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LiLi - Heft 177

 

Zeitschrift für

Literaturwissenschaft und Linguistik

Gefördert aus Mitteln der Universität Siegen

Heft 177
Bewerten im Wandel

 

Herausgeber dieses Heftes:

Stephan Habscheid

 

 

Inhalt


Stephan Habscheid

Einleitung

Introduction

 

Martine Dalmas/Dmitrij Dobrovol'skij/Dirk Goldhahn/Uwe Quasthoff

Bewertung durch Adjektive. Ansätze einer korpusgestützten Untersuchung zur Synonymie Summary

Evaluation with Adjectives. Towards a Corpus-based Approach to Synonymy

 

Michel Lefèvre

Bewertungspartikeln als kommunikative Funktionsklasse Summary

Appreciative Particles as a Communicative Functional Class

 

Christine Hrncal/Jan Gerwinski

Bewertungstransformationen in der Anschlusskommunikation im Theater Summary

Assessment Transformation in Theater Follow-up Communication

 

Werner Zillig

Bewerten in Lehrevaluationen Summary

Student’s Evaluations of University Teaching

 

Jin Zhao

Bewertung in chinesischen wissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln: Wandel und Kontinuität Summary

Evaluative Speech Acts in Articles in Chinese Academic Journals: Change and Continuity

 

Birte Arendt/Pavla Schäfer

Bewertungen im Wissenschaftsdiskurs. Eine Analyse von Review-Kommentaren als Aushandlungspraxis normativer Erwartungen Summary

Evaluative Practice in Scientific Discourse. Negotiating Normative Expectations by Comments in Review Processes

 

Sascha Steinmann/Hanna Schramm-Klein/Gunnar Mau

Beteiligung und Bewertung in sozialen Online-Netzwerken aus der Perspektive des Marketings Summary

Engagement and Evaluation in Social Online Networks – A Marketing Perspective

 

Johannes Paßmann

Bewertungssysteme. Medienpraktiken im Umgang mit Fremden Summary

Valuation Systems. Media Practices Dealing with the Other

 

Clemens Knobloch

Moralisierung in der öffentlichen Kommunikation Summary

Moralizing in Public Communication

 

 

Adressen der Herausgeber

 

Prof. Dr. Hartmut Bleumer, Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, 37073 Göttingen, E-Mail: hbleume@gwdg.de

Prof. Dr. Rita Franceschini, Freie Universität Bozen/Libera Università di Bolzano, Universitätsplatz 1, 39100 Bolzano/Bozen, Italien, E-Mail: rita.franceschini@unibz.it

Prof. Dr. Stephan Habscheid, Universität Siegen, Fakultät I: Philosophische Fakultät (Germanistik – Angewandte Sprachwissenschaft), Adolf-Reichwein-Str. 2, 57068 Siegen, E-Mail: habscheid@germanistik.uni-siegen.de

Prof. Dr. Niels Werber, Universität Siegen, Fakultät I (Germanistik – Neuere deutsche Literaturwissenschaft I), Postfach 10 12 40, 57068 Siegen, E-Mail: werber@germanistik.uni-siegen.de

 

Redaktion: Lisa Dörr, Universität Siegen

 

Adressen der Autorinnen und Autoren

 

Dr. Birte Arendt/Dr. Pavla Schäfer, Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald, Institut für Deutsche Philologie, Rubenowstraße 3, 17487 Greifswald, E-Mail: pavla.schaefer@uni-greifswald.de, arendt@uni-greifswald.de
Prof. Dr. Martine Dalmas, Université Paris Sorbonne, U.F.R. d’Etudes germaniques et nordiques, 108, boulevard Malesherbes, 75850 Paris Cedex 17, Frankreich, E-Mail: martine.dalmas744@orange.fr
Prof. Dr. Dmitrij O. Dobrovol'skij, Staatliche Lomonosov-Universität Moskau, Fakultät für Fremdsprachen, und Institut für russische Sprache der Russischen Akademie der Wissenschaften Moskau, E-Mail: dobrovolskij@gmail.com
Dr. Jan Gerwinski/Christine Hrncal, M.A., Universität Siegen, Philosophische Fakultät, Germanistik/Angewandte Sprachwissenschaft, 57068 Siegen, E-Mail: gerwinski@germanistik.uni-siegen.de, hrncal@germanistik.uni-siegen.de
Prof. Dr. Clemens Knobloch, Universität Siegen, Philosophische Fakultät, Germanistik/Sprachwissenschaft I, 57068 Siegen, E-Mail: knobloch@germanistik.uni-siegen.de
Prof. Dr. Michel Lefèvre, Université Paul Valéry – Montpellier 3, Centre de Recherches et d’Etudes Germaniques (CREG) EA 4151, Route de Mende, 34000 Montpellier, Frankreich, E-Mail: michel.lefevre@univ-montp3.fr
Johannes Paßmann, Universität Siegen, DFG-Graduiertenkolleg „Locating Media/Situierte Medien“, Artur-Woll-Haus, Am Eichenhang 50, 57076 Siegen, E-Mail: johannes.passmann@uni-siegen.de
Prof. Dr. Uwe Quasthoff/Dr. Dirk Goldhahn, Universität Leipzig, Institut für Informatik, PF 100920, 04009 Leipzig, E-Mail: quasthoff@informatik.uni-leipzig.de, dgoldhahn@informatik.uni-leipzig.de
Prof. Dr. Hanna Schramm-Klein/Dr. Gunnar Mau/Dr. Sascha Steinmann, Universität Siegen, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Lehrstuhl für Marketing, Hölderlinstraße 3, 57068 Siegen, E-Mail: hsk@marketing.uni-siegen.de, mau@marketing.uni-siegen.de, steinmann@marketing.uni-siegen.de
Prof. Dr. Jin Zhao, Tongji-Universität Shanghai, Deutsche Fakultät, Shanghai 200092, V.R. China, E-Mail: zhaojin@tongji.edu.cn
PD Dr. Werner Zillig, Ludwig-Maximilians-Universität München, Department I – Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache, Schellingstraße 3/RG, 80799 München, E-Mail: werner.zillig@lmu.de

