen: „Ein Geschehen wird erst dadurch zum Ereignis und eventuell zur Krise, dass es sich in Diskursen und Geschichten niederschlägt“ (Nünning 2007, S. 59). In der Antike im semantischen Feld von Medizin, Gesundheit und Krankheitsverlauf verortet und in dieser Bedeutung auch in den medizinischen Diskussionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit kultiviert, wird der Begriff im 18. und 19. Jahrhundert zu einem Bildspender für die Beschreibung nicht-medizinischer Befunde, der insbesondere dort an Attraktivität gewinnt, wo widersprüchliche Kontingenzerfahrungen, die Janusköpfigkeit der Moderne oder die Zukunft geschichtsphilosophisch verhandelt werden. Der Krisenbegriff ist diagnostisch angelegt, er impliziert eine Appellstruktur („Tut doch was!“) und bündelt divergierende Elemente einer historischen Konstellation zu einem Verlauf. Dabei transportiert er kulturelle und politische Konnotationen und beeinflusst – oftmals im Rücken der Diskursteilnehmer – die Wahrnehmung und Bewertung von Ereignissen im Sinne einer retroaktiven Performativität (vgl. Žižek 1992). Nicht zuletzt kann sich der Krisenbegriff auch gegen seine eigenen Redebedingungen wenden. Dort, wo er seine eigene Möglichkeit – als Rede von der Krise der Zeichen, der Krise der Wahrnehmung, der Krise des Denkens – bestreitet, gewinnt er an Eindringlichkeit, wird der Reaktions- und/oder Anpassungsdruck erhöht.

Anders als die in semantischer Nachbarschaft angesiedelten Begriffe ‚Katastrophe‘ und ‚Krise‘ scheint die ‚Störung‘ ein geringeres Maß an Selbstevidenz zu besitzen und bleibt als analytischer Begriff bislang meist auf Irritationen und Fehlentwicklungen im Kontext technischer Systeme beschränkt. Gleichwohl birgt die Störungskategorie Bedeutungskomponenten, die sie von anderen Beschreibungsangeboten unterscheidet und sie für die kulturwissenschaftliche Analyse der Selbstauslegung moderner Gesellschaften attraktiv erscheinen lässt.5 Die Störung verweist in ihrem ambivalenten Changieren zwischen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn paradigmatisch auf eine selbstinduzierte Vulnerabilität von komplexen Gesellschaften, sie problematisiert und produziert Norm-Erwartungen und ist – als Befragung des Status quo – ein wichtiger Motor von Veränderung und (technischer, politischer, kultureller) Innovation: Indem in der Beobachtung von Störungen Erfahrung und Erwartung auseinanderfallen und Diskontinuitäten sichtbar werden, ermöglichen Störungsdiskurse einen reflexiven Blick auf kulturelle Verarbeitungsroutinen und basale gesellschaftliche Muster. Aus diesem Grund ist die Störung, verstanden als heuristischer, zwischen Kontingenzbewusstsein und Latenzschutz oszillierender Ernstfall, nicht mehr bloß als eine heterogene Unterbrechung im gelingenden Prozessieren unserer technischen, symbolischen und sozialen Systeme und Apparaturen zu begreifen. Vielmehr eröffnet sie qua ihrer Fähigkeit zur Irritation genau jene Spielräume, in denen sich Weltbezüge erneuern und gesellschaftliche Selbstbeschreibungen kritisieren und reformulieren lassen (Koch/Petersen/Vogl 2011). Eine solche Konzeptualisierung von Störung ist offen für vielgestaltige ästhetische Anschlüsse, wie sie derzeit etwa unter dem Schlagwort „partizipative Kunst“ (Feldhoff 2013) verhandelt werden.

