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Lili - Heft 107



Wolfgang Klein

Nobels Vermächtnis, oder die Wandlungen des Idealischen

 


Zusammenfassung/Summary

Nobel's legacy, or the metamorphosis of what is idealistic Ever since the first Nobel prize in literature was awarded to Prudhomme in 1901,
the decisions of the Swedish Academy have been subject to criticism. What is surprising in the changing decision policy as well as in its criticism is the fact that Alfred Nobel's original intentions are hardly ever taken into account: the Nobel prize is a philanthropic prize, it is not meant to select and honour the most eminent literary work but the work with maximal benefit to human beings. What is even more surprising is the fact that no one seems to care that the donator's Last Will is regularly broken.

 

 

 


 

 

er hat, obwohl völlig unbewandert in der Bibelkritik,
in willkürlicher Weise das Neue Testament in halb
rationalistischem, halb mythischem Geist umredigiert



Aus dem Gutachten des Nobelkomitees
über Tolstoi 1902



 

1

 

Das geht natürlich nicht, daß man ein Testament, und zumal das Neue, nach eigenem Gutdünken umdeutet, namentlich wenn man in der Bibelkritik nicht bewandert ist. Es war dies nicht das einzige Argument, das im Jahre 1902 das Nobelpreis-Komitee und seine Gutachter bewogen hat, den Preis auch in jenem Jahre nicht dem Verfasser von Krieg und Frieden, Anna Karenina und Der Tod des Iwan Iljitsch - drei Werke, die für sich allein schon jeweils die Verleihung von ungefähr drei Nobelpreisen verdienen würden - zuzuerkennen, sondern statt dessen
Mommsen. So wurde weiterhin ausgeführt, daß jemandem, der das Geld für ein Übel hält, ja sich sogar ausdrücklich gegen Geldpreise ausspricht, ein solcher nicht aufgedrängt werden sollte. Dies bezieht sich auf einen Kommentar Tolstois aus dem vorausgehenden Jahr, er sei froh, den Preis - es war dies der erste Nobelpreis für Literatur überhaupt, und Prudhomme war der Geehrte - nicht erhalten zu haben, weil dieses Geld, wie alles Geld, doch nur Böses bewirken könne. Bei jedem außer bei Tolstoi würde dies nach sauren Trauben klingen. Aber
der alte Mann von Jasnaja Poljana war wohlhabend, ja reich, und er hat, gegen den erbitterten Widerstand seiner Familie, den größten Teil seiner Einkünfte ohnehin verschenkt; so nimmt man ihm ab, daß er seine Worte ganz ernst gemeint hat, und man darf auch dem Komitee abnehmen, daß es dies richtig verstanden hat und nicht einfach verärgert war. Aber der eigentliche Grund dafür, ihm den Preis nicht zu geben - nach allgemeiner Auffassung damals und nach allgemeiner Auffassung heute eine monströse Fehlentscheidung - war ein anderer: Tolstoi war
dem Komitee und auch der Schwedischen Akademie nicht »idealisch« genug.

 

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Ich entnehme diese Tatsachen dem schönen Buch von Kjell Espmark über den Nobelpreis für Literatur (Espmark 1988). Es ist dies aus vielen Gründen ein sehr lehrreiches Buch. So räumt es mit dem gemeinen Vorurteil auf, die Schwedische Akademie und das sie beratende Komitee habe ihre Entscheidungen nach rätselhaften Kriterien und ohne Gefühl für wahrhaft große Literatur vorbei an den wirklich bedeutenden Schriftstellern und Dichtern unserer Zeit getroffen. Die Liste derer, die immer wieder angeführt werden, ist lang und beeindruckend: Warum nicht Tschechow, Tolstoi, Proust, Joyce, Kafka, Rilke, Brecht, warum Eucken, Gjellerup, Pearl S. Buck, um nur einige der oft zitierten Namen zu erwähnen.

 

Wenn man sein Urteil über die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts auf die Vorschläge des Nobelpreiskomitees gründen wollte, so würde man in der Tat ein merkwürdiges Bild erhalten. Es wäre fast so merkwürdig wie das Bild der Literatur um 1800, das man erhielte, wenn man die Einschätzungen Goethes zugrundelegen wollte. Oder so merkwürdig, als würde man die französische Literatur in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nach den Würdigungen von Sainte-Beuve kanonisieren. Es ist leicht, sich über die Entscheidungen der Stockholmer zu mokieren, und es ist oft genug getan worden. Aus dem Buch von Espmark lernt man nun unter anderem, daß die Juroren - das
sind die achtzehn Mitglieder der Schwedischen Akademie, die Mitglieder des beratenden Komitees und auch die anderen, die gelegentlich um Gutachten gebeten wurden - durchweg nicht nur sehr sachkundig waren, sondern auch mit großer Sorgfalt und Redlichkeit vorgegangen sind. Man lernt aus Espmarks Darstellung weiterhin, daß die Juroren zwar allesamt ihre spezifische Blickweise hatten, aber daß sie stets versucht haben, ihre Anschauungen zu begründen: Ihre Voten waren keine nicht weiter hinterfragten Geschmacksbekundungen, sondern es wurde versucht, das Urteil so weit als eben möglich durch Argumente abzusichern - wie immer man diese Argumente selbst einschätzen mag. Und man lernt schließlich, daß die Juroren sich sehr wenig um den Auftrag Alfred Nobels bekümmert haben.