 

Über die Zeitschrift  /  Hinweise für die Autorinnen und Autoren

 

LiLi, die Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, bietet seit 1971 einen programmatischen Brückenschlag zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft. Im konsequenten Wechsel erscheinen alle LiLi-Ausgaben als Themenhefte der neueren Literaturwissenschaft, Mediävistik und Sprachwissenschaft, setzen medien- und kulturwissenschaftliche Schwerpunkte und vereinen theoretische wie historische Ansätze. In der Rubrik „Labor“ erscheinen thematisch unabhängige Skizzen, Entwürfe und Polemiken zu wissenschaftlich oder literarisch aktuellen Themen. – Über die Aufnahme aller Beiträge entscheiden die Herausgeber in einem abgestimmten Prozess der Qualitätsprüfung. Labor-Beiträge werden, nach Prüfung durch die Herausgeber, von mindestens einem externen Experten begutachtet. – In der LiLi erscheinen nur Originalbeiträge. Vorschläge für das Labor (auch in englischer Sprache) schicken Sie bitte an einen der Herausgeber. Ein Merkblatt für die Einrichtung der Manuskripte ist bei den Herausgebern oder auf der Webseite (http://www.lili.uni-siegen.de/aktuell) erhältlich. – Der Wiederabdruck von Beiträgen ist frühestens ein Jahr nach der Veröffentlichung möglich. – Für unverlangt eingesandte Manuskripte wird keine Haftung übernommen. Ihre Rücksendung erfolgt nur, wenn Rückporto beilag. – Verfasser/innen von Themen-Beiträgen erhalten zehn Exemplare, Verfasser/innen von Labor-Beiträgen fünf Exemplare des jeweiligen Heftes.

 


Einleitung

Stephan Habscheid

 

Geteilte Werte – in Verbindung mit geteilten Symbolsystemen, Wissensrepräsentationen, Handlungsnormen etc. – werden häufig als kulturelle Basis von Gesellschaften begriffen, nach dem Prinzip: ‚Die Mitglieder der Kultur X sind der Überzeugung, dass Y‘ (vgl. Goodwin/Goodwin 1992, S. 1821 ). Gegen eine derartige Hypostasierung von Werten lenken interaktionistisch-linguistische Fragestellungen den Blick auf alltägliche Praktiken, mit denen – auf der Basis einer elementaren interaktionalen „Infrastruktur“ (Schegloff 2012) – die Übereinstimmung als solche dynamisch hergestellt und durch situierte (körperliche, sprachliche etc.) Zeichenverwendungen aufgeführt wird; es kommt also mit anderen Worten nicht in erster Linie auf den abstrakten Gehalt, sondern vor allem auf den performativen Vollzug von Bewertungen an, die nicht ‚hinter‘, sondern ‚in Form‘ alltäglicher sprachlich-semiotischer Praktiken2 empirisch vorzufinden sind:

[T]he activity of performing assessments constitutes one of the key places where participants negotiate and display to each other a congruent view of the events that they encounter in the phenomenal world. (Goodwin/Goodwin 1992, S. 182)



Dass Bewertungsprozesse in der Interaktion hochgradig geordnet ablaufen, ist in der konversationsanalytischen Forschung nach frühen Studien von Anita Pomerantz (1975; vgl. auch Pomerantz 1984) zum Amerikanischen wiederholt, auch an deutschsprachigen Daten, belegt worden (u.a. in Auer/Uhmann 1982; für einen Überblick vgl. auch Hrncal/Gerwinski, in diesem Heft): So zieht, um einige elementare Merkmale zu nennen, (1) eine Bewertung eines Sprechers typischerweise eine zweite Bewertung (second assessment) des Gesprächspartners (oder eines Gesprächspartners) nach sich; solche zweiten Bewertungen sind (2) typischerweise ‚gleichlaufende‘ Bewertungen, anders gewendet: Die Gesprächsbeteiligten vermeiden die Manifestation von (direkter) Nichtübereinstimmung, „wo immer dies möglich ist“ (Auer/Uhmann 1982, S. 5) und behandeln den Ausnahmefall erkennbar als nicht-präferiert (ebd., S. 10ff.); (3) wird typischerweise in der zweiten Bewertung die Bewertung des ersten Sprechers eskaliert (scaling up); da dem 2. Sprecher die Bewertung des 1. Sprechers bereits bekannt ist, kann er seine Einschätzung deutlicher ausdrücken, ohne befürchten zu müssen, dass er damit auf Einwände stößt (vgl. Auer/Uhmann 1982, S. 5f.); (4) ist mit einer gleichlaufenden, eskalierenden Bewertung die Bewertungssequenz typischerweise abgeschlossen (sequence termination), während (5) etwa bei De-Skalierungen, wenn „sie als Anzeichen von Nichtübereinstimmung aufgefasst werden“ (vgl. Auer/Uhmann 1982, S. 8), eine Expansion der Bewertungssequenz erwartet werden kann.