Die grundlegenden Überlegungen zu den Konzepten der ‚Störung‘, der ‚Krise‘ und der ‚Katastrophe‘ werden in den Beiträgen des vorliegenden Heftes im Blick auf unterschiedliche Phänomene und in der Perspektive verschiedener Forschungsrichtungen entfaltet und vertieft. Den professionellen kommunikativen Umgang mit technischen Zwischenfällen im Cockpit von Flugzeugen untersuchen auf konversationsanalytischer Grundlage Kirsten Nazarkiewicz, Holger Finke und Detlef Dolscius in dem Beitrag, der das Heft eröffnet. Anknüpfend an Untersuchungen zu den Ursachen von Luftfahrt-Unfällen fokussieren sie auf die Hierarchie als einen wichtigen Aspekt unter den ‚menschlichen Faktoren‘. Entgegen der vorherrschenden Auffassung, wonach – auf der Grundlage eines statischen Begriffs von organisationalen Status-Relationen – eine optimale Hierarchie-Konstellation zwischen ‚steil‘ und ‚flach‘ festzulegen und möglichst konsequent durchzuhalten ist, arbeiten sie auf der Basis von Gesprächsaufnahmen/-transkripten heraus, dass nur ein mehrschichtiges und dynamisches Verständnis von Hierarchie (und die Entwicklung entsprechender professioneller Kommunikationskompetenzen) den jeweiligen situationalen Anforderungen im Verlauf einer Krise gerecht wird. Das Wissen der Literatur über den dynamischen, mitunter sogar ‚turbulenten‘ Charakter sozialer Verhältnisse – auf der Mikroebene der Interaktion wie auf der Makroebene soziokultureller Strukturen – rekonstruiert Arndt Niebisch anhand eines klassischen Katastrophentextes, Kleists Novelle „Das Erdbeben von Chili“ (1806). Das hiermit verbundene, postmodern anmutende Verständnis der Geschichte als einer nicht-teleologischen, sondern ‚chaotischen‘ und nicht vorhersagbaren Entwicklung lässt sich, wie Niebisch zeigt, auch bereits in den philosophischen Schriften Kleists und bei einem Zeitgenossen, Carl von Clausewitz, nachweisen. Wie die Konstruktion von Krisen durch die Verwendung sprachlicher Mittel im öffentlichen Mediendiskurs geprägt wird, zeigen am Beispiel wirtschafts- und sozialpolitischer Krisen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1973 und 2009 Martin Wengeler und Alexander Ziem auf. Ein umfangreiches Korpus mit etwa 11.000 Zeitungsartikeln bildet die Datenbasis für methodisch differenzierte Untersuchungen zum Basisvokabular und zu Auffälligkeiten im Wortschatz spezifischer Krisendiskurse, zu Schlüsselwörtern und kontroversen Begriffen, in denen das Wissen über die jeweilige Krise sich konzentriert, zur metaphorischen Erschließung von Krisen und zu den jeweils charakteristischen Argumenten und Topoi. Wie sich die retrospektive Bewältigung von Krisen seit der Antike gewandelt hat, führt am Beispiel von Flutkatastrophen Hartmut Böhme vor. Wird, wie in den antiken Kulturen des Mittelmeerraumes, die Natur als Medium göttlicher Mitteilungen verstanden, tritt die symbolische Heilung der transzendenten Beziehung in den Vordergrund. In der Moderne bringt der wissenschaftlich-technische Blick auf die Natur den materiellen Schaden stärker zur Geltung, gleichwohl spielen auch hier, im Zusammenhang mit moralischen und emotionalen Aspekten, symbolische Rituale zur Wiederherstellung einer gestörten Ordnung eine wesentliche Rolle. Die symbolische Bearbeitung der Angst vor dem Wasser untersucht Böhme anhand von Werken des Malers Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski. Mit der Frage, welche Rolle Verfahren der ästhetischen Störung in der Kunst spielen, befassen sich die Beiträge von Lars Koch und Tobias Nanz aus dem Kontext der ERC Starting Grant-Forschergruppe „The Principle of Disruption“. Während der gemeinsame Beitrag den Gegenstandsbereich systematisch konturiert, dient in der Einzelstudie zu Christoph Schlingensief das Konzept der ‚Störung‘ als begriffliches Instrument, um das vielgestaltige Werk des Künstlers unter einer erkenntnisleitenden Perspektive konsistent zu erschließen. Mit dem Beitrag über das ‚Rote Telefon‘, ein fiktives Objekt in der Literatur und im Film aus der Zeit des Kalten Krieges, und die Rolle des Dolmetschers in der dadurch möglichen Kommunikation zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml schließt sich der Kreis: Wie im Beitrag von Nazarkiewicz, Finke und Dolscius geht es auch hier um soziotechnische Konstellationen in der Krise, wobei komplementär zum menschlichen Faktor die Agency des Mediums in den Mittelpunkt rückt.