 

In diesem Aufsatz will ich drei Fragen diskutieren, nämlich: Was hat Alfred Nobel gewollt? Was haben die Juroren daraus gemacht? Wie hätte man sonst vorgehen sollen? Im Hintergrund aber steht eine vierte, umfassendere Frage, die direkt zu thematisieren aber sinnlos wäre, weil sie zu allgemein ist: Gibt es überhaupt vernünftige Maßstäbe, um literarische Leistungen zu werten?

 

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2 

 

Als Sprachwissenschaftler wiegt man sich in der Vorstellung, daß alle Texte zwar der Deutung gewisse Spielräume eröffnen, daß aber die Regeln der Sprache, in der diese Texte geschrieben sind, der Freiheit der Deutung gewisse Grenzen auferlegen. Es gibt Fälle, in denen diese Spielräume sehr groß sind. Gedichte, überhaupt literarische Texte sind das offensichtlichste Beispiel. Aber auch da zählt der Wortlaut. Wenn es heißt »Warst im Augenblick so nah«, so kann man dies unterschiedlich ausdeuten; aber es ist klar, daß es nicht dasselbe bedeutet wie
»Warst im Augenblick so fern«. Die beiden deutschen Wörter »nah« und »fern« mögen vage sein und verschiedene Interpretationen zulassen; aber sie bedeuten etwas anderes, und wer dies, wer den Wortlaut übergeht, würde diese Textstelle falsch interpretieren. Und daß es Texte gibt, in denen dieser Gegensatz aufgehoben zu sein scheint (»Wie ist mir deine Nähe fern«), spricht nicht dagegen: Es bedeutet nicht dasselbe wie »Wie ist mir deine Nähe nah«. Viel geringer noch sind die Spielräume der Ausdeutung bei Texten, die keinen literarischen Anspruch haben, sondern erklärtermaßen klar sein wollen, zum Beispiel für Testamente. Im Neuen Testament, von dem weiter oben schon die Rede
war, heißt es beispielsweise bei Markus 10, 25: »Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel.« Es ist vollkommen klar, was dies bedeutet; der Wortlaut läßt nicht den geringsten Zweifel: Ein Reicher kann nicht in den Himmel kommen. Die Unmöglichkeit wird durch eine drastische Metapher beschrieben; es heißt nicht »es ist unmöglich«; es heißt, daß es ebensowenig möglich ist wie, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr kommt. Manche meinen, mit »Nadelöhr« sei ein besonders enges Törchen in Jerusalem gemeint, oder statt Kamel müßte es eigentlich »Tau« heißen. Seltsame Auslegungen. Aber auch wenn sie richtig wären - es würde gar nichts ändern. Gemeint ist ganz klar, daß es unmöglich ist - wobei bei Gott natürlich nichts unmöglich ist. Nicht nur der Wortlaut, auch der ganze Kontext von Markus 10 macht es klar, und die Jünger sind leidlich bestürzt. Trotzdem gelingt es vielen, sich um das, was da glasklar gesagt ist, irgendwie herumzuwinden (darunter auch allen Lesern dieses Essays).

 


Der große Tolstoi hat es genau so verstanden, wie es da steht und wie es offenkundig gemeint ist. Er hat sich eben nicht in der Bibelkritik ausgekannt. Aber jene, die das Amt der Auslegung für sich in Anspruch genommen haben, haben eine andere Deutung gefunden, und sie handeln danach, und sie lassen auch andere danach handeln, auf die Gefahr hin, ja auf die klare Aussage hin, daß dadurch das Himmelreich verwirkt wird.

 

Ein neueres, freilich viel unbedeutenderes Testament ist das von Alfred Nobel, das er vor gut hundert Jahren niedergelegt hat. Die drei wesentlichen Punkte dieses Testaments sind (zitiert nach Espmark 1988, S. 10):

 

1. Der Ertrag des Kapitals soll jährlich »als Preisbelohnung an diejenigen
verteilt werden, die im vorangegangenen Jahre der Menschheit den größten
Nutzen erwiesen haben.«
2. Ein Fünftel davon geht »an den, der in der Literatur das vorzüglichste Werk
idealistischer Prägung geschaffen hat.«
3. Die Entscheidung darüber wird der Schwedischen Akademie übertragen.