Es liegt auf der Hand, dass diese allgemeinen Verfahren alltäglicher Interaktion in verschiedenen Ausprägungen existieren, die je nach Einzelsprache, historisch-kultureller Konstellation, Milieu, Institution, Medium, Gruppenstil etc. differenzierter zu beschreiben sind.3 Gegenwärtig scheinen soziale Praktiken des Bewertens – eingebettet in soziotechnische Prozesse – einem besonders tiefgreifenden Wandel zu unterliegen: In dem Maße, wie digitale Infrastrukturen unter den institutionellen Vorzeichen einer spezifischen „Web-Economy“ (Gerlitz 2011, S. 104) den kommunikativen Alltag von Institutionen und Privatleuten durchdringen, entsteht eine neuartige, „performative Wechselbeziehung zwischen digitalen Räumen, sozialer Interaktion und Datenerhebung“ (ebd., S. 102); diese als „Like Economy“ (ebd., S. 101ff.) charakterisierte (‚globale‘) Ordnung

kann […] zum einen als datenintensive Infrastruktur verstanden werden, in der die Aktivitäten von NutzerInnen konstant gemessen und quantifiziert werden. Zum anderen ist sie performativ, da sie erstens diese Aktivitäten durch die Bereitstellung von Buttons erst ermöglicht und zweitens zur Formation von skalierbaren sozialen Assemblagen, in denen sich die Interaktionen mit den Webinhalten exponentiell vermehren sollen, beiträgt (ebd., S. 107).



So werden etwa durch den Like-Button, den die Internet-Plattform Facebook ihren Mitgliedern als kommunikative Handlungsoption anbietet, mittels Formalisierung und Quantifizierung unterschiedlichste Emotionen und Beurteilungen „in ein vergleichbares und zählbares Format“ (ebd., S. 111) gebracht und als „Links und Datenflüsse“ (ebd., S. 105) unter ökonomischen Rationalitäten ausgewertet und genutzt. Versteht man mit Rudi Keller (2008, S. 10) unter einer Bewertung im strengen Sinne, „einem Gegenstand (im weitesten Sinne) gegenüber eine billigende oder missbilligende Haltung einnehmen nach Maßgabe bestimmter Eigenschaften“, so handelt es sich hier häufig nicht um die Kundgabe4 von Bewertungen, sondern lediglich um Geschmacksurteile (vgl. ebd., S. 6, S. 10f.), die – da ein expliziter oder impliziter Bezug zu Eigenschaften des bewerteten Objekts fehlt – einer rationalen Erörterung nicht zugänglich gemacht werden. Dem entspricht, dass im Rahmen der technischen Infrastruktur die Beurteilung sprachlich (etwa durch das Verb gefallen) und bildlich (durch eine stilisierte ‚Daumen hoch‘-Geste) durch rein judikative Ausdrücke realisiert werden kann, während typische sprachliche Mittel des Bewertens neben dem ‚Sprecherurteil‘ auch eine ‚Objekteigenschaft‘ kodieren (vgl. Marschall 2011, S. 105f.).5

Gleichwohl stellen die eingangs skizzierten interaktionalen Erwartungsstrukturen den inneren Motor der Like Economy dar, deren Expansion (von außen) nur auf der Basis dynamischer mathematischer Modelle beobachtet werden kann:

Obwohl Like-Buttons affektive Reaktionen metrifizieren, und somit zählbar machen, schaffen sie zugleich topologische Näheverhältnisse sowie relational transformierende Beziehungen zwischen Facebook und externen Webseiten, die sich nicht dauerhaft exakt berechnen lassen, da jedes Like potentiell weitere Aktivitäten nach sich ziehen kann (Gerlitz 2011, S. 109).


In der Entwicklung des ‚Informational Web‘ seit Mitte der 1990er Jahre von der Hit- über die Link- zu Like-Economy (vgl. Gerlitz 2011, S. 104f.) stand zunächst die Zahl der Aufrufe von Webseiten im Mittelpunkt, die für den Preis von Werbeflächen im Netz maßgeblich war (ebd., S. 104). Seit Ende der 1990er Jahre erlangten im Zusammenhang mit den Algorithmen von Suchmaschinen wechselseitige Verlinkungen zwischen renommierten Webseiten wesentliche Relevanz, ähnlich der quantitativen Auswertung von Zitaten in der wissenschaftlichen Experten-Experten-Kommunikation (ebd., S. 104). Mit der Option von Social Media, besonders Facebook, unterschiedlichste Elemente teilöffentlicher Internet-Auftritte und netzbasierter sozialer Interaktionen – innerhalb und außerhalb der Plattform – (positiv) zu beurteilen, der automatischen Dokumentation der Likes (vgl. Gerlitz 2011, S. 103, S. 105f.) und diversen statistischen Auswertungen der Verlinkungen auf der Vorderbühne wie im Hintergrund greift die Verdatisierung und Ökonomisierung interaktionaler Praktiken weiter aus:

Die Open-Graph-Infrastruktur avancierte […] zu einer Art Bindemittel des Web, das Webseiten nicht mehr untereinander verlinkt, sondern mit Facebook-Profilen verknüpft. Gemeinsam mit den Webmastern schafft Facebook eine digitale, datenintensive Infrastruktur, in der Aktivitäten von NutzerInnen ständig in Links und Datenflüsse transformiert werden. (Gerlitz 2011, S. 105)

 

Von ökonomischem Interesse sind derartige Daten zunächst im Rahmen einer unternehmerischen „Kommunikationspolitik“ (Bühler 1999), die darauf zielt, Loyalität zum Unternehmen zu schaffen, indem Kundenbedürfnisse spezifisch befriedigt werden (Cameron 2000b, S. 338). Die Web-Economy scheint hierfür insofern günstige Voraussetzungen zu bieten, als

NutzerInnen online große Mengen an Daten über ihre Präferenzen, Interessen und Konsumgewohnheiten veröffentlichen, die bisher nur über Marktforschung zugänglich waren (Gerlitz 2011, S. 113).


In Verbindung mit einer an Online-Communities gebundenen „Empfehlungskultur“ (ebd., S. 116) soll deren Mitgliedern – durch Unternehmens- und Peer to peer-Kommunikation – offeriert werden, „was sie mögen könnten, bevor sie es selber wissen“ (ebd., S. 116). Zudem wird im Kontext neuerer Organisationsstrategien die ‚Qualität‘ der Interaktion zwischen Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen und Kunden/Kundinnen selbst als wesentlich erachtet für die Erreichung des Ziels der ‚Kundenzufriedenheit‘ und ‚Kundenbindung‘:

The idea is to make customers feel that they are not merely being served but actively and individually ‘cared for’: it is believed that this close attention to each customer’s needs and feelings promotes loyalty to the company and thus enhances its ‘competitive advantage’ in the market. (Cameron 2000b, S. 338)


Dies betrifft besonders den Bereich der Dienstleistungen, die für die Volkswirtschaften in ehemaligen Industriestaaten erheblich an Bedeutung gewonnen und die ökonomische Relevanz von Kommunikation in Wertschöpfungsprozessen erhöht haben (Cameron 2005, S. 9).6 Hiermit geht – in Unternehmen und anderen Organisationen, z.B. Universitäten (vgl. Zillig, in diesem Heft) – eine organisationale ‚Qualitätssicherung‘ der interpersonalen Kommunikation zwischen Mitarbeitern einher.

Der besondere Charakter von Dienstleistungsarbeit als Interaktion (vgl. Leidner 1993) bringt es daher mit sich, dass sich Bewertungsprozesse in professionellen Zusammenhängen verstärkt auf die sprachlich-kommunikative ‚Performance‘ der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richten (vgl. Habscheid 2012). Im Zuge der organisationalen Regulation von Kommunikationsarbeit können die unterschiedlichsten sprachlichen Phänomene Berücksichtigung erfahren (vgl. Cameron 2005, vgl. auch Renner/Klaus/Schütz 2006), wie Merkmale der Prosodie (z.B. Angemessenheit von Lautstärke und Sprechtempo) und Stimmqualität (z.B. emotionale Beteiligung und Empathie), die Durchführung von Sprechakten (z.B. Einsatz offener Fragen), Anreden und Grüße (z.B. Grade der Formalität), Höflichkeitsformulierungen und andere Verfahren, Mittel und Formen der Interaktionsorganisation (z.B. Vermeidung von Überlappungen; kooperativer Einsatz von Hörersignalen und Pausen). Bezugsrahmen einer derartigen sprachlichen Rationalisierung sind nicht nur die Eigenschaften nationaler Standard- bzw. internationaler Verkehrssprachen; darüber hinaus zielt die Regulation auch darauf, als Element einer spezifischen Markenpolitik den Stil der jeweiligen Korporation überzeugend in Szene zu setzen (vgl. Cameron 2000b). Wie Deborah Cameron (2000a, 2000b) am Beispiel britischer Call Center gezeigt hat, werden die kommunikativen Aktivitäten der „Agenten“ fortwährend nicht nur von diesen selbst, sondern auch von anderen bewertet und mit gestaltet, wobei sich verschiedene professionelle Rollen innerhalb und außerhalb der Organisationen ausdifferenziert haben (Cameron 2000b, S. 326). In zahlreichen Kontexten der Kommunikationsarbeit, von der öffentlichen Verwaltung bis zur Bildungseinrichtung, stellen technische Infrastrukturen eine wesentliche Ressource derartiger Evaluationsprozesse dar, die – bei einem oft höheren Differenzierungsgrad der ‚angebotenen‘ Kategorien – der aus den sozialen Medien bekannten Logik partiell vergleichbar, z.T. auch an diese gekoppelt sind. Zugleich ermöglicht der transparente Teil der Prozesse im Sinne einer „Soziologie für jedermann“ (Baecker 2011, S. 123) neue Formen der alltäglichen Reflexion kommunikativer Praktiken im „Assessment Center der alltäglichen Lebensführung“ (Wiedemann 2011).