Literatur

Briese, Olaf/Günther, Timo: „Katastrophe. Terminologische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ In: Archiv für Begriffsgeschichte 51 (2009), S. 155-195.

Feldhoff, Silke: Partizipative Kunst. Genese, Typologie und Kritik einer Kunstform zwischen Spiel und Politik. Bielefeld 2013.

Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Mit einer Einleitung herausgegeben von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle. Frankfurt a.M. 1980 [Original 1935].

Habscheid, Stephan/Gerwinski, Jan: “Appropriating new media: The implementation of technical landmarks in emergency settings.” In: Ruth Ayaß/Cornelia Gerhardt (Hg.): The Appropriation of Media in Everyday Life. Amsterdam 2012, S. 271-304.

Horn, Eva: „Unglückliche Verkettung der Umstände. Sicherheitswissenschaft und Unfall“. In: Lars Koch/Christer Petersen/Joseph Vogl (Hg.): Störfälle. Themenheft der Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1 (2011), S. 45-53.

Kittler, Friedrich A.: „Ein Erdbeben in Chili und Preußen.“ In: David E. Wellbery (Hg.): Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists „Das Erdbeben in Chili“. München 1987, S. 24-38.

Kleeberg, Bernhard: „Gewinn maximieren, Gleichgewicht modellieren. Erzählen im ökonomischen Diskurs“. In: Christian Klein/Matías Martínez (Hg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. Stuttgart/Weimar 2009, S. 136-159.

Klein, Christian/Martínez, Matías: „Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens.“ In: Christian Klein/Matías Martínez (Hg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. Stuttgart/Weimar 2009, S. 1-13.

Klein, Christian/Martínez, Matías (Hg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. Stuttgart/Weimar 2009.

Koch, Lars/Petersen, Christer/Vogl, Joseph (Hg.): Störfälle. Themenheft der Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1 (2011).

Latour, Bruno: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt a.M. 2002 [Original 1991].

Lauer, Gerhard/Unger, Thorsten (Hg.): Das Erdbeben von Lissabon und der Katastrophendiskurs im 18. Jahrhundert. Göttingen 2008.

Link, Jürgen: Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. (Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin). Konstanz 2013.

Mehan, Hugh/Wood, Houston: „Fünf Merkmale der Realität“. In: Elmar Weingarten u.a. (Hg.): Ethnomethodologie. Beiträge zu einer Soziologie des Alltagshandelns. Frankfurt a.M. 1986, S. 29-63.

Nünning, Ansgar: „Grundzüge einer Narratologie der Krise: Wie aus einer Situation ein Plot und eine Krise (konstruiert) werden.“ In: Henning Grunwald /Manfed Pfister (Hg.): Krisis! Krisenszenarien, Diagnosen, Diskursstrategien. München 2007, S. 48-71.

Röggla, Katrin: disaster awareness fair. zum katastrophischen in stadt, land und film. Wien 2006.

Schenk, Gerrit Jasper: „Katastrophen in Geschichte und Gegenwart. Eine Einführung.“ In: Gerrit Jasper Schenk (Hg.): Katastrophen. Vom Untergang Pompejis bis zum Klimawandel. Ostfildern 2009, S. 9-19.

Scholz, Ronny/Wengeler, Martin: „‚Steuern runter macht Deutschland munter‘ und ‚Kriegen die Pleitebanker auch noch einen Bonus?‘ Zwei Wirtschaftskrisen in BILD.“ In: Ulrich Schmitz/Patrick Voßkamp (Hg.): Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (2012). Bd. 81: Sprache und Geld, S. 155-176.