 
 

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Wie kann man dies verstehen? Der letzte Satz ist völlig klar, und seine Auslegung hat denn auch wenig Schwierigkeiten bereitet. Anders ist es mit den beiden ersten. Was kann da gemeint sein? Intuitiv würde man sagen, daß das Geld an jene gehen soll, die im vorausgehenden Jahre der Menschheit den größten Nutzen erwiesen haben. Weiterhin würde man annehmen, daß ein Fünftel an jenen gehen soll, der im vorausgehenden Jahr das vorzüglichste Werk idealistischer Prägung geschaffen hat. Man würde es nicht so verstehen, daß das Geld an jenen
gehen soll, der im vorausgehenden Jahre die meisten Tore im Europacup geschossen hat, denn dieser hat lediglich seiner Mannschaft den größten Nutzen erwiesen, nicht aber der Menschheit. Auch würde man nicht verstehen, daß es an jenen gehen soll, der vor sieben Jahren der Menschheit den größten Nutzen erwiesen hat, denn es heißt »im vorangegangenen Jahre« und nicht »vor sieben Jahren«. Umgekehrt ist
mit dem Wortlaut nicht unvereinbar, daß der Preis beispielsweise an jenen geht, der im vorangegangenen Jahr ein Schwarzes Loch postuliert hat, sofern man denn der Meinung ist, daß die Postulierung eines Schwarzen Lochs der größte Nutzen ist, der der Menschheit im vorausgehenden Jahr von seiten dieser wissenschaftlichen Forschungsrichtung erwiesen wurde; andernfalls wäre es ein klarer Bruch der testamentarischen Verfügung.

Die Entdeckung jener beiden australischen Ärzte, daß Magengeschwüre im wesentlichen von Bakterien verursacht werden und demnach vergleichsweise leicht mit Antibiotika zu behandeln sind, kann, so müssen wir schließen, nach Ansicht der Experten nicht von sehr großem
Nutzen für die Menschheit gewesen sein. Jedenfalls muß es in jenem Jahr, und auch in den folgenden Jahren, doch deutlich nützlichere Entdeckungen auf dem weiten Feld der Heilkunst gegeben haben. Und wir werden nicht annehmen wollen, daß die Testamentsvollstrecker Alfred Nobels sich nicht an das gehalten haben, was sie zu vollstrecken versprochen haben, nämlich das Testament Alfred Nobels. Nun betrifft dies den Nobelpreis im allgemeinen; bevor ich auf den Nobelpreis für Literatur im besonderen komme, ist noch zweierlei zu bemerken. Zum einen ist die Auszeichnung ein humanitärer Preis, der nicht nur dazu dienen soll, jene, die etwas besonders Nützliches für das Wohl der Menschheit getan haben, für das Getane zu ehren: Vor allem soll er sie auch ermutigen und es ihnen oft genug erst ermöglichen, dieses humanitäre Wirken zum Vorteil der Menschheit fortzusetzen. Deshalb soll der Preis nicht posthum verliehen werden, ja nicht einmal an noch lebende Wohltäter, von denen man ein solches Wirken weiter nicht erwarten kann. Dies ergibt sich nicht aus den oben zitierten Stellen,
wohl aber aus weiteren Verfügungen Alfred Nobels.

Zum anderen ist der Nutzen für die Menschheit, immerhin derzeit 5,8 Milliarden Menschen, nach einem Jahr oft schlecht abzuschätzen; manchmal zeigt er sich erst etwas später. Es ist daher eine klare Abweichung vom Wortlaut, wenn man »im vorangegangenen Jahr« durch »in den vorangegangenen Jahren« ersetzt. Aber eine solche Abweichung ist vielleicht erforderlich, um zu einer sinnvollen Abwägung des größten Nutzens zu kommen. Darum ist in den Statuten der Nobel-Stiftung festgelegt worden, daß
in diesem Punkt vom Wortlaut abgewichen werden kann; es können auch ältere Arbeiten geehrt werden, allerdings nur, »wenn ihre Bedeutung erst in letzter Zeit klar erwiesen worden ist.« (Espmark 1988, S. 11). Doch ist dies eindeutig eine Ausnahme, die gelegentlich erforderlich ist, um den eigentlichen Zielen besser Rechnung tragen zu können. Es ist sicher nicht zulässig, ein Buch zu ehren, wenn es schon vor dreißig Jahren veröffentlicht wurde und sein Rang seit langem bekannt ist.

 
 

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Der Nobelpreis für Literatur ist nach Absicht seines Stifters ein Preis für das Buch des Jahres. Es ist ein Preis für jenes literarische Werk, das im vorausgehenden Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht hat; in Ausnahmefällen kann er auch für ein Buch vergeben werden, daß früher erschienen ist, dessen Nutzen sich aber erst jetzt gezeigt hat. So weit ist das Testament Alfred Nobels völlig unmißverständlich. Es ist so gut wie nie befolgt worden. Ist das recht gehandelt?