Mit dem vorliegenden Heft nimmt die „Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik“ (LiLi) die aktuellen Veränderungen von Bewertungspraktiken zum Anlass, (1) eine Bestandsaufnahme der linguistischen Bewertungsforschung anzuregen und (2) nach Möglichkeiten zu fragen, die bisher gewonnenen Erkenntnisse im interdisziplinären Austausch für die Analyse historischer und gegenwärtiger Kommunikationsverhältnisse empirisch fruchtbar zu machen.

Im Mittelpunkt der ersten beiden Beiträge stehen mit (quasi-synonymen) evaluativen Adjektiven (Martine Dalmas, Dmitrij Dobrovol'skij, Dirk Goldhahn und Uwe Quasthoff) bzw. der von französischen Germanisten vorgeschlagenen kommunikativen Funktionsklasse der ‚Bewertungspartikeln‘ (Michel Lefèvre) exemplarisch einschlägige sprachliche Ausdrucksmittel des Deutschen: Wie lassen sich solche Sprachzeichen in Bezug auf ihre Semantik und ihre Verwendung differenziert und präzise beschreiben, wie haben sie sich historisch herausgebildet, wie lassen sich diese Veränderungen – auch in Relation zu Diskursverhältnissen – sprachtheoretisch erklären?

In den folgenden Beiträgen geht es um gegenwärtige Ausprägungen von Bewertungspraktiken, die anhand von Sprachdaten (Gesprächsaufzeichnungen; Fragebögen; elektronische Schriftlichkeit; Pressetexte), auf der Basis linguistischer Theorien und Methoden, empirisch analysiert werden: In verschiedene institutionelle Kontexte führen die Untersuchungen zu Bewertungsinteraktionen im Theater-Foyer (Christine Hrncal und Jan Gerwinski), Lehrevaluationen an der Universität (Werner Zillig), die Begutachtung wissenschaftlicher Artikel durch Peers (Birte Arendt und Pavla Schäfer) und die öffentliche Kommunikation über Moral in politischen Kontexten (Clemens Knobloch). In kultureller und historischer Hinsicht exemplarisch erweitert wird die Perspektive durch einen Beitrag über den Wandel von Bewertungspraktiken in der wissenschaftlichen Fachkommunikation in China (Jin Zhao).

Im Interesse eines Blicks über den disziplinären Tellerrand berücksichtigt werden in dem vorliegenden Heft darüber hinaus die Medien- und Kulturwissenschaft (Johannes Paßmann) und die Marketingforschung (Sascha Steinmann, Hanna Schramm-Klein und Gunnar Mau), die an Schnittstellen die jeweils ‚andere‘ Seite der hier untersuchten Kommunikationsprozesse – Sozialität und Ökonomie – in den Blick nehmen.

Literatur

Auer, Peter/Uhmann, Susanne (1982): „Aspekte der konversationellen Organisation von Bewertungen“. In: Deutsche Sprache 10, S. 1–32.

Ayaß, Ruth (2012): „Communicative activities during the television reception: General and genre specific structures of recipients’ talk“. In: Dies./Cornelia Gerhardt (Hg.): The Appropriation of Media in Everyday Life. Amsterdam/Philadelphia, S. 23–46.

Ayaß, Ruth/Meyer, Christian (Hg.) (2012): Sozialität in Slow Motion. Theoretische und empirische Perspektiven. Festschrift für Jörg Bergmann. Wiesbaden.

Ayaß, Ruth/Meyer, Christian (2012a): „Einleitung.“ In: Ayaß/Meyer (2012), S. 11–18.

Bühler, Charlotte (1999): Kommunikation als integrativer Bestandteil des Dienstleistungsmarketing. Eine systematische Analyse der Bedeutung, Wirkungsweise und Gestaltungsmöglichkeiten der Kommunikationspolitik im Dienstleistungsmarketing. Bern u.a.

Cameron, Deborah (2000a): Good to Talk? Living and Working in a Communication Culture. London.

Cameron, Deborah (2000b): Styling the worker: Gender and the commodification of language in the globalized service economy. In: Journal of Sociolinguistics 4/3, S. 323–347.

Cameron, Deborah (2005): „Communication and commodification. Global economic change in sociolinguistic perspective“. In: Guido Erreygers (Hg.): Language, Communication and the Economy. Amsterdam, S. 9–23.

Gerlitz, Carolin (2011): „Die Like Economy. Digitaler Raum, Daten und Wertschöpfung.“ In: Leistert/Röhle 2011, S. 101–122.

Goodwin, Charles/ Goodwin, Marjorie Harness (1992): „Assessments and the construction of context“. In: Alessandro Duranti/Charles Goodwin (Hg.): Rethinking context. Language as an interactive phenomenon. Cambridge, S. 147–189.

Habscheid, Stephan (2012): „Sprache gegen Geld. Zur linguistischen Analyse spätkapitalistischer Tauschverhältnisse“. In: Patrick Vosskamp/Ulrich Schmitz (Hg.): Sprache und Geld. Beiträge zur Pekunialinguistik (= OBST 81). Duisburg, S. 41–85.