Streeck, Wolfgang: Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Frankfurt a.M. 2013.

Walter, Francois: Katastrophen: Eine Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Leipzig 2010.

Wengeler, Martin: „‚Noch nie zuvor‘. Zur sprachlichen Konstruktion der Wirtschaftskrise 2008/2009 im SPIEGEL.“ In: Aptum, Bd. 2 (2010), S. 138-156.

Žižek, Slavoj: Der Erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus. Wien 1992.

Internetquellen

DFG-Projekt „Wissenskommunikation und ‚Denkstile‘“. In: http://denkstile-erinnern.de (11.06.2013).

DFG-Projekt „Sprachliche Konstruktionen wirtschafts- und sozialpolitischer Krisen in der BRD von 1973 bis heute“. In: http://www.uni-trier.de/index.php?id=41375 (11.06.2013).

ERC Starting Grant- Forschergruppe „The Principle of Disruption“, www.principleofdisruption.eu.

Richter, Wolfram: “Is Europe ready to give up national autonomy for the sake of the euro?” In: The Guardian online. In: http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jul/15/europe-economists-letters-national-autonomy (15.07.2012).

Wikipedia-Artikel „Krisenexperiment“. In: http://de.wikipedia.org/wiki/Krisenexperiment (11.06.2013).

Research group „Communicating Disaster“ am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld. In: https://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster (11.06.2013).

1 Das Konzept des Denkstils im Sinne Ludwik Flecks (1935/1980) greift ein aktuelles diskurslinguistisches DFG-Projekt an den Universitäten Halle und Leipzig auf, das die Wirtschaftsberichtserstattung in der DDR vor der Wende exemplarisch zum Thema macht. Auf dieser Basis „soll u.a. erklärt werden, warum Akteure, die in Kollektiven einsozialisiert sind, selbst zum ‚Opfer ihrer eigenen Propaganda‘ werden können bzw. warum Denkstile auch dann (weiter) wirken können, wenn sie sich als offenkundig wirklichkeitsdiskrepant herausstellen“. (In: http://denkstile-erinnern.de/ 11.06.2013) – Der diskursiven Konstruktion von Wirtschaftskrisen in der westdeutschen Medienöffentlichkeit von 1973 bis zur Gegenwart war ein kürzlich abgeschlossenes DFG-Projekt an den Universitäten Trier und Düsseldorf gewidmet, vgl. Wengeler/Ziem, in diesem Heft.

2 Vgl. z.B. Wengeler (2010) zur diskursiven „Konstruktion der Wirtschaftskrise 2008/2009 im Spiegel“, der zeigt, dass der Verweis auf die historische Sonderstellung, die allenfalls einen Vergleich mit den Verhältnissen um 1930 bzw. mit der Situation vor der Abwicklung der DDR-Wirtschaft erlaubt, im Kontext verschiedener Krisen „immer wieder neu ‚aufgeführt‘“ wird (ebd., S. 155). Ob dieser diskursimmanente Widerspruch bereits die Unangemessenheit der Einschätzungen belegt, wäre vor dem Hintergrund von Streecks (2013) These zu hinterfragen, wonach, vereinfacht ausgedrückt, die im öffentlichen Diskurs konstruierte ‚Folge‘ zeitlich und räumlich abgegrenzter ‚Wirtschaftskrisen‘ seit den 1970er Jahren in sozioökonomischer Perspektive eine zusammenhängende Krise – eben die im Titel des Buches thematisierte „vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ – darstellt. Zur Kategorie der Normalität im Kontext der gegenwärtigen Krise vgl. Link (2013).

3 Vgl. dazu auch die Programmatik der Forschungsgruppe „Communicating Disaster“ am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld 2010/11. In: https://www.uni-bielefeld.de/ZIF/FG/2010CommunicatingDisaster/ (11.06.2013).