Es ist dies eine juristische Frage und eine moralische Frage. Juristisch darf man es sicher nicht, aber es scheint bislang niemand Klage vor Gericht erhoben zu haben. Die moralische Frage ist ein wenig heikler. Wenn jemand in seinem Testament klar und unmißverständlich verfügt, daß der gesamte künftige Ertrag seines Vermögens zum Wohle von streunenden Katzen verwendet werden soll, so wäre es ohne jeden Zweifel ein Verstoß gegen diese Verfügung, wenn die Testamentsvollstrecker es statt dessen zum Wohl hungernder Kinder gebrauchen würden; aber es wäre ein Verstoß, den man für moralisch vertretbar halten möchte. Die Nobelpreis-Komitees für Physik, Chemie und Biologie haben das Geld im wesentlichen verwendet, um die bedeutendste wissenschaftliche Entdeckung auf diesen Gebieten zu ehren - unabhängig davon, ob sie im vorausgehenden Jahr gemacht wurde, und auch weithin unabhängig davon, ob sie der Menschheit den größten Nutzen gebracht hat (und einige Kriterien dafür hat man schon). Alexander Flemings Entdeckung war keine bedeutende wissenschaftliche Leistung; aber es gibt nur wenige Entdeckungen in diesem Jahrhundert, die mehr Menschenleben gerettet haben, die mehr Leid gelindert haben als die Entdeckung
des Penicillins. Aber dies ist, aufs Ganze gesehen, eher eine Ausnahme; im allgemeinen haben die Juroren sich nicht so sehr für den Nutzen interessiert, und sie haben ihn selten nachgeprüft. Mir selbst, wiewohl auch in der Grundlagenforschung, scheint dies moralisch nicht richtig; aber es ist auch nicht ausgesprochen unmoralisch, jedenfalls nicht so sehr. Es ist gut gemeint, wenn auch nicht so, wie Nobel es gemeint hat. Wie ist dies aber mit dem Nobelpreis für Literatur? Ist es anständig, einfach die Festlegungen des Stifters zu übergehen und statt dessen etwas zu tun, was man für wichtiger hält, nämlich den vermeintlich größten Dichter zu ehren?

 

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3 

 

Nobel hat sich, was den literarischen Preis betrifft, näher festgelegt. Er hat nicht nur gesagt, daß das Werk im vorausgehenden Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben muß. Er sagt auch, daß er an jenen gehen soll, der im vorausgehenden Jahr in der Literatur das vorzüglichste Werk »idealistischer« oder, wie man vielleicht eher sagen sollte, »idealischer« - im Schwedischen heißt es »idealisk« - Prägung geschaffen hat. Das Buch des Jahres muß der Literatur angehören, und es muß idealischer Prägung sein. Beide Bestimmungen eröffnen der Interpretation erhebliche Spielräume. Man kann den Begriff der Literatur enger und weiter fassen. Anders als bei »im vorangegangenen Jahre«
läßt die Sprache hier gewisse Freiheiten. Komitee und Akademie haben das Wort in der Regel eng ausgelegt - Drama, Epik, Lyrik, sie haben in einzelnen Fällen aber auch historischen Werken literarische Eigenschaften zugesprochen, beispielsweise bei Mommsen oder bei Churchill. Dies könnte man auch anders sehen, beispielsweise nach den Kriterien des PEN-Clubs. Aber die von den Juroren gewählte Deutung ist sicher eine mögliche, es ist sogar wahrscheinlich die übliche Interpretation von »im Bereich der Literatur«, und es gibt wenig Anlaß für die Annahme, daß Nobel es anders gemeint haben könnte.

 

Sehr viel schwieriger ist es mit der zweiten Bestimmung »idealischer Richtung«. So schreibt denn auch Espmark (1988, S. 10): »Tatsächlich erscheint die Geschichte des Literaturpreises zu einem wesentlichen Teil als eine Reihe von Versuchen, ein unklares Testament auszulegen.« Er bezieht dies freilich nur auf die Auslegung des schwedischen Wortes »idealisk«. Die lexikalischen Regeln des Schwedischen legen nicht sonderlich genau fest, wie dieses Wort zu deuten ist und was folglich der Stifter damit zum Ausdruck gebracht hat. Nach allem, was man von Alfred Nobel weiß, heißt es sicher nicht so etwas wie »wertkonservativ«. Der Erfinder des Dynamits war nicht staatstragend, er verabscheute die Kirche (die Auszeichnung von Mauriac hätte er sicher nicht als sehr passend empfunden), und etwas auszeichnen, das da blümelt und edelt,
den Menschen aber keinen konkreten Nutzen bringt, wäre ihm zu Lebzeiten sicher äußerst zuwider gewesen. Er glaubte an konkrete materielle Verbesserungen des Lebens, er hielt dafür, daß Wissenschaft und Literatur dazu dienen sollten, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern, er war - ein Kind des Neunzehnten Jahrhunderts - von der Vorstellung überzeugt, daß die Entwicklung der Menschheit in eine bessere, glücklichere Zukunft führen wird, daß Wissenschaft, Technik und auch Kunst uns dabei helfen sollen und können.

 

Dem Wahren, Guten und Schönen nachzuträumen, hätte er sicher nicht für idealisch gehalten (vgl. hierzu die Biographie von Fant 1995). Aber all dies ist im Testament nicht festgehalten, das Wort selbst gibt es nicht her. Es läßt verschiedene Deutungen zu, und man kann sich allenfalls überlegen, ob eine davon jene ist, die dem Stifter vorgeschwebt hat. Das Spektrum der Deutungen ist aber nicht unbegrenzt. Auf keinen Fall kann gemeint sein: »das vorzüglichste literarische Werk« oder »jenes Werk, das den höchsten ästhetischen Ansprüchen genügt«. Dies ist aus zwei Gründen ausgeschlossen. Erstens hat Nobel nicht gesagt »das vorzüglichste literarische Werk«, sondern »das vorzüglichste literarische Werk idealischer Prägung«. Es ging ihm nicht um das literarische Werk als solches, sondern um Werke bestimmter Prägung, was immer man nun unter dieser Prägung verstehen mag. Zweitens ist in der übergeordneten Bestimmung klar zum Ausdruck gebracht, daß es um jene Leistung geht, die der Menschheit im vorausgehenden Jahr den größten Nutzen gebracht hat. Es geht nicht um die Kunst, sondern um den Nutzen. Um die Kunst geht es vielleicht insoweit, als sie von Nutzen ist. Das mag man für unerwünscht halten, aber so ist es nun einmal im Testament gesagt: Es geht um den Nutzen, nicht um die Kunst.