Habscheid, Stephan: „Haben sich Sprach- und Literaturwissenschaft heute noch etwas zu sagen? Eine Antwort aus sprachwissenschaftlicher Perspektive – am Beispiel eines gesprächslinguistischen Forschungsprojekts über Pausengespräche im Theater“. In: Hans-R. Fluck/Jianhua Zhu (Hg.): Vielfalt und Interkulturalität der internationalen Germanistik. Festgabe für Siegfried Grosse zum 90. Geburtstag. Beiträge des Humboldt-Kollegs Shanghai (25.05. - 28.05.2014). Tübingen, S. 73–85.

Habscheid, Stephan/Holly, Werner/Kleemann, Frank/Matuschek, Ingo/Voß, G. Günter (2006): Über Geld spricht man … Kommunikationsarbeit und medienvermittelte Arbeitskommunikation im Bankgeschäft. Wiesbaden.

Hausendorf, Heiko (2013): „Bewerten als Fluchtpunkt der Kunstkommunikation – Anmerkungen zu einer linguistischen Kasuistik des Redens über Kunst“. In: Kunst und Recht: KUR; Journal für Kunstrecht, Urheberrecht und Kulturpolitik, 1, S. 5–9.

Heller, Monica (2010): „The Commodification of Language“. In: The Annual Review of Anthropology 39, S. 101–114.

Keller, Rudi (2002): „Bewerten. Vortrag für das Kolloquium ‚Values and Evaluating‘ an der University of California at Davis im Oktober 2002. Düsseldorf: Philosophische Fakultät, http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/uploads/media/Bewerten.pdf (8.8.2014).

Keller, Rudi (2008): „Bewerten.“ In: Sprache und Literatur. 102, S. 2–15.

Lefèvre, Michel (2011): „Qualifikation und subjektive Bewertung: attributive Adjektive in modalisierender und bewertender Funktion.“ In: Schmale (2011), S. 8396.

Leidner, Robin (1993): Fast Food, fast Talk. Service Work and the Routinization of Everyday Life. Berkeley u.a.

Leistert, Oliver/Röhle, Theo (Hg.) (2001): Generation Facebook. Über das Leben im Social Net. Bielefeld.

Luckmann, Thomas (2012) [im Gespräch mit Ruth Ayass und Christian Meyer]: „‚Alles Soziale besteht aus verschiedenen Niveaus der Objektivierung.‘ Ein Gespräch mit Thomas Luckmann“. In: Ayaß/Meyer (2012), S. 21–39.

Marschall, Gottfried (2011): „Judikative Adjektive im Spiegel von Qualifikation, Quantifikation und Prädikation.“ In: Schmale (2011), S. 97–114.

Pieper, Annemarie (1971): „Analytische Ethik. Ein Überblick über die seit 1900 in England und Amerika erschienene Ethik-Literatur“. In: Philosophisches Jahrbuch 78, S. 144176.

Pomerantz, Anita (1975): Second Assessments. A Study of Some Features of Agreement / Disagreement. Irvine.

Pomerantz, Anita (1984): „Agreeing and disagreeing with assessments: Some features of preferred / dispreferred turn shapes“. In: Maxwell Atkinson/John Heritage (Hg.): Structures of Social Action: Studies in Conversation Analysis. Cambridge 1984, S. 57–101.

Renner, Karl-Heinz/Klaus, Florian/Schütz, Astrid (2006): „Selbstdarstellung und Eindrucksmanagement in Callcentern“. In: Habscheid/Holly u.a. (2006), S. 100–122.

Sager, Sven Frederik (1982): „Sind Bewertungen Handlungen?“. In: ZGL 10, S. 38–57.

Schegloff, Emanuel A. (2012): „Interaktion: Infrastruktur für soziale Institutionen, natürliche ökologische Nische der Sprache und Arena, in der Kultur aufgeführt wird“. In: Ayaß/Meyer (2012), S. 245–268.

Wiedemann, Carolin (2011): „Das Assessment-Center der alltäglichen Lebensführung.“ In: Leistert/Röhle (2011), S. 161–81.

Zillig, Werner (1982): Bewerten. Sprechakttypen der bewertenden Rede. Tübingen.

 

1 Die sich in sozialanthropologisch-interaktionistischer Perspektive von einer derartigen Vereinfachung abgrenzen. – Verschiedene Ansätze zur kulturellen Erklärung von ‚Sozialität‘ (Vertragstheorien, utilitaristische Theorien, Praxistheorien) erörtern in ethnomethodologisch-konversationsanalytischer Perspektive Ayaß/Meyer 2012a.

2 Eine besondere wissenssoziologische Relevanz kommt nach Thomas Luckmann (2012) den Gattungen und kleineren Formen der moralischen Kommunikation zu (neben anderen wesentlichen Elementen von Kultur wie Rekonstruktion und Gedächtnis, Planen und Erziehen, vgl. Luckmann 2012 [im Gespräch mit Ruth Ayass und Christian Meyer], S. 30ff.). – Der gesellschaftlichen Relevanz dieses Typs von Bewertungskommunikation entsprechend, zielt die moralphilosophische Forschungsrichtung der ‚Metaethik‘ auf „eine Neubegründung der Ethik durch eine Analyse der moralischen Sprache“ (Pieper 1971, S. 144; zitiert nach Zillig 1982, S. 45; vgl. für eine linguistische Auseinandersetzung mit verschiedenen metaethischen Analysemodellen auch Keller 2002 und 2008).