4 Vgl. Link 2013. – Diese Paradoxie macht sich das soziologische Verfahren des ‚Krisenexperiments‘ methodisch zunutze, vgl. in: http://de.wikipedia.org/wiki/Krisenexperiment (11.06.2013); zur breiteren methodologischen Verortung vgl. Mehan/Wood 1986.

5 Vgl. das Arbeitsprogramm der ERC Starting Grant-Forschergruppe „The Principle of Disruption. A Figure Reflecting Complex Societies“ an der Unversität Siegen, www.principleofdisruption.eu.

 

 

Volltexte

 

Kirsten Nazarkiewicz, Holger Finke, Detlef Dolscius (Cpt i.R.)

Hierarchy in Motion. Using Different Resources for Participating in Communication when Dealing with Technical Difficulties in Airline Cockpits

 

Professional and well-trained communication in high-risk environments is supposed to successfully deal with technical failures and prevent catastrophes. When focusing on the human factor, hierarchy emerges as an important issue e.g. in the investigation of air accidents. Results suggest that if the so-called ‘authority gradient‘ is too steep, there is a lack of redundancy which otherwise could have opened up perspectives for other options of handling the situation. Our ethno-methodological analysis of communication sequences shows that ‘hierarchy’ has to be differentiated into different resources for participation in communication, like status, situational roles (pilot flying/not flying), conduct of talk and experience. Consequently, communication and constantly changing hierarchical constellations in the cockpit cannot be adequately described as one “authority gradient’; rather, they are based on a very dynamic set of situational asymmetries that can lead to eye level or other constellations, depending on how the participants locally use the communicative authority resources. The findings, based on video-taped and transcribed simulator training sessions of cockpit crews dealing with technical difficulties, lead to the conclusion that there is no given ‘optimum’ of hierarchy. The individual training of a context sensitive use of participation resources could help to establish the needed efficiency and redundancy in crew interaction, adjusted to the situational requirements of the local and specific risk context.

 

 

Arndt Niebisch

Kleist’s Turbulences or “Learning from Nature”

 

My article explores how Heinrich von Kleist’s famous novella Das Erdbeben in Chili can be understood as a philosophical treatise about the dynamics of history. I argue, based on Manuel DeLanda’s historical reflections from his book A Thousand Years of Nonlinear History that Kleist demonstrates in his narrative how historical change manifests itself through complex interactions that create turbulences. These turbulences withdraw from a teleological model of history and implement a chaotic understanding that underlines the unpredictability of history. In my concluding remarks, I highlight that such a ‘chaotic’ perspective is not necessarily a heuristic projection of contemporary theoretical models onto Kleist’s text, but can also be found in several of his own philosophical writings and in the nearly contemporaneous work of Carl von Clausewitz.

 

 

Martin Wengeler/Alexander Ziem

How We Talk About Crises. Some Results of a Discourse-Historical Research Project

 

In this article, we report on basic findings of a discourse-historical study on linguistic constructions of economic and social-political ‘crises’ in Germany from 1973 to 2009. The study is based on a text corpus comprising approximately 11,000 newspaper articles that address one of the following ‘crises’ in Germany: (a) the ‘oil crisis’ in 1973/1974, (b) the so-called ‘party political turnaround’ in 1982, (c) the ‘labor market crisis’ in 1997, (d) the ‘Agenda 2010’ in 2003, and (e) the ‘financial crisis’ in 2008/2009. The guiding hypothesis is that the way we talk about crises, and thus linguistically conceptualize the phenomena addressed, substantially shapes the way we think and envision facets of crises. Employing both data-driven methods of corpus analysis and interpretative techniques in the domain of content analysis, we (a) systematically compare the vocabulary of the crises in terms of their specific and shared lexis, (b) provide detailed, frame-based investigations of important key words, and (c) highlight and analyze significant discourse-specific metaphors as well as argument patterns. Overall, the results obtained contribute to a more comprehensive account of a contemporary history of public language use in German.