 
 

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Das Merkwürdige an der Markus-Stelle, die weiter oben zitiert wurde, ist ja nicht, daß man sie so oder so ausdeuten könnte, oder daß man nicht recht versteht, wieso Christus dies so gesagt hat (wenn man denn an das Zeugnis des Neuen Testaments glaubt). Das Merkwürdige ist, daß der Wortlaut völlig klar ist, und keiner, sofern er denn ein bißchen Geld hat, es so versteht, wie es da steht. Tolstoi hat es so verstanden, wie es da steht, aber sofort wird er für nicht preiswürdig gehalten und überhaupt für etwas verrückt. Auf keinen Fall sollte man - ein Gedanke, in dem durchaus eine gewisse Logik liegt - einem solchen auch noch Geld geben. Statt dessen wird jeder versuchen, irgendeine Umdeutung zu finden, mit der er (oder sie) leben kann. Es steht zwar so bei Markus, zugestanden, aber irgendwie wird es schon nicht so gemeint sein. Ebendies wird nun ein jeder, dem die schöne Literatur teuer ist, auch mit Nobels Testament versuchen. Es ist zwar ganz eindeutig, daß es nicht um den ästhethischen Wert als solchen geht, um das vorzüglichste Werk im Bereich der Literatur aus dem Vorjahr überhaupt, es geht um den Nutzen für die Menschheit. Aber so wird es schon nicht gemeint sein, viel wichtiger ist es doch, das literarisch bedeutendste, das schönste, das künstlerisch wertvollste Werk auszuzeichnen. Dem einen oder anderen ist dieser Widerspruch gelegentlich aufgefallen, beispielsweise Martin Walser in seinem Vorwort zu einem Buch mit dem schönen Titel Ruhm und Ehre. Die Nobelpreisträger für Literatur (Walser o.J.). Aber so ist es nun einmal gekommen.

Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, wie man dies für eine redliche Deutung eines Testaments halten kann. Eine Verfügung, die bedeutende Finanzmittel einem Heim für herrenlose Pudel zukommen läßt, umzudeuten, ach was, zu brechen und dieses Geld hungernden Kindern zukommen zu lassen, ist vielleicht gegen das Gesetz, aber man würde sich gut dabei fühlen. Eine Verfügung, die bedeutende Finanzmittel für jene Leistung vorsieht, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht hat, so umzudeuten, ach was, zu brechen, daß das literarisch bedeutendste Werk ausgezeichnet wird, ist nicht so leicht einzuordnen. Genau dies geschieht aber seit fast einem Jahrhundert.

Es wäre ungerecht, den Juroren ein unredliches Spiel vorzuhalten. Wenn man das Buch von Espmark über den Nobelpreis für Literatur liest, kann man nicht anders als die Umsicht und auch die Redlichkeit derer zu achten, die für Entscheidungen verantwortlich sind. Sie haben ihren besonderen Blickwinkel und ihre eigenen Wertmaßstäbe, aber sie versuchen, ihre Entscheidung so gut abzusichern und zu begründen, als es eben geht. Es fällt schwer sich vorzustellen, daß irgendjemand dies hätte in redlicherer Weise tun können. Dennoch verstoßen sie konstant gegen Wort und Geist des Vermächtnisses.

Dies ist ein eigentümliches Faktum, das schwerer zu erklären ist als beispielsweise die konstante, zweitausendjährige Umdeutung von Markus 10, 25: »Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel«. Es ist menschlich verständlich, daß der Reiche nicht arm werden will und trotzdem das Himmelreich erlangen möchte. Und der Arme möchte reich werden und außerdem in den Himmel kommen. Seinen Besitz mehren und sichern zu wollen, ist für den Menschen eine fundamentale Überlebensstrategie. Sie mag sich, wie alle Überlebensstrategien, zwar ins Pathologische wenden; aber im großen und ganzen hat der Reiche einen erheblichen Selektionsvorteil. So ist denn naheliegend, eine Festlegung, die zum gegenteiligen Handeln anhält, irgendwie umzudeuten oder nicht ernst zu nehmen, um auf diese Weise tiefen Trieb und Wortlaut in Einklang zu bringen. Aber was kann ein Gremium wohlmeinender und redlicher Männer (und gelegentlich Frauen) veranlassen, gegen die klare Festlegung den Nutzen für die Menschheit hintanzustellen und desparat nach Kriterien zu suchen, die bedeutendste künstlerische Leistung der letzten Jahre zu ermitteln? Ich komme gleich auf diese Frage zurück, will aber zuerst noch kurz
auf einen anderen Punkt eingehen; dies ist die Auseinandersetzung mit den Entscheidungen der Akademie.