3 Vgl. beispielsweise Ayaß 2012, S. 30-45, über interaktionale Bewertungspraktiken von Fernsehzuschauern; Hausendorf 2013 über „Bewerten als Fluchtpunkt der Kunstkommunikation“ oder Habscheid 2014 zur Konzeption eines Forschungsprojekts über Pausengespräche im Theater.

4 Zu Unterscheidung zwischen Bewertungen und der Kundgabe von Bewertungen Keller 2008, S. 3.

5 Vgl. z.B. zu Art und Grad des ‚objektiv‘ beschreibenden Anteils von evaluativen Adjektiven die detaillierten Analysen von Marschall 2011, 104ff. Unter ‚objektiv‘ wird dabei nur das verstanden, „was innerhalb der menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten und einem daraus resultierenden Konsens unabhängig vom interpretierenden Subjekt als zutreffend gilt“ (ebd., S. 105f.).

6 Zur Kommodifizierung von Sprache und Kommunikation allgemein Heller 2010; Habscheid 2012.

 
 

Summaries LiLi 177

 

Martine Dalmas/Dmitrij Dobrovol'skij/Dirk Goldhahn/Uwe Quasthoff

Bewertung durch Adjektive

Ansätze einer korpusgestützten Untersuchung zur Synonymie

Evaluation with Adjectives. Towards a Corpus-based Approach to Synonymy 

 

This paper discusses issues of lexical synonymy. Two German adjectives with the core meaning ‘very good’ are in focus: vorzüglich and vortrefflich. Our empirical data is taken from the Leipzig Corpora Collection. According to the “classical” view, near-synonyms differ from each other semantically. Hence the aim of synonym analysis is to arrive at definitions by finding out distinctive semantic features. We show that near-synonyms can possess individual combinatorial properties without clear semantic distinctions. Combinatorial preferences or restrictions often go back to usage based co-occurrences. The semantic class of co-occurrence partners is also an important factor. Furthermore, combinatorial preferences can go back to affinity with certain thematic domains, discursive practices, stylistic registers etc.

 

Keywords: near-synonymy, evaluative adjectives, combinatorial preferences, thematic domains, discursive practices

Schlagwörter: Quasi-Synonymie, bewertende Adjektive, kombinatorische Präferenzen, thematische Domänen, diskursive Praktiken



Michel Lefèvre

Bewertungspartikeln als kommunikative Funktionsklasse

Appreciative Particles as a Communicative Functional Class

 

Thirty years ago, French linguists of the German language defined several functional classes of communicative words. One of these classes contains “appreciative particles”: these are communicative words such as leider or glücklicherweise, by which speakers can express a subjective, positive or negative opinion about the proposition they are enouncing. These appreciative particles were adverbs in former centuries. They often evolved into communicative words during the 18th century, such as glücklicherweise: the functional change of this morphem can be observed between 1730 and 1760. In contemporary language, many of these particles end with the affix -weise. Often the status of this kind of word remains ambiguous in modern German, part adverb, part communicative particle, which is evidence of linguistic evolution still in progress.

 

Keywords: communicative particles, appreciative particles, particles of modalisation, adverbs, functional classes

Schlagwörter: Diskursive Partikeln, Bewertungspartikeln, Modalisierungspartikeln, Adverb, Funktionsklassen

 

 

Christine Hrncal/Jan Gerwinski

Bewertungstransformationen in der Anschlusskommunikation im Theater

Assessment Transformation in Theater Follow-up Communication

 

Assessments are a crucial part of everyday communication. Based on a conversation drawn from the corpus collected for the DFG project “Theater Conversation. Linguistic appropriation practices during theater intermissions”, we investigate how participants co-produce and negotiate assessments in informal conversations subsequent to a theater play. Our exemplary sequential analysis demonstrates how the participants’ assessments can change both within smaller units inside the sequence (from rather vague to profound assessments) and in the course of the whole conversation (from aesthetic to content-related to sociopolitical assessments).

 

Keywords: assessment, judgement, opinion, communication on art, theater follow-up communication, appropriation of art, assessment transformation

Schlagwörter: Bewerten, Beurteilen, Meinung, Anschlusskommunikation, Kunstkommunikation, Theaterkommunikation, Pausengespräche, Kunstaneignung, Bewertungstransformation

 

 

Werner Zillig

Bewerten in Lehrevaluationen

Students’ Evaluations of University Teaching

 

In recent years systematic evaluation of university courses has become common in Germany. While the statistical, sociological and psychological aspects have been quite thoroughly explored, there is little linguistic research on this kind of evaluation. This paper will endeavour to present, on the basis of a ›speech act model of judgement‹, the fundamental problems connected to the evaluation of teaching university courses from a linguistic point of view. This is done – for reasons that are explained in detail in this paper – not in the form of a strictly linguistic model, but by way of a popular scientific argumentation.