 

 

Hartmut Böhme

Post-Catastrophic Forms of Coping with Flood Disasters Since Antiquity

 

In ancient as well as in modern times, the frightening power of natural disasters and their destructive effects challenge mankind in terms of sense-making and problem-solving abilities. The paper characterizes the different strategies of risk management now and then, using the example of catastrophes related to water. Whereas in Mediterranean cultures natural disasters were interpreted as signs of a disruptive communication between (the) god(s) and man that require symbolic healing, modern risk management focuses on the physical event, the statistic measuring of its dimensions and the compensation of its material damage. Furthermore, the symbolic processing of fear of water as an element of technical loss of control is exemplified, referring to the wreckage paintings of the Russian 19th-century painter Ivan Konstantinovich Aivazovsky.

 

 

Lars Koch/Tobias Nanz

Aesthetic Experiments. The Function of Disruption in Art

 

Disruption is a phenomenon that has gained the attention of a broad and diverse range of academic disciplines. Building on this work we propose that disruptions are by no means solely destructive but rather have productive consequences. We aim to establish disruption as a starting point for the analysis of formulas of societal self-description. In this, epistemological and aesthetic aspects of disturbances will be focused since these moments of interruption or loss of order evoke efforts of theoretical or practical consolidation of the social sphere. After discussing the history of experimentalization of the life sciences, we point out how art can be understood as an experimental system that integrates and explores the function of disruption. Second, the relationship between factual and fictional knowledge and how both impact on society through the fabrication of different worlds are to be questioned. Finally, we will argue that art such as literature, film, modern theatre, or performances use disruptions as a tool, with which the perception of the past, present and future and of the society itself can be shaped. They achieve this by employing powerfully repercussive narratives that construct political and socio-cultural coherence through the symbolic re-integration of imaginary or real disruptive incidents.

 

 

Lars Koch

Christoph Schlingensief’s “Image Disruption Machine”

 

The mechanisms of disruption in paradigmatic performances of Christoph Schlingensief like “Talk 2000” and “Chance 2000” which established his reputation as “agent provocateur” are to be investigated in this paper. With his artistic events and stagings that often integrated marginalized people Schlingensief aimed less at creating scandals, but at irritating the ways of perceiving societal reality. The paper illustrates the functionality of the “image disruption machine”, Schlingensiefs mode of achieving alienation effects that implies a subversive counter-strategy against commercialization and exclusion.

 

 

Tobias Nanz

The ‘Red Phone’. A Hybrid Object of the Cold War

 

The ‘Red Phone’, understood as a telephone connection between the Cremlin and the White House, never existed. In this paper I treat it as a hybrid object of knowledge, whose materiality is mixed with facts and fictions. When the fictitious object first appeared in literature and film it was still relatively amorphous and insignificant. Only due to an increased production of signs, symbolic attributions, narrative strategies and rhetorical figures was the notorious Cold War apparatus constituted. As a discursive object the ‘Red Phone’ in turn provides specific information on a form of knowledge characteristic of this period. The ‘Red Phone’ is closely connected to crisis situations that deal with apocalyptic scenarios. To better understand this hybrid object this paper will analyze the short story „Abraham ’59 – A nuclear Fantasy“ (Harvey Wheeler) and the novel Fail-Safe (Eugene Burdick/Harvey Wheeler) that both stage a telephone connection between Moscow and Washington, which aims at deescalating a crisis situation.

 

 

Michael Szurawitzki

On Compound Nouns in Sarah Kuttner's Novel Mängelexemplar

 

In this paper, compound nouns in Sarah Kuttner's novel Mängelexemplar are analyzed. From the 913 types of compounds found in the novel, 115 types of endocentric compounds, which are stylistically interesting and noticeable due to their creative compound structure, are analyzed more closely. The analysis consists of three parts: In the first part, a formal structural analysis is conducted, with the aim of summarizing what possible forms of compounding have been used. This analysis is based on the compounds’ modifiers, which fall into different categories, and for which Fleischer/Barz (2012) have provided a systematic descriptive basis. In the second part of the analysis, a more detailed analysis of the formative structures of the largest group found, i.e. endocentric substantive compounds, is performed, paying attention to the potential complexity of the occasional compounding structures. In the third and final step of the analysis, semantic issues related to the compounding processes are discussed.