 
 

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4 

 

Die Urteile der Schwedischen Akademie sind nicht immer mit Beifall aufgenommen worden. Schon die allererste Entscheidung, die Verleihung des Preises an Sully Prudhomme, hat entschiedenen Widerspruch hervorgerufen; viele waren der Meinung, daß die Auszeichnung eigentlich Tolstoi gebühre, eine Auffassung, der das Komitee im folgenden Jahr ausdrücklich widersprochen hat. Die Kritik seither reicht von milder Verwunderung bis zu hämischen Kommentaren und scharfen Angriffen; ich habe im ersten Abschnitt einige der bekanntesten »Fehlurteile«
genannt. Diese Kritik ist, wie von Kundigen bemerkt wurde, oft ganz unsinnig; Kafka war zu Lebzeiten - und der Preis kann nur Lebenden zuerkannt werden - fast völlig unbekannt, ebenso Proust oder Trakl, und hätte Joyce ihn ein Jahr nach Erscheinen des Ulysses erhalten, so hätte man sich damals mindestens ebensosehr gewundert, wie man sich heute darüber wundert, daß er ihn nicht erhalten hat. Was an all dieser Kritik auffällt, ist, daß sie durchweg auf eine andere Einschätzung der literarischen Bedeutung zielt. Auch aus diesem Grunde ist sie oft unsinnig, nur die wenigsten, die sich kritisch äußern, haben sich so viel Mühe gemacht, den Würdigsten zu finden, wie das Komitee und die Schwedische
Akademie. Andere wiederum machen sich zu eigen, was man gern das »Urteil der Geschichte« nennt. Aber die Preisvergabe kann nicht das Urteil der Geschichte abwarten; die Geschichte der Nobelpreise ist zwar schon hundert Jahre alt, aber die Entscheidungen werden fortwährend getroffen, bis ins letzte Jahr.
Auch ist es eine Narretei zu glauben, das »Urteil der Geschichte« zeichne sich durch besondere Gerechtigkeit aus. Es ist dies eine merkwürdige sozialdarwinistische Denkweise: Was nach einiger Zeit überlebt hat, muß halt auch das Beste sein. Was an den Juroren der Juroren hier auch auffällt, ist eine gewisse Phantasielosigkeit. Hölderlin hatte um 1800 ein gewisses Ansehen, um 1900 war er nur einigen Literaturwissenschaftlern noch bekannt, wiederum hundert Jahre später gilt er als einer der größten deutschen Dichter. Prudhomme hatte um 1900 ein gewisses Ansehen, um 2000 ist er nur einigen Literaturwissenschaftlern noch bekannt, wiederum hundert Jahre später gilt er ...? Das Urteil der Geschichte bleibt nicht gleich. Vor allem aber: Das Urteil der Geschichte darf nach dem Willen des Stifters nicht abgewartet werden. Es ist das Ziel des Nobelpreises, Geschichte zu machen, nicht aber, sie abzuwarten.

Dies bringt uns zum eigentlichen Punkt. Es sind nicht nur die Juroren, die vom Willen des Stifters in eklatanter Weise abgewichen sind - es sind alle, die glauben, sie hätten ein Urteil in Sachen Literatur. Es interessiert sie nicht, was der alte Schwede wollte. Er liebte die Literatur und hat selbst Gedichte geschrieben. Aber er hatte nicht im Sinn, Gedichte zu ehren, bloß weil sie schön sind. Er wollte den Nutzen für die Menschheit (derzeit 5,8 Milliarden). Seine humanitären Absichten achten jene, die eine Meinung zum Nobelpreis für Literatur haben, im allgemeinen für gering. Zum Teil mag dies einfache Unkenntnis sein; aber dann ist es Unkenntnis, die leicht zu beheben wäre. Es ist bemerkenswert, daß die meisten »offensichtlichen Fehlurteile« in das erste Jahrzehnt nach Stiftung des Preises fallen. Drei Deutsche haben ihn in dieser Zeit erhalten - Mommsen, Eucken, Heyse. Prudhomme ist schon erwähnt worden. Selma Lagerlöf. Aber es war dies in der Tat jene Zeit, in der man noch am
ehesten versucht hat, nicht nur literarische Kriterien gelten zu lassen, sondern das »Idealische«; die Deutung, die man diesem Begriff gegeben hat, war wahrscheinlich so ungefähr das Gegenteil dessen, was Nobel im Sinne hatte. Es fällt schwer sich vorzustellen, daß der Verherrlicher des Empire, Rudyard Kipling, ein Vertreter der »idealischen Richtung«, einer von jenen ist, die in besonderem Maße für das Wohl der Menschen eingetreten sind. Aber immerhin, in jenen Jahren hat zumindest das Komitee versucht, Nobels Verfügungen in gewissen Grenzen Rechnung zu tragen. Seither hat der Wille des Stifters zunehmend an Einfluß verloren. Die Juroren, die amtlichen und die selbsternannten, lieben die Literatur, aber nicht die idealische. Sie wollen die Kunst mit Geld und Ehre bedenken, nicht aber den Nutzen der Literatur für die Menschheit würdigen. Wenn daher George Steiner seinen Artikel in der York Times (Okt. 1984) mit »The Scandal of the Nobel Prize« überschreibt, so liegt der Skandal nicht darin, daß Kafka, Proust und Joyce nicht ausgezeichnet wurden. Er liegt darin, daß man Nobels Vermächtnis nicht geachtet hat, weder von seiten der Schwedischen Akademie noch von seiten ihrer Kritiker.