Keywords: university teacher evaluation, course evaluation, person perception, prejudice, statement types, speech act theory

Schlagwörter: Lehrevaluation, Personenwahrnehmung, Vorurteil, Aussagetypen, Sprechakttheorie

 

 

Jin Zhao

Bewertung in chinesischen wissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln: Wandel und Kontinuität

Evaluative Speech Acts in Articles in Chinese Academic Journals: Change and Continuity

 

In this study, evaluative speech acts in articles published between 1955 and 1964 in Chinese linguistic journals are identified, analyzed and compared with those published in respective journals between 2006 and 2010. We aim to answer the following questions: Where are the acts of evaluations located within the articles? What can be the object of the evaluation? How are the discourses of evaluation structured and realized, and how and why did they change over time, if at all?


Keywords: speech acts, evaluation, linguistics (China), diachrony, communicative change

Schlagwörter: Sprechhandlungen, Bewerten, Sprachwissenschaft (China), Diachronie, Kommunikationswandel

 

 

Birte Arendt/Pavla Schäfer

Bewertungen im Wissenschaftsdiskurs. Eine Analyse von Review-Kommentaren als Aushandlungspraxis normativer Erwartungen

Evaluative Practice in Scientific Discourse. Negotiating Normative Expectations by Comments in Review Processes

 

Production of scientific texts belongs to every-day tasks of each scientist and represents a well-established institutionalized practice. Despite the fact that institutionalization should lead to norm assimilation (Merton 1986, S. 186), remarkable differences between expectations of how specialized texts should be written can be observed while analyzing comments in review processes. Based on the assumption that evaluation has to be considered as a complex process the aim of this study is to illustrate how evaluative practices are produced in critical comments, how normative expectations and interpersonal relationships are communicated and related to the aspect of appropriateness. We aim to identify characteristic aspects of evaluative processes and to reconstruct the underlying norms in order to explain the observed differences.


Keywords: review process, critical comments, evaluation, norms, scientific text production

Schlagwörter: Review-Prozess, kritische Kommentare, Bewerten, Normen, wissenschaftliche Textproduktion



Sascha Steinmann/Hanna Schramm-Klein/Gunnar Mau

Beteiligung und Bewertung in sozialen Online-Netzwerken aus der Perspektive des Marketings

Engagement and Evaluation in Social Online Networks – A Marketing Perspective

 

This essay deals with the different forms of engagement and evaluation of members of social online networks such as Facebook or Google+. From the perspective of marketing the authors provide an overview of the passive and active participation of different member types in social online networks. Drawing on literature and findings of empirical studies from the field of marketing and consumer behavior, potential antecedents of member engagement and evaluation in online communities as well as their impact on important marketing-related outcome variables are discussed.


Keywords: social online networks, engagement, evaluation, antecedents, consequences

Schlagwörter: Soziale Online-Netzwerke, Beteiligung, Bewertung, Antezedenzen, Konsequenzen

 

 

Johannes Paßmann

Bewertungssysteme

Medienpraktiken im Umgang mit Fremden

Valuation Systems. Media Practices Dealing with the Other

 

The contemporary social web differs from its predecessors in the early 1990s especially in one respect: Today, quantifiable valuation practices occupy a core position – most prominently depicted by platform activities such as Facebook’s like button, Twitter’s follower count or eBay’s feedback ratings, each of them attributing certain kinds of values to persons, documents, places and alike. Thus, the other typically appears with a certain value, i.e. with a potential function rendering otherness to a certain degree unproblematic for exchange. On the one hand, these practices and its symbols transcend situations and relationships – similar to the function of money according to German sociologist Georg Simmel – establishing a media system that mediates between strangers who may remain strangers. On the other hand, their communitizing functions appear to be evident as well. I argue this twofold function points to the strength of these valuation practices and their symbols: Platform activities are not simply media for a certain kind of exchange, they become media for certain forms of exchange. This, however, does not mean they might be conceptualized as a sort of empty signifiers that can be filled with any kind of meaning or function. On the contrary, it renders their role for sociality constitutional (at least online): When becoming ‘social media’ in terms of facilitating and fostering sociality, they enact a definitional agency and a specific kind of rationality for each situation.

 

Keywords: platforms, social media, platform activities, twitter, otherness, media practices, gift economies, social theory of the internet, valuation and evaluation, cooperation

Schlagwörter: Plattformen, Social Media, Twitter, Facebook, Fremdheit, Medienpraktiken, Gabe, Sozialtheorie des Internet, Bewertung, Kooperation

 

 

Clemens Knobloch

Moralisierung in der öffentlichen Kommunikation

Moralizing in Public Communication

 

Moralizing of political and other public issues has become the dominant rhetoric tool in mass democracies. Right wing publishers and conservative politicians customarily are critical of this habit. They claim that moralizing tends to escalate conflicts and to demonize political opponents. In the following contribution, moralizing is analyzed as a means of getting public attention, as a tool for improvising moral communities, as a (cheap) substitute for moral action, and as a protecting shield against the suspicious public. Moral images serve the purpose of selling (ecological) goods as well as the purpose of selling political goals. Exclusive moral communities are hard to attack from outside, unless the opponent succeeds in destroying their moral image (and thereby their group coherence). Natural languages are proposed to be systems of collective evaluation – and not only systems of shared cognitive units and constructions.

 

Keywords: Moralizing, Evaluation, Language, Attention, Moral Communities

Schlagwörter: Moral, Moralisierung, Bewertung, Moralkritik, Sprache