 

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5 

 


Was entschuldigt dieses Handeln, wenn ihm denn nicht böser Wille oder bloße Unkenntnis zugrundeliegen? Es gibt eigentlich nur eine Erklärung. Die Juroren aller Lager sind offenbar der Meinung, daß die Literatur keinen sonderlichen Nutzen für die Menschheit haben kann, es sei denn jenen, ein makelloses Gedicht, einen vollkommenen Roman, ein perfektes Drama zu schreiben. Dieser Gedanke scheint mir bizarr. Man muß hier zunächst vor einer Verwechslung warnen. Es geht nicht darum, ob die Bedeutung eines literarischen Werkes gleichwelcher Art von seinem Nutzen für die Menschheit abhängt. Dies ist zumindest in meinen Augen nicht der Fall, es sind dies ganz andere Wertskalen. Es ist eines, ob etwas nützlich ist, und ein anderes, ob es schön ist. Alle Sprachen machen diesen Unterschied, und wer etwas anderes sagt, hat nicht einen anderen Literaturbegriff, sondern kann kein Deutsch, kein Englisch, kein Französisch, kein Schwedisch. Es wäre eine merkwürdige Sprache und eine noch merkwürdigere Gesellschaft, in der Schönheit und Nutzen für die Menschheit nicht unterschieden würden. Dies besagt nichts darüber, wem man unter welchen Bedingungen den Vorzug geben soll. Man mag die Schönheit höher schätzen als den Nutzen und umgekehrt, oder manchmal so und manchmal so; aber es ist nicht dasselbe. Ob ein Text von einem gelesen wird, von zehn, von einer Million oder von hundert Millionen, ändert nichts an seinen ästhetischen Qualitäten. Aber ein Gedicht, das nur von einem gelesen wird, hat keinerlei Nutzen für die Menschheit. Man mag das Schöne für sich lieben, und mir selbst schwindelt noch nach vielen Jahren, wenn ich »Hälfte des Lebens« wiederlese. Aber das Entzücken der happy few mit dem größten Nutzen für die Menschheit gleichzusetzen, ist infam. Es ist die Art der Leute, die von dem Menschen reden, aber nicht von den Menschen.

 

 

 


 

6 

 

< font face="Arial">Wie könnte man dem Vermächtnis Nobels Rechnung tragen? Das Problem ist ein doppeltes: Man müßte klare Kriterien dafür entwickeln, was eigentlich der größte Nutzen für die Menschheit ist, und man müßte zweitens Methoden entwickeln, dies für den konkreten Fall - für ein literarisches Werk des Vorjahres, oder gut, auch der vorausliegenden Jahre - zu entscheiden. Das zweite ist schwierig, das erste scheint nahezu unmöglich.Es ist immerhin leichter möglich als eine Entscheidung nach rein ästhetischen Kriterien. Es gibt nämlich sehr wohl Maßstäbe für den Nutzen, die zu leugnen man schon ein sehr großer Heuchler sein muß. Man kann sie durch zwei einfache Fragen umschreiben: Ist ein Werk geeignet, das Leid der vielen zu mindern, und ist es geeignet, die Freude der vielen zu mehren? Dies sind vollkommen andere Maßstäbe als jene, die normalerweise bei der Zuerkennung von Nobelpreisen eine Rolle spielen, und wenn man sie anwendet, muß man folglich zu ganz anderen Einschätzungen kommen. Es schließt zunächst einmal all jene Werke aus, die keine oder eine nur sehr geringe Wirkung haben und von denen man auch nicht annehmen kann, daß sie eine solche Wirkung in der Zukunft zeitigen. Fassen wir es etwas präziser: Ein Werk, das nicht das Leben von mindestens einem Promille der Menschheit beeinflußt, sollte ausgeschlossen werden; man kann wirklich nicht sagen, daß es das Leid der vielen mindert oder die Freude der vielen mehrt. Oder gut, von einem Zehntelpromille. Dies heißt im übrigen nicht unbedingt, daß es von einem Zehntelpromille gelesen worden sein muß; aber es sollte Wirkungen auf das Leben von einem Zehntelpromille der Menschen haben. Aber wenn es noch weniger wird, dann kann man nicht mehr gut vom Nutzen für die Menschheit reden.

Was aber heißt, das Leid zu mindern und die Freude zu mehren? Das ist allgemein sehr schwer zu sagen. Aber es ist keineswegs so, daß man hier keinerlei Maßstäbe hätte. Ein Leben als Sklave scheint mir schon leidvoll, wie immer man das Leid unter metaphysischen Gesichtspunkten betrachten mag, und wenn ein Werk dazu beiträgt, die Sklaverei abzuschaffen, dann mindert es das Leid vieler. Deshalb wäre Onkel Toms Hütte, vielleicht neben Oliver Twist und Nicholas Nickleby, das würdigste Werk des vergangenen Jahrhunderts gewesen. Beide Autoren waren freilich schon lange tot, als der erste Nobelpreis verliehen wurde; aber man hätte ihn Tschechow geben können, und zwar für Die Insel Sachalin. Es sei dem Leser überlassen, die besten Kandidaten für dieses Jahrhundert zu küren.

 

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Fast schwerer noch ist zu bestimmen, was man unter »Freude« verstehen soll. Es scheint schon klar, daß Agatha Christie und Heinz Werner Höber (der meistgelesene deutsche Autor dieses Jahrhunderts und überhaupt aller Zeiten) mehr zur Freude der Menschen beigetragen haben als, sagen wir, Saint-John Perse. Aber irgendwie würden wir den Beitrag, den diese Autoren zum Glück der Menschen geleistet haben, zwar für einen bedeutenden, aber vielleicht doch etwas unwürdigen halten. Beide Kriterien, sowohl das des Leides der vielen, das gemindert wird, wie das der Freude der vielen, die gemehrt wird, scheinen uns in ihren Konsequenzen nicht akzeptabel. Vor allem aber gilt dies für das zweite. Wenn man denn noch bereit wäre, engagierte Literatur - sofern sie hohen literarischen Ansprüchen genügt - für preiswürdig zu halten, so sträubt
sich alles in uns, Wilhelm Busch oder Carl Barx die Palme zu reichen. Es ist aber die simple Wahrheit, daß ihre Werke der Menschheit mehr Freude gemacht haben als Mauriac, Quasimodo, Montale und Milosz zusammengenommen. Vielleicht kann man, um dieser unerwünschten Konsequenz zu entgehen, dem Begriff »Freude der vielen« eine etwas edlere Auslegung geben; er erlaubt ja durchaus ein gewisses Spektrum an Deutungen.

Klar aber ist eines: Es geht in Nobels Vermächtnis um Freud und Leid der Menschen, nicht um das ästhetisch oder wissenschaftlich Bedeutende.

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7 

 

Ich möchte diesen Essay mit zwei Bemerkungen schließen. Vielleicht mag in dem Gesagten ja irgendwo ein Denkfehler stecken; aber es scheint mir schon vollkommen eindeutig, was Nobels Vermächtnis besagt und daß es nicht eingehalten wird. Von niemandem, weder vom Komitee noch von der Akademie noch von jenen, die diese schelten. Aber niemand wird sich davon irritieren lassen. Nobel mag gesagt haben, was er will - geehrt wird das bedeutendste literarische Werk nach künstlerischen Maßstäben und der wichtigste Beitrag zur Grundlagenforschung. Dies ist eigentlich ein sehr merkwürdiges Verhalten, merkwürdig deshalb, weil es mit den besten Absichten geschieht. Es ist, als hätte Voltaire testamentarisch verfügt, die Erträge seines nicht unbeträchtlichen Vermögens sollten in seinem Geiste zur Aufklärung der Menschen verwandt werden, und die Testamentsvollstrecker würden ein jedes Jahr das schönste Kirchenlied auszeichnen - und zwar in voller Aufrichtigkeit, nach sorgsamer Prüfung und mit den besten Absichten. Was könnte der Verbreitung der Wahrheit mehr dienen als
Gottes Werke zu preisen? Und wenn jemand käme und sagte, daß dies eigentlich nicht Voltaires Absicht war, so würde man nicht diesen Umstand bestreiten, sondern sagen: Das mag ja zutreffen, aber das wäre eine banale Interpretation, mit vielen unerwünschten Konsequenzen. Wir verfahren anders, und es ist gut so, daß wir anders verfahren.

 

Das bringt mich zum zweiten Punkt. Was unser aller Reaktion auf Nobels Vermächtnis auszeichnet, ist so etwas wie ein idealistischer Zug. Es soll nicht der schnöde Nutzen für die Menschheit geehrt werden, für die vielen, die leiden und die sich freuen, sondern etwas viel Edleres - das Streben nach künstlerischer Vollendung und nach reiner Erkenntnis. Es ist dies eigentlich die Perversion dessen, was Nobel mit idealisch meinte, und es ist mehr als eigen, daß sich diese Vorstellung zu Ende unseres Jahrhunderts so fraglos durchgesetzt hat.

 

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Literatur 

 

Espmark, Kjell (1988): Der Nobelpreis für Literatur. Prinzipien und Bewertungen hinter den Entscheidungen, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

Fant, Kenne (1995): Alfred Nobel: Ein Idealist zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Basel: Birkhäuser.

Walser, Martin (o.J.): »Nobel und die Nobelpreisträger«. Vorwort zu: Ruhm und Ehre. Die Nobelpreisträger für Literatur. Rolf Hochhuth/Herbert Reiloß (Hgg.), Gütersloh: Bertelsmann.

 

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